FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 487-492
Franz Koglmann

Hören, Schauen, Lesen

Über synästhetische Zusammenhänge in meiner Musik

I.

»Kaum wird man einen Autor finden, der nicht einen Großteil seines Lebens mit Hören, Schauen oder Lesen verbringt und der sich dann mit einer unbegreiflichen ... Passion seiner Musik, seinem Bilde, seinem Gedicht zuwendet.« (Ernst Jünger) — Exakt in diesem Sinn bilden Werke der bildenden Kunst, der Literatur und des Films seit jeher eine große Inspirationsquelle für meine Arbeit. Die Erinnerungen an das Gesehene, Gelesene etc. werden zum Vehikel für eigene Kompositionen und Improvisationen.

II.

So wurde z.B. ein »Slow Fox« durch eine gleichnamige Installation von Gerhard Merz, bei der eine Stele mit einer Schale vor dem Bild eines tanzenden Paares der 30er Jahre zu sehen ist, angeregt. In der musikalischen Umsetzung intendierte ich das Eindringen einer, man könnte sagen, etwas lasziven amerikanischen Tanzmusik in ein gesamtdeutsches Bayreuth. Ein an das Hauptmotiv des Parsifal erinnerndes Thema trifft als dumpfes Grollen im tiefen Blech auf zwei Slow Fox Motive in den Saxophonen. Die unterschwellige Erotik dieser Motive bzw. ein versteckter Amerikanismus à la Paul Whiteman treffen auf den offiziösen Wagnerismus des faschistischen Regimes. Ein sehr widersprüchliches musikalisches Geschehen also, das natürlich nicht in einer heilen Welt, sondern in einem Aufschrei der Klarinette seine Erlösung findet.

III.

So in etwa ließe sich eine ganze Reihe von Stücken, inspiriert von Piero della Francesca, Giorgio de Chirico, Paul Klee, Jean Cocteau, Franz West, Helmut Federle u. a. beschreiben.

Auch Filmemacher wie Peter Kubelka und Alain Resnais müssen genannt werden. Bestimmte Elemente ihrer Schnittechniken, etwa das Resnaissche »flashforward«, lassen sich in meiner Musik spielend wiederfinden.

IV.

Etwa in CANTO II, der eine symmetrische Anlage hat.

Es versteht sich von selbst, daß eine zeitlich verlaufende Symmetrie nicht im gleichen Ausmaß erfaßt werden kann wie eine optische, zumal die »identischen« Teile hier nicht wirklich ident sind (aber nahe daran) und die Konstruktion noch durch in obiger Skizze nicht eingetragenen Improvisationsteile samt dazugehöriger Backgrounds durchbrochen ist.

Die gestaltende Kraft einer solchen Symmetrie zeigt jedoch Alain Resnais’ Film »Muriel ou le temps d’un retour« (also ebenfalls ein zeitlicher Verlauf), von dem CANTO II letztlich auch inspiriert ist.

Aber auch die für Resnais so typischen »flashforwards« (das Gegenteil von Rückblende), wie wir sie etwa aus »L’année dernière à Marienbad« kennen, sind hier eingeflossen. So findet sich nach dem Ende des ersten Erscheinens des »Monoblue Blues« eine eingeschobene 3/4 Phrase, die sozusagen rauskippt, sie ist gewissermaßen überflüssig. Nach der Wiederholung des Themas erscheint diese Phrase sogar zweimal. Im Verlauf des anschließenden »Pipe Trio Themas« stellt sich jedoch heraus, daß eben diese ein signifikanter Bestandteil der melodischen Entwicklung dieses Themas ist. Indem sie den gewohnten Fluß unterbricht und an unerwarteter Stelle auftaucht, erregt die Vorausblende die Aufmerksamkeit des Hörers und wirft eine später zu beantwortende Frage auf.

V.

Im Februar 1990 sah ich in der Basler Kunsthalle Yves Kleins Triptychon »Monopink«, »Monogold«, »Monoblue«. Ich arbeitete zu der Zeit an einem umfangreichen Programm für die Donaueschinger Musiktage und Kleins Monochromie, vor allem natürlich sein »International Klein Blue« verursachten unmittelbar eine Komposition. Es handelt sich um einen 13-taktigen Blues, der nicht wirklich einer ist, eher an einen Blues erinnert. Ein bestimmtes melodisches Element, das in der Haupt stimme erst ab dem 7. Takt in Erscheinung tritt, ist in einer 2. Stimme von Anfang an hörbar, verschiebt sich aber permanent, so daß es in jedem Takt auf einem anderen Schlag erklingt. Das sich daraus ergebende Geflecht bewirkt eine Art musikalischer Monochromie, mit der ich Yves Klein gerecht zu werden hoffte. (Klein selbst ging bekanntlich in seiner »Symphonie monotone« noch weitaus radikaler vor, indem er einen D-Dur Akkord je nach Fassung 10-40 Minuten aushalten ließ.) Mir ging es jedoch nicht um Radikalität — die in dieser Form sowieso nicht zu überbieten ist —, sondern um ein brauchbares Stück Musik. Als solches stellte es sich dann in der Praxis auch heraus. Das Quartett, das dieses Stück (»Monoblue«) in Donaueschingen schließlich uraufführte, war eine Splittergruppe meines »Pipetet« genannten Kammerorchesters. Die sozusagen auf Anhieb funktionierende Interaktion der beteiligten Musiker (Tony Coe, Burkhard Stangl, Klaus Koch und ich) führte zur Gründung eines regulären Ensembles, dem das initiierende Stück seinen Namen gab: dem »Monoblue Quartet«.

VI.

Den Cover der CD »L’Heure Bleue« (hat ART), die wir mit dem Quartett einspielten, ziert jedoch nicht Yves Kleins »Monoblue«, sondern ein Szenenfoto aus Alain Resnais’ Film »L’année dernière à Marienbad«. Vielleicht ist es kein Zufall, daß Resnais’ Film demselben Jahr entstammt wie Kleins Triptychon: 1960. Jedoch ist Resnais kein Reduktionist wie Klein, er ist in vieler Hinsicht das Gegenteil. Und an mindestens einer Schnittstelle treffen sich die Vorstellungen von Klein, Resnais und mir. Yves Klein war ein Künstler, der über bildende Kunst unter anderem in Richtung Musik hinausdachte. Alain Resnais ist ein Regisseur, der nach eigener Aussage Filme macht, die etwas anderes sind, als nur Film. Ich bin ein Musiker, der sein Leben neben dem Musikmachen mit Hören, Schauen, Lesen verbringt. Die unter solchen Voraussetzungen entstehende Musik mag vielleicht etwas mehr bieten, als das so einfach zu handhabende Aufbrausen der Gefühlswellen: Eine über die Musik selbst hinausweisende Art mit Tönen zu denken, bei der nach einem Wort des Kolumbianers N. G. Davila »die Echtheit des Gefühls von der Klarheit der Idee abhängt«.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1994
No. 487-492, Seite 59
Autor/inn/en:

Franz Koglmann:

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