FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Ilse Aichinger • Christian Michelides • Gerhard Oberschlick

Der Fall Fussenegger und die Wiedergutmachung

Briefwechsel über Opfer, Selbstgerechtigkeit und guten Ton oder Die Antiquiertheit des Vertrauens

Etwas erstaunt finde ich mich in der letzten Nummer redaktionell eigenartig hervorgehoben. Zur Behandlung des »Falles Fussenegger« in Ihrem Blatt möchte ich aber doch anmerken: Die Berichte und Zitate, die ich in der Monatsschrift FORVM lese, überraschen mich nicht. Leider überrascht mich auch der Ton nicht, in dem dieser »Fall« abgehandelt wird. Abgehandelt von manchen, die sich als Richter über den Faschismus und seine Hervorbringer fühlen. Der Ton des FORVM, schon die einzelnen Übertitel wie »Brief vom verlorenen Sohn«, »Drohbrief vom treuen Sohn«, erschreckt doch einigermaßen.

Natürlich wäre keiner dieser Schreiber in die Falle getappt, in die Frau Fussenegger vielleicht nicht unverschuldet geraten ist. Darüber nämlich, über die eigenen unbezweifelbare Integrität, die Fähigkeit, Tatbestände im frühest möglichen Augenblick zu durchschauen, sind sich diejenigen Schreiber, die ich meine, einig, einig auch in einem nicht überhörbaren Jubelton. Wir hätten es besser gewußt, wir wissen es besser.

Mich persönlich haben vor allem und immer zuerst die Opfer interessiert. Die Opfer? Aber was mit ihnen geschehen ist, weiß man doch. Weiß man es wirklich? Möchte man es wissen? Möchte man zum Beispiel über einzelne Beispiele der sogenannten Wiedergutmachung Bescheid wissen, die den Überlebenden zuteil wurde? Das ist nun leider weniger interessant, weniger spektakulär. Das wissen wir ohnehin alle, hört man immer wieder.

Aber wer von den Schreibern hätte den Opfern beigestanden, sie unter Lebensgefahr versteckt? Die es getan haben, werden im FORVM nicht genannt, wollen und wollten es vermutlich auch gar nicht. Wer läse das auch? Man liest so gern und vor allem, wer schuld war und das halte ich für gefährlich. Das könnte auch heißen »Ich nicht, ich doch nicht, ich wäre es unter keinen Umständen gewesen.« Mißtrauen gegen sich selbst wird nicht laut. Und wo diese Art von Mißtrauen gänzlich fehlt, beginnen immer wieder die neuen Schrecken.


Wien, 14.2.1994

Sehr geehrte Frau Aichinger,

danke für Ihre, offensichtlich als Leserbrief gemeinte, Zuschrift. Natürlich will ich mich um die Veröffentlichung nicht drücken, privat aber trotzdem das von Ihnen in der zweiten Zeile gestrichene Wort sogleich beantworten:

Sie finden sich redaktionell eigenartig hervorgehoben. Beiliegend überreiche ich Ihnen drei Telefaxe von Elfriede Jelinek im Original, deren zweites und drittes meine Postkarte (Anfrage, ob ich ihren Leserbrief an die TAZ im FORVM publizieren dürfe) beantwortet haben. Und bitte, wenn ich von Frau Jelinek Mitteilung erhalte über die Bereitschaft von Ilse Aichinger, die jeden Preis verdient und ja auch Trägerin des Weilheimer Literaturpreises ist, sich der SchriftstellerInnen-Erklärung zugunsten des Zentralrates der Juden in Deutschland anzuschließen, so verdient dieser Umstand jede Hervorhebung im FORVM, ebenso wie der Umstand es verdient, daß Tankred Dorst aus der Jean-Paul-Preis-Jury ausgetreten ist. Daß mein herzlich gemeinter Willkommensgruß an Sie etwa »eigenartig« wäre, strichen Sie ja, dankeschön, selbst. Was erstaunt Sie?

Nun zu Ihrem Leserbrief.

Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Sie mit meinen Zwischentiteln erschrecke.

Der »verlorene Sohn« ist ein biblisches Gleichnis, das die Geschichte von einem zurückgefundenen Sohn erzählt; Dr. Dietz schrieb in seinem ersten Brief, er habe einmal eine marxistische Dissertation geschrieben, und der Rest seines Briefs schien mir zu zeigen, daß er aus seinerzeitigen politischen Streitigkeiten mit seiner Mutter auch ideologisch zu ihr zurückgefunden hat.

In seinem zweiten Brief hat er, bitte, wirklich damit gedroht, daß ich anderwärts zur Rechenschaft gezogen würde; und seine Treue zur Mutter dokumentiert, indem er für ihre Treue Zeugnis ablegte. Falls es die Ironie der Titelgebung war, die Sie erschreckte, so gründete sie darin, daß die Drohung von Dr. Dietz sich als leer erwies (der Presserat hat gegen mich kein Verfahren eröffnet), was die pathetische Argumentationslosigkeit des Sohnes hübsch hohl zur Geltung bringt [siehe FORVM November 93, S. 33]. Ich plädiere also: Ihm ist kein Unrecht geschehen.

Gnädige Frau, daß uns die »Opfer« nicht interessieren, ist einfach nicht richtig. Im nächsten FORVM [in diesem, S. 18-24] wird — erstmals in deutscher Sprache — die Geschichte der Konzentrationslager, letzte Phase, von Hermann Langbein erscheinen. Und ich habe »Die Provokation« von Lem Suhrkamps Lagerregalen entrissen, als sie, statt ausgeliefert zu werden, bei Erscheinen zugleich als »vergriffen« gemeldet wurde, um dort zu vergammeln. Dieses Buch, übrigens, war mir Anlaß dafür, die Ermordeten nie mehr »Opfer« zu nennen, weil im christlichen Raum der »Sinn« von Menschenopfern zu peinlich mitschwingt. Zu Arisierung und »Wiedergutmachung« erschien z.B. im FORVM Dezember 1988 »Arische Firma« von Bolius/Teuschl, in dessen Gefolge alsbald selbst der »Trend« sich des Themas annahm, und selbst der »Trend« mit kümmerlichstem »Erfolg«; den Erfolg unserer publizistischen Wiedergutmachung und Behinderung erneuten Nazismus kann das FORVM natürlich nicht garantieren, drum versuchts es so oft so gekünstelt, mag sein.

Ach, natürlich wäre so mancher von uns einstmals selbst in die Falle getappt: ich selbst wär’, fast bin ich’s gewiß, ein strammer HJ-ler und Nazi gewesen.

Der Rest meines Selbstbewußtseins ruht auf dem »fast«, die Intention, demgemäß, ist gerichtet aufs »zukünftig ich fast sicher nicht« — darum bin ich dafür, sich darin zu üben, Tatbestände möglichst früh zu durchschauen; und als solche Übung (auch sich) mißzutrauen, mag doch der Tanz um Frau Fussenegger vielleicht etwas taugen, ganz wie Ihr Mißtrauen gegen mich, für das ich Ihnen ebendarum herzlich danke.

Beste Empfehlungen,
Ihr Gerhard Oberschlick,
Wien, 15.2.1994

P. S: Ich halte es für extrem fatal, die Opfer- und Täterforschung auseinanderzudividieren. Und bemühe mich nach Kräften, stets beide Seiten der Medaille zu zeigen. Vielleicht gelingt das nicht immer, aber den guten Willen lasse ich mir nicht absprechen. Ich habe auch große Hochachtung vor der Betschwester, die in Köln ihren Obdachlosen zu Weihnachten Schuhe schenkt. Wenn ich mich aber entscheide, nicht den Opfern Schuhe zu bringen, sondern dafür zu kämpfen, daß es keine Obdachlosen ohne Schuhe mehr gibt, dann ist das eine andere Art von Engagement, aber nicht besser und auch nicht schlechter als die Opferpose der Frau Aichinger oder der Betschwester. Wer sich heute dafür einsetzt, daß der Faschismus nicht noch einmal ausbricht, verhindert vielleicht, daß neue Aichingers in dreißig, vierzig Jahren neue Opfer beklagen können/müssen/dürfen. Was diese widerlich-penetrant-weinerliche Was-wäre-wenn-Frage nach dem Verstecken von Opfern anlangt: Ich bin jederzeit bereit, Frau Aichinger bei mir zu verstecken und mein letztes Hemd mit ihr zu teilen. Ich bin heute dazu bereit. 1933 bis 1945 war ich wegen Mangels an Kopf, Hemd und Kragen leider nicht dazu imstande. Mein Herstellungsdatum habe ich nicht zu verantworten.

Christian Michelides

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 33
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick:

Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

Christian Michelides:

Ilse Aichinger:

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