FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
F. Killmeyer (Bilder) • Elisabeth Kmölniger (Bilder) • Rudolf Kohoutek • Gottfried Pirhofer • Cora Pongracz (Bilder) • Heinz Riedler (Bilder)

Das verlorene Paradies

ARENA — zwei Jahre danach

Ströme durch die Kaffeehäuser, Klubs, Diskotheken, Arbeitskreise, Universität; durch die Straßen, an den Wochenenden und im Sommer weg von der Stadt, Kulturbetrieb; ein „Suchen“ oder die kleinen „Erfüllungen“. Dabei werden Räume durchstreift und mit Wünschen besetzt. Diese kleinteiligen „Orte“ von zumeist niedriger Intensität liegen verstreut, dazwischen die „Stadt“. Die Wunschbesetzungen der Besucher, Genossen, Passanten entlang von Gesichtern, Körpern, Autos, Lokalen, Toiletten, Schaufenstern, Bäumen und Häusern: dünne Ströme, kanalisiert, unterteilt, zerschnitten. Der RAUM wird dabei mehr erlitten als angeeignet, der WUNSCH mehr blockiert als freigesetzt.

Auslandsschlachthof von oben
(vom Rauchfang aus fotografiert). Die Haupthalle ist links, die Main street verläuft von rechts nach links in der Bildmitte. Oben die Häuser von Simmering. (Foto F. Killmeyer)

700 blieben über Nacht

ln Wien, am frühen Abend des 27. Juni 1976, im Vorsommer, an der Grenze zum Urlaub, vermischten sich zahlreiche Ströme und intensivierten sich zu einem EREIGNIS:

An zwei konkreten Orten, verdünnten Zonen innerhalb des beherrschten und kapitalisierten Stadtgefüges, am NASCHMARKT und auf dem Gelände des ehemaligen AUSLANDSSCHLACHTHOFES SANKT MARX im dritten Bezirk, fanden gleichzeitig bzw. nacheinander zwei FESTE statt. Zum Ende der offiziellen WIENER FESTWOCHEN eine Abschlußveranstaltung der FESTWOCHEN-ARENA im Schlachthof mit der Musikgruppe SCHABERNACK, auf dem NASCHMARKT das ANTISCHLEIFERFEST gegen das Bundesheer mit den Gruppen KEIF und den SCHMETTERLINGEN: eine unwahrscheinliche Verkettung von Worten! Man beschließt, nach dem Antischleiferfest vom Naschmarkt zum Schlachthof zu ziehen und dort ein spontanes Fest nach dem Ende der letzten Festwochenvorstellung zu veranstalten, gegen den geplanten ABBRUCH des Schlachthofgeländes zum Zweck der Errichtung eines Textilgroßhandelszentrums. Das erste ARENA-Flugblatt wird verteilt: „Der Schlachthof darf nicht sterben.“

Wie insgesamt in der Aufbruchbewegung der sechziger Jahre findet auch hier auf der Basis von Musik, als Basisschwingung des Wunsches, ein positives Ereignis statt, Vermischung und Intensivierung. Noch am selben Abend werden die Besetzung des Geländes des ehemaligen Auslandsschlachthofes ST. MARX und der Kampf um ein permanentes offenes Kulturzentrum beschlossen. Also mehr als bloße Wunschbesetzungen des Raumes, eine reale Besetzung von konkretem Raum. Die Polizei hält sich im Hintergrund. In der großen Halle wird ein Transparent aufgehängt: Hierbleiben ist Solidarität. Es werden Verantwortliche gesucht. Die Verantwortlichen sind alle, heißt es. Etwa 150 Personen übernachten in der ersten Nacht als Besetzer in der ARENA. „Ab 21 Uhr“, erinnert sich ein Besetzer, „tauchten plötzlich und völlig überraschend Hunderte von Autos vor der Arena auf ... Nach der Vorstellung, zwischen 22 und 23 Uhr versammelten sich an die 700 Leute auf der Wiese. ‚Es entsteht eine heftige Diskussion, was man unternehmen kann und soll‘ (Gedächtnisprotokoll). Das Tor der Halle, das bereits verschlossen war, war ‚plötzlich‘ wieder offen.“ [1]

Es wird eine Plattform formuliert, bis zum Morgen musiziert ... An diesem Morgen findet die erste Pressekonferenz statt, Montag, 28. Juni. Am Dienstag kommen 2.000 Leute zum Konzert der Schmetterlinge.

In dieser Geschwindigkeit entfaltete sich das Ereignis. Nicht als Ergebnis appellatorischer Politik, sondern aus bereits versammelten Massen am Naschmarkt und im Schlachthof. Weniger aus Empörung als in einer Situation der Entgrenzung des FESTES, nicht in der Ebene der politischen Kritik, sondern in einer Positivität des Wunsches. Anders hätte die dennoch bewußte lllegalität der Besetzung, für Wien durchaus außergewöhnlich, kaum bestritten werden können.

Also wie jetzt?

Wie würde ein „vollständiger” Text die ARENA beschreiben? Wie würde eine „umfassende Analyse“ die ARENA erklären ? Ein Text über die ARENA mit vorgefertigten Operatoren als Text „über die ARENA hinweg“? Einnahme aller möglichen Blickpunkte, Anwendung aller möglichen Kategorien (der „richtigsten“ und/oder der jeweils „modernsten“)?

Die reale ARENA, die symbolische ARENA, die imaginäre ARENA?

Die ARENA ausschließlich als Ereignis, in einer wirklichen oder behaupteten Einmaligkeit, oder die ARENA als Bestätigung von Theorien? Wer Ereignis sagt: Sieht er die Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten nicht? Gibt es für die Kritik der politischen Ökonomie „Ereignisse“? Die ARENA als Anlaß, bestimmte Theorien, Thesen, Diskurse, Lieblingsideen zu entfalten, Vergewaltigung der ARENA, Benützung für die Zwecke des eigenen Diskurses?

Das reale Funktionieren der ARENA auf den verschiedensten Ebenen: die politische Ökonomie der Grundrente, Nutzungsintensivierung, Stadtumbau, das Zusammenspiel von Staat und Kapital. Die Politik der ARENA, der Besetzung, des Kampfes um die Erhaltung des Schlachthofes als selbstverwaltetes Kulturzentrum? Das sogenannte „Bedürfnis“ nach einem freien Jugendzentrum. Die Arbeit des Komitees, der Arbeitsgruppen, des Plenums? Die Versuche der verschiedenen politischen Gruppen, Anschluß an die endlich versammelten Massen zu finden und innerhalb derARENA Einfluß zu gewinnen?

Die Öffentlichkeitsarbeit der ARENA in den Medien und die Privatisierungsarbeit der Medien gegen die ARENA? Die verhängnisvollen und dennoch unvermeidlichen (?) Rückwirkungen der Repräsentation der ARENA auf die ARENA selbst: Vermittlung der Forderungen der ARENA an jedermann, Normalisierung, Codierung?

Das Kulturprogramm während der ARENA-Feste, von Leonhard Cohen bis Danzer und Ambros, Turrini bis Scharang und den weniger bekannten Kulturproduzenten? Die ARENA-eigene Kulturproduktion? ARENA-Zeitung, Flugblätter‚ Wandinschriften und Wandzeichnungen, ARENA-Lieder und -Gedichte? Die innere Organisation, die Adaptierung der Räume, die Instandsetzungen und Reinigungsdienste, Verpflegung, der Kampf gegen die Bürokratie um Wasser, Strom, Telefon?

Die sogenannte „Sozialarbeit“ in der ARENA, die „inneren Schwierigkeiten“; angebliche Raufereien, die Diskussion um einen ARENA-eigenen Ordnungsdienst, eine ARENA-Polizei?

Die Diskurse in der ARENA und über die ARENA (vielleicht eine Diskursanalyse à la Foucault)?

Die Bilder, Fotos und Filme der ARENA, Semiotik der ARENA, Zeichen, Symbole, Bedeutungen?

Die Verhaltensweisen, Spiele, Rituale, Kommunikations- bzw. „Verkehrsformen" der ARENA?

Die „innere Erfahrung” der ARENAUTEN, der Besetzer und Besucher der ARENA?

Die bewußte ARENA und die unbewußte ARENA? Die Wünsche und Wunschbesetzungen, die Projektionen und Ängste, die heimlichen Träume, die sich an die ARENA ankoppelten?

Die Architektur der ARENA-Gebäude, geschrieben in Termini des „Gebrauchswertes“, der Baukonstruktion und des Erhaltungszustandes, der Ästhetik des lndustriebaues, der „Nutzungen“ und „Funktionen“, der architektonischen Schwellen, der Proportionen und des Materials? Die ARENA als Fall von Stadtsanierung?

Die Rechtslage der ARENA, ihre lllegalität, das Recht von Minderheiten, städtischen Boden oder städtische Subventionen zu beanspruchen (Forderung der ARENA: „Die Gemeinde Wien soll zur Unterstützung unserer Aktivitäten die Betriebskosten zahlen“)? Die ARENA als Bürgerinitiative „theoretisch eingeschätzt“? (70.000 Unterschriften für die Erhaltung des Schlachthofes!) Die Verhandlungen mit der Gemeinde, die Diskussion über die räumlichen Alternativangebote der Gemeinde, der Einsatz der Polizei, offen und versteckt? Die Räumung des Geländes?

Die Schleifung der ARENA, die technischen Abbruchmethoden und die Ästhetik des ARENA-Schutthaufens?

Traum bricht durch

Alle an der ARENA-Besetzung beteiligten Personen und Besucher leben in Wien, vor und nach der ARENA. Fast alle Aktivitäten in der ARENA sind „Bausteine“ der linken Subkultur, zum Teil Erbe der Studentenbewegung. Daraus und aus dem „immer schon vorhandenen Bedürfnis nach einem Jugend- und Kulturzentrum in Selbstverwaltung“ läßt sich die ARENA nicht erklären. Auch nicht allein aus dem eingangs beschriebenen EREIGNIS des 27. Juni 1976.

Wir behaupten, daß es nicht allein die Konzeption des freien Kulturzentrums, dessen politische Implikationen im Kampf gegen die Gemeinde, und auch nicht die realen Aktivitäten in der ARENA (Besetzung, Kulturprogramm, Kontakte, Begegnungen usw.) gewesen sind, die die ARENA ausmachten, die Plötzlichkeit und Intensität der Besetzung. Wir vermuten vielmehr, daß der konkrete Raum ARENA unmittelbar und vielfach wunschbesetzt war, auf vielen Ebenen, daß diese Wunschbesetzungen des konkreten Raumes überwiegend unbewußt waren und geblieben sind [2] und daß hinter dem realen Funktionieren der Besucherströme, Wunschströme, Symbolisierungen ein TRAUM stand. Dieser Traum wurde für fast jeden, der die ARENA zum ersten Mal betrat, sichtbar: vielleicht der Traum eines befreiten Geländes, oder überhaupt des ganz anderen.

Solche generalisierten Träume sind immer Ergebnis der ständigen Blockierung von Wunschströmen („Traumfrau"‚ „Traumwohnung“, Utopien als erstarrte Wunschbewegungen). Kollektiv und massenweise wirksam werden solche Träume nur dann, wenn die Blockierungen durchbrochen werden, wie im Pariser Mai, wie bei LIP, wie in derARENA. Hier handelte es sich immer um konkrete Gelände, die erst eine bestimmte Ebene des Wunsches wachrufen und seine Totalisierung zu einem Traum vom anderen Leben auch konkret räumlich ermöglichen.

„Sichtbar” sind in einer Kritik der politischen Ökonomie des Raumes die Auswirkungen der Grundrente, der Kapitalbewegungen, der Staatsfunktionen, Ergebnisse und Erscheinungsformen von „unsichtbaren“ Prozessen (des „automatischen Subjekts“, des „Wertgesetzes”, des fast metaphysischen Wesens „Wert“).

Die Wunschbesetzung von konkreten Räumen — im Spektrum der Wunschbesetzung des gesellschaftlichen Feldes [3] — geht ebenfalls von „unsichtbaren“ Prozessen aus, Libido, Unbewußtes, „Wunschströme". Vielleicht ist die abstrakte Libido ebenso zu kritisieren wie der abstrakte Wert, aber nicht nur real zu kritisieren, sondern auch vom „theoretischen Ansatz“ her? Dann würde sich der Unterschied einer politischen Ökonomie des Raumes und einer Analyse des konkreten Raumes unter Umständen aufheben: sichtbare Bauten und Räume, die realen Operationen des Körpers (Atmen, Herzschlag, Gehen, Stehen, Schauen, Müdewerden, Sitzen, Händeschütteln, Musikhören, Klatschen ...) und die realen Ströme der Besucher-Benützer, die Wahrnehmung der Bauten und Räume im Vorübergehen, beim Durchgehen, und die Symbolisierungen, Bilder, Erinnerungen an schon Gesehenes, Lust und Angst, Langeweile und Erregung, das alles sind unteilbare Bestandteile des einen Prozesses der Raumbenützung, Raum-Wahrnehmung, Wunschbesetzung. Wir verfügen über keine Theorie, die diesen Prozeß der Wunschbesetzung, „äußerlichen“ Benützung, Wahrnehmung und Besetzung des konkreten Raumes erklärt. Wir versuchen einige plausible Annäherungen.

Pförtnerhäuschen der Arena 1976
(Foto Heinz Riedler)

Café Schweinestall, Rote Halle

Wenn der ARENA-Schlachthof als permanentes Kulturzentrum in Selbstverwaltung nicht geschleift werden wäre, würdet ihr die ARENA durch einen Torbogen mit dem Transparent ARENA BESETZT betreten. Rechts neben dem Eingang läge das alte Schlachthof-Wirtshaus (das vorläufig noch steht), links das Verwaltungsgebäude, in dem das Komitee seine Arbeit leistete. Ein großer Querbau, eine offene Halle mit Kühlhäusern, in faschistoider Mächtigkeit, würde den Filmpalast beherbergen, vielleicht heute schon ganz andere Produktionen, nach zweijähriger Tätigkeit. Ein riesiger Bogen würde den Blick und die Schritte zur „Hauptstraße“ des Auslandsschlachthofes freigeben, sie würde wie von Beginn an „main-street” heißen und Wäre der Schwerpunkt, das Zentrum, die Achse, das Rückgrat dieser richtigen „drop-out-city“. Die „main-street“, in der 1976 unter gleißender Sonne der Breitwandwestern der großen Besetzung spielte, würde zur „Großen Halle“ führen, dem Ausgangspunkt der Aktion. Rechts und links niedrige Bauten, die „Galerie“, das „Büro„, das „Teehaus“, das“Frauenhaus„, das“Info—Fensta", das „Literatencafé“.

Das Pförtnerhäuschen im Dezember 1978:
Weil es denkmalgeschützt ist (angeblich), blieb es stehn. Dahinter, auf dem früheren Gelände des Auslandsschlachthofs, erhebt sich das Modegroßhandelszentrum der Firma Schöps & Co. (Foto Elisabeth Kmölniger)

Tiefer im Gelände würden die Kinder spielen, auf den Wiesen um das Kinderhaus; auf der anderen Seite der „main-street“ das Haus der Simmeringer, der Rocker, Soldatenhaus, Sanitär, das Café Schweinestall, die Rote Halle. In den entlegeneren Teilen des Areals würde man da und dort eine „Wohnung“ entdecken. Am Ende der „main-street” würden auch weiterhin echte Eisenbahngüterwaggons auf echten Eisenbahnschienen verrosten, das Gras in den Fugen der Betonflächen des Bodens würde durch die großen Feste an den Wochenenden an seiner Ausbreitung gehindert. Kleine, merkwürdige Schienen führten durch das ganze Gelände, denen die Kinder nachliefen, ohne noch von der internen Materialbahn des Schlachthofes etwas zu wissen. Und hin und wieder würde ein Blick auf den freistehenden Schornstein fallen, auf dem die Genossen die rote Fahne hissen wollten.

An den Wochenenden war die ARENA voll von Menschen, Besuchern, Künstlern, Organisatoren. Das Programm jedes Wochenendfestes war überall in der Stadt plakatiert. Es war ein Kommen und Gehen, ein Strömen zwischen den vielen gleichzeitigen Zentren: Konzert, Lesung, Kaffee, Film, Wiese, Buffet. Die neue Nummer der ARENA-Zeitung wurde verkauft, im Café Schweinestall saßen die „Gäste“ auf gestapelten Telefonbuch-Hockern und tranken den Kaffee, der häufig mit Klopapier als Filter hergestellt wurde. Von Mal zu Mal waren auf den Wänden neue Inschriften und Zeichnungen zu finden. Man traf „alle“, die nicht auf Urlaub gefahren waren. Wenn in der großen Halle die letzten Töne der Musik verklangen, war es draußen schon hell, die vielen blauen Jeans leuchteten im blauen Morgenlicht, und die chromweißen Maschinen der Rockergruppe standen aufgereiht beim Hintereingang der großen Halle, vor der Wiese, auf der hundert Kinder schon schliefen, auf Decken, in Schlafsäcken. Der Traum war zum Greifen nahe.

Western City, Drop-out—City, KZ

Am Wochentag war die ARENA ruhig. Einzelne Besucher passierten die riesigen Hallen und lesen die neuen Zeitungsausschnitte zur ARENA; da und dort wurde gearbeitet, gestrichen, gehämmert. In der großen Halle spielt irgendwer Klavier und vier hörten zu. Kinder liefen um das Kinderhaus. lm Verwaltungsgebäude war immer Betrieb, das Komitee palaverte. An den Abenden Sitzungen der Vertreter der Arbeitsgruppen, des Komitees ein- oder mehrmals in der Woche Plenum in der Galerie (Pferdestall). Um Mitternacht waren die meisten beim Wirt am Eingangstor, die Besetzer, die in der ARENA wohnten, hatten sich schon ihre Schlafstätte aufgebaut. Im August, als es kühler geworden war und oft regnete, traf man sich im Teehaus.

Eine „Stadt in der Stadt“, befreites Gelände, mit einem Tor und einer Wache, der Wirt als letzte Bastion der Außenwelt beim Eingang, eine Insel. Die höchsten lntensitäten bei den Wochenendfesten.

Unterhalb Ruhe. Die Grundrente, der fast sichere Abbruch, die Macht der Polizei ticken wie eine Bombe mit Zeitzünder, wie im Western vor der großen Konfrontation, die Zeit des Wartens, Countdown, eine unterschwellig ängstliche Zeit, eine gegenrevolutionäre Zeit, wenn man die Umwälzung als Produktion begreift.

Die Wünsche haben sich längst tief in die Mauern dieses konkreten Raums ARENA eingegraben, die Fixierung auf diese ARENA ist schon zu stark, alle Ausweichangebote der Gemeinde Wien werden abgelehnt.

Wenn ein „befreiter“ Ort wirklich mit Wünschen besetzt ist, hilft nur Abreißen, Abbruch, Schleifung, Auslöschung der Spuren. Es geht um die physische Vernichtung wunschbesetzten Territoriums. Erst die Erinnerung ist ungefährlich, Raumerinnerung ist wenig entwickelt, die Trauerarbeit nach der Schleifung setzt ein, Verdrängung, intensive Wunschströme können nicht in der Erinnerung weiterleben.

Querachse zur Main street
Im Hintergrund das Soldatenhaus. (Foto Cora Pongracz)

Die ARENA war eine wirkliche „Stadt“ auch von der Größenordnung her: nie schritt man ihre Grenzen aus, in manche Teile des Geländes sind die meisten Besetzer und Besucher nie gekommen. Einige Hallen standen noch ungenützt leer.

Die Oberflächenwahrnehmung des ARENA-Geländes war: FABRIK — WESTERN CITY — SIEDLERKOLONIE — KONZENTRATIONSLAGER, allgemein LAGER, DROP-OUT-CITY, manchmal auch DORF.

Ein so großes befreites Gelände sichert „Ruhe“, eine andere Ruhe, als die innerhalb der eigenen Wohnung.

Die Intensität dieses Geländes war für alle spürbar, auch für die Massenmedien, die Politiker, die distanzierten Besucher-Erwachsenen. Oft hat jedes Kind innerhalb der elterlichen Wohnung sein kleines Haus gebaut, unter einem Tisch, in einer Zimmerecke, zu viele Kinder haben Robinson, Karl May gelesen, Indianer gespielt usw.

Wir wissen noch zuwenig, um sagen zu können, was Wunsch und was Blockierung ist. Auch die radikalsten Kommunarden sind überwiegend wieder in Kleinwohnungen zurückgekehrt. Der Traum einer anderen Stadt ist geblieben oder hat sich zurückgewendet zur Sehnsucht nach dem Dorf, dem Bauernhaus.

Die ARENA war eine Stadt.

Himmel auf Pump

Die ARENA verstärkt unsere Skepsis gegen die Möglichkeit „abstrakter Politik“, die sich in den dogmatischen Organisationen als Zwillingsschwester der „abstrakten Arbeit“ etabliert hat. Nach der ARENA stellt sich die Frage verschärft: inwieweit der ganz konkrete Ort, der ganz konkrete Zeitpunkt, die realen Verkettungen aller Art und auch ein in jedem Moment ganz konkretes („richtiges“) Bewußtsein von diesen Zusammenhängen darüber entscheiden, was passiert.

Es ging aber nicht so sehr oder nicht allein um den konkreten Raum als Gebrauchswert für konkrete Aktivitäten, Veranstaltungen, für die es insgesamt und einzeln bessere „technische Bedingungen“ an anderen Orten gibt.

Die ARENA war eine Zone starker Wunschbesetzungen und intensiver Verkettungen. Politisch mächtig, kulturell einflußreich, systemimmanent oder systemsprengend (?) wirksam sind jene Ereignisse und Prozesse, die eine zu diesem Zeitpunkt größtmögliche Verkettung von Personen, Wunschströmen, Räumen, Informationen bewirken.

Als „Gelenk“ für diese große Verkettung ARENA funktionierte der konkrete Raum Schlachthof St. Marx. Als Angelpunkt funktionierten: ein stillgelegter Schlachthof mit Blutspuren, die Namen (ARENA, Sankt Marx usw.), die Abbruchdrohung, die Nostalgie- und Denkmalschutz-Strömungen, der Fetisch der progressiven Subkultur: die FABRIK, die Festwochen-Arena, die Ereignisse um die beiden Feste, die Musik, die „Kultur“, ein zunächst neutraler, aber wirksamerer Katalysator als die „Politik“ (in diesem konkreten Fall), die Massenmedien, die auf den Lokal- und Kulturseiten unmittelbar in Richtung ARENA ausflippten, anfangs im Schatten der Blattlinie gegen die Gemeinde Wien, aber nur so lange, bis die Chefredakteure bemerkten, daß es dabei um mehr ging als um eine Störung der SP-Gemeindebürokratie.

Denn die ARENA war die tendenzielle Subversion zahlreicher politökonomischer Raster — und nicht nur solche: Niemand zahlte Eintrittspreise; der einzige Ort in Wien, für den keine Miete, kein Bodenpreis verrechnet wurde, der aber als besetztes Territorium auch kein „Gemein(de)-Eigentum“ war; Getränke wurden ohne „Konzession“ verschüttet; Autoritäten und Polizei glänzten durch ihr Fehlen [bis auf regelmäßige Razzien. Anm. d. Red]. Der einzige „Betrieb“ innerhalb des besetzten Geländes war der ehemalige Schlachthof-Wirt, einige Meter vom Eingangstor, fast noch „draußen“. Die Uhren der ARENA gingen nach der Sonne, gespielt wurde, wenn die Anlage aufgebaut war oder die Musiker eintrafen, manchmal zermürbende Wartezeiten bei den Arbeitseinsätzen für alle, die „Einteilung“ gewohnt sind: viel „natürliche Zeit“ und wenig „abstrakte Zeit“. Sperrstunden gab es keine.

Aufhebung von Raumkategorien: die ARENA war ein Schlachthof-Kulturdorf, eine Jugend-Fabrikstadt, Autos fuhren in die große Halle bis zum Podium, ein vom Ruin bedrohter kleiner Zirkus zeigte die ihm verbliebenen Tiere. Minimierung von Privateigentum, Durchbrechung von kapitalistischen Bodennutzungs- und funktionalistischen Gebäudenutzungsschemata. Die Herrschaft von Kapital und Staat über die „Wände“ war aufgehoben: Graffiti, die Mauern als Schrift- und Bildfläche, Aufzeichnungsfläche für den Wunsch, anders als die heimlich in der Nacht hingefegten Parolen der Subversion in den öffentlichen Straßen der Stadt. Die Wände waren weder „sauber“, noch waren sie gekauft, für Werbung und Waren. Keine Abdichtung der Räume gegen Musik; Musik dringt nach außen. Alle Veranstaltungen waren immer offen zum Kommen und Gehen; Gehen, Liegen, Sitzen, Stehen, Zuhören und Reden, Weggehen vermischten sich. Die Autos der ARENA-Besucher trugen ein A und luden zum Mitfahren ein, grundsätzlich nahmen alle Autofahrer beim Heimfahren „fremde“ ARENA-Besucher mit.

Es etablierten sich verschiedene vorindustrielle und dennoch raschere Zyklen der Kommunikation: Rufweite und Sichtweite, das sogenannte „Info-Fenster“ im ersten Stock, mit Megaphon, später mit Lautsprecher bestückt, Anschläge an der Info-Tafel, Wandzeitungen, Flugblätter, die ARENA-eigene Zeitung.

Der Weg hinaus zur ARENA war immer ein bewußter; man kommt nicht zufällig am Schlachthof St. Marx vorbei, am Rand des dichtbebauten Stadtgebietes. Von Mal zu Mal konnte sich in der ARENA viel verändert haben: es war immer ein wenig wie das erste Rendezvous mit ihr. Die leere ARENA am Wochentag, untertags‚ und die volle ARENA an den Wochenenden, Festen, an den Abenden — dazwischen gab es nichts, und beides war unmittelbar erregend auf der Oberfläche der Körper. Die Hallen der ARENA und ihre „Straßen“, Wiesen: Es waren nicht die normalen Räume der Stadt: Jeder Schritt in der ARENA hatte etwas viel Beliebigeres, Bewußter-Bewußtloses, war eine Aktion des Körpers mehr als eine Intention: Denn innerhalb der ARENA gab es wohl intensivere Zonen und weniger intensive, aber letztlich waren für den Wunsch alle Punkte innerhalb des ARENA-Geländes gleich.

Was an der Oberfläche der Körper geschieht ...

Wenn in uns immerfort Wünsche produziert werden, libidinöse Energien, die mehr umfassen als das sogenannte Sexuelle, so finden sie in der Szenerie des städtischen Alltags vorgezeichnete Flächen, auf die sie sich beziehen. Der konkrete Ort der ARENA war eine außerordentliche, seltene und besser geeignete Aufzeichnungsfläche für den Wunsch. Was die ARENA noch von einer zärtlichen Orgie trennte, oder von etwas, das man kollektive „Liebe“ nennen könnte, war: Die Intensität war noch zu gering dafür. Und: Die Körperoberflächen der Arenauten waren noch in zu großer Distanz voneinander; eine stärkere Ankopplung der Menschen, Körper, Wünsche, Ideen aneinander in einer solchen Größenordnung wie der ARENA muß heute noch völlig utopisch erscheinen (obwohl solche Wünsche in der ARENA durchaus ausgesprochen da waren); heute sind noch die kleinsten Ankoppelungen von Personen, Körpern, Wünschen, Aktionen, Raum usw. schwierig, selbst bei nur zwei oder drei Menschen (Zweierbeziehung, Eltern-Kinder).

ln Lyotards Maschinensprache würde diese realisierte Utopie abstrakt so beschreibbar sein: „... Dies würde ermöglichen, daß die Oberflächen, die zwei (oder mehreren) Individuen ‚gehören‘, sich in gewisser Weise aneinander koppeln können (diese Weise mag man sadistisch, masochistisch, zärtlich, oblativ, zwanghaft nennen), ohne zu beeinträchtigen, was auf den anderen Oberflächen ‚derselben‘ Körper geschieht.“ Und Lyotard fährt fort, den Zustand der Intensivierung und des Glücks in dieser Ebene zu beschreiben: „Dann ereignet sich das, was man gemeinhin Liebe nennt: es gibt niemand mehr, keine übergeordnete, zentrale Identität mehr, die sagen und kontrollieren könnte, was auf den einzelnen ‚intensivierten‘ Oberflächen geschieht.“ [4] Keine Partei, kein Über-Ich kein Ziel, kein Programm.

[1Arena-Dokumentation, Wespennest, Heft 23, Wien, Juli 1976, Seite 6

[2Die „offizielle“ Beschreibung des Geländes durch die Besetzer spricht von einem „Ort, an dem man sich wohl fühlt, sich frei bewegen kann. Ein Ort, der zu der Anregung führte, ‚so etwas ähnliches‘ länger und öfter, das ganze Jahr hindurch, zu veranstalten Als ‚Spielraum‘ bewies der Schlachthof mit der Arena als Prüfstein seine Funktionsfähigkeit. Freiräume und Hallen bilden einen fast selbstverständlichen städtischen Raum mit vielen Vorteilen ‚ ... leichte verkehrstechnische Erreichbarkeit Bausubstanz und Situation des Schlachthofgeländes erlauben Nutzungen, die im innerstädtischen Raum aus vielerlei Gründen unmöglich sind ... Intakte Bausubstanz ... Es ist keine utopische Vorstellung, daß sich hier Wohnungen, Ateliers und Spielstätten für verschiedene kulturelle Nutzungen integrieren lassen ... 1915 bis 1926 errichtet, ein Schlachthof im Schlachthof. Mit allen dazugehörigen Funktionen. Einmalig in Europa zur Zeit seiner Entstehung in seiner fortschrittlichen industriellen Konzeption Eine bedeutende Leistung des Industriebaus am Beginn des Jahrhunderts ... Hallen unterschiedlichster Größenordnungen ... leichte Adaptierbarkeit ... praktisch feuersicher ... Der städtische Charakter des Geländes entsteht durch den Abwechslungsreichtum von Außen- und lnnenräumen. Dies erlaubt einen Abbau von Schwellenbereichen zwischen unterschiedlichen kulturellen Produktionen. Wenn man eine Veranstaltung verläßt, ist man nicht ‚draußen‘, sondern hat Zeit, Ruhe und räumliche Gelegenheit, sich mit dem nächsten Ereignis zu beschäftigen. Außerdem erlaubt das Gelände ein Nebeneinander verschiedenster lnteressen, die freiwillig zu einem Miteinander werden können ... Die räumliche Lage des, Schlachthofes besitzt einen Symbolwert, der nicht unterschätzt werden darf. An der Grenze von Erdberg nach Simmering, Arbeiterquartiere und Industriegebiet, setzt der Ort einen bewußten Gegensatz zur bourgeoisen Hochkultur des Citybereiches ...“ (Wespennest, a.a.O., Seite 21)
In diesen Beschreibungen, teilweise von der Architektengruppe der Arena, zeigt sich das Unvermögen, den konkreten Raum der ARENA, seine „Aura“, seine Wunschbesetzungen, seine Faszination in einen Diskurs zu transformieren; überhaupt kommt in der Beschreibung wie in der Architektur- und Städtebau-Theorie die konkrete Phänomenologie des Ortes nicht vor. Die Stärke der Wunschbesetzung, als solche zunächst eine These, war sicher auf die Verkettung des konkreten Geländes, seiner Gebäude und Freiräume, mit der Aktion der Besetzung, den Veranstaltungen, den sonstigen Elementen wie Namen (Schlachthof, Sankt Marx, ARENA usw.) gerichtet. Wunschbesetzungen von Orten, Räumen sind sicher nicht von den anwesenden Personen, Situationen, Ereignissen zu trennen. Dennoch soll im folgenden in einer gewissen Isolierung des RAUMES ein Versuch einer psychopolitischen Mikrogeographie unternommen werden, nicht zuletzt, um den „Raumzuschuß“ zur politischen Bewegung (Bloch, Negt) zu orten.

[3Siehe Gilles Deleuze/Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Suhrkamp 1974, Seiten 31, 39

[4Jean-Francois Lyotard, Patchwork der Minderheiten, Merve, IMD Band 69, Seite 63f

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
No. 301/302, Seite 84
Autor/inn/en:

Elisabeth Kmölniger: Geboren 1947 in Radenthein (Kärnten), gestorben 2018 in Wien, lebte und arbeitete seit 1980 in Berlin.

Rudolf Kohoutek:

Jahrgang 1941 aus Wien, studierte Architektur und Geografie, publizierte Forschungsarbeiten über Wohnen und Stadtentwicklung.

Gottfried Pirhofer:

Jahrgang 1950 aus Jenbach/Tirol, studierte Architektur, Stadtplanung und Soziologie in Innsbruck und Aachen, Dipl.-Ing., publizierte über Wiener Wohnbau der 1. Republik.

F. Killmeyer:

Cora Pongracz:

Heinz Riedler:

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