Um die Sumatra-Orang-Utans zu retten, ist ein Strategiewechsel erforderlich

Anthropologen der Universität Zürich beweisen nun, dass diese Menschenaffenart erst in jüngster Zeit einen drastischen Bestandsrückgang verzeichnete. Erstmals untersuchten sie das Erbgut und das Wanderverhalten dieser Tiere. Ihre Entdeckungen: Die Population gliedert sich in mehrere Teilpopulationen, die nicht aus der Zerstörung des Regenwaldes stammen, sondern geographischen Ursprungs sind. Diese Populationsstruktur trägt zwar nicht zum Erhalt der Art bei, aber es gibt eine gute Nachricht: Junge männliche Orang-Utans überwinden ihre Nachteile mit langen Reisen. Diese Erkenntnis führt zur Entdeckung einer Strategie, die diese vom Aussterben bedrohten Affen retten könnte.


Männlicher Orang-Utan in der Wildnis Sumatras. Credit: Ellen Meulmann, Anthropologisches Institut und Museum, Universität Zürich

Orang-Utans sind die einzigen großen Menschenaffen in Asien und leben hauptsächlich in Bäumen. Heute umfasst die Population nur noch zwei Arten: Während der Borneo-Orang-Utan weite Teile der südostasiatischen Insel Borneo besiedelt, kommt der Sumatra-Orang-Utan heute nur noch an der Nordspitze der Insel Sumatra vor. Mit einer Population von derzeit nur rund 6.600 Sumatra-Orang-Utans, die rapide und stetig sinkt, steht diese Art auf der Roten Liste der bedrohten Arten.


Als auf Sumatra große Regenwaldflächen gerodet wurden, um Platz für Palmölplantagen zu machen, wurden einst riesige Waldgebiete auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe reduziert und früher zusammengewachsene Waldflächen wurden voneinander isoliert. In vielen dieser Waldgebiete leben heute nur noch wenige Dutzend Orang-Utans – und sie könnten langfristig vom Aussterben bedroht sein: Schließlich kann die geografische Isolation zu genetischer Verarmung und Inzucht führen, die beide das Risiko dieser kleinen lokalen Populationen erhöhen Aussterben.

Die Studie der Anthropologen der Universität Zürich, die im Journal of Heredity veröffentlicht werden soll, liefert erste für den Artenschutz sinnvolle und diesbezüglich optimistische Einblicke in die genetische Struktur. Die Orang-Utan-Population auf Sumatra gliedert sich in mehrere Subpopulationen, die nicht auf industrielle Abholzung, sondern natürlichen Ursprungs zurückzuführen sind. Die Bevölkerungsstruktur wurde über Jahrtausende durch natürliche Hindernisse wie Flüsse und Gebirgszüge geschaffen und erhalten.

Männlicher Orang-Utan in der Wildnis Sumatras. Credit: Ellen Meulmann, Anthropologisches Institut und Museum, Universität Zürich

Junge männliche Orang-Utans reisen weit – und sichern das Überleben ihrer Art




Für das Überleben der Art ist es unabdingbar, dass zwischen den genetisch differenzierten Subpopulationen ein genetischer Austausch stattfindet. Folglich entdeckten die Autoren der Studie mehrere Orang-Utans, die in der Region geboren wurden, in der sie gefunden wurden, deren Väter jedoch ein charakteristisches genetisches Profil aus einem anderen Teil der Insel aufwiesen – ein deutlicher Hinweis darauf, dass junge männliche Orang-Utans große Entfernungen zurücklegen, um sich weit entfernt anzusiedeln von dem Ort, an dem sie geboren wurden. „Damit schlagen sie zwei Fliegen mit einer Klappe“, schlussfolgert Alexander Nater, Erstautor der Studie. „Einerseits vermeiden sie den Konflikt mit den dominanten einheimischen Männchen und erhöhen so ihre Chancen auf eine erfolgreiche Fortpflanzung; gleichzeitig verringern sie aber auch das Risiko der Paarung mit eng verwandten Weibchen aus ihrem Geburtsort.“

Die ausgeprägte Dominanzstruktur männlicher Sumatra-Orang-Utans stellt somit einen natürlichen Mechanismus dar, der den genetischen Austausch zwischen den verschiedenen Regionen der Insel über weite Distanzen gewährleistet. Da das Landesinnere von Sumatra bis in große Höhen bewaldet ist, können die jungen männlichen Orang-Utans Bergketten überwinden und große Flüsse im Quellgebiet umgehen. Dank ihres ausgeprägten Fernwehs reduzieren sie zudem mögliche negative Folgen der Lebensraumzerschneidung durch industrielle Abholzung erheblich. Und dies bietet letztendlich einen Hoffnungsschimmer für das Überleben dieser vom Aussterben bedrohten Affenart.

Genetische Vielfalt weist auf große Population hin

Als weiteres Ergebnis konnten die Autoren zeigen, dass erst in jüngster Zeit ein dramatischer Rückgang der Orang-Utan-Population stattgefunden hat: „Die Tiere aus einem der untersuchten Gebiete an der Westküste weisen eine sehr hohe genetische Vielfalt auf“, erklärt Nater. „Dies ist ein klarer Indikator für eine historisch große Bevölkerung. Da derzeit aber nur rund 400 Orang-Utans in dem Gebiet leben, kann man nur davon ausgehen, dass die Population in letzter Zeit stark eingebrochen ist.“


Um die genetischen Informationen zu erhalten, analysierten die Autoren Kot- und Haarproben von wildlebenden Orang-Utans, die im gesamten heutigen Verbreitungsgebiet auf Sumatra gesammelt wurden. Um die schwer zugänglichen Regionen mit extrem geringen Zahlen der scheuen Menschenaffen abzudecken, wurde auch mit Blutproben von Tieren gearbeitet, die illegal als Heimtiere gehalten und später von den Behörden beschlagnahmt wurden.

Männlicher Orang-Utan in der Wildnis Sumatras. Credit: Ellen Meulmann, Anthropologisches Institut und Museum, Universität Zürich

Artenschutz erfordert Strategiewechsel

Damit die Orang-Utans tatsächlich geschützt werden können, ist ein Strategiewechsel beim Artenschutz erforderlich: Während sich Artenschutzkampagnen in der Vergangenheit vor allem auf die Torfmoorwälder an der Nordwestküste Sumatras konzentrierten, wo beide Orang-Utans in hoher Konzentration leben und ein großes Interesse an einer wirtschaftlichen Nutzung besteht, legen die neuen Erkenntnisse nahe, dass die Regenwaldgebiete, die eine Schlüsselrolle für den genetischen Austausch auf der Insel spielen, gezielt geschützt werden. Mit den neuen Ergebnissen soll sich der Fokus insbesondere auf die wirtschaftlich weniger interessanten, gebirgigen Binnenregionen im Norden Sumatras verlagern: „Diese Bergwälder beherbergen zwar keine lebensfähigen Orang-Utan-Populationen, ihr Wert für den Artenschutz sollte aber keinesfalls gering sein“ unterschätzt, da die umherstreifenden Orang-Utan-Männchen diese Habitate auf der Suche nach der nächsten Population durchqueren und so die genetische Vielfalt erhalten. Diese Bergregionen sollten daher eine Schlüsselrolle in der Strategie zum Schutz der Sumatra-Orang-Utans einnehmen“, fasst der Anthropologe und Co-Autor der Studie Carel van Schaik . zusammen


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