FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Thomas Rothschild

Wolfgang Kraus

Aus unserer Serie: Österreichische Charakterköpfe

Unter den Figuren des österreichischen Kulturbetriebs, deren Erwähnung im Ausland, so man sie kennt, nur schallendes Gelächter hervorruft, die lächerlichste ist Dr. Wolfgang Kraus. Die Hand vor den Mund hielten sich beim Lachen allenfalls jene, die sich von ihm eine Einladung nach Wien erhoffen durften.

Den Österreichern freilich vergeht das Lachen angesichts des kulturellen Schadens, den diese Personifikation des intellektuellen Mittelmaßes hierzulande angerichtet hat. Zum Skandal wandelt sich die Farce durch die Tatsache, daß diese Erfindung des ÖVP-Ministers Drimmel drei Jahrzehnte hindurch eine einmalige literaturpolitische Machtfülle in ihrer Person vereinigte. Gleich zwei Ministerien warben, bei wechselnder Besetzung, darum, Kraus Pöstchen und Gelder zuschieben zu dürfen, was in Koalitionszeiten sehr praktisch, zugleich aber überflüssig war, weil ohnedies die SPÖ nicht weniger als die ÖVP von der Unersetzbarkeit dieses Mannes für alle Jahreszeiten überzeugt zu sein schien. Man muß offenbar, wie der Gründer der in mancher Hinsicht mit der Österreichischen Gesellschaft für Literatur vergleichbaren jüngeren Erich-Fried-Gesellschaft, in finanzielle Wirrnisse geraten, um ministeriell gerügt zu werden. Es bleibt zu hoffen, daß Wolfgang Kraus und seine Protektoren einst, wenn nicht von einem Gericht, so doch von der Geschichte für diese selbstherrliche Herrschaftsausübung zur Verantwortung gezogen werden.

Nun ist Kraus als Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in den Ruhestand getreten, den wir uns wohlverdient haben. In seinem Abschiedsbrief, dessen Stil jeden Verdacht der Fälschung ausschließt — so schreibt WK himself! —, teilt er jedoch mit, daß er weiterhin die Stipendiaten der ÖGfL bestimmen wird.

Daß in Demokratien Stellen im öffentlichen Bereich und Stipendien ausgeschrieben werden, hat sich (»eh klar«) in Österreich noch nicht herumgesprochen. Hier wird, wie zu Zeiten der Kaiser und Fürsten, ernannt, bestellt, verliehen. Herrschaftsakte werden nicht einmal dem Schein nach einer Kontrolle durch mehr oder weniger unabhängige Gremien unterworfen. Aber daß eine einzige Privatperson vom Staat über Jahrzehnte hinweg vergleichsweise gigantische Summen erhält, um sie, unter anderem, nach Gutdünken an Stipendiaten ihrer individuellen Wahl zu verschenken, ist selbst für österreichische Verhältnisse bewundernswert.

Vielleicht darf, nach gebührendem Applaus für diese Leistung, die Öffentlichkeit endlich einmal von den zuständigen Ministern erfahren, worin die einmaligen Qualitäten des Wolfgang Kraus bestehen, die es rechtfertigen, daß er über so lange Zeit hinweg konkurrenzlos so viel Macht erhält, daß ausgerechnet er zum »pragmatisierten Subventionsempfänger« (Bundesminister Rudolf Scholten über einen Typus, den er nicht mag) wurde und es in den Ruhestand hinein bleibt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 35
Autor/inn/en:

Thomas Rothschild: Geboren 1942, Dr. phil. (Slawistik und Germanistik) an der Universität Wien, seit 1968 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Linguistik (Institut für Literatur- und Sprachwissenschaft) an der Universität Stuttgart. (Sohn von Kurt W. Rothschild). Träger des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik.

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