FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 485/486
Wolfgang René Rosar

Wir brauchen einen Guru

W.R.R., Enkel der Anni, Sohn eines SS-Mannes, der sich vom Dienst im KZ an die Front meldete, wo er alsbald fiel; war Aktivist des Volksbegehrens gegen das Bundesheer, Historiker (Die Deutsche Gemeinschaft, Europa Verlag Wien), Mitarbeiter des ORF (Journal-Moderator; Im Brennpunkt, u.a. über die slowenische Minderheit in Kärnten). Seine nachstehenden Überlegungen erreichten uns aus Mana Pakkam, Indien. Gruß, G.O.

Der weltweiten Nazi-Bewegung fehlt nur noch ein Führer vom Kaliber Hitlers, und sie ist nicht mehr aufzuhalten. Das Bedürfnis nach Hingabe an einen Pseudo-Guru hat inzwischen die internationale Inklination zu Drogen überholt. Die Drogen sind letztlich zu schwach, um sich ihnen bis zum (frühen) Tod hingeben zu können. Die Jugend braucht Vitaleres, um dafür zu sterben: Den großen Zug der Lemminge rund um die Welt, das große Blutbad anrichtend, nach dem die Seele sich als Reinigungsbad sehnt, nach all dem Schmutz und Schund seit Hitlers Selbstmord und dem Sieg der »Just enjoy life«-Idole, welche uns statt der versprochenen Freiheit tiefste Abhängigkeit in Form jedweder Sucht gebracht haben. Ihre Zeit geht zu Ende, der Westen lechzt nach einem Super-Idol, er ist der Ich-Sucht müde, er will Freiheit als Freiwilligkeit, Freiwilligkeit in der Hingabe des Ich an den großen Mann, der »es« bringt, was immer das bedeuten mag, es ist unwichtig, wenn nur das Herz es will — der Verstand ist sowieso am Ende, wie sein Resultat beweist.

Das Argument, die Nazis wären zu dumm, um reüssieren zu können, können wir vergessen. Die Nicht-Nazis mit ihren Lebensstandard-Sorgen sind sind echt noch dümmer, und: Sie sind nicht bereit, für ihre Pseudo-Ideale aufs Schlachtfeld zu gehen. Deshalb sind sie auf jeden Fall entscheidend schwächer. Das einzige, was die Nazis aufhalten kann, ist ein echter Guru, das heißt: ein radikaleres, echteres, natürlicheres System, vollkommene Hingabe statt fast vollkommener, wie sie 99% der Nazis zu leisten nur imstande sind. Das ist in der Tat die einzige Schwäche der Nazis: das große Theater, das die wirklich vollkommene Hingabe ersetzt. Mit dieser Schwäche haben sie den letzten Krieg verloren, in dem die Russen die besseren Soldaten waren, nur weil sie mehr Herz hatten, wahrhaftiger waren in ihrer Hingabe für das heilige Rußland — Stalin war nur ein Symbol, das schwächste. Und hätte Hitler die Russen geworfen und wäre über Stalingrad in Asien eingedrungen, hier wäre Endstation gewesen, siehe Vietnam. Die Atombombe konnte das westlich infizierte Japan mit dem Tenno an der Spitze zur Kapitulation zwingen, nicht das orthodoxe Japan, das niemals aufgeben wird, bis es seinen Fuß auf Amerikas Nacken setzt, und das ist die westliche Führungsmacht. Asien ist unbesiegbar für Soldaten mit Heimaturlaub, Geldsorgen und Familienproblemen, für Soldaten, deren Heldentum zwischen 10 und 99% aus Show besteht. So viele Atombomben kann man gar nicht auf Asien werfen, daß nicht der Westen eher verstrahlt als der asiatische Kämpfer z.B. aus Afghanistan aufgibt.

Sogar die sehr westlichen Araber konnten durch 4 oder 5 vernichtende Niederlagen nicht besiegt werden, sondern befinden sich auf dem Vormarsch Richtung Balkan, während Israel sich zum Kessel der U.S.-Army-Show entwickelt — und bald die Hilfe radikalerer Politiker brauchen wird.

Wenn die Nazis aufgrund eines charismatischen Führers an die Macht kommen, und zur Zeit würden Michael Jackson und Prince auf weiß vereinigt genügen, beginnt der Krieg gegen den Osten und Süden des Planeten in seine ungeschminkte und noch brutalere Phase zu treten. Wir brauchen unsere Rohstoffe gratis, wir brauchen Sklaven, wir brauchen Platz, wir brauchen Ideale und wir brauchen keine Gefahr quantitativer Übermacht. Das Kräfteverhältnis läßt sich in Milliarden Menschen ausdrücken: 1:5. Unsere Liberal-Demokraten werden Umfallen wie ihre vorangegangenen Sozialdemokraten seit 1968. So ein Widerstand kann die Nazis diesmal erst recht nicht aufhalten, wenn sie den Über-Hitler haben, ohne Charlie-Chaplin-Verschnitt.

Aber unterschätzen wir nicht Hitlers Authentizität. Was seine eigene Radikalität angeht, steckt er die meisten seiner Kritiker in die Tasche, die nur kläffen, so lange es nicht gefährlich wird. Die Wahl der Swastika — und es ist die echte, nicht die verkehrte — signalisiert einige (asiatische) Radikalität. Er selbst lebte in jenen protzigen Repräsentationsbauten relativ bescheiden, vegetarisch, trank nicht, rauchte nicht, nahm seine Sache als Guru-Angebot so ernst er konnte, deutete Ich-losigkeit an: »Ich bin der unbekannte Soldat des (1.) WKS, ich bin ein Werkzeug der Vorsehung«, und Zigtausende gaben freiwillig ihr Leben für ihn — und er war doch nicht radikal genug, um wirklich zu siegen bzw. einen Siegfrieden erzwingen zu können — weil eben alles Erzwungene auf schwachen Beinen steht. Der asiatische Kämpfer zwingt sich nicht zur Hingabe an seinen militärischen Führer oder Guru, er #ist# Hingabe, er ist als »Ich« gestorben, bevor er die Waffen ergreift. Eine Ahnung davon erfaßte auch den weißen Soldaten, insbesondere zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Sogar Rilke hob ab (»Seh´ ich dich endlich, Gott ... Kriegsgott« oder so ähnlich), die Uniform macht einem gewissen »Ich« ein Ende und gibt uns komischerweise das Gefühl, frei zu sein. Das ist die Berührung durch das Phänomen »Hingabe«, bei uns zu schwach, um zu dauern. Die ersten nach der Mutter kreischenden sterbenden Jungs machen dem ein Ende. Man will nur mehr »durchkommen«. Nicht so der Guru-Kämpfer in Fernost. Hier geht es um die ganzen 100% und nicht weniger. Die einzige Einschränkung, der auch der orientalische Krieger unterliegt, ist diejenige, daß er sich auf den Krieg festgelegt hat statt nur er selbst zu sein, was die einzige Möglichkeit darstellt, die 100% auch wirklich zu erreichen. Jeder seriöse Guru wird das auch von ihm verlangen und nicht das optimale Funktionieren als Tötungsmaschine. So etwas ist Mißbrauch der Guru-Idee und der westlichen Pseudo-Guru-Masche zu ähnlich, um wiederum gegen die wirklich echten Gurus bestehen zu können, die eher den Weg des Friedens suchen, weil dies der wahren Natur des Menschen entspricht, während der Krieg Sache der Ich-Rolle ist, die den Menschen ins Elend stürzt, von Wiedergeburt zu Wiedergeburt, von einem Nazi-Krieg zum anderen, und immer weiß man erst beim Verrecken, wenn es zu spät ist, daß es wieder mal der falsche Dampfer war, auch wenn er nicht Krieg heißt, sondern Beruf — oder Familie — oder eben »Ich«.

Die spirituelle fernöstliche Tradition setzt die Entstehung des »Ich« im Moment der Schöpfung an, die bereits durch einen handelnden, also »Ich«-Gott zustandekommt, was sich mit der gnostischen Tradition unserer Kultur trifft, die von einem (eigentlich negativ verstandenen) »Demiurgen« spricht, der die Welt und damit das Ich-Übel erschaffen hat.

Die indische Tradition der Vedas spricht in diesem Zusammenhang von »Aham Brahmasmi« (»Ich bin Gott, alles ist Gott, alles ist von Gott«) und nennt dieses System »Gyan« (Gnostik). Letzteres kann jedoch den Ich-Zustand nicht überwinden, wie der oben zitierte Text deutlich macht. Jedenfalls scheint unsere gnostische Tradition, die auch Jesus beeinflußt hat, auf die Vedas zurückzugehen, die von den Indern als ewig »flutende« Texte verstanden werden, die von gewissen Preceptoren, die wie Radioempfänger funktionieren, aufgefangen werden, zuletzt vor ca. 10.000 Jahren, was zur ältesten uns bekannten Niederschrift führte. Das sind die neuesten Schätzungen nach modernsten textkritischen Methoden. Das System geht also weit vor die arische Einwanderung in Indien zurück und ist etwa doppelt so alt wie das jüdisch-biblische, in dem nur noch der Ich-Gott auftritt und wie ein Mensch handelt, ist letzterer doch Ebenbild des ersteren. Es ist ein sozusagen politischer Gott, ein Gott des Krieges und des Gerichts, ein Modell der menschlichen Tragödie, und der gesamte Westen hat sein Werte-System übernommen, ob er sich nun als jüdisch versteht oder nicht. Selbst die religionsfeindlichen »Just-enjoy-life-people«, die sich durch diesen Gott mit seiner moralischen Doktrin gestört fühlen, entwickeln einen religiösen Haß auf ihn, der auf das gleiche hinausläuft. Das ist nicht die Lösung. Die (Er-)Lösung hat Jesus signalisiert, aber auch das ist nicht genug, denn das Ich überlebt hier auch diese, im Himmel oder anderswo (»Auferstehung des Fleisches« — nein danke).

Dieser Gott unserer Kulturentstehung ist gleichsam schon ein degenerierter. Ein Ich wie du und ich, ein Vorbild für unsere eindrucksvolle Ich-Show, die wir am besten mit Alkohol stimulieren, und zufällig finden sich an der Geburts-Stätte dieses Gottes in Mesopotamien und Ägypten die ersten Brauereien. »Der betrunkene Gott« als Vater einer aggressiv-betrunkenen Welt, in der sogar der Erlöser trinkt und einem Tobsuchtsanfall im Tempel zum Opfer fällt, wo ihn die Dealer die Sicherungen kosten.

Wir dürfen uns nicht wundern, daß diese Religion keinen Frieden schaffen kann, sondern Waffen segnet. »Gott mit uns« auf den Koppelschnallen der Landser — das sagt alles. Und wir dürfen uns nicht einbilden, nur weil wir aus der Kirche ausgetreten sind und Gott uns auf die Nerven fällt, daß wir dieses Wertesystem verlassen haben. Solange wir uns als »Ichs« empfinden, geschieht das mit Sicherheit nicht. Jedes Ich ein (unbewußter) Nazi, mag er sich auch als Jude fühlen.

Bis zur letzten Jahrhundertwende wurden die Juden angeblich wegen des Mordes an Jesus verfolgt, dann — mehr oder weniger unbewußt — wegen der Erfindung des Ich-Übel-Gottes (Otto Weininger), dann, seit den 50er Jahren als Elite-Truppe des westlichen Imperialismus, es ging aber immer gegen die besten Ichs, die auf dem Markt waren und sind, weil sie als Konkurrenten zu überlegen operierten. Das Resultat ist Israel, und dieses ist den alten Nazis in der Regel nicht mehr unsympathisch, weil sie die Araber noch mehr hassen. Sie für den Ich-Gott verantwortlich zu machen, ist nur bedingt haltbar. Sie sind ihm selber auf den Leim gegangen (siehe dazu die Science Fiction-Novelle von Thomas Mann »Das Gesetz«).

Das Bündnis mit den Juden war ein Fehler der antifaschistischen Bewegung nach dem 2. Weltkrieg. Wir haben keine Ursache für die Annahme, daß dieses Volk weniger faschistisch ist als unseres, im Gegenteil, von ihm haben wir unseren Faschismus importiert. Völkermord wird in der Bibel (Deuteronomium) empfohlen, daß die Juden Gegenstand und Opfer derartiger Bestrebungen geworden sind, stellt in unserer »Kultur«-Geschichte nichts Außergewöhnliches dar. Der Indianermord war und ist noch grausamer, weil er noch unschuldigere Opfer verlangt. Die Aufregung der Juden über ihre Verfolgung ist extrem gekränkter extremer Ich-Stolz, das ist alles, und sich gerade auf ihre Seite zu stellen statt auf die Seite des zu erschaffenden Nicht-Ichs ist hinsichtlich einer Alternative zum permanenten und gegenwärtigen Völkermord kontraproduktiv.

Es war auch ein Fehler der Antifaschisten, ausgerechnet den Marxismus zum Bündnispartner zu erwählen, der nur das andere Ende des gleichen Stabes war, den man dann auf unserem Kopf zerbrochen hat. Und es war ein Fehler des Antifaschismus, sich schließlich dem hedonistischen pseudo-liberalen »Just enjoy life«-System auszuliefern, nur weil dieses anti-idealistisch ist und Immunität gegen Nazi-Idealismus verspricht. Es führt nur zum Extrem der Ich-(Konsum)-Sucht, und das Angebot des Faschismus ist für den großen, ungezügelten weißen Mann ein gefundenes Fressen, um sich optimal auf der großen Bühne der Geschichte verewigen zu wollen. Diese stellt sich freilich als Friedhof heraus, wo die Inschriften auf den Grabsteinen verwittern. Antifaschismus im wahren Sinn des Wortes muß an der Wurzel ansetzen, und diese ist das Ich bzw. der Ich-Gott, der sich als Degeneration vom Urgott abgespalten hat, der kein Bewußtsein hat und »nicht einmal weiß, wer er ist« (so ein ind. Guru). Dieser Ur-Gott läuft offenbar auf nichts hinaus, auf nichts, das zugleich alles ist, ewig, allmächtig, unlimitiert in jeder Hinsicht, jenseits unserer Verstandesgrenze, die alles, was nicht Ich ist, nur noch verspotten kann wie Jesus Christus am Ende seiner Laufbahn. Es ist dies ein Gott, dem Religion sich nicht nähern kann. Es ist ein Gott der Spiritualität. Und Spiritualität verhält sich zu Religiosität wie Weltall zu Studierzimmer oder Sein zu Krankheit. Aber man will es in einen Topf werfen und sonst nichts hören. Das irritiert zu sehr. Das ist irrational. Und das der jetzige (Nazi)-Zustand der Welt das Resultat der Rationalität ist, ist vorübergehend. Jawohl.

Was soll der Verstand vor der Realität des Alls? Wenn wir Einstein lesen, können wir seine Formel e=mc2# nicht nicht mehr ganz ernst nehmen — er tut das nämlich offenbar auch nicht. Er wird da so komisch unsachlich und assoziativ, kommt auf Spirituelles und dergleichen, war wohl schon ein bißchen senil, als er seine Erinnerungen schrieb. Seine Nachfolger teilen die Teilchen des Atoms unterdessen weiter, nach den Elektronen, Neutronen und Protonen kommen sie zu den »Quarks«, und nachdem sie auch die Quarks geteilt haben, kommen sie zu den »Tohus« und »Wabohus«, was einer Selbst-Denunziation schon ziemlich nahe kommt. Es fehlt nur noch die weitere Teilung in »cheats« und »fakes«, doch hier wird den Ereignissen vorgegriffen, wenn auch nicht ganz.

Die Zwischenräume (das »nichts«) werden immer »größer«, ohne jemals physikalisch verifizierbar zu sein, weil ständig neue Kleinstteilchen darin entdeckt werden. Die Materie besteht offenbar tatsächlich zugleich aus nichts. Das Gegenstandspaar »etwas« und »nichts« verliert sich in Unbestimmbarem. Man ist Gott auf der Spur, »spürt« ihn physikalisch. Spitzenatomphysiker treffen in Seminaren mit Spitzenvertretern asiatischer Spiritualität zusammen. Die Dualität löst sich auf. Die Grenze des Weltraums muß es geben, aber dahinter kommt immer noch »etwas«, was wir nur noch provisorisch »nichts« nennen können.

Ähnlich ergeht es der Avantgarde der Seelenforschung. Die Seele stellt sich als unendliches »Gebiet« heraus, nicht nur als »weites Land« (Schnitzler), wie zur Zeit Freuds, als man nur auf die Kindheit zurückgriff. Hinter den Ursachen ihrer Störungen stehen immer noch »tiefere« Ursachen. Nach der pränatalen Phase ist die Entdeckung der prä-existentiellen Phase fällig. Dann vereinigt sich die Psychologie mit der hinduistischen Seelenlehre: die Wurzeln des Ich befinden sich in der Seele, die seit der Schöpfung einen »Verdichtungs-« und »Vergröberungsprozeß« durchmacht, der im Ich landet. Das Ich wird also prozessual verstanden, was die Entwicklung zurück zu Gott offenläßt. Im Westen entsteht zur Zeit spirituelle Psychiatrie, getragen von der Avantgarde der Seelenforschung in der Schweiz.

Die klassische deutsche Philosophie (Kant, vor allem Schopenhauer) »entdeckt« den Hinduismus für Europa. Es ist die Konsequenz aus dem »Ding an sich« Kants oder der Idee der Unmittelbarkeit bei Hegel, welche nach dem »Ich an sich« verlangen. Nietzsche schließlich läßt sich so voll wie möglich auf die Sache ein, verirrt sich in die Bestie, kommt aber plötzlich d’rauf, daß er selbst Gott ist, und landet in der Psychiatrie. Die Zeit war noch nicht reif für solche Konsequenz. Die Zeit ging nur bis zur Bestie mit und brachte Hitler, der aus dieser Richtung auch das Hakenkreuz bezog.

Unser Verstand kapituliert vor der letzten Wahrheit und Ewigkeit, wo Zeit, Raum und Kausalität nicht mehr relevant sind, denn ohne diese Kategorien wird auch er zu nichts. Er will Gott »verstehen« und kann es nicht. Das ist der Moment der Kurzschluß-Gefahr, des individuellen Tobsuchts-Anfalls oder des kollektiven Kriegs-Wahns. Der normale Weiße (Weisse) zieht selbst diese Option der Hingabe an Gott selbst vor. Lieber ein Pseudo-Guru, der uns nach Stalingrad führt, wenn er sich nicht humanerweise statt dessen selbst kreuzigen läßt, als ein spiritueller Guru aus Indien, der ganz einfach ein fake sein muß, sonst hätte sich die weiße Rasse von Anfang an geirrt. Daß der Verstand selbst der Schmäh ist und nicht (der lebende) Gott, übersteigt seine Kapazität, was ja logisch ist. Der alte Nazi »Ich-Verstand« gibt nicht auf, und so kommen immer neue, und die neuesten hält nichts mehr auf, wenn sie erst ihren Guru haben, der statt dem nichts den Heldentod anbietet.

Bei dem Begriff Guru wird unserem Bewußtsein schlecht, bei Spiritualität riechen wir Weihrauch, bei Ich-Aufgabe denken wir an die Psychiatrie und bei Hingabe, Selbstaufopferung, Überantwortung wittern wir Versklavung. Uns ist nicht zu helfen. Unsere Freiheits-Sucht hat uns, seit unsere Geschichte läuft, zu Sklaven derselben gemacht, wir aber schreiben füreinander Bücher, in denen wir uns und einander zum Freiheits-Level der weißen Rasse gratulieren. Das genügt, um glücklich zu sein? Wohl kaum. Die Hälfte aller Ehen wird geschieden, die andere Hälfte ist kaum gut zu nennen; Kindern ist diese Welt nicht mehr zuzumuten, 99 Prozent trinken, um durchzuhalten, der Rest nimmt bessere Drogen oder beides, und die Nazis kommen zurück. Zu denken gibt uns das nicht, denn wir haben keine Zeit dazu. Der Streß des Just-enjoy-life ist zu groß. Von der sogenannten Umwelt soll hier ausnahmsweise nicht die Rede sein, weil wir wach bleiben wollen um weiterzulesen.

Komischerweise geht es den Leuten in den ärmeren Ländern psychisch besser, das können wir bei unseren Urlauben feststellen, doch das ist nur, weil sie nicht wissen, wie schlecht es ihnen eigentlich geht (was uns nie passieren würde, wir sind auf Urlaub, um zu vergessen). Wir bleiben auf dem Laufenden, sehen uns die Nachrichten an, das sind wir gewöhnt. Gott sei Dank ist alles (bis auf ein paar allerdings unangenehme Kleinigkeiten) ziemlich fern. Wir checken’s schon. Dafür haben wir schließlich unsere Leben geopfert, damit wir was lernen. Die anderen sind halt leider ein bißchen dumm. Wir werden ihnen schon noch beibringen, wie man’s checkt. Jawohl.

Die vorliegenden Gedanken richten sich an jene 0,0001 % der selbstkritischen Intellektuellen, die sogar ihren Intellekt zur Diskussion zu stellen imstande sind, also an die absolute Elite der ohnehin schon elitären Zivilisationsgemeinschaft, und fragen diese Zielgruppe, ob sie nicht doch auch diese Mißgeburt von Ich zur Diskussion stellen könnte. Denn: Die eigene Logik weist nach, daß es in diesem Rahmen kein Entkommen gibt. Wir setzen einmal annahmemäßig voraus, wir würden einen Ich-»Verlust« in Kauf nehmen. Die Frage, was wir für diesen Verkauf bekommen, sollte sich schon in obigem beantwortet haben: nichts. Darum geht es. Wir operieren seit 5000 Jahren mit »etwas« (= Ich), der Erfolg ist nicht befriedigend, wir sollten also logischerweise versuchen, das »nichts« zu akzeptieren, wobei die Logik, die am Ich hängt, natürlich auf der Strecke bleiben muß. Wir gehen vor diese 5000 Jahre zurück, und zwar ermeßlich weiter, bis wir zum Schöpfungsakt kommen, wo die Voraussetzungen für das Ich geschaffen werden, und passieren auch dieses Stadium im Rückwärtsgang, bis wir zum Ur-Gott, das heißt zum Nicht-Ich, zum »nichts« kommen. Dort ist noch alles heil, und um dieses Heil geht es, solange es sich nicht auch in nichts auflöst, womit wir nichts anfangen können. Die Frage, ob wir das überhaupt sollen, lassen wir dahingestellt.

Wir lassen am besten den ganzen Nichts-Bereich in Ruhe, Gott ist nicht ansprechbar, es gibt ihn nur als nichts. Bevor es nun zu schwierig wird, nehmen wir eine Konstruktion zu Hilfe, die Gott selbst »sich hat einfallen lassen, um uns zu ihm (zurück) zu helfen«. Das ist der Guru.

Der Guru wird sozusagen, und das steht alles gleichsam unter Anführungszeichen, weil es vom Abstrakten ins Konkrete übersetzt wird (bzw. nach Heintel umgekehrt), der Guru also wird direkt von Gott in die Menschheit geschickt, um zu übersetzen und zu transmissionieren. Dies geschieht in der Weise, daß sich ein Mensch dazu imstande sieht, sich vollkommen an Gott hinzugeben, was schwierig ist, denn es handelt sich ja um nichts. Deshalb geschieht der Vorgang äußerst selten. Die vollkommene Hingabe an Gott bedeutet Erreichen der Ich-losigkeit, was wiederum Gott-Sein bedeutet, der auf diese Weise als Gott und Mensch zugleich unter uns als Guru lebt.

Der Guru hat die Aufgabe, als Modell für Gott-Sucher zu wirken, denen er außerdem als eine Art Medium zwischen Gott und Mensch die Kraft überleitet, diese Suche erfolgreich durchzuführen. Erfolg bedeutet in diesem Sinn Ich-Verlust und Vereinigung mit Gott. Das Mittel dazu ist die völlige Hingabe an den Guru, weil man das mit Gott selbst kaum machen kann. Das Mittel für die Hingabe ist Liebe zum Guru, den man auf Grund seiner Ichlosigkeit so sympathisch findet, daß daraus Liebe wird. Das Mittel für die Entstehung dieser Liebe ist ständige geistige Beschäftigung mit ihm als Phänomen, das den Verstand auf Grund von Unverständlichkeit in Bewegung setzt, bis »das Herz« diese Aktivität übernimmt und eben — liebt. Um zunächst den Verstand anzusprechen genügt eine Information wie die vorliegende. Der Verstand als Werkzeug des Ich bleibt dann wie gesagt auf der Strecke, wenn der Guru-Schüler erfolgreich ist.

Aufschrei der logisch-rational erzogenen intellektuellen Schar: nie und nimmermehr! Darf ich Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, daran erinnern, daß unsere Verstandeswelt eigentlich schon im Koma liegt? Oder sind Sie so verstandes-fixiert, daß Sie nicht merken, daß Sie es sind, die nicht wissen wollen, wie schlecht es Ihnen geht, nicht die Inder, sonst würden Sie diese auf Ihrem Urlaub gar nicht sehen, Urlaub vom Verstandesleben, von der täglichen sinnlosen Tretmühle, oder, was schlimmer ist, vom täglichen sinnlosen Stau in jeder Hinsicht. Haben Sie Ihre Tabletten schon genommen? Genehmigen Sie sich ein Schlückchen dazu, ich meine es gut mit Ihnen.

Die Alternative ist beinhart. Diese »Realität«, oder eine andere, wo das Ich nichts mehr verloren hat außer sich selbst. Und es ist bei Gott nicht einfach, letztere zu erreichen. Allein ist es nicht zu schaffen, es sei denn, Sie sind selber Guru, Frau Doktor. Ich meine, echter Guru (= Gott). Nicht das, was Sie meinen, für Ihre Patienten, Klienten, Studenten, Leser, Geldbringer zu sein. Wenn Sie nicht selber Gott (= nichts) sind, was man ruhig mal annehmen kann, haben Sie alleine keine Chance, glauben Sie mir, oder versuchen Sie es, und schreiben Sie mir von der Baumgartner Höhe!

Zurück zu den Nazis, die nichts weiter sind als konsequente Ichs. Sie sind stärker als wir, weil sie eher bereit sind, sich und ihr Leben hinzugeben, auch wenn sie noch so dumm sein sollten, das ist hier ohne Bedeutung. Wenn wir keine Nazis (sein) wollen, ihren Sieg verhindern wollen, müssen wir sie in der Qualität der Hingabe (-bereitschaft) übertreffen, müssen wir radikaler sein als sie, ja sogar radikaler als ihre asiatischen Pendants, gegen die sie keine Chance haben. Wir schaffen das nicht alleine, wir schon gar nicht, wir Intellektuelle, mit unserer Spezial-(Ich)-Bildung, wir brauchen einen Guru. Und wahrscheinlich müssen wir ihn dort suchen, wo die alte und älteste Tradition und Transmission zu Hause ist, und nicht im Lande des grausamen Judengottes, den es zu regenerieren gilt, wie Jesus das versucht und mit dem Martertod bezahlt hat. Ist sein Beispiel wirklich so nachahmenswert? Wir quälen uns in diesem Leben tatsächlich zu Tode, höchstens betäubt durch Drogen aller Art: Beruf, Sex, Konsum, soziale Geltung, Geld, Drogen, Hobbies, Sport, Kultur, »Liebe«, die komischerweise immer mehr weh als gut tut, etc. Und sogar Jesus scheint das gebraucht zu haben, was seiner Leistung keinen Abbruch tut — nur: Ist er wirklich das ideale Vorbild als ideales Ich? Und sind wir als Jesus-Gegner nicht ebenso religiös, weil wir das religiöse Wertesystem eben so ernst nehmen, daß wir Jesus Verrat vorwerfen, von der Kirche ganz zu schweigen?

Das Angebot ist vorhanden und sein Name ist Spiritualität. Die Logik, die nach Spiritualität verlangt, ist widersprüchlich, das ist evident. Aber sie ist nicht widersprüchlicher als beispielsweise die Logik unseres Geldsystems, in dem jeder Staat größere Schulden hat, als er jemals zurückzahlen kann, wobei die Gläubiger-Staaten unter ihrer eigenen Schuldenlast zusammenbrechen. Von den privaten Verschuldungen soll geschwiegen sein, das weckt zu unangenehme Assoziationen. Dies akzeptieren wir als notwendiges (hoffentlich vorläufiges) Übel, jenes perhorriszieren wir als Gefahr für unsere Unabhängigkeit — und wo ist da die Logik?

Der Verfasser des vorliegenden Textes erklärt sich jedenfalls bereit, das erwähnte Angebot im Nachfrage-Fall um die Dimension eines konkreten, lebenden Gurus zu erweitern, welchen seinen eigenen Guru zu nennen er die Ehre und das Vergnügen hat.

Er hat hier soeben bereits gesprochen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1994
No. 485/486, Seite 59
Autor/inn/en:

Wolfgang René Rosar:

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