FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 485/486
Michael Häupl

Wien auf dem Weg zur Umweltmusterstadt

M.H. ist, außer Landesparteivorsitzender der SPÖ Wien und FORVM-Autor, auch Wiener Umweltstadtrat — aus diesem Bereich seiner Engagements berichtet er hier. -Red.

Wien hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt um das Jahr 2000 unter den Großstädten der Welt gleichsam als die »Umweltmusterstadt« zu gelten.

Dieses Ziel ist keineswegs so utopisch, wie es klingen mag. Denn der Umweltgedanke und die damit verbundenen Umweltprozesse ziehen sich bereits seit geraumer Zeit wie ein roter Faden durch die Arbeit der Wiener Stadtverwaltung. Daß der eingeschlagene Weg stimmt, zeigt die Vielfalt der Wiener Umweltinitiativen. Von den »kleinen Dingen«, wie dem Salzstreuverbot zum Schutz der Bäume, bis zu langfristigen Milliardenprogrammen, wie jenem zur Luftreinhaltung und der Versorgung mit reinem Quellwasser.

Städtische Umweltpolitik, also eine Politik der Stadtökologie, gehört zu den Grundprinzipien kommunaler Entwicklungspolitik. Im Rahmen der umweltpolitischen Arbeit stehen zwei Aufgabenbereiche im Vordergrund: einerseits der »reparierende Umweltschutz«, wobei die Stadt Wien bereits bedeutende Leistungen zur Verbesserung der Luftqualität vollbracht hat, andererseits der »prophylaktische Umweltschutz«, die Verhinderung oder zumindest weitestgehende Verminderung neuer Umweltbelastungen.

Die unzweifelhaft bestehende Asymmetrie zwischen Sanierung und Vorsorge gilt es nicht nur zu beseitigen, sondern deutlich zugunsten der Vermeidung ökologischer Schädigungen zu verlagern. Zweifelsohne ist städtische Umweltpolitik nur ein kleines, aber bedeutendes Mosaiksteinchen im breiten Feld der globalen Umweltproblematik. Schließlich sind Städte auch Ballungszentren von Umweltbelastungen.

Und das sind die Schwerpunkte der Umweltpolitik für Wien:

Angesichts der Tatsache eines ungebrochenen jährlichen Anwachsens eines ohnehin in die Millionen Tonnen gehenden österreichischen Müllberges, ist die Vermeidung von Müll keine Vision des nächsten Jahrtausends, sondern sowohl eine ökologische als auch eine ökonomische Notwendigkeit von tagespolitischer Aktualität.

Die aus der Vision der »ökologischen Kreislaufwirtschaft« resultierende klare Prioritätensetzung einer modernen Abfallwirtschaft setzt voraus, daß umweltschädigende Produktionsprozesse und Verhaltensweisen durch umweltverträglichere zu ersetzen sind.

In Ergänzung zum klaren Bekenntnis und zum festen politischen Wollen der Abfallvermeidung und Abfallverwertung, hat auch das klare Bekenntnis zur Entsorgungssicherheit der Stadt zu stehen.

Das gut ausgebaute System von derzeit 18 Mistplätzen, 37 Problemstoffsammelstellen und 1319 Altstoffzentren für die getrennte Sammlung von Altstoffen wie Papier, Glas, Metalle, Textilien, Problemstoffe und Sperrmüll, sowie das Projekt »Biotonne« zur Sammlung von vegetabilischen Abfällen, welches es ermöglicht, daß rund 36 Prozent des Wiener Hausmülls einer Wiederverwertung zugeführt werden, ist ein Beweis dafür, daß Abfallvermeidung und Wiederverwertung in Wien keine Schlagworte sind.

Die Wiener Luftsituation hat sich in den letzten Jahren bedeutend verbessert. So haben z.B. die Belastungen durch Schwefeldioxid und Staub beträchtlich abgenommen. Großen Anteil daran haben — die auch international sehr beachteten — Luftreinhaltemaßnahmen im Bereich der Wiener Kraftwerke und Müllverbrennungsanlagen sowie der forcierte Ausbau der umweltfreundlichen, leitungsgebundenen Energie.

Trotzdem besitzt noch immer ein großer Prozentsatz an Wiener Wohnungen Einzelofenheizungen und macht damit den Hausbrand zu einem der größten stadtökologischen Probleme. Es ist notwendig, daß diese Einzelfeuerungen auf umweltfreundliche Brennstoffe und Öfen umgestellt werden.

Vor allem aber soll die Fernwärme durch Ausbau des Versorgungsnetzes und finanziell günstige Anschlußbedingungen für Haushalte und Betriebe noch attraktiver gemacht werden.

Stickoxide und Ozon sind die beiden Schadstoffgruppen, die uns am meisten Probleme bereiten. Diese Schadstoffe sind überwiegend auf den Kraftfahrzeugverkehr zurückzuführen, der nach wie vor der »Luftverschmutzer Nummer Eins« ist.

Untersuchungsergebnisse lassen ein interessantes Phänomen erkennen: Einerseits wird von der Bevölkerung sehr wohl erkannt, daß der KFZ-Verkehr die Luft — und somit die Lebensqualität — beeinträchtigt, andererseits ist aber der größte Teil der Bevölkerung offensichtlich nicht bereit, auf das Auto zu verzichten.

Wenn auch in Wien bereits einige Maßnahmen zur Linderung der negativen Verkehrsauswirkungen gesetzt wurden, z.B. Nachtfahrverbot für LKW oder Tempo-30-Zonen, wird eine wirkliche Verbesserung der Luftsituation nur durch weitere gezielte Maßnahmen zur Reduzierung der Schadstoffe aus dem KFZ-Verkehr, u.a. durch eine Forcierung des Katalysators, erreicht werden können. Weiters wird es unumgänglich sein, Maßnahmen gegen den Schadstoffeintrag durch Zweitaktmotoren zu setzen.

Eines der Hauptziele der Wiener Umweltpolitik ist, eine Luftqualität zu schaffen, die mit Sicherheit Gesundheitsschäden durch Luftverunreinigung ausschließt. Mittels eines Computerprogrammes, das in Zusammenarbeit mit der TU-Wien erstellt wurde, kann eine Schadstoffverteilung über Wien berechnet werden, wobei durch das Luftmeßnetz das gesamte Wiener Stadtgebiet erfaßt wird.

Wien ist die einzige Millionenstadt der Welt, deren Bevölkerung in Normalzeiten praktisch ausschließlich mit Gebirgsquellwasser versorgt werden kann. Die Grundwasserwerke dienen nur als Reserve für Perioden extremer Trockenheit. Die Versorgung der Wiener Bevölkerung mit erstklassigem Hochquellwasser ist nach wie vor ein Hauptanliegen. Am Ausbau der öffentlichen Wasserversorgung und an der Erneuerung des alten Wasserrohrnetzes wird daher ständig gearbeitet, um Wasserverluste zu vermeiden. Durch derzeit laufende Milliardenprogramme — Ausbau der Entlastungskanäle, Umbau alter Kanäle, Anschluß der restlichen Haushalte an das öffentliche Kanalnetz — wird sichergestellt, daß keine ungeklärten Abwässer mehr in Donau und Donaukanal gelangen.

Wien ist eine der grünsten Großstädte Europas. Grünflächen und Erholungsräume bilden in Wien die Hälfte des Stadtgebietes. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen dem Stadtzentrum und dem Stadtrand. Gerade in den dichtbebauten Stadtgebieten mangelt es noch manchmal an nahen Erholungsflächen.

Zum Grünprogramm der Stadt Wien gehören natürlich auch Maßnahmen für die Bäume. Das reicht von den Aktivitäten zur weiteren Verbesserung der Luftqualität bis zu Baumsanierungsprogrammen, der Gestaltung neuer Alleen und dem Pflanzen neuer Bäume.

Das Sanierungsprogramm für die Ringstraßenallee wurde bereits abgeschlossen.

Die großen Parkanlagen, wie etwa der Donaupark oder der Kurpark Oberlaa, die Erholungsgebiete des Laaer Waldes, des Lainzer Tiergartens, der Lobau, des Praters und des Wienerwaldes bilden die »grüne Lunge« für unsere Stadt.

Dieser Überblick über die Umweltschutzmaßnahmen in Wien zeigt, daß das gesteckte Ziel der »Umweltmusterstadt« nicht zu hoch ist.

Umweltpolitik ist jedoch nicht Sache weniger Experten eines Arbeitsbereiches in der Stadtverwaltung. Sie ist die Aufgabe jedes einzelnen engagierten Bürgers sowie der gesamten öffentlichen Verwaltung. Wissenschaftler, Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen waren und sind wichtige Partner bei der Gestaltung der Umwelt in Wien.

Es ist unsere Aufgabe, solche Gruppierungen verstärkt in die Planung und Entscheidungsfindung einzubeziehen und der Öffentlichkeit alle für eine solche aktive Rolle erforderlichen Informationen zur Verfügung zu stellen.

Die Partnerschaft mit umweltbewußten Bürgern wird dort leichter und erfolgreicher sein, wo durch verstärkte Dezentralisierung der Mitbestimmungsprozeß überschaubare Bereiche betrifft. Weit mehr noch als heute wird es in Zukunft nötig sein, der Bevölkerung bewußt zu machen, wie sehr jeder in seinem persönlichen Handeln zur Verbesserung der Umweltsituation beitragen kann.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1994
No. 485/486, Seite 23
Autor/inn/en:

Michael Häupl:

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