FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 495

Was Euch fehlt

Jörg Haider hat mir schon mit seinem Wahlplakat zu verstehen gegeben, daß die Freiheit der Freiheitlichen nicht die meine sein wird:

Sein Blick — nach oben in die unendliche Zukunft gerichtet, die ich wegen meiner Krankheit nie erleben werde; sein Gesicht — das nicht mehr ganz jung ist, aber trotzdem ewige Gesundheit und dadurch ewige Jugend verspricht; die Diagonallinien des F, die dynamisch in die Höhe weisen — das Parteilogo für Freiheit.

Mit diesem Bild der „ewigen Gesundheit“ kann ich nicht konkurrieren. Mein Körper ist abgemagert, bis auf die Knochen; die Haare „gehn“ mit aus, meine Fingernägel werden weich. Die einzigen farbigen Punkte, die auf meiner früh ergraut-grünlichen Haut auftauchen, sind Kaposi Sarkome, die nicht Leben, sondern Tod symbolisieren.

Ich passe sicher nicht mehr in das Bild dieser „sauberen gesunden österreichischen Gemeinschaft“.

Aber die Einstellung der öffentlichen Meinung gegenüber HIV-Positiven oder AIDS-Kran-ken war nie so, daß sich die Betroffenen in einer gesellschaftlichen Gemeinschaft hätten geborgen fühlen können. Sie werden im besten Fall von der Restgesellschaft bemitleidet — als Symbole für körperlichen und sozialen Tod.

Ich stelle die Hypothese auf, daß dieses Mitleid nicht dem zu Bemitleidenden gilt, sondern dem Mitleidenden selbst. Er oder Sie leidet darunter, daß es AIDS gibt, daß diese schwer übertragbare Infektionskrankheit meist nur dann übertragen wird, wenn sich Menschen am nächsten sind — nämlich beim Sexualkontakt. Er oder Sie leidet darunter, daß es nicht nur Krebs, sondern auch die Krankheit AIDS gibt, die den durch die Schulmedizin und Medien propagierten Glauben an eine „ewige Gesundheit“ zerstört. Von meiner Lebensgeschichte her ist es für mich unbegreiflich, daß manche Mitmenschen so tun, als ob Krankheit und Tod nicht existieren würden. Denn mich begleitet meine Todesvorstellung schon seit 10 Jahren.

Elisabeth Kmölniger

Ich betone, daß Schlagworte wie ALTERSSCHWÄCHE, AIDS, KREBS, UNHEILBARE KRANKHEIT MIT TÖDLICHEM AUSGANG nicht Isolation, alleine sein, nutzlos sein, nicht mehr funktionieren können, symbolisieren müßten, wenn sich nicht nur kranke, sondern auch gesunde Menschen mit ihrer Todesangst auseinandersetzen würden und somit auf totgeweihte Menschen offen zugehen könnten.

Aber die Mehrheit der österreichischen Wahlberechtigten hat das Bild gewählt, das Krankheit und Tod ausschließt — ein Bild unseres Zeitgeistes.

Ich erinnere mich an ein Theaterstück, das die Gedanken eines HIV-Positiven, die ihn am Schlafen hindern, auf die Bühne gebracht hat. Dieses Ringen der Hauptfigur dieses Stückes mit ihrer Todesangst, diese ehrliche und konsequente Auseinandersetzung mit ihrer Lebensangst, die sie wieder ins Leben zurückholt, weil sie ihre Angst so zergliedert, daß sie sie genau bestimmen kann. Diese Bilder waren so beeindruckend für mich, daß ich als Zuseher ebenfalls wieder meine Lebensenergie fand. Was zurückbleibt, ist Furcht vor bestimmten Situationen. Aber wenn ich meine Furcht bestimmen kann und ich nicht in einer diffusen Angst dahinvegetieren muß, die so lähmend sein kann, daß sie mich am Erleben meines Lebens hindert, kann ich mein Leben bis zu meinem körperlichen Tod mitbestimmen und somit für mich als lebenswert erleben. Diese Theaterarbeit machte sichtbar, öffentlich, faßbar, was für mich unsagbar, privat und chaotisch war. Deshalb werde ich das Theaterstück „Die Nachtgedanken des H. K. “ nie vergessen, dessen Premiere am 13. April 1995 im H.O.M.E. (ehemals Graumanntheater) stattfand. H. K. sehe ich als Sprachrohr, der sein Recht auf Leben als Antiheld verteidigt. Das KONTAKTIERTHEATER hat mit seinem Projekt Menschen, die sich durch die Thematik betroffen fühlen, aufgerufen, sich selbst und ihr Recht auf Leben in dieser Gesellschaft mit ähnlichen Projekten zu vertreten. Ich kann jetzt nicht mehr öffentlich allgemein bleiben, sondern ich sehe mich gezwungen, meine privaten individuellen Ansichten zu beschreiben.

Ich erkannte plötzlich, daß ich mich als Träger des HI-Virus nicht „minderheitlich“ fühlen muß. Sondern meine AIDS-Krankheit hat mir nur die Augen geöffnet, daß mein Leben, wie jedes andere Leben, endlich ist. Meine Beziehungskrisen, meine Ängste, im Berufsleben zu versagen, die Angst von Mitmenschen verachtet und verlassen zu werden, sah ich zunächst einmal durch meine HIV-Infektion bedingt. Aber diese Ängste wurden vermutlich durch meine Infektionskrankheit nur verstärkt. Inzwischen sehe ich diese Ängste als Grundängste eines jeden Menschen. Die Frage ist nur, wie jeder Einzelne damit umgeht.

Wir leben nun in einer Zeit, in der verschiedene Menschen ihr Heil in einer Volksgemeinschaft, die sich über die Ausgrenzung von Gruppierungen definiert und sie somit zu entrechten versucht, wissen wollen. Doch wir dürfen nicht vergessen, daß es in Österreich durch die verschiedensten Gruppierungen, von deren Bestehen die kulturelle Entwicklung Österreichs abhängt, nur eine Gemeinschaft geben kann, in der die Mitglieder versuchen, den Anderen und dessen Recht auf sein Leben zu schützen.

Wir leben in einer schwierigen Zeit, da die Aufteilungen der Welt sich im Wandel befinden und teilweise nicht mehr zu überblicken sind. Sicherlich sind die Rollen des Individuums in der Gesellschaft, seine Pflichten und Bedürfnisse, die Überlegung, was ihm und dem Staat gehört, wieder in Frage gestellt. Aber genau deshalb sollte sich jeder Mensch, gleich wie die Bühnenfigur H. K., die Frage stellen, warum er sein Leben hat und woran er es messen kann.

Da wir in einer Zeit der Intoleranz leben, unterschreibe ich nicht mit meinem Namen, sondern mit dem Namen der Bühnenfigur.

H. K.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1995
No. 495, Seite 30
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