FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 487-492
Robert Schlesinger

Vom Herrschaftsnutzen langer Wörter

Kleine Grammatikkunde für Patriarchatsüberdrüssige

Gewiß: Daß alle Fortschritte auf dem Wege zur Gleichberechtigung der Frauen das gewünschte Resultat — also die Überwindung des Patriarchats — noch nicht erbracht haben, mag man — je nach Temperament — zum Anlaß für Wut, Ungeduld oder Verzagnis nehmen. Allzu viele der Wütenden, Ungeduldigen und Verzagten nehmen es freilich zum Anlaß, für ihren Hader mit der Gesellschaft Rache an der Sprache zu nehmen und diese zu verhunzen. Das löst das erste Problem nicht und schafft ein zweites.

Zur Demokratisierung der deutschen Grammatik benötigt, wer sich für fortschrittlich hält und nicht davor zurückscheut, sich als ahnungslos zu entlarven, das große I und den Schrägstrich. Zunächst rückt er damit den Pluralformen zu Leibe, sind sie doch in Mißachtung der Frauen auch dann maskulin, wenn beide Geschlechter gemeint sind; aus Österreichern macht er also ÖsterreicherInnen oder Österreicher/innen. Als nächstes geht es der Umschreibung jener Passivkonstruktionen, bei denen der Urheber im Dunkeln bleibt, an den Kragen: »Man« klingt wie »Mann«, deshalb wird daraus »man/frau«, gelegentlich nur »frau« oder aber »mensch«. Bei Verallgemeinerungen wird auch der Singular geschlechtsneutralisiert, zum Beispiel »ein/e« oder »jede/r ÖsterreicherIn«, und schon ist das Deutsche der Vorherrschaft der Männer entrissen. So einfach geht das.

Nun, es besteht kein Zweifel daran, daß patriarchalische Gesellschaften ebensolche Sprachen ersinnen. Und die Sprache prägt das Bewußtsein; allerdings nur, solange dies unbemerkt geschieht. Jeder Versuch, die Sprache zu verändern, um die Menschen zu erziehen, wird als die Zumutung verstanden, das Denken Ge- und Verboten zu unterwerfen; wer diese nicht entrüstet zurückweist, geht nur zum Schein darauf ein, um einen Vorteil oder seine Ruhe zu haben. Sogar die Nazis haben es gelernt, »Meinungsfreiheit« zu sagen, wenn sie »Auschwitz-Lüge« meinen. Nein, um die Überzeugungsarbeit kann man sich nicht drücken, indem man sich zur Sprachpolizei aufschwingt. Am Anfang war die Weltanschauung; dann erst kam das Wort. Oder glaubt jemand, ein paar gerissene Finsterlinge hätten eine vom Maskulinum dominierte Grammatik entworfen und so das Patriarchat begründet? Auch zur Befreiung von dessen Last wird sich ein ähnliches Vorgehen schwerlich als geeignet erweisen.

Von derlei grundsätzlichen Erwägungen abgesehen: Die Grenzen des Sprachverständnisses der Reformeiferer (denn sie vertreten ihre Ideen zumeist mit geradezu religiöser Inbrunst) sind ungewöhnlich eng gezogen. Das zeigt schon der unglückliche kleingeschriebene »mensch«. Als ob damit gegenüber »man« auch nur das Geringste gewonnen wäre! Oder zählt es etwa nicht zu den störendsten frauenfeindlichen Eigenschaften der Sprache, daß »der Mensch« männlich ist?

Die naheliegende Entdeckung, daß sich — ebenso wie an »man« — an »jemand« maskuline Assoziationen knüpfen lassen, ist offenbar bisher ausgeblieben. Wie lösen wir das Problem? Konsequenterweise wohl, indem wir hinkünftig »jemand/jefraud« schreiben (und auch sagen) — oder vielleicht doch lieber »jemenschd«?

Das substantivische Interrogativpronomen »wer« ist zweifellos eine männliche Form, steckt doch »er« darin. Als Ergänzung kennt das Deutsche jedoch nur »was« für das Neutrum. Eine weibliche Form existiert nicht, und man muß nach Frauen wie nach Männern »wer« fragen. Was raten die patriarchatsüberdrüssigen Sprachveränderer? Haben sie etwa das Wort »wsie« erfunden? Haben sie sich überhaupt schon nach den Fragefürwörtern gefragt? Mitnichten! (Geschlechtsneutral: Mitnichten und -neffen!) Es steht zu befürchten, daß sie nicht einmal ahnen, was ein substantivisches Interrogativpronomen eigentlich sein könnte.

Übrigens gibt es auch einen — angesichts der sonst sehr strikten Dominanz des Maskulinums im Deutschen erstaunlichen — umgekehrten Fall: Das Personal- und das Possessivpronomen der dritten Person Plural sind weibliche Formen, die für alle drei Geschlechter Geltung besitzen: »Sie bauen ihr Haus um«, so heißt es, und damit ist die ganze Familie gemeint. Eine »fortschrittliche« Version, etwa »Sie/Er bauen ihr/sein Haus um«, ist mir noch nie untergekommen.

In »herrlich« steckt »Herr«. Das wäre an sich aussagekräftig genug; aber zu allem Überfluß gibt es ein weibliches Pendant, das sich von der »Dame« ableitet: »dämlich«! (Unnötig zu sagen, daß der fürwahr niederträchtige Zusammenhang zwischen »herrlich« und »dämlich« — wie fast alles Wesentliche — dem gestrengen Auge der Freunde und Förderer des großen I verborgen blieb.)

Schon aus dem bisher Gesagten erhellt, zum einen, wie empörend die Versuche zur grammatikalischen Gleichstellung der Frauen sind, nicht wegen des Anliegens an sich, wohlgemerkt, sondern wegen der Unbedarftheit, ja Ignoranz, mit der sie unternommen; und zum andern, daß das Patriarchat mit dem Deutschen fest verwoben ist. Wie fest, lehrt ein Vergleich, zum Beispiel mit dem Lateinischen.

Zwar sind auch dort »wer« (»quis«) und »jemand« (»aliquis« bzw. »quisquam«) männliche Formen, die zugleich für das Femininum verwendet werden, aber etwas dem inkriminierten »man« Vergleichbares existiert nicht (freilich um den Preis, daß Passivkonstruktionen gar nicht umschrieben werden können, daß es also statt »Man wird sehen« heißt: »Es wird gesehen werden«; ein Nachteil, ohne Zweifel).

Die a-Deklination ist schlechthin die weibliche Deklination; und doch kann es geschehen, daß nach ihr — als Ausnahmen — ein paar Maskulina abgewandelt werden, wie etwa »poeta«, »der Dichter«. Ein solches Wort hat in allen Fällen feminine Endungen; daß es, der Logik gehorchend, männlich ist, erkennt man, da es im Lateinischen keine Artikel gibt, nur dann, wenn ein Adjektiv dabeisteht: »poeta clarus«, der berühmte Dichter. Im Deutschen ist derlei — »der Dichterin«, hieße es entsprechend — undenkbar.

Auch auf Latein werden gemischte Gruppen von Frauen und Männern mit maskulinen Pluralformen bezeichnet; allerdings nur im Zweifelsfalle, und das heißt: nur bei Wörtern, die der o- und der a-Deklination zuzurechnen sind. »Amica«, zum Beispiel, bedeutet »Freundin«, »amicae« ist die Mehrzahl davon; »amicus« ist »der Freund«, »amici« sind »die Freunde«, und zwar, wie im Deutschen, auch dann, wenn sich unter diesen ein paar Frauen befinden. Bei den zahlreichen Adjektiven, die der o- und der a-Deklination zugleich gehorchen (die femininen Formen dieser, die maskulinen und neutralen jener), stellt sich das Problem sogar in einer Weise, die dem Deutschen fremd ist: »Die Guten« können geschlechtlich nicht eingeordnet werden, die »boni« hingegen sind mit der männlichen Endung »-i« versehen, ohne daß die Frauen vom Gut sein ausgeschlossen wären.

In der zweiten großen und wichtigen Deklination des Lateinischen jedoch, der konsonantischen, ist jede Dominanz des Maskulinums über das Femininum ausgeschlossen:

Zwischen männlichen und weiblichen Formen gibt es keinen Unterschied! Das Geschlecht der Hauptwörter liest der, der die — nicht ganz unkomplizierten — Genusregeln kennt, an der (variablen) Endung des Nominativs Singular ab; in allen anderen Fällen gelten einheitliche Endungen, nur das Neutrum bildet in drei Fällen eigene. Irgendeine Form als eine im Grunde maskuline oder im Grunde feminine zu entlarven, ist unmöglich.

Unter den Eigenschaftswörtern der konsonantischen Deklination sind die meisten »zweiendig«, wie es im wenig eleganten Philologendeutsch heißt: Im Nominativ Singular finden sich zwei Endungen, »-is« für Maskulinum und Femininum, »-e« für das Neutrum. Darüber läßt sich aus der kleinen Gruppe der »dreiendigen« Adjektiva etwas Interessantes ableiten: Diese haben eine männliche Nominativendung »-er«, eine weibliche »-is« und eine sächliche »-e«. Bei den »zweiendigen« Adjektiven (von ihnen gibt es überaus viele) hat also die feminine Endung auch für das Maskulinum Geltung.

Im Deutschen hinwiederum gibt es nur ganz wenige eigenständige Bezeichnungen für Frauen: Frau, Dame, Weib, Mädchen, Mutter, Schwester, Tochter, Tante, Nichte, um Frauen einfach beschreiben zu können; Hexe, Fee, Elfe, um ihnen mystische Kräfte zuzuschreiben (nur von minderem Rang, denn eine wirkliche weibliche Variante von »Gott« gibt es nicht); und eine handverlesene Schar von Berufsbezeichnungen: Nonne, Amme, Hure, Zofe, Magd. Ansonsten, also in der Regel, gesteht das Deutsche Frauen nur eine Existenz als Ableitungen, fast könnte man sagen als Diminutive von Männern zu: Sänger, Sänger-in; Arbeiter, Arbeiter-in; Gott, Gött-in, und so fort. Das ist die sprachliche Bebilderung der Behauptung, die Frau sei aus einer Rippe des Mannes erschaffen.

Im Lateinischen ist derlei ganz unbekannt. Aus einem Mann, der nach der o-Deklination abzuwandeln ist, wird eine Frau gemacht, indem derselbe Stamm mit den Endungen der a-Deklination versehen wird, wie etwa bei dem schon zitierten Paar »amicus« und »amica«, ebenso bei »deus« (Gott) und »dea« (Göttin) oder »dominus« (Herr) und »domina« (Herrin). (»Herrin« ist im übrigen wohl das absurdeste der Rippenwörter; zu »Männin« statt »Frau« ist es da nur mehr ein ganz kleiner Schritt. )

Und in der konsonantischen Deklination teilen Männer und Frauen nicht nur, wie erinnerlich, die Endungen, sondern in logischer Konsequenz sogar die Bezeichnungen: Der Wirt sowohl wie die Wirtin heißt »hospes«, »sacerdos« der Priester oder die Priesterin, »dux« der Führer oder die Führerin. Das sind nicht etwa Ausnahmen; genauso verhält es sich in dieser Deklination regelmäßig. Das Italienische, nebenbei bemerkt, das die lateinischen Stämme beibehält, konstruiert daraus Rippenwörter: Dem »sacerdote«, dem Priester, wird als Priesterin die »sacerdotessa« zugesellt.

Welchen Mittels gegen die Herabsetzung der Frau zu einem männlichen Anhängsel vermöge der Nachsilbe »-in« bedient sich aber die Do-it-yourself-Sprachreform? Sie erhebt das herabsetzende kleine i zu einem großen.

Mit Bedacht habe ich mir das stärkste Argument gegen die Spielereien in der Art von »ÖsterreicherInnen« und »man/frau« bis jetzt aufgespart; die Feststellung nämlich, sie seien unästhetisch. Kein ernstzunehmender Autor, keine ernstzunehmende Autorin gibt sich für sie her; sie haben ihren Platz nur dort, wo die Schönheit der Sprache aus übler Tradition mit Füßen getreten wird, also in alternativen Zeitschriften und in der Wissenschaft (außerdem, mit Recht, in Stellenannoncen). Nicht daß ich diese Beobachtungen für Argumente hielte; aber sie sollten doch zu denken geben. Warum sträubt sich, wer ein bißchen Gefühl für die Sprache besitzt, gegen eine Form wie »ÖsterreicherInnen«? Am großen I in des Wortes Mitte kann’s wohl nicht liegen; ein solches ist unorthodox, darob aber noch nicht unschön. Nein, das Problem ist die weibliche Mehrzahl selbst.

Denn eine weitere frauenfeindliche Eigenart der Rippenwörter ist es, Pluralformen zu bilden, die in der Regel vier oder fünf Silben haben: Bäuerinnen, Anwältinnen, Arbeiterinnen, Siegerinnen, Bildhauerinnen. Solche Wörter sind häßlich. Sie sind zu lang. Sie sind unrhythmisch. Einer betonten Silbe folgen drei, vier, manchmal — wie bei den unglücklichen Österreicherinnen — sogar fünf unbetonte! Die männlichen Entsprechungen hingegen bestehen aus zwei, drei oder allenfalls vier Silben. Viersilbige Maskulina, die auf dem ersten Vokal betont werden (wie die Österreicher), sind obendrein weniger häufig als weiter hinten betonte (wie Philosophen, Komponisten und Dirigenten).

Die ohnehin schwer vermeidbare Häßlichkeit des Deutschen

Nun, es mag die patriarchats- und sprachverdrossenen Reformer verblüffen, aber einem wohlgeratenen Satz eignet ein Rhythmus. Zwei- und dreisilbige Wörter befördern den rhythmischen Wohlklang, vier-, fünf- und sechssilbige zerhacken ihn gnadenlos, zumal wenn sie solche Konglomerate von unbetonten Silben enthalten wie die Mehrheit der femininen Mehrzahlformen.

Das Deutsche neigt ohnehin zu langen, unrhythmischen Wörtern (vermutlich ein wesentlicher Grund, warum es von den meisten Menschen als weniger schön empfunden wird als etwa das Italienische oder das Französische); man wird also danach trachten, holprige Wörter zu vermeiden, wann immer dies möglich, und man wird die weiblichen Pluralformen nur gebrauchen, wenn sie unbedingt erforderlich sind.

Es ließe sich einwenden, mein Rhythmusgefühl sei eben patriarchalisch geprägt, und ich hielte die Maskulina für schöner, weil sie üblicher, oder schlimmer: weil sie Maskulina seien. Um zu beweisen, daß dem nicht so ist, muß ich abermals das Lateinische bemühen.

Im Lateinischen sind männliche und weibliche Formen, wenn nicht — wie bereits dargelegt — gleich, so doch gleich lang. Stellen wir die o- und die a-Deklination am Beispiel von »amicus« und »amica« gegenüber (zu den auch im Deutschen vorhandenen Fällen kommt ein weiterer hinzu, der Ablativ):

Singular:

amicus amica
amici amicae
amico amicae
amicum amicam
amico amica

Plural:

amici amicae
amicorum amicarum
amicis amicis
amicos amicas
amicis amicis

In allen Fällen haben, wie man sieht, »der Freund« und »die Freundin« gleich viele Silben; zwei- oder dreisilbige Pluralformen zu bilden, ist also nicht — wie im Deutschen — eines Geschlechtes Vorrecht.

Trotzdem teilten schon die alten Römer mein Rhythmusgefühl. Die Aufgabe eines antiken Dichters war es, die Worte seines Textes gemäß vorgegebenen Rhythmen anzuordnen, wobei nur lange Silben betont, kurze nur unbetont sein durften. Für die »Takte« dieser melodiösen Art zu dichten, die sogenannten Versfüße, standen vier Grundtypen zur Auswahl (sie stammen, das verraten auch ihre Namen, aus dem Griechischen): der Trochäus (betont — unbetont), der Iambus (unbetont — betont), der Daktylus (betont — unbetont — unbetont, ein Walzertakt) und der Anapäst (unbetont — unbetont — betont).

Mehrere Versfüße zusammen ergeben, kombiniert nach verschiedenen Schemata (Versmaßen) einen Vers; die Versmaße sind so erdacht, daß nie mehr als zwei unbetonte Silben aufeinanderfolgen. Das wohl bekannteste Versmaß ist der Hexameter: Er besteht aus sechs Versfüßen, deren letzter immer ein Trochäus ist, der vorletzte fast immer ein Daktylus. Wer einmal Latein gelernt hat, entsinnt sich wohl der »Vier Zeitalter« des Ovid:

Aurea prima satá est aetás quae víndice núllo
spónte suá sine lege fidém rectúmque colébat.

(Für jene, die’s nachsprechen wollen: Die Betonungen sind angezeichnet; Vokale, die zusammenstoßen — wie bei »satá est« werden zu einer Silbe verschliffen. )

Der antike Vers ist also aus lauter Zweier- und Dreiertakten aufgebaut, ohne daß diesen etwas Männliches anhaftete; und das Empfinden, die deutschen weiblichen Pluralformen seien häßlich, weil holprig, ist nicht patriarchalisch, sondern rhythmisch. Halten wir fest: Die vielleicht krasseste frauenverachtende Eigenschaft der deutschen Sprache ist es, den Frauen Bezeichnungen zu geben, die sich im Plural dem regelmäßigen Gebrauche sperren, ihrer Länge wegen; die, kurz gesagt, im Grunde unbrauchbar sind.

(Der Tageszeitung »Standard« wurde verschiedentlich vorgehalten, ihr Werbe-Spruch »Zeitung für Leser« vernachlässige die Leserinnen; ein absurder Vorwurf, wie nun leicht zu erkennen ist. »Zeitung für Leser« besteht aus einem Daktylus und einem Trochäus und ist daher ein Slogan; »Zeitung für LeserInnen« bestünde aus einem Daktylus und einem Silbenhaufen und wäre daher ein Gestotter.)

Wie man unsere Sprache im Sinne der Gleichberechtigung reformieren soll, ist mir völlig schleierhaft; was bisher in dieser Absicht geschehen ist, berührt die wahren Probleme natürlich nicht einmal am Rande. Im Gegenteil:

Es erzeugt ein falsches Bewußtsein, weil es vorgaukelt, durch die gekonnte Anwendung des Schrägstriches und des großen I werde das Deutsche von jeder patriarchalischen Ideologie befreit. Was von derselben übrigbleibt (nahezu alles nämlich), erhält so den Sanktus der scheinbar Fortschrittlichen.

Das Deutsche kann man nur abschaffen oder lassen, wie es ist. Es abzuschaffen (ein gänzlich unrealistischer Gedanke, versteht sich), wäre schade, ist es doch — bei allen Fehlern — eine besonders ausdrucksstarke und nuancenreiche Sprache. Es jedoch zu lassen, wie es ist, bedeutet keineswegs, seine Frauenfeindlichkeit gutzuheißen.

Die Sprache ist ja ein so wunderbares Instrument, daß man sie kraft ihrer selbst analysieren und, wenn nötig, entlarven kann. Man kann Menschen auf Deutsch darüber aufklären, wes Geistes Kind das Deutsche ist; eine Aufgabe, die des Eifers der Patriarchatsüberdrüssigen wohl wert wäre. Man kann (und soll) Artikel wie diesen schreiben, man kann (und muß) die Dominanz des Maskulinums zum verpflichtenden Lehrstoff für den Deutschunterricht aller Schultypen machen.

Ist die Ideologie, die die Sprache transportiert, einmal durchschaut, dann ist ihr der Stachel genommen. Wer dieses Niveau des Wissens und des Bewußtseins erreicht hat, wird seine Muttersprache fortan als (zumindest in dieser Hinsicht) ungenügend empfinden. Erst wenn dies dereinst für die Mehrheit all jener gilt, die Deutsch sprechen, darf man erwarten, daß die Menschen — schrittweise und ganz von selber — ihre Sprache ändern (oder, in Ermangelung vernünftiger Reformideen, tatsächlich durch eine neue ersetzen). In zweihundert oder dreihundert Jahren ist es womöglich schon so weit. Bis dahin freilich ist zu beachten: Banale Kosmetik ersetzt nicht die mühsame Arbeit der Aufklärung, die zudem nur bei denen Erfolg zeitigen wird, die geneigt sind, das Patriarchat an sich für ein Problem zu halten. Zuerst heißt es, für die faktische Gleichstellung der Frauen zu kämpfen, dann erst für die sprachliche.

Denn — das sei nicht verhohlen — die Vorherrschaft der Männer ist zwar gewiß auch in der Grammatik von Bedeutung, aber eben nur von untergeordneter. Bei den alten Römern war, der Sprache zum Trotz, die Stellung der Frau fraglos ungleich schlechter als hier und heute.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1994
No. 487-492, Seite 35
Autor/inn/en:

Robert Schlesinger:

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