FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 493/494
Ilse Kilic

Vom Herrschaftsnutzen der Grammatikkunde

Feministische Sprachkritik

Sehr geehrter Herr Schlesinger,
liebe Redaktion,

ich stelle mit Verwunderung fest, daß Sie, Herr Schlesinger, sich offensichtlich nur sehr marginal mit feministischer Sprachanalyse beschäftigt haben: man benötigt eben nicht nur ein großes I und/oder einen Schrägstrich, wie Sie im übrigen ja in Ihrem nächsten Satz selbst schreiben. Die Grenzen der »Reformeiferer«, wie Sie es nennen, sind so eng durchaus nicht: ich empfehle Ihnen dazu das Buch von Senta Trömel-Plötz, Frauensprache (Fischer Verlag). Darin können Sie nachlesen, daß so manches dem sogenannten »gestrengen Auge« nicht verborgen blieb. Oder meinen Sie wirklich, daß etwas so Auffälliges wie die abgeleiteten Eigenschaftswörter herrlich/dämlich noch niemandem vor Ihnen zu Bewußtsein gekommen ist?

Es gibt übrigens auch Forschungen, die sich mit einer grundsätzlicheren Umstrukturierung des Deutschen befassen, hier würde dann das Geschlecht des Hauptwortes nur mehr vom Artikel bestimmt (der Dichter/die Dichter). Wieweit so etwas sinnvoll durchführbar ist, läßt sich diskutieren. Jedenfalls lenkt ein solcher Vorschlag aber die Aufmerksamkeit auf ein Problem in Sprache und Realität, übrigens auch ein Verdienst des großen I. Einen Nachteil des großen I erwähnen Sie übrigens nicht: gerne will ich Ihnen dieses Argument nachreichen: das große I macht die weiblichen Formen wiederum zu Anhängseln der männlichen.

Der Gedanke, eine Sprache nur »zu lassen, wie sie ist« oder abzuschaffen, widerspricht der Tatsache, daß eine Sprache ständig verändert wird; durch die Sprechenden, wie Sie ja im nächsten Absatz als Möglichkeit in Betracht ziehen. Warum soll es also in dreihundert Jahren möglich sein, was jetzt von Ihnen abgelehnt wird: eine Veränderung der Sprache? Weil’s dann »ganz von selber« geht? Und was sind die derzeit vorliegenden feministischen Studien anderes als die von Ihnen als so wichtig empfundene Aufklärung?

Und was das gestörte ästhetische Empfinden betrifft, nun, Sie stimmen sicher mit mir darin überein, daß ästhetisches Empfinden nichts Unveränderbares ist, im übrigen reichen die sprachlichen Beispiele, die Sie bringen, auch keineswegs aus, und ich kann Ihnen sagen, daß z.B. das Ungarische eine durchaus melodische Sprache ist, obwohl sie aus vielen Wörtern mit mehr als zwei oder drei Silben besteht, außerdem kann ich auch die sogenannte Häßlichkeit des Deutschen nicht ganz nachempfinden. Ich denke, daß der Grund, warum das Deutsche als häßlich empfunden wird, hauptsächlich andere, vor allem politische Gründe hat, unter anderem den nicht aufgearbeiteten Nationalsozialismus bei Täterinnen und Tätern, aber auch bei deren Kindern, die sich den nur teilweise ausgesprochenen »Vergangenheitsbewältigungsversuchen« nicht entziehen konnten (ich schreibe dieses Wort unter Anführungszeichen).

Andrerseits, wenn Sie das Deutsche ohnehin so häßlich finden, warum dann eigentlich Ihre Befürchtung, die Sprache könne »verhunzt« werden? Nur zu!

Mit freundlichen Grüßen,
Ilse Kilic

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1995
No. 493/494, Seite 18
Autor/inn/en:

Ilse Kilic:

Geboren 1958, lebt in Wien. Autorin, Filmemacherin, Comixzeichnerin. Redaktionsmitglied von Context XXI (ZOOM) bis März 1999.

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