FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 485/486
Amelie Lanier

Türckische Märchen

Ich habe in meinem Artikel den Rassismus, mit dem der Mißerfolg der freien Marktwirtschaft in Rußland und anderswo besprochen wird, angeprangert. Gerade das, was Rassismus ist, so meine These, ist jedoch weder der Leitung noch dem Umfeld des »konkret« klar. Ein Beleg dafür ist die seit geraumer Zeit währende Kontroverse um den Vortrag von Professor Türcke.

Der Vortrag

Der Inhalt des Vortrages von Türcke sei hier kurz wiedergegeben. Er hat, mit vielen geistesgeschichtlichen Schnörkseln ausgeschmückt, behauptet, Rassen gebe es einfach, das sei nicht zu leugnen, eine biologische Tatsache, und ohne es genau angeben zu können, hätte die Zugehörigkeit zu einer Rasse auch Auswirkungen auf das Denken der Menschen — vermittelt über Kultur, Sozialisation etc. Nun leben wir im Zeitalter des Weltmarktes, wo es keine abgeschlossenen Gesellschaften mehr geben kann, und die Rassen vermischen sich notwendig. In diesem Augenblick tritt eine ewigmenschliche Eigenschaft, der Fremdenhaß, verstärkt an die Öffentlichkeit. Er ist nämlich eine Art Selbstschutzmechanismus dieser als »Rasse« bezeichneten Türcke’schen Kollektive, und da in Zeiten der Krise die Mitglieder der Rasse »Deutschland« ihren »Besitzstand« gefährdet sehen, tritt automatisch dieser Mechanismus in Kraft und wendet sich gegen alles »Fremde«. Das ist zwar entsetzlich, aber notwendig, denn es liegt in der menschlichen Natur — und selbstverständlich auch im Kapitalismus, gegen den wir ja alle sind und der das ganze Elend und die Krise verursacht —, begründet. Wohlbemerkt: er bringt den Fremdenhaß nicht hervor, der existiert bereits vorher; sondern er bringt ihn nur an die Oberfläche, veranlaßt ihn dazu, sich zu äußern. Das ist das »Kapitalismuskritische« an dem Vortrag Türckes.

Damit hat Türcke mit einem etwas aus dem Rahmen fallenden Vokabular nur das gesagt, was als der Konsens der deutschen Öffentlichkeit seit geraumer Zeit gehandelt wird: Der Nationalismus, der sich im Anzünden und Umbringen von Ausländern äußert, sei eine zutiefst menschliche Regung, die durch Vernächlässigung verkehrte Folgen zeitigt und daher schleunigst von Politik und Wissenschaft betreut gehört. Wo es doch gerade angebracht wäre darauf hinzuweisen, worin dieser Nationalismus besteht, wie er zustandekommt: Er

ist im Kern nichts als die gesellschaftliche Sortierung von Menschen durch den Souverän nach Maßgabe ihres Einsatzes für Staat und Kapital und die Verinnerlichung dieser Sortierung durch den Staatsbürger (Nachtmann, 10/931)

— dort beugt Türcke jedem Argumentationsnotstand vor. Er legt fest: Das war schon immer so!

Dagegen ist darauf zu bestehen, daß Fremdenhaß zu den ältesten und finstersten Regungen der Menschheit gehört. (Türcke, 8/93)

Wenn das so ist, dann kann man natürlich nichts dagegen tun. — Im Rahmen der sogenannten Türcke-Kontroverse wurden die spannenden Fragen gewälzt, ob Türcke ein Rassist sei, was er auf dem »konkret«-Kongreß überhaupt verloren hätte, und ob seine Kritiker oder er das größere Theoriedefizit aufweisen würden.

Der ›konkret‹-Kongreß und Türcke

In einer Hinsicht hat Türcke sehr gut auf diesen Kongreß des »konkret« gepaßt: Zur Selbstbespiegelung einer Linken, die mit dem »System« de facto ihren Frieden gemacht hat, es in der einen oder anderen Form als unabänderlich akzeptiert hat, sich aber dennoch unbedingt von den sonstigen affirmativen Sichtweisen der bürgerlichen Öffentlichkeit distanzieren will. Und zwar, indem sie exquisite eigene Sichtweisen entwickelt und pflegt, die um nichts gescheiter oder weniger affirmativ sein müssen — Hauptsache, sie sind als Ausweis linker Identität anerkannt.

Dazu gehört, daß man einander sieht und gesehen wird auf einem solchen linken Happening, daher werden jede Menge Fotos und Videos gemacht, die von echten Fans auch käuflich erworben werden können. Dazu gehört ferner das richtige und häufige Verwenden von als kritisch anerkannten Wörtern, auch Türcke beherrscht diese Methode der »antikapitalistischen Terminologie« (Hoeltje, 8/93) ein Stück weit. Ein anderer Teilnehmer charakterisiert das so: »Gut gebrüllt Löwe, das klingt radikal.« (Möller, 10/93)

Zu der erwähnten linken Selbstbespiegelung gehört weiters, daß man bestimmte, verbotene Begriffe vermeidet. Das hat Türcke nicht getan, und zwar in der erklärten ( übrigens sehr billigen) Absicht, Tabus brechen zu wollen: »Es gibt Fälle, wo man den Stier bei den Hörnern packen und einen prekären Begriff eigens zum Thema machen muß.« (Türcke, 8/93)

(Das Tabubrechen ist nicht damit zu verwechseln, daß jemand mit einem Fehler brechen, ihn kritisieren will, da kommt man nämlich ohne das Tamtam »Vorsicht, jetzt wird eine heilige Kuh geschlachtet!« aus. Der Tabubrecher setzt nämlich genau auf den Nimbus, der gewisse Begriffe und Sprachregelungen umgibt, und will sich mit neuen Sichtweisen in diesem Pantheon der »Identitätsfindung« einen Platz schaffen.)

Und dieser als Tabubruch gemeinte Verstoß gegen linke Anstandsregeln hat die gesamte Entrüstung hervorgerufen.

Zum Auftakt der Kontroverse durfte auch ein Hinweis darauf, wie die Spielregeln einer solchen Debatte aussehen, nicht fehlen:

Das Schlimme ist, hier kann jemand reden, der mit rassistischen Kategorien arbeitet, daß es zu einer Frage der Toleranz gemacht wird, ob man sich einen solchen Scheißdreck anhören will. (Hoeltje, 8/93)

Das ist er, der linke Diskurs: Was uns nicht in den Kram paßt, wollen wir, wenn wir unter uns sind, nicht hören. Leute, die sich in ihrem Alltag notgedrungen den ganzen Tag bürgerliche Sichtweisen zu Gemüte führen, wollen in ihren Feierstunden, bei ihren Sonntagen, nicht durch Gedanken, die in irgendeiner Form aus dem gewohnten Rahmen fallen, gestört werden und verlangen nach Zensur und Hinauswurf.

Umgekehrt haben die Verteidiger Türckes immer dort formelle Regeln des fairen Diskurses eingemahnt, wo sie seine Behauptungen nicht argumentieren konnten.

Aus dieser Overture zur »Türcke-Kontroverse« ließ sich schon erkennen, daß es hier um eine moralische Debatte ging, um alternativen Anstand, wie er sich an bestimmten Formulierungen und Verurteilungen anderer Begriffe festmacht: Ein Konsens, für den es keine Argumente gibt, wird unterstellt, und daran messen die Teilnehmer dieser eigenartigen Kontroverse die Aussagen der anderen. Die Ergebnisse dieser Debatte sind daher - bei aller moralischen Entrüstung - notwendigerweise inhaltlich etwas dürftig ausgefallen.

Das »konkret« hat beschlossen, nicht dem antiintellektuellen Verlangen nach Zensur nachzugeben und dieser Debatte einigen Platz einzuräumen. Bei dem verkehrten Ausgangspunkt der »Kontroverse« ist allerdings der Arger der »konkret«-Redaktion über den Verlauf dieser »heillosen« Debatte unangebracht — sie konnte gar nicht anders ausfallen.

Die ideologische Leistungen des Türcke-Referates seien kurz zusammengefaßt — zum besseren Verständnis des folgenden, und damit wenigstens der Leser dieses Artikels sie kennt, wenn schon die Zuhörer des Referates damit nicht zurechtgekommen sind:

  • Die BRD 1993 wird zu einem auf natürlichen Rassenmerkmalen beruhenden Kollektiv interpretiert,
  • deren Macher (u.a. deutsche Generäle) den natürlichen Selbstschutzmechanismus ebenso instinkthaft in sich vorfinden und praktizieren, wenn sie strengere Asylgesetze fordern, wie auch die »Leute von der Straße«, also die Mitmacher, tun, die Asylantenheime und ähnliches anzünden, »Herrschaft« gibt es nämlich nur zwischen »Rassen«, also zwischen Staaten.
  • Schuld daran ist letztlich vor allem »der Kapitalismus« und der Weltmarkt, obwohl aus den Ausführungen Türckes nicht hervorgeht, was diese Sachen mit der BRD und ihrem »Besitzstandsdenken« zu tun haben,
  • denn bisher gab es da offenbar Wohlstandsgarantien, die jetzt wegen der einströmenden Ausländerflut gekappt werden, usw. ...

Diese Thesen, die allesamt auf eine Generalabsolution des Neofaschismus und der bundesdeutschen Politik ’93 hinauslaufen, waren kaum Thema der Kontroverse. Der Moralismus der Beteiligten hat den Blick für die Inhalte eben ein bißchen getrübt.

Die Würdigung Türckes durch Gremliza

Vom Herausgeber des »konkret« hat Türcke zunächst ein dickes Lob bekommen: Die Interpretation des Nationalismus als eine notwendige Folge der Verschiedenheit der Menschen hat ihm so gut gefallen, daß er gar keine Gründe mehr für die Richtigkeit von Türckes Ausführungen angeben muß — es genügt der Fingerzeig auf seine Gegner, die angeblich »moralische Erdbeben produzierten«, »wahnhaft« waren usw. (Gremliza, 8/93) Selbst wenn: hat dann Türcke deshalb recht?

Nur an einem Punkt wird Gremliza kritisch: Die generelle Absolution der Ausländerfeindlichkeit schließt eben auch die der BRD in sich ein und gibt die Verteufelung des deutschen Volkes als eines besonders bösen — wir wissen schon, Auschwitz usw. —, die Gremliza unbedingt hören will, gerade nicht her.

Ihm gefällt die Gleichsetzung der sehr unterschiedlichen Subjekte der BRD, der Mächtigen und der Normalbürger, zu ein und den selben verwerflichen Wichten, Angehörigen eines Volkskörpers, der einfach per se böse ist. Er sieht das nämlich selbst genau so, wenngleich mit etwas anderen Begründungsmustern.

Dabei könnte einem kritischen Geist, wie er es ist, doch die Differenz auffallen zwischen

  • Politikern einerseits, die mit Einwanderungs- und Asylgesetzen die Zufuhr von nötigen Arbeitskräften fürs deutsche Kapital regeln und konsequenterweise die Einreise von unnötigen Menschen unterbinden wollen, die also gar nicht fremdenfeindlich, sondern staatsmännisch Vorgehen, und
  • einfachen Bürgern andererseits, die aus ihrer Staatszugehörigkeit einen Rechtsanspruch auf Benützt-Werden durch Staat und Kapital ableiten und ihre eigene miese Lage als Schwäche der Staatsmacht interpretieren, die sich vom Ausland und den Ausländern erpressen läßt und deshalb an ihre Pflichten erinnert gehört.

Ihn stört, daß das deutsche Volk dabei mit jedem anderen, z.B. dem amerikanischen, gleichgesetzt werden kann. »Das ist sein (Türckes) Fehler.« Völkische Selbstbezichtigung, Erbsünde-Theorien für deutsche Paßträger: Das ist es, was dieser Fackelträger des linken Bewußtseins hören will.

Die Frage: Ist Türcke ein Rassist?

Ja, Türcke ist Rassist (und noch viel Schlimmeres), meint eine Teilnehmerin: »Er spricht von einer biologischen Gegebenheit der Körperkonstitution, diese wiederum bestimmt die Seelenbeschaffenheit des Menschen, diese die menschliche Geschichte, und darüber wird wiederum der menschliche Geist bestimmt. Das ist Biologismus, das ist Eugenik, das ist Rassismus,« (Strobl, 8/93) »Er macht keinen Bezug auf Rassen als soziales Konstrukt«, daher sei er als jemand zu betrachten, »der mit rassistischen Kategorien arbeitet.« (Hoeltje, 8/93) Rassist, nun ja, aus politischer Pragmatik nämlich, weil »hier ein deutscher Idealist würdevolle Abschiebungen fordert.« (Lam, 9/93) Türcke und Gremliza sind Rassisten, weil sie die »Verschiedenheit zwischen Bewohnern verschiedener Erdregionen« zum Gegenstand ihrer Überlegungen machen, somit »Ersatzbefriedigung im Befummeln und Beschnüffeln von Bewohnern anderer Erdregionen suchen.« (Pohrt, 9/93) — Nicht doch, Türcke ist kein Rassist, weil »er den Begriff der ›Rasse‹ ausschließlich als klassifizierenden, nicht wertenden gebraucht.« (Nachtmann, 10/93)

Zwei Dinge werden hier einhellig als Ausweis rassistischen Denkens dingfest gemacht: Der Schluß von körperlichen auf geistig/psychische Eigenschaften und die abwertende Unterscheidung der Angehörigen verschiedener Rassen. Und da ist ja etwas dran, damit ist tatsächlich die Argumentationsweise von Rassisten beschrieben. Auch die Feststellung, daß jemand nur deshalb solchen Wert auf den Begriff der Rasse legt, weil er auf die Unterscheidung scharf ist, entbehrt nicht einer gewissen Schlüssigkeit. Nur: Kritisiert ist der Rassismus in allen diesen Bestimmungen noch nicht. Es wird vielmehr nur festgestellt, daß hier Rassismus vorliegt, und das muß offenbar unter Leuten, die Rassismus als Haltung verurteilen, schon reichen.

Denn z.B. auf die Aussage Ingrid Strobls, daß hier von der Körperkonstitution auf die Seelenbeschaffenheit der Menschen geschlossen würde, könnte man naiv fragen: Na und? Warum stimmt das nicht? Und wenn es nicht stimmt, wie kommt dann der andere, der Gegner, auf diesen Gedanken, und warum ist er für ihn so wichtig? Und warum erscheint dieser Schluß vielen so plausibel?

Einige Angebote zur Klärung der Frage:

Was ist Rassismus und wem dient er?

Es ist immer hilfreich, die Eigenschaften selbst zu untersuchen, die einem Menschen wegen seiner Rasse, seiner Nationalität, seinem Geschlecht zukommen oder nicht zukommen sollen. Es handelt sich nämlich meistens um staatsbürgerliche Tugenden oder um zu solchen uminterpretierte Züge eines Menschenschlages, die seine Nützlichkeit für die Gemeinschaft qualifizieren sollen. Der Rassismus hat daher seine Sternstunden auch dort, wo Angehörigen eines Volkes solche Eigenschaften zugesprochen werden, und nicht erst dort, wo Bürgern anderer Staaten oder eigenen, schlecht beleumundeten Volksgenossen beschieden wird, sie hätten sie gerade nicht. Die Diskriminierung ist daher nur eine Folge und Weiterentwicklung des ganz gewöhnlichen, alltäglichen Rassismus, der von niemandem als solcher bezeichnet wird.

Hierzu zwei Beispiele:

1. Der Satz: »Alle Menschen werden frei und gleich an Rechten gehören.« wird nicht als rassistisch bezeichnet. Dabei wird hier die Behauptung aufgestellt, nur durch sein bloßes Menschsein, durch die rein physische Existenz sei ein Individuum bereits in ein Rechtsverhältnis gestellt. Die zweite Seite dieses Verhältnisses wird hier zwar mitgedacht, aber nicht benannt: Es ist nichts anderes als die Staatsgewalt, die Rechte und Pflichten verteilt, anders gibt es diese nämlich gar nicht. Hinz kann Kunz zwar ein Recht geben oder nehmen, wenn ihm gerade danach ist, gelten tut das aber nicht — da muß schon eine Gewalt her, die den damit Beschenkten darauf verpflichtet, dieses Recht in ihrem Sinne auszuüben, und Verstöße dagegen mit Strafe ahndet.

Dieses Unterordnungsverhältnis wird aber durch die oben zitierte Erklärung der Menschenrechte nicht aus den faktischen Gewaltverhältnissen abgeleitet, sondern aus der Natur des Menschen, die nach Rechten und Staatsgewalt verlangt und der die realen Gewalten nur entsprechen und dienen, wenn sie die Bewohner ihres Hoheitsgebietes in die Pflicht nehmen.

Mit dieser Feststellung werden die Menschen des gesamten Erdballs von vornherein zu Untertanen erklärt, die die jeweiligen Staatsgewalten für sich benutzen dürfen. Es ist also ein Titel der Herrschaft, ein Anspruch auf Unterordnung. Und der wird — das ist hier der Rassismus — zu einem Merkmal des Menschen erklärt.

2. Hitler war Rassist, weil er die Menschen nach Rassenmerkmalen eingeteilt hat: in solche, die für sein ehrgeiziges Staatsprogramm taugen und in solche, die ihm entgegenstehen. Letztere, so hat er beschlossen und auch praktisch wahrgemacht, gehören weg.

Was er über den Arier, also den guten Deutschen, geschrieben hat, gilt gemeinhin nicht als Rassismus:

Nicht in den intellektuellen Gaben liegt die Ursache der kulturbildenden und aufbauenden Fähigkeit des Ariers. Hätte er nur diese allein, würde er damit immer nur zerstörend wirken können, auf keinen Fall aber organisierend; denn das innerste Wesen jeder Organisation beruht darauf, daß der einzelne auf die Vertretung seiner persönlichen Meinung sowohl als seiner Interessen verzichtet und beides zugunsten einer Mehrzahl von Menschen opfert. (Mein Kampf, S 326)

Opfer fürs Allgemeinwohl, also für die Ziele des Staates, zeichnen den Angehörigen einer »höheren« Rasse aus. Es ist die staatsbürgerliche Gesinnung, Gehorsam, Anspruchslosigkeit, Einsatz an der Arbeits- und an der Kriegsfront, die vor allem bei Hitler zählte. Bei Personen, wo diese Botmäßigkeit zweifelhaft war, hat auch ein astrein germanischer Stammbaum nicht vor KZ und Hinrichtung geschützt. Es war also auch damals keine Garantie für irgendwelche Privilegien, daß jemand zum Mitglied einer Herrenrasse erklärt wurde, sondern ein harter Anspruch, den der GröFAZ an sein auserwähltes Volk gestellt hat.

Jede staatliche Herrschaft leitet ihre Legitimität aus dem Bedürfnis der ihr Unterworfenen nach ebendieser Staatsgewalt ab und erklärt ihre Taten zu einem Dienst am Kunden — an denen, die dafür geradestehen müssen. Das ist eine genaue Verkehrung der Tatsachen: Zunächst zwingt diese Staatsgewalt den Bürgern das gewünschte Verhalten auf, richtet alle möglichen Zwänge ein, mit denen sie zurechtkommen müssen. Dann liefert sie auch noch die Sichtweise dazu, derer sich die solchermaßen Beglückten befleißigen sollen: Nur wegen ihnen und für sie geschieht das alles, das Wirtschaftswachstum, der Sozialstaat, die Krisenbewältigung und das Bundesheer und noch vieles andere.

Daraus ergeben sich dann auch Unterscheidungen ganz eigener Art: Da ein Staat nur auf sein Volk Zugriff hat, scheidet er die Bewohner der Welt in Inländer und Ausländer, in solche, die einen Paß des eigenen Landes besitzen, auf die er daher exklusiv Zugriff hat, und in solche, die das nicht tun und ihm daher nur begrenzt zur Verfügung stehen.

Bei letzteren, den Besitzern fremder Pässe, gibt es noch einmal zwei Kategorien: Auf der einen Seite stehen Päpste, englische Königinnen und Personen ähnlicher Beschaffenheit, die mit rotem Teppich empfangen werden; Touristen, die die heimische Handelsbilanz verbessern; arabische Scheichs, die in heimische Unternehmen investieren, und Spitzensportler, die unter der nationalen Fahne Medaillen erwerben — diese Ausländer sehen Staat und Individuum gerne, die werden auch von Neonazis meistens in Ruhe gelassen. Die andere Sorte Ausländer sind solche, die gleich den meisten Inländern nichts haben und darauf angewiesen sind, daß jemand sie beschäftigt, damit sie irgendwie ihr Auskommen haben. Wenn es um »Ausländer«, »Fremde«, geht, so sind immer diese Ausländer gemeint — für die andere Abteilung gibt es wohlklingendere Namen.

Der staatliche Sortierung heute geht streng nach dem Nutzen vor, den ein Staatsbürger für die Wirtschaft und das Allgemeinwohl hat, und unterscheidet sich darin von den rassistischen Maßstäben, die alte und neue Nazis in Anschlag bringen — obgleich diese staatliche Trennung das Material für den Alltagsfaschismus liefert. Wer nützlich ist, d.h. wer vom Kapital oder in Staatsdiensten derzeit gebraucht wird, dem wird vom Gesetzgeber erlaubt zu bleiben, er wird vielleicht sogar zum Inländer gemacht. Wer überzählig ist und keinen deutschen Paß vorweisen kann, muß gehen.

Der Neonazi wiederum sieht sich von der Politik, die mit Gesetzesreformen und Abschiebungen stärker gegen unerwünschte Ausländer vorgeht, in dem Urteil bestätigt, daß »zu viele Ausländer« da sind, daher »die Ausländer« ein Problem darstellen. Er macht jedoch die Nützlichkeit der Staatsbürger nicht an den Konjunkturen des Kapitals fest, sondern an Äußerlichkeiten der Elendsgestalten, die gleich ihm von diesen Konjunkturen abhängig sind, und fordert gegen die Ausländer das Recht ein, als Inländer doch vorrangig benützt zu werden. Jene stören allein durch ihre Anwesenheit: Haben sie Arbeit, so nehmen sie sie den guten Deutschen weg, haben sie keine, so belasten sie das Sozialnetz, das doch vor allem für die Inländer da sein sollte. Dieser Rassismus von unten speist sich aus der Überzeugung, daß der Staat eigentlich zum Wohle der Bürger eingerichtet sei, wenn es denen aber schlecht geht, so muß es Individuen geben, die diese vorgestellten Wohltaten mißbrauchen und so die Harmonie zwischen Staat und Volk stören.

Zur Selbstüberschätzung der Möchtegern-Meinungsmacher

Der in der Debatte öfters geäußerte Vorwurf gegen Türcke, mit seinen Aussagen würde er der Praxis des Asylgesetzes und der Abschiebungen Vorschub leisten bzw. diese legitimieren, ist absichtsvoll blind gegen die Tatsache, daß die deutschen und übrigens auch alle anderen Politiker die Maßstäbe ihres Handelns aus der Verfolgung der Staatszwecke gewinnen, also ganz souverän handeln. Humanistische Debatten über würdevolle Abschiebungen oder »Wann ist das Boot wirklich voll?« mögen dazu dienen, der Öffentlichkeit diese Maßnahmen zu verkaufen, sie sind aber nicht ihr Grund. Daß sie bei diesen Bestrebungen, ihre Taten aus höheren Notwendigkeiten abzuleiten, auf ein Heer von beflissenen Wissenschaftlern zählen können, die ihnen stets zu Diensten sind, ist unbestritten, und Herr Türcke gehört sicherlich dazu. Nur: er könnte genausogut auch nichts gesagt haben, denn diese ganzen intellektuellen Steigbügelhalter schmücken nur Dinge aus, die sowieso geschehen. Wegen Türcke wird kein Ausländer mehr oder weniger abgeschoben. Vorträge dieser Art sind ein Angebot an Leute, die partout ein gemeinsames Band zwischen sich und den amtierenden Politikern entdecken wollen, auch wenn sie mit einzelnen Maßnahmen keineswegs übereinstimmen. Der Adressat solcher Ausführungen ist der kritische Bürger und nicht der Souverän.

Ein Machtwort zum Schluß:

Es gibt keine Rassen!

Die »konkret«-Redaktion, der das endlose Geschwafel, in dem von Marx über Hegel bis Adorno alles aufgefahren wurde, was einem Linken gut und teuer ist, dann doch zu bunt geworden ist, hat den gordischen Knoten durchhackt, indem sie festgestellt hat: Rassen im herkömmlichen Sinn gibt es gar nicht, dafür wird dann die Biologie bemüht:

Das Fazit der Biologen: Die Rassendefinitionen, die auf sichtbaren Unterschieden (vor allem der Hautfarbe und des Wuchses) beruhen, sind biologisch nicht sinnvoll; und die Rassen, die man biologisch sinnvoll definieren kann, kann man nicht sehen (2/94)

— ergo ist jeder, der von ihnen redet, ein Rassist, so auch Türcke, denn die Rassenfrage sei nur für solche Personen von Bedeutung, die »Rassenpolitik treiben« wollen — was immer das heißen mag.

Mit dem Leugnen des Gegenstandes der Diskussion ist jedoch das Interesse, aus dem heraus er in diese eingeführt wurde, nicht begriffen, nicht einmal thematisiert. Es ist ja auch keine Kritik des christlichen Glaubens, wenn jemand feststellt, daß es Gott nicht gibt. Das erschüttert einen Gläubigen, der nicht auf Existenzbeweise, sondern auf eine Deutung der Wirklichkeit scharf ist, überhaupt nicht. Außerdem erklärt diese pseudowissenschaftliche Kritik sein untertäniges Bedürfnis, sich unbedingt einen Allmächtigen denken zu wollen, dem man selbst zu Gehorsam verpflichtet ist, sehr verharmlosend zu einem bloßen Irrtum bzw. einem Mangel an Information; das Festhalten daran — wider besseres Wissen — zu einem Akt der Bosheit, der Manipulation.

Analog dazu haut auch die »konkret«-Redaktion daneben. Türcke will nicht »Rassenpolitik treiben«, auch nicht eine solche anregen.

Der eigentliche Witz des Türcke’schen Rassenbegriffes geht bei der Kritik der »konkret«-Redaktion ganz verloren:

Er hat mit dem Jonglieren mit dem Begriff »Rasse« eben jegliche Unterschiede zwischen den Mitgliedern seines Kollektives getilgt: Die Politiker, die Asylgesetze machen, ebenso wie die Neonazis, die Ausländer anzünden, verleihen ihren rassistischen Instinkten Ausdruck und setzen dabei einen Schutzmechanismus in Gang, der zwar grausam, aber leider unvermeidlich ist.

So kann Türcke wohl das Wort »Herrschaft« hin und wieder einstreuen, wenn es um das Verhältnis seiner geheimnisvollen Kollektive zueinander geht, die reale Herrschaft hat er aber damit geleugnet und in ihr Gegenteil verkehrt: In einen Dienst am p.t. Publikum.

Entgangen ist der »konkret«-Redaktion daher, wofür der Begriff »Rasse« bei Türcke steht: Als Verplausibilisierung von einer und Illustration für eine Schicksalsgemeinschaft, der man sich nicht entziehen kann, der man daher dienen muß: Die NATION.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1994
No. 485/486, Seite 64
Autor/inn/en:

Amelie Lanier:

Jahrgang 1961, Studium der Mathematik, Geschichte und Philosophie an der Universität Wien, dort Promotion zum Doktor der Philosophie 1988. Dissertation: „Über die Widersprüchlichkeit von Moralphilosophie am Beispiel Friedrich Nietzsches.“ Seither freie Forschungstätigkeit über die Geschichte Osteuropas und des österreichischen Kreditwesens. Publikationen zum Transformationsprozeß nach 1989 und den neueren Entwicklungen im Bankwesen. Wohnort: Zell am See. Motto: „Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden, würde alles dem Menschen erscheinen, wie es ist: unendlich.“ (William Blake, Die Hochzeit des Himmels und der Hölle)

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