FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 495
Egyd Gstettner

Saudade

Im Winter des Jahres 1993 bin ich aus der stechend scharfen, trockenen Alpenschluchtenluft Österreichs pharmazeutisch im Stich gelassen und in der mich selbst betreffenden größten Hoffnungslosigkeit als schwerkranker Mann nach Portugal gereist, wo ich auf Einladung der Universität Lissabon eine einsemestrige Poetikvorlesung halten sollte, hier zu meiner eigenen Verblüffung aber nach Jahren des aussichtslosen Binnenlandmartyriums innerhalb weniger Monate ohne jede ärztliche oder medizinische Zutat wieder vollkommen gesundet und deswegen kurz-entschlossen endgültig in Lissabon geblieben. Ich bezeichne mich als klimatischen Dissidenten und ich muß sagen, daß ich diese meine Zufallsauswanderung bis an den heutigen Tag für das größte Glück meines Lebens halte.

Ich bewohne nur eine kleine Garçonnière, aber jeden Morgen, wenn ich erwache, sehe ich den Atlantik, und es fehlt mir nichts, wenn ich durch die Baixa, die Alfama, Benéfica oder den Tejo entlangflaniere. Es fehlt mir nichts, wenn ich im Café Martinho das Arcadas an der Praça do Comércio sitze, wo ich auch jetzt bin, um diese Auskunft zu schreiben. Ich bin nicht nur, was eine große Auszeichnung ist, ins Organi-sationskomittee für die nahende Weltausstellung Der Mensch und das Meer berufen worden, sondern schreibe nun schon seit Jahren auch ein Buch über den Dichter Fernando Pessoa, dessen Livro de Desassoêgo ich noch im österreichischen Eis entdeckt habe und das mir einerseits den portugiesischen Decadentismo, andererseits das Festival der Nerven, in dem Pessoa existiert hat, nahegebracht hat. Dazu ist zu bemerken, daß derzeit alle bedeutenden europäischen Dichter von Reykjavik bis La Valetta in Portugal sind und Bücher über Fernando Pessoa schreiben. Einer untersucht Pessoas He-teronyme, einer den Futuristen, einer seine komplizierte politische Gesinnung, einer seine vertrackte Affaire, einer seine Leberzirrhose. Einer vergleicht ihn mit Italo Svevo, einer mit Rilke, einer mit Kafka, einer mit Robert Walser, einer mit Guiseppe Ungaretti, einer sogar mit Ingeborg Bachmann, die Ungaretti übersetzt hat. Pessoa trägt viele Masken. Wieder einer untersucht den generellen Pessoaschen Zustand, das portugiesische Bewußtsein der Niederlage, die Enttäuschung über die Geschichte, ich möchte sagen: Die Erotik des Niedergangs. In Portugal ist man von der Traumhaftigkeit des Tatsächlichen überzeugt. Doch das Bewußtsein der Niederlage, das Wissen um die Vergeblichkeit allen Tuns wird zum Stolz auf die al

les durchdringende Traurigkeit gesteigert, für die es hier einen eigenen, ganz unübersetzbaren Namen gibt: Saudade, jenes Wort, das in fast jeder Unterhaltung mit einem Portugiesen fällt und noch weit mehr meint als Stolz auf die Schwermut und Lust am Leiden. Ich trage das Bewußtsein der Niederlage wie ein Siegespanier mit mir herum, heißt es im Livro de Des-assoego. Bei Pessoa steigert sich der Überdruß aber noch zum Ekel über den nicht mehr zurückzunehmenden Akt der Schöpfung. Daher die große Müdigkeit im portugiesischen Volk, die große Passivität, daher mehr Klage als Anklage. Der eine, der diese Untersuchungen macht, bin ich. Abends treffen wir europäischen Künstler und Bohemiens uns im Brasileira do Chiado, essen Arroz de tamboril und Papas de anjos de Mirandela, trinken Rotwein in memoriam und besprechen den Fortgang unserer Pessoaprojekte. Im Lauf der Zeit sind wir alle Männer des Südens geworden, auch wenn wir — Antonio Tabucci und der Malteser einmal ausgenommen — nicht an der Küste des Ozeans zur Welt gekommen sind. Und wer hier ein Buch über Pessoa schreibt, dem schlägt eben die Verehrung aus dem Volk entgegen, die in Italien die Fußballer bekommen, wer hier ein Buch über Pessoa schreibt, dem steht jede portugiesische Türe offen, der braucht keine Sorge zu haben um sein Wohlergehen. Ob all die Tonnen von Pessoabüchern auch einmal publiziert werden, ist dabei gänzlich einerlei: Die Portugiesen wissen schließlich, wie das seinerzeit bei Pessoa persönlich war.

Mit Österreich habe ich so gut wie nichts mehr zu tun, außer wenn ich eine Zeitungsnotiz lese, daß ein berühmter allzweckpseudoengagierter Schnulzensänger aus Kärnten in Lagos seinen Weihnachtsurlaub verbringt oder wenn die österreichische Fußballnationalmannschaft in Lissabon antritt und ich gramgebeugt mitansehen muß, wie der portugiesische Libero mit dem wunderschönen Namen Oceano einen Elfmeter verschießt. So schlimm kann das Bewußtsein der Niederlage aber gar nicht sein, daß die Portugiesen gegen Österreicher am Ende nicht doch gewinnen würden.

Soweit ich mich erinnere - und damit ich jetzt endlich ihre Anfrage beantworte — waren zur Zeit meiner Ausreise in Österreich teils kurzsichtige und völlig ratlose, teils verschlagene, verlogene und impertinente, teils bornierte und arrogante und ignorante, teils korrupte und brutale, in jedem Fall aber völlig hohle und lächerliche politische Gestalten an der Macht (ihre Namen habe ich samt und sonders vergessen), die sich mit den ekelhaftesten Phrasen ungeniert über die ekelhaftesten Gemeinheiten hinwegschwangen, die das Land in der kürzesten Zeit verkommen und verwahrlosen und verwildern ließen und die Bevölkerung, die sie regierten, wenn sie sie nicht negierten, tagein tagaus zum Narren hielten; politische Gestalten, die Debakel unbeirrt auf Debakel häuften und überhaupt kein anderes Interesse mehr hatten, als einerseits ihre Macht und ihren Einfluß, ihre Pfründe und Privilegien zu erhalten oder gar zu vermehren und andererseits zu verhindern, daß der altmodische und ihre Machenschaften aufdeckende, im übrigen aber freilich genauso brutale, verlogene, durchtriebene, unmenschliche und völlig hohle, nur weniger lächerliche Großoppositionär an die Macht kommt.

Nun haben sich aber, wie mir erzählt worden ist, diese hinterfotzigen Machthaber nicht nur von ihrem hinterfotzigen Widersacher vor sich hertreiben, sondern vom Bumerang der Omnipräsenz auch noch gleich erschlagen lassen, sie sind blindlings in die hinterfotzige Fernsehfalle getappt und unaufhörlich durch den Fleischwolf der Medien gedreht worden, die die gnadenlos fressen, die sie füttern, die jede Torheit aufpumpen, jede Peinlichkeit aufblähen, aus jedem noch so unerheblichen Mißgeschick eine Katastrophe quetschen und dann ihre Einschaltquoten bejubeln; die nur mit Bösartigkeit und Fürchterlichkeit gute Geschäfte machen und die kleinen und großen Fürcherlichkeiten über Jahr und Tag in einer hysterischen Weise zu einem gigantischen Gesamtfürchterlichkeitsspektakel zusammenzimmern, in dem nur Monster, Ungeheuer, Bankrotteure und Menschenfresser eine Rolle bekommen.

Diese Pornographie des Niedergangs dürfte denn auch — soweit ich das aus der Feme beurteilen kann — der ausschlaggebende Grund gewesen sein, daß die einstigen Machthaber, wie ich nun höre, gestürzt worden sind, ihr gespenstischer Konkurrent an die Macht gekommen ist und seine gespenstischen Ministranten und brutalen Handlanger an die Schalthebel des Landes gesetzt hat. Es ist nicht zu erwarten, daß die neuen Machthaber weniger unmenschliche Gedanken denken und weniger unmenschliche Verordnungen und Gesetze erlassen werden wie ihre Vorgänger. Es ist nicht zu erwarten, daß die neuen Machthaber das Land weniger gnadenlos verwahrlosen lassen und die Bevölkerung weniger skrupellos zum Narren halten werden, es ist nicht zu erwarten, daß die neuen Machthaber weniger hemmungslos darauf achten werden, zuallererst Pfründe und Privilegien zusammenzuraffen. Mein Großvater hat gesagt: Der Trog bleibt immer derselbe, nur die Schweine werden ausgewechselt. Der neue Machthaber wird eine tote Ideologie faschieren, wie seine Vorgänger eine tote Ideologie faschiert haben. Er wird die Menschen, die ihm nicht zu Gesicht stehen, aus dem Land hinauskomplimentieren, wie seine Vorgänger die Menschen, die ihnen nicht zu Gesicht gestanden sind, aus dem Land hinauskomplimentiert haben, er wird staatstragend schmunzelnd über Leichen gehen, wie seine Vorgänger staatstragend schmunzelnd über Leichen gegangen sind. Das alles wäre für mich immerhin ein gutes Motiv, nicht nach Österreich zurückzukehren, wenn ich in Österreich nicht so oder so ersticken müßte. Es muß auch gesagt sein, daß diese altmodische Geisterbahn nicht nur durch Österreich, sondern durch ganz Europa fährt und so etwa alle fünfzig Jahre ohne Bremsspur ins Eisentor der Hölle donnert. Selbst hier, in diesem für mich idealen und wunderbaren Land, kann man eine politische Gestalt nur danach bewerten, wie wenig schlimm oder übel sie ist. Und über die Behörden will ich mich erst gar nicht auslas-sen. Alles, was ich meinen österreichischen Landsleuten auf Dauer tatsächlich empfehlen könnte, wäre, ein bißchen portugiesische Mentalität anzunehmen, ein bißchen Saudade.

Der Ozean ist in Österreich unsichtbar, aber man könnte wenigstens acht Millionen Kopien des Ölgemäldes von Costa Pinheiro aus dem Jahr 1976 bestellen, das Pessoa aus dem Fenster heraus auf den Atlantik schauend und denkend und dichtend zeigt. Und wie gesagt: Die Weltausstellung ist für alle da! Der Mensch und das Meer! Der Vollständigkeit halber möchte ich anfügen, daß es noch einen zweiten Dichter gibt, der so wie ich E. G. heißt, im übrigen aber schon gar nichts mit mir gemein hat und auch nach wie vor — wenn auch völlig zurückgezogen — in Österreich lebt. Dort schreibt er gerade in den letzten Jahren hauptsächlich harmlose, halbspaßige Satirchen — einmal hat er auch mich auf die Schaufel genommen, das war aber beim besten Willen kein besonders gelungener Text! Er drückt sich seit langem vor jeder konkreten politischen Stellungnahme, meidet jedwede Auseinandersetzung und hat weder den Mut, noch die Lust, sich Feinde zu machen. Die Worte Geisterbahn und Höllentor sind in seinem Oevre nicht enthalten, ebensowenig eine Anhäufung drastischer Adjektiva in Zusammenhang mit gesellschaftspolitischen Gegebenheiten. Jedenfalls läuft er kaum Gefahr, daß ihn irgendein Politiker irgendeiner Couleur jemals dazu auffordert, das Land zu verlassen. Ich halte diesen mit mir weder verwandten noch verschwägerten E. G. offen gesagt für einen eher feigen und duckmäuserischen Charakter, der im literarischen Leben eigentlich nichts verloren hat. Vermutlich drückt er sich eben jetzt auch mit einer seiner üblichen Ausreden, Schnupfen oder grippaler Infekt, Ihre Anfrage zu beantworten. Nie hat E. G. gewagt, den Schritt zu tun, den ich getan habe — und übrigens hat er auch kein Buch über Fernando Pessoa geschrieben. Ich würde mir wünschen, daß man mich weniger oft mit ihm verwechselt.

Damit grüßt Sie aus dem Martinho das Are das sehr herzlich E. G.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1995
No. 495, Seite 33
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