FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Karl Müller

Rassismus bei Fussenegger

An die SchülerInnen-Jury zum Weilheimer Literaturpreis 1993 z.Hd. Herrn Artur Meinzolt, Ammerstraße 10, D-82362 Weilheim

Salzburg, am 24.11.1993

Sehr geehrte Damen und Herren!

Herr Studiendirektor Friedrich Denk erinnerte mich in einem Brief vom 23. November 1993 nachdrücklich daran, Ihnen eine Antwort auf Ihr Schreiben vom 31. Oktober d.J. schuldig zu sein, und wunderte sich, daß noch keiner der Unterzeichner des »Offenen Briefes an die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Weilheim« der Schüler-Jury geantwortet hat.

Meine Gründe, mich erst jetzt zu äußern, sind folgende: zum ersten kam ich erst in der zweiten Novemberwoche von einer mehrwöchigen Gastdozentur aus Ungarn wieder nach Hause zurück und fand nicht nur den Brief Herrn Meinzolts vor, sondern auch eine Fülle von aufgeschobenen Dienstverpflichtungen, die jedenfalls sofort erledigt werden mußten; zum anderen wollte ich mich nach einem für den kommenden Sonntag geplanten Interview mit Frau Fussenegger mit einer Stellungnahme melden, nicht zuletzt deswegen, weil ich Fragen auch zu ihrer »Mohrenlegende« vorbereitet hatte. Dieses Interview kann aber jetzt leider nicht stattfinden, weil mir Frau Prof. Fussenegger über Herrn Denk ausrichten ließ, daß sie Terminschwierigkeiten hat. Ich freue mich aber, das Interview in absehbarer Zeit doch noch machen zu können, wenn die Terminschwierigkeiten ausgeräumt sein werden.

Im voraus: Sie haben mir dankenswerterweise ein Exemplar von Fusseneggers »Mohrenlegende« zukommen lassen, was aber nicht notwendig gewesen wäre, weil dieses Buch — gelesen — in meiner Bibliothek steht.

Jetzt also zu meiner Unterstützung des »Offenen Briefes an die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Weilheim« und im speziellen zu Fusseneggers »Mohrenlegende« (1937), die ein »flammendes Plädoyer gegen jede Art von Rassismus« sei, wie Sie meinen. Die zutreffendste Interpretation der »Mohrenlegende« lieferte in diesem Fall die Autorin selbst. Sie schrieb in ihrer »Lebensskizze der Verfasserin«:

In der [...] kleinen »Mohrenlegende« wird von einem Mohrenkind erzählt, das in der Kreuzzugszeit in ein tirolisches Bergdorf verschlagen wird. An seinem Geschick erhellt sich die unabdingbare, wesenhafte Fremdheit zwischen ihm und allem, was weißen Angesichts ist, eine Fremdheit, die nur durch eine Illusion im Wunder für Augenblicke aufgehoben werden kann. [1]

In der Tat — die »Mohrenlegende« zeigt zum ersten die schrecklichen Folgen (u.a. Rache, Kindesraub) der Versuche, mit jener »wesenhaften Fremdheit« umzugehen, die »zwischen ihm [dem Mohrenkind] und allem, was weißen Antlitzes« sei. Zugleich wird durch den Text der »Mohrenlegende« auch jene Behauptung der Autorin bestätigt, daß eben »nur durch eine Illusion im Wunder für Augenblicke« diese »wesenhafte Fremdheit« aufgehoben werde, indem dem Mohrenkind sein Ausgestoßensein, sein rechtloses Fremdling-Sein (S. 56) angesichts der auftretenden drei Könige — illusionär, wunderhaft, augenblickshaft — unzutreffend erscheint.

Die Formel »wesenhafte Fremdheit« — auch in der Form »fremdes Wesen« [2] — stellt in Fusseneggers Werk vor 1945 einen zentralen Bestandteil der Ideologie der Autorin dar und wird an zentralen Stellen ihres Werkes eingesetzt. In das Bedeutungsfeld »wesenhafte Fremdheit« spielen zudem — und dies ist für mich sehr bedrängend — die Vorstellungsbereiche »Überfremdung durch Artandere« und »Überfremdung durch Entartete« (»Aus Reiseaufzeichnungen«. In: Das Innere Reich, April 1943, S. 68) herein.

Die christliche Überlieferung der Dreikönigs-Geschichte erzählt von drei Königen — aus verschiedenen Kulturen —, die dem Stern der Verheißung bis an den Geburtsort des Erlösers folgen, um ihm gemeinsam zu huldigen. Fusseneggers »Mohrenlegende« lenkt den Blick auf einen im Kernbestand der christlichen Legenden-Überlieferung nicht vorhandenen Bereich. Der Mohr der christlichen Überlieferung wird bei Fussenegger zum Anlaß für das Mohrenkind, daß es sich für einen illusionären Augenblick als nicht wesensmäßig fremd fühlen kann. Dies entspricht nicht christlichem Verständnis.

An vielen Beispielen von Fusseneggers Werk vor 1945 läßt sich zeigen, wie die Autorin — wie viele »ostmärkischen« Autorinnen und Autoren — den überlieferten christlich-religiösen Diskurs, die christliche Gebärdensprache und christliche Vorstellungswelt zur Verwendbarkeit für den Nationalsozialismus aufbereitete: der Nationalsozialismus gerierte sich als Erbe der abendländischen Überlieferung.

Dies war eine NS-Strategie, die u.a. Fussenegger mit ihrem Werk mittrug und die — gerade im christlich-katholischen Österreich — auf »fruchtbarsten« Boden fiel. Als öffentlich wirksame Künstlerin ist sie dafür verantwortlich.

In der jetzt geführten Debatte um Fusseneggers Werk wird von Befürwortern der Preisverleihung an Gertrud Fussenegger wiederholt eine von einigen Nationalsozialisten — sie kamen aus dem Umkreis der Rosenberg-Reichsstelle (z.B. Wilhelm Stölting) — geäußerte Kritik an Fusseneggers »Fehlern« und »Schwächen« und die Behauptung Stöltings — und nicht der Nazis —, die Mohrenlegende widerspreche »unseren Auffassungen von den Rassegesetzen«, zum Anlaß genommen, um den falschen Schluß zu ziehen, Fussenegger hätte nichts mehr mit dem NS-Gedankengut zu tun gehabt oder wäre völlig aus dem NS-Literaturbetrieb hinausgefallen. Damit eignen sich jene, die solches behaupten, im Jahre 1993 einen innernazistischen Diskurs an und verwenden ihn — die historische Wirklichkeit verzerrend — als Entlastung für die Autorin und zur Abstützung ihres eigenen Glaubens an das angeblich zutiefst humane Buch »Mohrenlegende«. Dabei tragen sie aber ihre eigene unvoreingenommene Wahrnehmung zu Grabe.

Fussenegger erfüllte gerade durch diese ihre literarische Verfahrenweise — auch durch die »Mohrenlegende« — eine wichtige nationalsozialistische Aufgabe.

Angesichts Ihrer in Ihrer Antwort an die Unterstützer des »Offenen Briefes an die Bürger und Bürgerinnen der Stadt Weilheim« aufgestellten Behauptung, daß sich die »beiden Textseiten über Prag 41« — wir meinen wohl dieselben? — bei unvoreingenommener und ungekürzter Lektüre »nicht für den ständigen Antisemitismusvorwurf« eigneten, würde ich von Ihnen gerne Ihre Lesart und Ihre Argumentation erfahren.

Überdies: Worüber Sie anscheinend sehr stolz sind, nämlich nach Ilse Aichinger und Wolfgang Hildesheimer jetzt einmütig Gertrud Fusseneggers Gesamtwerk mit Ihrem Literaturpreis zu ehren, darüber bin ich sehr betroffen und lege Ihnen zur Illustration meiner Betroffenheit einen Text von Eduard C. Heinisch bei, den ich Sie bitte, unvoreingenommen zu lesen.

Ist man sich Fusseneggers literarischer Verfahrensweisen vor 1945 bewußt, so bekommt die Beschäftigung mit ihrem nach 1945 geschriebenen Werk insbesondere unter dem Gesichtspunkt von Kontinuität und Diskontinuität große Relevanz für die Erhellung von Fusseneggers literarischem Profil und ihrer Rolle im literarischen Leben Österreichs nach 1945.

Mit freundlichen Grüßen
Karl Müller

[1Gertrud Fussenegger: Lebensskizze der Verfasserin. In: dies.: Eines Menschen Sohn. Erzählung. Leipzig: Verlag von Philipp Reclam jun. 1941 (1939)

[2Vgl. Gertrud Fussenegger: Land der Besinnung. In: Lebendiges Tirol. Ein Dichterbuch. Hrsg. v. Dr. Kurt Pichler. Innsbruck: NS-Gauverlag und Druckerei Tirol, 1940, S. 61

Zur Vorgeschichte siehe alle FORA 1993, besonders die Briefwexel mit SchülerInnen & Lehrern; zur Mohrenlegende Peter Gstettners Analyse im Dezember-Heft.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 37
Autor/inn/en:

Karl Müller: Geboren 1950 in Puch bei Hallein, Dozent an der Universität Salzburg, Literaturhistoriker. Von ihm erschienen u.a. Zäsuren ohne Folgen, Salzburg (Otto Müller Verlag) 1992 und, gemeinsam mit Gert Kerschbaumer, Begnadet fiir das Schöne, Wien (Verlag für Gesellschaftskritik) 1992.

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