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Erich Klein • Klaus Nüchtern

„Nenning war ein korrupter Hund“

Vor 30 Jahren übernahm Gerhard Oberschlick die intellektuell aufregendste Zeitschrift der Zweiten Republik: das FORVM. Ein Gespräch über 40 Jahre Zeitgeschichte.

Foto: Heribert Corn

Wer versuchen wollte, das Geistesleben der Zweiten Republik zu rekonstruieren, kommt um das FORVM nicht herum. Der Jurist Alfred Noll hat die 1954 gegründete Zeitschrift einmal als „österreichischen Gesamtintellektuellen“ bezeichnet. Die Namen der Beiträger reichen von Theodor W. Adorno und Günther Anders über Friedrich Heer und Adolf Holl bis zu Oswald Wiener und Simon Wiesenthal; das politische und weltanschauliche Spektrum war breit genug, um dem „Vater“ der österreichischen Verfassung, Hans Kelsen, ebenso Platz zu bieten wie dem späteren Bundeskanzler Bruno Kreisky oder Kardinal Franz König.

Es sind heuer gleich zwei runde Jubiläen, die das FORVM begeht: Vor 50 Jahren übernahm es der Publizist Günther Nenning vom Schriftsteller und Mitbegründer Friedrich Torberg; vor 30 Jahren dann folgte diesem Gerhard Oberschlick als dritter und letzter Herausgeber der 1995 eingestellten Zeitschrift. Wir trafen Oberschlick in seiner Wohnung in Währing, um über die Geschichte der Zeitschrift und das nicht eben friktionsfreie Verhältnis zu seinem Vorgänger zu sprechen.

Falter: Herr Oberschlick, wann haben Sie das FORVM zum ersten Mal in die Hand bekommen?

Gerhard Oberschlick: Als vielleicht 14-, 15- oder 16-jähriger Schüler in Klagenfurt.

Wie kam das FORVM nach Klagenfurt?

Oberschlick: Das kann ich gar nicht sagen. Ich war ab damals jedenfalls Abonnent.

Etwas mehr als ein Jahrzehnt später waren Sie selber mit an Bord. Den damaligen Herausgeber Günther Nenning haben Sie über das Volksbegehren zur Auflösung des Bundesheers kennengelernt, nicht?

Oberschlick: Nein, sondern über dessen Versuch, eine Brücke zwischen Christentum und Sozialismus zu schlagen.

Welcher Teil des Dialogs hat Sie mehr interessiert?

Oberschlick: Weder noch. Ich fand das nur skurril. Es hat mich aber gefreut, dass dadurch eine gut befahrbare Schiene für das Volksbegehren gelegt war: Die christlichen Wehrdienstgegner waren auf diese Weise leichter zu finden.

Kamen Sie ursprünglich nicht auch aus dem „katholischen Eck“?

Oberschlick: Nein, ich war mal evangelisch und in der Mittelschule Mitglied in einer schlagenden deutschnationalen Verbindung.

Abwehrkampf?

Oberschlick: Der war mir nicht sehr wichtig. Ich bin in einer politisch desorientierten bis demotivierten Familie aufgewachsen.

Was waren Ihre Eltern?

Oberschlick: Die Mutter ein herzensgutes Mädchen und eine glühende Nazisse aus Oberkärnten, wo’s keine Juden gab. Mein Vater war nicht in der Partei, wurde 1939 eingezogen und war bis 1945 im Krieg.

Sie sind also im roten Nachkriegskärnten aufgewachsen?

Oberschlick: Ja, aber das Rot hat für mich keine Rolle gespielt. Ich war nicht organisiert, bis mich ein Mitschüler auf den Paukboden zum Säbelfechten mitgenommen hat. Das war ein sportliches Event. Es gab allerdings zwei Erlebnisse, die mich politisch aufgeweckt haben. Erstens: Im Bücherkasten meines Vaters, der auf seine alten Tage Karl May verschlungen hat, stieß ich auf ein Buch mit einem grauen Umschlag aus schäbigem Papier. Es waren die Erinnerungen eines Mannes, der das KZ überlebt hatte. Die Fotos darin haben mich auch sehr beeindruckt. Zweitens haben wir beim Salamanderreiben auf den Kommersen … 

Bitte was ist das?

Oberschlick: Rituelles Saufen. Jedenfalls wurde bei diesem Anlass gerne das Lied „Vom Barette we-het die-hi Feder...“ gesungen, in dem es heißt: „Wer nicht trinkt und wer nicht lacht – schmeißt ihn raus“ – es folgt eine Pause absoluter Stille, in die eine helle Knabenstimme hinein singt: „den Juden“. Das war, nachdem ich dieses Buch in der Hand gehabt hatte, einfach zu viel.

Sie sind mithilfe dieses Buches zum Antifaschisten geworden?

Oberschlick: In Verbindung mit der Wahrnehmung des Antisemitismus in der Burschenschaft. Man hat den Antisemitismus damals in Klagenfurt ja nicht vor sich hergetragen. In meiner Schulzeit hat der überhaupt keine Rolle gespielt.

In welche Richtung haben Sie sich dann orientiert?

Oberschlick: Ich war während meiner gesamten Unizeit politisch nicht organisiert, aber es gab Mitte der 60er-Jahre in Wien so etwas wie ein vorgezogenes 1968. Da haben wir zum Beispiel alternative Vorlesungen organisiert, um der reaktionären Uni was entgegenzusetzen.

Wer ist da aufgetreten?

Oberschlick: Zum Beispiel Oswald Wiener, der in seinem apodiktischen Auftreten ein ziemlicher Widerling und das genaue Gegenbild zu dem war, was wir als Anti-Autoritäre eigentlich im Sinn hatten.

Und wie war das am Institut für Philosophie?

Oberschlick: Da wurde nicht politisiert.

Von 1966 an arbeitete der nach Wien übersiedelte Oberschlick an drei Universitätsinstituten, hauptsächlich als Sekretär des Philosophen Erich Heintel (1912–2000), eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds. Heintels Position beschreibt Oberschlick rückblickend wie folgt: „Sie war nach dem Prinzip ,Schere, Stein, Papier‘ konstruiert: Kant schlägt Aristoteles, Hegel schlägt Kant, Leibnitz schlägt Hegel. Und sie versprach in dieser Manier ontologisch Metaphysik ohne Heideggerei mit der Transzendentalphilosophie ‚in zwei Labyrinthen‘ – Substanz und Freiheit – zu verbinden.“ Oberschlick selbst war von Heintel für den nächsten frei werdenden Assistentenposten vorgesehen.

Mit Ihrem Doktorvater, Erich Heintel, haben Sie sich dann aber doch aus politischen Gründen überworfen. Es ging um Vietnam?

Oberschlick: Nein, darüber haben wir nie gestritten, ich bin bloß abgereist, als er mir in seinem Haus in Ottenschlag seine Position erklärt hatte. Die lautete in etwa: „Irgendwo ist immer Krieg, und besser dort als da.“

Wann kam es zum finalen Bruch?

Oberschlick: Bei einer Assistentenbesprechung im Frühsommer 1969. Er hatte ein Dutzend Leute! Es ging um die Verlängerung eines Assistenten, der einmal beim Verband Sozialistischer Studenten vorgetragen hatte und aus diesem Grund mit einem Humboldt-Stipendium nach Berlin weggelobt wurde. Aufgrund eines schweren Unfalls hatte er sich noch nicht habilitiert, und der Heintel hat sich nicht entblödet, uns zu fragen, was er machen solle: den Mann verlängern oder nicht. Alle drücken sich herum. Ich komme irgendwo in der Mitte dran und sage: „Dass Sie die Frage überhaupt aufwerfen, spricht schon einmal gegen Sie.“ [1] Worauf der Heintel antwortet: „Sie sagen das schon ein bissl frech, aber meine Frau sieht das ähnlich …“ — „Was für Ihre Frau spricht, aber noch nicht für Sie“, warf ich ein. Als er dann auch noch gefragt hat, ob von dem Assistenten noch eine Leistung zu erwarten sei, habe ich gefunden, dass ich mir das nicht anzuhören brauche, [2] und bin von dort direkt ins FORVM gegangen, um mit der Sekretärin einen Kaffee zu trinken. Wie wir so sitzen und tratschen, stürmt die Ehefrau vom Nenning aus dessen Gemächern und wirft eine Vase nach der Sekretärin. Die Vase fliegt an der vorbei durchs Fenster und zerschellt im Hof, ohne weiteren Schaden anzurichten.

Als Grund für den Vasenwurf vermuten wir jetzt einmal Eifersucht.

Oberschlick: Da vermuten sie richtig. Die Sekretärin war seit langem die Freundin vom Nenning, seine Frau ist dahintergekommen und hat zumindest für diesmal wirksame Maßnahmen ergriffen. Die Sekretärin ist jedenfalls nie wieder gekommen. Worauf mich der Nenning fragt: „Was machst du denn die nächste Zeit? Könntest du nicht dableiben?“

Das war Ihr erstes Jobangebot beim FORVM?

Oberschlick: Ja. Da haben wir uns aber schon lange gekannt.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie mit Günther Nenning zusammengekracht sind?

Oberschlick: Das war noch während des Volksbegehrens zur Auflösung des Bundesheeres 1970. Damals hat der Nenning alle FORVM-Mitarbeiter gekündigt, und alle außer mir wieder eingestellt. Worauf er zu den potenziellen Inserenten gegangen ist und meinte: „Jetzt könnts ihr dem FORVM wieder ein Geld geben, der Wilde vom Volksbegehren ist eh nicht mehr dabei.“

Das sollte nicht das einzige Mal sein, dass Nenning Sie verleugnet hat?

Oberschlick: Nein. Ich bin 1973 in die Finanzierung eingestiegen, was bis 1977 ging, als Nenning im Schrecken über die Palmers-Entführung und die Hetze gegen Links, die sich in der Folge abgespielt hat, so getan hat, als hätten er und das FORVM mit mir nichts zu tun.

Und was hatten Sie mit der Palmers-Entführung zu tun?

Oberschlick: Überhaupt nichts. Aber Staberl und einige Journalisten haben halt gehofft, sie können den Deutschen Herbst nach Österreich importieren und hier verlängern. Und ich habe in einer Nachrichtensendung des ORF gesagt, dass die Buben (gemeint: die Palmers-Entführer Thomas Gratt, Othmar Keplinger und Reinhard Pitsch, Red.) allenfalls Wasserträger waren, aber sicher keine wichtigen Rollen spielen durften. Worauf der Nenning meinte, „ich weiß überhaupt nicht, warum die Leut sagen, dass der Oberschlick Verlagsleiter vom FORVM ist“, und meinen Namen aus dem Impressum gekratzt hat.

Wie kann man nach so einem Vorfall je wieder zusammenarbeiten?

Oberschlick: Ich bin über längere Zeit nur in der Nacht in die Redaktion gekommen, um mir meine Post zu holen. Um die Finanzierung des Blattes habe ich mich von außen weiterhin gekümmert.

Ihre Geschichte mit Nenning war schon auch ein bisschen ein Vater-Sohn-Drama?

Oberschlick: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Der Nenning ist 20 Jahre älter als ich, und der Günther Anders noch einmal 20. Keiner von den beiden hat mich meines Wissens gezeugt – übrigens auch intellektuell nicht. Zu Anders hatte ich allerdings tatsächlich eine andere Beziehung. Und wie der sagte „Herr Oberschlick, jetzt wird’s aber Zeit, dass wir ,du‘ zueinander sagen. In meinem Alter kommt es ganz selten vor, dass man noch einmal einen Freund findet“, fand ich das schon ganz lieb.

Dass Sie Nenning mehrfach verleugnet hat, war keine Enttäuschung?

Oberschlick: Nicht wirklich, denn ich war ja vorbereitet. Der erste Konflikt, der die Beziehung zwischen uns eindeutig und endgültig definiert hat, fand Anfang 1970 statt, als es darum ging, die Unterschriftslisten für das Volksbegehren zur Auflösung des Bundesheeres zu drucken und aufzulegen. Ich bin ihm damals nach Graz nachgefahren und habe ihm die Fahnen vorgelegt. Als ich ins Forum Stadtpark kam, wurde der Nenning gerade angeschossen, weil manche einen Passus im vorgeschlagenen Gesetzestext noch streichen wollten. Worauf der Nenning behauptet, dass die Unterschriftslisten schon gedruckt wären und es 100.000 Schilling kosten würde, das zu ändern: „Wann ihr des zahlts, können wir drüber reden.“ Ich muss leider gestehen, dass ich diese Lüge nicht sofort aufgedeckt und Nenning erst auf der gemeinsamen Rückfahrt gesagt habe, dass das eine Sauerei war. Von da an wusste ich, was von ihm zu halten war.

Sie sind aber trotzdem geblieben?

Oberschlick: Dass der Macher und Machthaber eigentlich ein korrupter Hund war, hat an der hohen publizistischen Qualität des FORVM nichts geändert.

Das FORVM ist ein Produkt des Kalten Krieges. Gegründet wurde es 1954 vom Congress for Cultural Freedom (CCF), der, wie erst im Jahr 1967 aufgedeckt wurde, eine Vorfeldorganisation der CIA war. Unter der Führung des US-amerikanischen Journalisten Melvin J. Lasky wurde eine Reihe von Zeitschriften, oft unter sehr prominenter Herausgeberschaft, ins Leben gerufen: Encounter in England (Herausgeber: Stephen Spender); Preuves in Frankreich (François Bondy); Tempo Presente in Italien (Ignazio Silone). Für das FORVM wurde der 1951 aus dem amerikanischen Exil heimgekehrte Friedrich Torberg engagiert.

Betrachten Sie die CIA-Gründung des FORVM als einen Geburtsmakel oder ist das ein vernachlässigenswerter Umstand?

Oberschlick: Na ja, wenn Sie den ebenfalls vom CIA gegründeten Monat aus Deutschland mit dem FORVM des Friedrich Torberg vergleichen, sehen sie einen Unterschied. An sich war der Kongress für kulturelle Freiheit darauf aus, den europäischen Intellektuellen Diskussionspodien zur Verfügung zu stellen, in der ideologisch verbohrten Erwartung, dass dabei keine Kommunisten rauskommen. Torberg, der als eiserner McCarthy-Anhänger aus den USA zurückgekommen war, hat das Konzept durchbrochen: Er hat die freischwebenden Intellektuellen nicht gefördert, sondern er hat sie alle als Mitläufer und „Fellow Traveller“ denunziert – allen voran Hilde Spiel … 

… eine seit Jugendtagen von beiden Seiten mit Gusto gepflegte Animosität.

Oberschlick: Die Fama sagt, sie habe ihn abgewiesen – und das war er nicht wirklich gewohnt. Jedenfalls hat der Kongress Torbergs Position nicht goutiert. Er wurde verwarnt, und als das nichts gefruchtet hat, wurde ihm – zuerst zeitweilig, dann endgültig – der Geldhahn zugedreht. Das hat Nenning zum Mister FORVM gemacht, weil er Inserate gekeilt und dafür auch Provision bekommen hat. Der Torberg hat den Nenning 1958 ins FORVM geholt und rund fünf Jahre später aufgehört, selber zu redigieren. Von da an trug das Heft mehr und mehr die Handschrift Nennings, bis Torberg Ende 1965 endgültig meinte: „Das ist nimmer meins. Machen Sie’s weiter.“

Bis dahin verlief die Zusammenarbeit der beiden friktionsfrei?

Oberschlick: Nein, es gab fürchterliche Kämpfe. Der Nenning hat die Sekretärin so beschäftigt, dass sich der Torberg schriftlich darüber bei ihm beschwert hat, weil sie ihm nicht mehr zur Verfügung stand.

1966 hatte Günther Nenning das FORVM von Friedrich Torberg zum symbolischen Kaufpreis von einem Schilling übernommen und unter dem Namen Neues FORVM weitergeführt. In der Juni/Juli-Ausgabe 1966 schickte Torberg einen „Brief von der Schwiegermutter“ ans Neue FORVM, in dem er gestand, sich „beim Anblick des Neuen FORVM aus einem Vater in eine Schwiegermutter“ zu verwandeln und die Zeitschrift mit „scheelen, aufsässig prüfenden Augen“ zu betrachten, dann aber doch keinen argen Makel ausmachen könne: „Ich gratuliere dem Neuen FORVM zum Dr. Nenning und dem Dr. Nenning zum Neuen FORVM.“

1983 entlässt Nenning Gerhard Oberschlick wieder einmal, nachdem dieser durch eine Sottise auf den Publizisten Jörg Mauthe Nennings Ärger erregt hatte. (Nenning hatte mit Mauthe, mit dem gemeinsam er später ein reaktionäres „Schönheitsmanifest“ verfassen sollte, eine Kooperation begonnen). Als das Blatt 1985 wegen der Einforderung nicht abgeführter Krankenkassenbeiträge konkursreif ist, lässt Nenning Oberschlick durch die Buchhalterin fragen, ob er nicht an einem Wiedereinstieg interessiert wäre. Die Antwort: „Sehr. Allerdings nur ohne Nenning.“

Klingt nach einer Pattstellung – worauf haben Sie sich geeinigt?

Oberschlick: Dass ich das Recht auf Herausgabe und Verlag eines Heftes auf eigene Faust und nach eigenem Kopf erwerbe, das bis Ende September erscheinen muss und uns Zeit zu weiteren Verhandlungen verschafft. Aber nachdem sich Nenning gegenüber der Zumutung, dass er ausscheiden müsse, unzugänglich zeigte, bin ich wieder mit Sack und Pack ausgezogen.

Wie lange hat’s gedauert, bis er sich wieder gerührt hat?

Oberschlick: Nicht lange. Noch im Oktober sind wir zu einem Kaufvertrag gekommen, der mir die Rechte am Titel und am Altlager der Hefte zusicherte. Ich hatte das Geld natürlich nicht, also habe ich vom Kaufpreis nur 120.000 Schilling sofort bezahlt, den Rest nach und nach mit Zinsen.

Wie hoch war der und wie lange haben Sie abgestottert?

Oberschlick: Weitere 1,2 Millionen bzw. fünf Jahre.

Was haben Sie geändert, als sie 1986 die Herausgeberschaft übernommen haben?

Oberschlick: Ich hatte so gut wie nie was geschrieben und wollte das auch nicht ändern. Also habe ich Autoren geholt, die dem Blatt das Gesicht geben sollten, das ich mir vorgestellt habe.

Wer waren die?

Oberschlick: Primär der Günther Anders, aber auch Rudolf Burger, Fritz Herrmann und Jürg Jegge.

Ab 1985 gibt es im FORVM keine Beiträge von Günther Nenning mehr. Hat er denn keine Artikel mehr angeboten?

Oberschlick: Er hat mir schon Beiträge gegeben, aber ich habe sie nicht genommen.

Was war das?

Oberschlick: Halt eine von diesen unsäglich eitlen Pirouetten, die er damals gedreht hat.

Wie sind Sie mit den Protesten gegen das Kraftwerk Hainburg umgegangen, bei denen Nenning ja einer der führenden Proponenten war?

Oberschlick: Ich habe damals ein echtes Interesse daran gehabt, die Finanzierung des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens durch die Kronen Zeitung öffentlich zu machen, weil ich fand: Was immer aus den Grünen wird, sie müssen schon wissen dürfen, wie es sich verhält, und auch Gelegenheit haben, dazu Stellung zu nehmen. Die Freda Meissner-Blau (Mitgründerin der österreichischen Grünen, Red.) hat das total verstanden und auch geschätzt, der Gerhard Heilingbrunner (Mitinitiator der Aubesetzung, Red.) weniger, der war furchtbar bös, ditto der Nenning. Und der Falter hat meinen Text zurückgewiesen, weil er meinte: Jetzt nicht, jetzt werden sie grad in Hainburg getögelt, da können wir ihnen nicht in den Rücken fallen.

Ihr Artikel ist dann woanders erschienen?

Oberschlick: Ja, in der Wochenpresse unter dem Titel „Das Konrad-Lorenz-Millionen-Bingo“.

Im März 1991 kommentierte Oberschlick in einer kurzen Glosse Jörg Haiders Ulrichsberg-Rede. In der hatte Haider die deutsche Wehrmacht als Kämpfer für Demokratie und Freiheit dargestellt und gemeint, dass nur diejenigen, die damals auch „den Kopf hingehalten“ hatten, das Recht auf Inanspruchnahme ihrer geistigen Freiheit hätten. Oberschlicks Fazit: „Ich werde Jörg Haider erstens keinen Nazi nennen, sondern zweitens einen Trottel.“ Haider klagte, Oberschlick wurde in Österreich wegen Beleidigung verurteilt und wandte sich daraufhin an die Europäische Kommission für Menschenrechte (EKMR). Der Fall kam schließlich vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der das Recht auf Meinungsfreiheit verletzt sah und im Jahr 1997 die Republik Österreich zu einer Schadenersatzzahlung an Oberschlick verurteilte.

Von 2002 bis 2005 erschien ein kompletter, eineinhalb Meter breiter Reprint [der 42 Jahrgänge] des FORVM in 29 Bänden (inkl. Register). Er ist mittlerweile vergriffen, die Rechte gingen an Gerhard Oberschlick zurück.

[1Dann schlug ich vor, er solle den Status des Harry Kleiner von „Assistent“ zu „Wissenschaftlicher Beamter“ umwandeln: als solcher wäre er definitiv angestellt gewesen, hätte sich immer noch habilitieren können, aber nicht müssen. (Nachträgliche Ergänzung 1, G.O.)

[2An einem prachtvollen Tag des folgenden Frühlings 1970 sonnte ich mich einmal auf einer Bank gleich neben der Uni im Rathauspark, als Heintel vorüberkam, mich sah, stutzte und mich ansprach: Was ich jetzt mache. Erzählte ich, dass ich hauptsächlich mit der Organisation eines Volksbegehrens zur Auflösung des österreichischen Bundesheeres beschäftigt sei. Sagte er prophetisch: „Sie werden verkommen!“ — „Se sansas scho“ (Wienerisch für „Sie sind es schon“), war meine Antwort. Danach habe ich ihn nie wieder gesehen und erst Jahre später, 1994, den Beitrag von George Leaman: „Die Universitätsphilosophen der Ostmark“ publiziert, in dem Heintels NSDAP-Mitgliedschaft erstmals bewiesen und mit seiner Mitgliedsnummer dokumentiert war. (Nachträgliche Ergänzung 2, G.O.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2018
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