FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Michael Guttenbrunner

Nach fünfzig Jahren

Rede in Klagenfurt, am 8. Mai 1995, wo M.G. ein halbes jahr zuvor die Ehrendoktor-Würde der dortigen Universität empfangen hatte.

Wir sollen in der Weltgeschichte für Krieg und Frieden und für das Grossdeutsche Reich Adolf Hitlers nicht Ahnenforschung treiben und für das doch Erstmalige und Unvergleichliche nicht immer wieder nach hinkenden Vergleichen suchen. Aber bis auf den Ersten Weltkrieg und die einem Marstheater zugedachte und auf Erden heute vergessene Tragödie Die Letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus müssen wir doch zurück. Der Krieg 1914-18 war die grosse Vorschule technisch avancierter Bestialität, die heute Routine ist, und himmelschreiender unerhörter Greuel. Der Herausgeber der Fackel hat übrigens schon 1924 die Befürchtung ausgesprochen: es könnte dem Teufel doch noch gelingen, der Menschheit das Hakenkreuz einzubrennen. — Es ist geschehn und bleibt uns eingebrannt. Und so wie die Kriegsfurie nicht für immer mit siebenfacher Kette in der Hölle festgebunden ist; so wütet auch, verderblicher denn je, die Pest der Presse — was einst die Presse hiess. — Ihr immer zwinkerndes Zwiespaltsverhängnis, und das der Leserschaft, hat erst neulich ein Blatt auf typische Weise dazu vermocht, die Freveltat von Oberwart mit den Speisen des Hannes Androsch zu garnieren. Gross aufgemacht mit Bild, was dem Steuerhinterzieher schmeckt! — Meine Damen und Herren, den öffentlichen Gewissenswächter in Demokratie und Humanität zu machen und Sowas zu bringen, die einzige eingegangene Missbilligung jedoch zu unterdrücken, das heisst: den Untergang der Menschheit zu überdauern!

1938, in den letzten Tagen vor der militärischen Besetzung der Tschechoslowakei, als der Hass exzedierte, schrieb Wolfgang Benndorf das folgende Sonett, es vergegenwärtigt den öffentlichen Geisteszustand; der vor allem als Konflikt des deutschen Geistes mit der Wahrheit zuletzt auch für die Deutschen tödlich endet:

Sie schelten Mörder jene die sie morden
und beten zu Verderbern wie zu Göttern
und über jüdische Verleumderhorden
hört man sie wo ein wahres Wort tönt wettern.
 
Nie stand ein wahres Wort in Zeitungsblättern
seit sie bemüht sind Deutschland aufzunorden
doch heut im Volksblatt heissts in fetten Lettern:
Ein ganzes Volks ist wahnsinnig geworden!
 
Erst glaubt ich meinen Augen nicht zu trauen.
Die niemand auszusprechen wagt, die Wahrheit,
wer durfte sie zu drucken sich erfrechen?
 
Die Neugier trieb mich näher hinzuschauen
und weiter lesend kam ich gleich zu Klarheit:
Wahnsinnig wurde welches Volk? — die Tschechen!

Zur selben Zeit liess ein Freund Benndorfs, Johann David Sauerländer, dieses Epigramm los:

Das nenn ich aufgenordet,
das heiss ich eine Pracht:
die Reichsregierung mordet,
das Volk schreit Heil und lacht!

Das moralische Fazit der Kompromisspolitik und ihrer sträflichen Einlassung auf diplomatische Kunst gegenüber dem Mordstaat hat J. D. Sauerländer in seinen Stanzen im Akkusativ so gedeutet:

Ich zeige dir das Wesen der Erscheinung
In Deutschland erst, wie du dirs ausbedangst.
Hier herrscht des Rechtes schurkischste Verneinung,
Das Volk liegt auf den Knien, fügsamst und bangst.
Hier gibt es keine öffentliche Meinung,
Hier gibt’s nur eine öffentliche Angst ...
Und frei ergehn, in Jubel und Gelächter,
die Menschenschänder sich und Menschenschlächter.

2. Österreich 1938 und vorige

Das Bild in Österreich ist schier das gleiche,
Doch waltet hier ein andrer Seelenbann:
Hier herrscht der Heimkehrdrang zum Deutschen Reiche,
Das Volk liegt auf den Knien und betet an.
Es kniet wahntrunken vor der Wotanseiche,
In der ihm Herrlichstes Gestalt gewann.
Und frei ergehn in Jubel und Gelächter
die Menschenschänder sich und Menschenschlächter!

Nach fünfzig Jahren memorieren wir abermals das an sich keinem wachen Sinn Erreichbare (K. Kraus). Und wissen, dass es unvergleichlich war und durch nichts reduziert wird; auch dass es keine Tradition und keine Parallele hatte, nichts was dazu berechtigt, das ungeheuer Massive der einzigartigen Erscheinung zu zerschroten und bald der einen, bald der andern Einzelheit im mörderischen Grossbetrieb des Grossdeutschen Reiches allerlei Vergleichbares an die Seite zu stellen, um so durch Sichtverschiebung und Begrenzung zu Verkleinerungen zu gelangen. Für das Unvergleichliche werden in den Weiten von Raum und Zeit immer wieder entkräftende Vergleiche angestrengt, ungeachtet dessen, dass übermässiges Hinken eines Vergleichs dessen Wirkung beeinträchtigt (Mechtilde Lichnowsky). Halten wir fest, dass das von Hitler proklamierte und vom Machtstaat zum Gesetz erhobene Arierprivilegium keinen andern als den unvergleichlichen Zweck des Völkermordes hatte. Es war der Imperativ der Menschenrechtsverletzung im Grossbetrieb: Einen Jeglichen, der im Buch des Übermenschen als Untermensch verzeichnet war zu quälen, zu berauben und zu würgen! — Zur Gewährleistung dessen war erforderlich die Errichtung einer rechtlosen rechtswidrigen Ordnung, die in ihrer ruchlosen Nacktheit teilweise maskiert war — wenigstens für die feigen Sinne vieler. Und viele sind vor der Ver-larvung dieser Ordnung für immer stehen und verblendet und verblödet an ihr hängen geblieben.

Sauerländers letzte Stanze im Akkusativ setzt nach dem Ende ein, nach der endlichen Scheiterung aller Pläne, »die verfehlt zurückgefallen auf der Erfinder Haupt«. Sie drückt die immer verzweifelte Lage der innerdeutschen Opposition, des deutschen Widerstandes und das Versagen der Alliierten aus:

Wo sonst ein Brunnen war, blieb kaum ein Brünnchen.
Doch darf kein Mensch, trifft schuldlos dich dein Teil,
dir eine Schuld am Weltunheil antünchen.
Wem war das Wehrverbot, das Rheinland feil?
Wer unterschrieb den Schandvertrag von München?
Das so uns aus der Hand gewundne Beil:
so neugeschärft liehn die Erbweisheitspächter
dem Menschenschänder es und Menschenschlächter!

Erbweisheitspächter, der Name, den Sauerländer für die westlichen Demokratien gefunden hat.

Nach fünfzig Jahren wird auch wieder an die Bedrückung durch die russische Besatzung erinnert, an die Gewalttaten russischer Soldaten gegenüber Wehrlosen. Unsere Bekenntnispflicht, die nach einem Wort Benndorfs dort am grössten ist, wo das stärkste Vorurteil waltet, verlangt die Anmerkung eines unterdrückten und von unserer Justiz abgewiesenen Sachverhalts. Im Vertrauen darauf, dass morgen der Feind da sein wird und dass vor allem der russische Stiefel gross ist und dass wo er hintritt nichts mehr unterscheidbar sein wird, haben unerschütterliche

Anhänger Hitlers bis zur letzten Stunde ihrer Handlungsfreiheit, die nicht mit der allgemeinen Kapitulation der Streitkräfte zu Ende war, noch schnell die grössten Schandtaten begangen — und das Vorurteil hat sie bereitwillig den Russen zugeschoben.

Der endliche Endsieg der mühsamen Alliierten über den Grossdeutschen Mordstaat und der Zusammenbruch der Nationalbestialistischen Gewaltherrschaft haben als Erfahrung und als Urteil keine weltgeschichtliche Entscheidung gebracht. Die Alliierten hatten sich vorher und nachher mitschuldig gemacht an den Verbrechen und an der fortlebenden Rechtsstumpfheit, zuerst durch ihre politische Einlassung auf den Politiker Hitler, und dann durch die Praktik der Umerziehung und der Entnazifizierung. Nichts rechtfertigte die völkerrechtliche Anerkennung des Grossdeutschen Reiches. Es gab ein Rechtsgutachten, welches besagte: Das ist keine Regierung, sondern eine Verbrecherbande. Gegen sie führt man nicht Krieg nach den Statuten, man schreitet dagegen ein durch Polizeiaktion, dann ist jeder durch deutsche Waffen auf unserer Seite bewirkte Tod Mord. — Aber auch Österreich hat kein Selbstgericht über sich gehalten. Es hielt sich als Ganzes für das erste Opfer. Und seine versuchte Selbstreinigung war, dass es alles, was deutsch hiess, überhaupt verpönte, die Bezeichnung »deutsch« war an sich diskriminiert, nur mehr seine Anwendung auf das Schlimmste sollte gestattet sein: Eine andere Sorgfalt galt einem möglichst glimpflichen Geleit aller Hitlerianer, vor allem der Bonzen, durch die schlechten Zeiten. Es war, als sollten Geschichtslüge, Duldung des Bösen und jede unstatthafte Erlaubnis und Vergleichung grundlegend werden. Nach anfänglichen Schroffheiten haben sich Ende der fünfziger Jahre die Einen mit den andern abgefunden. Heimgekehrte Verfolgte und vor Hitler Geflohene sassen mit seinen Schreibknechten zusammen in verschiedenen Institutionen. Sie haben den Kulturstaat nicht ohne gegenseitige Hinterfotzigkeit unter sich geteilt; begünstigt durch allerlei Atmosphärisches und den Umstand, dass viele der Besten tot sind oder nicht wieder kehrten. Österreich hat auch kaum einen Emigranten zurückgerufen. So ging uns viel Talent und noch mehr Charakter für immer verloren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 48
Autor/inn/en:

Michael Guttenbrunner: Michael Guttenbrunner, 1919 in Klagenfurt geboren und ein Trakl-Preisträger 1954, hat bis jetzt die Gedichtbände „Schwarze Ruten“ und „Opferholz“ veröffentlicht (Verlag Otto Müller, Salzburg) und gab die lyrische Anthologie „Schmerz und Empörung“ heraus, deren Titel zugleich für das Wesen und den Antrieb seines Schaffens kennzeichnend ist.

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