FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Gerhard Oberschlick

Lob der Unangenehmheit

»Über einen Fehler unsrer Tugend« und seine Wiederholung — »Ja oder nein?«

Bei der Vorbereitung bin ich wieder einmal darauf gestoßen worden, daß Günther Anders ein äußerst unangenehmer Mensch war. Immer wenn ich mich hingesetzt habe, um irgendwas aufzuschreiben, imaginiert sich mir der und macht mir Einwände und pflanzt mich hin und her, so ungefähr:

Er sagt, was machst Du denn da, nimmst her die FORVM-Hefte. Sag’ ich, ich muß ja über Dich was reden. Sagt er zurück, aber das kennst Du doch. Sag ich, ja, aber ich hab’ das doch nicht alles so genau im Kopf. Sagt er, und die anderen Sachen, die nicht im FORVM stehen, die willst Du gar nicht Vorbringen? Sag’ ich, Du, so genau überblick ich das nicht, was Du so alles geschrieben hast, das ist so irrsinnig viel und mich hat’s außerdem immer nur interessiert als Elemente, als Bausteine für die Gedankengänge, die ich im FORVM den Leserinnen und Lesern selbst vorgelegt hab’. Den Rest kenn’ ich doch kaum. Worauf er sagt, also Du wirst mir sagen, ich sei unangenehm, findest Du das vielleicht eine angenehme Äußerung in meine Richtung?

Und dann hab, ich mir gedacht, vielleicht sollte ich einfach eine Lesung vornehmen. Lesung aus Anders, da kann gar nichts schiefgehen.

Sagt er, das ist g’scheit, denn wenn Du anfangst, mich zu interpretieren, kriegst Du eins über die Rübe. Denn daß mich jemand interpretiert, das brauche ich ja nicht. Die Leut’ sollen mich halt lesen. Ich drücke mich selbst klar aus, und was das alles überhaupt heißt, ist durchaus verständlich, nehme ich an. Sage ich, also weißt, wenn ich daran denke, was Du da über Leibnitz, die Monadologie, und über Descartes, über Heidegger herumgefelbert hast, klingt alles ganz gut. Aber wie Du selbst sagst, wenn ich das les’ — das ist jetzt ein Anders-Zitat —, weiß ich aber nicht, was das eigentlich heißt, heißt das auch irgendwas?

Unangenehm war Anders methodisch. Man könnte sagen, so wie er seine Philosophie Diskrepanz-Philosophie genannt hat, war die Methode der Diskrepanz-Philosophie, unangenehm zu sein. Und zwar denen, mit denen er gesprochen hat, denn philosophiert hat er vornehmlich bei Gelegenheit, und in jüngeren Jahren, wo ich ihn natürlich noch nicht gekannt habe, wohl sehr häufig bei Gelegenheiten, die sich gesprächsweise ergeben hatten. Da notiert er zum Beispiel in seinen Ketzereien den

»Schluß einer Diskussion«

›... und zum Schluß darf ich ja wohl mein Einverständnis ...‹

›Nein!‹ unterbrach ich ihn, obwohl er im Begriff stand, mir zu schmeicheln, ›das dürfen Sie nicht!‹

Er schnappte nach Luft. Die Zuhörerschaft nicht minder.

›Sind Sie sich denn im klaren darüber, daß Sie eine Sklavensprache sprechen, was heißt „darf“? Welchen Erlaubenden unterstellen Sie denn? Der Ihnen selbst dann, wenn Sie Ihr Einverständnis ausdrücken wollen, erst grünes Licht geben muß? Wir dürfen nicht dürfen!

›Aber Herr Doktor‹, beteuerte er, grau im Gesicht, ›das ist doch eine bloße Redensart!‹

Ich schüttelte meinen Kopf. ›Bloße Redensarten gibt es nicht, man spricht nicht nur, wie man ist, man wird auch, wie man spricht!‹

Da stieg ein Murmeln aus dem Publikum, das offenbar fand, daß ich jemandem seine Freiheit streitig machte.

›Man wird doch noch so reden dürfen‹, begann einer, ›wie ...‹

›Sie meinen: Sie wollen unfrei sein-dürfen?‹ [1]

In dieser Art also hat er sich offenbar gern unangenehm gemacht, zumindest in der Selbstdarstellung, aber Ähnliches war bei ihm schon zu erleben. — Ich habe mich also entschlossen, eine Lesung aus Anders vorzunehmen, mit ab und zu verbindenden Worten, also Moderation. Und les’ jetzt noch ein ähnliches Stück vor, wo er allerdings nicht in die Konfrontation gehen mußte, weil der Professor P. bereits gestorben war. Anders notiert da [2] eine

»Nichtgehaltene Grabrede«

Seine »Ergänzungen zur Vorgeschichte der Elfenbeinschnitzereien im Nordburgund des frühen 14. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung des Motivs kauernde Martha« stellen gewiß einen der relevantesten deutschsprachigen Beiträge zu diesem Thema dar. Wir werden den teuren Toten niemals vergessen.

Anders’ Kommentar:

Relevante Behandlung dieses Themas. Aber ist dieses Thema relevant? Wenn ja, für wen? Und ist der relevant? Wenn ja, wofür? Wenn diese drei Fragen vom Autor nicht beantwortet werden können, nein: noch nicht einmal verstanden werden können, dann gilt die Behandlung des Themas als akademisch solide.

Gehe in dich: Hast du Relevantes beigetragen?

Wenn ja, für wen? Und ist der relevant? Wenn ja, wofür?

Da spricht also einer, der ist 1902 geboren als Sohn eines Psychologieprofessors und einer Mutter, die sorgfältig aufgeschrieben hat, was die Kinder alle drei, die beiden älteren Schwestern und der Bub, der aufgeweckte, so von sich gegeben haben, und zwar die ersten vierzehn Lebensjahre lang. Das ist alles dokumentiert in der Handschrift seiner Mutter Clara — Stern, wie Anders bei seiner Geburt hieß. Daraus hat das Ehepaar Stern gemacht: eine Psychologie der frühen Kindheit [3] und eine Kindersprache [4] Und Anders, also der junge Günther Siegmund Stern, hat dabei selber offenbar gelernt, daß das, was er von sich gibt, relevant sein kann — und soll; und hat dann alles, was er selber für relevant gehalten hat — nicht mehr für die Zwecke des Vaters als Kinderpsychologe, sondern für die Zwecke, die er sich selbst gemacht hat —, alles, was er selbst für relevant hielt, selbst aufgeschrieben. So wie vorher die Mutter. Er hat die Doppelrolle übernommen, der beiden Eltern, für sich. Das heißt, wir haben den seltenen Fall, daß wir von 1902 bis 1992, ungefähr neunzig Jahre hindurch, dokumentiert haben, was der Bub bis zum uralten Herrn für wichtig gehalten hat. Das gibt es alles schriftlich. Das ist singulär. Das hat in den USA ein Psychologenehepaar noch einmal machen wollen, die haben das aber nach zwei Jahren oder was abgebrochen, denn es ist unzumutbar in Wirklichkeit. Daraus, aus dieser Erfahrung mit sich und den Eltern, daß man selber, wenn man was sagt, wichtig wird, kommt ein sich selbst wichtig Nehmen — und vielleicht auch, da er aufgeweckt war, ein gewisses Gefühl der Überlegenheit, das ihn umso unangenehmer gemacht hat, und diese Unangenehmheit war ziemlich methodisch.

Er hat sich ja alldieweil als Philosoph bezeichnet und hatte doch nichts Verächtlicheres gekannt, als Philosophen, die zum Beispiel sich abgegeben haben mit der Theorie der Willensfreiheit und bewiesen haben oder sowas, daß der Mensch frei wäre; denn das sei nicht das Problem, hat er gemeint. Die Frage, bin ich frei oder bin ich nicht frei, brauchen wir nicht zu diskutieren. Die Voraussetzungen der Freiheit sind zu erörtern: wie wir wirklich frei sein können, und nicht, daß wir Wahlfreiheit im Prinzip hätten, wo wir gar nix zu wählen haben, und das dann schon Freiheit nennen und damit auch die politische Freiheit unter den Tisch fallen lassen, also das fand er einfach verächtlich. So hat er zum Beispiel Heidegger kritisiert.

Also die Relevanz dessen, was einer tut, was einer schreibt, was einer mitteilt, und die Frage der Relevanz für wen für wen der relevant ist und wofür. Das hat ihn natürlich bei den Erfahrungen seines Heranwachsens nach und nach zu Inhalten geprägt.

Zunächst hat er sich bis etwa nach der Dissertation für Politik gar nicht interessiert und herumgeschwankt, ob er Musik oder Malerei oder ob er Philosophie als Hauptberuf wählen soll oder sonstige Formen der freien Schriftstellerei — hat viele Gedichte geschrieben, ich les’ dann gleich eins.

Dann ist ihm bei seiner vielen Lektüre in die Hand gefallen ein Buch, das es schon damals in großer Auflage gab, zu Beginn der dreißiger Jahre, das hieß »Mein Kampf« und war von einem gewissen Herrn Hitler, und das hat ihn gewissermaßen fasziniert. Und weil ich doch gesagt habe, ich will lieber lesen als vortragen, schau’ ich, ob ich das überhaupt find, was ich da lesen wollte, sonst erzähl’ ich es einfach so:

Er wollte Seminare machen über Hitlers »Mein Kampf«, denn er hat es inferior, dumm und kindisch gefunden, daß Brecht gemeint hatte, Hitler als den »Anstreicher« verhöhnen zu können und damit Relevantes zu dem Problem beizutragen. Kindisch, dumm, inferior, so seine Ausdrücke zu Brecht; »Anstreicher«, hat Brecht gesagt. Wer von den beiden Recht behalten hat, können wir nachträglich viel leichter sagen; ich weiß nicht, ob wir damals »Mein Kampf«-Seminare besucht und uns überlegt hätten, was wir dagegen tun sollen. Anders hat viel später, das muß etwa um 1980 gewesen sein, dieses Problem noch einmal aufgeworfen, und zwar jetzt nicht im Gegenüber zu Brecht, sondern im Gegenüber zu einer vormals kommunistischen Frau, die sich zu dieser Zeit bereits zur Linkskatholikin gewandelt hatte und erst nach dem Kriege geboren war — Übergetitelt ist das:

»Bad Ischl. Die Beichte.«

Wir saßen auf einer Bank im Kaisergarten, und sie hatte gemerkt, daß ich zusammengezuckt war, als sie mir mitgeteilt hatte, daß sie nachher zur Beichte gehen würde. ›Müßte‹, hatte sie, glaube ich, sogar gesagt.

›Hat es denn in Ihrem Leben nichts gegeben‹, fragte sie dann, ›was Sie bereut haben oder heute noch bereuen?

›Doch‹, antwortete ich nach einer Weile, ›es hat etwas gegeben. Aber ich warne Sie. Meine Antwort wird sie erschrecken.‹

›Mache ich einen so schreckhaften Eindruck?‹ fragte sie leichtfertig.

›Also gut. Es gibt etwas, das fünfzig Jahre zurückliegt und das ich heute noch bereue. Und bis zu meinem letzten Tage noch bereuen werde.‹

›Und was für eine Tat war das?‹

›Eine Unterlassung.‹

›Und welche Unterlassung bereuen sie?‹

›Daß ich jemanden nicht umgebracht habe.‹

Sie blieb stumm und rückte ans äußerste Ende der Bank, so als hätte ich ihr gerade mitgeteilt, daß ich jemanden umgebracht hätte.

›Das aus Ihrem Munde?‹ fragte sie stimmlos.

Ich nickte. ›Gerade aus meinem.‹

(Pause. )

›Ich dachte‹, flüsterte sie, ›daß Sie einer der wenigen sind, die das, Du sollst nicht töten! ernst nehmen.‹

Ich nickte.

›Denn ich habe alles gelesen, was Sie über Massenmorde geschrieben haben. Gegen Auschwitz. Gegen Hiroshima. Gegen Vietnam‹ (Pause. ) ›Und nun das?›Eben.‹

›Was heißt ,eben‘?‹

›Daß meine Reue aufs engste mit meinem Ernstnehmen des ,Du sollst nicht töten!‘ zusammenhängt.‹

Das verstand sie natürlich nicht.

›Ich werde versuchen, es Ihnen zu erklären. — Im Jahre 1928 — ich war damals sechsundzwanzigjährig, also in jeder Hinsicht verantwortlich — hatte ich, Mein Kampf gelesen — wofür ich von meinen Freunden, die Hitler idiotischer Weise nur den ,Anstreicher‘ nannten, durch den Kakao gezogen wurde. Nachdem ich die ersten fünfzig Seiten dieses gemeinen, haßfreudigen, zum Hassen aufreizenden, achtelgebildeten, feierlichen, rhetorisch mitreißenden ...‹

›Was?‹

›Unbestreitbar höchst intelligenten Buches ...‹

Sie schlug sich auf den Mund und blickte mich ungläubig an. ›Erwarten auch Sie das Idiotenwort ,Anstreicher‘? Heute noch? Aus meinem Munde?‹

Sie schüttelte langsam den Kopf.

›Also — nachdem ich die ersten Kapitel dieses Buches, von Seite zu Seite atemlos lesend, hinter mich gebracht hatte, wußte ich — und alle Menschen, die etwas Verstand im Kopf und etwas Anstand im Herzen hatten, hätten das ebenfalls sofort wissen müssen — da wußte ich also: dieser Mann sagt, was er meint, und er meint, was er sagt. Und er sagt es so vulgär, daß er für Vulgäre unwiderstehlich sein wird und selbst Nichtvulgäre vulgär machen und mitreißen wird. Und ich wußte schließlich: dieses Buch bedeutet nicht nur das Ende aller Menschenwürde, aller Hoffnung, alles Erbarmens, sondern schlicht und einfach Weltkrieg. Den zweiten Weltkrieg. Die Verwüstung Europas. Den Tod von Millionen.‹

›Schon damals haben Sie das gewußt?‹

›Wie alt waren Sie damals?‹

›Noch längst nicht geboren.‹

»Entschuldigt. — Ja, schon damals.‹ ...« [5]

Ich brech’ das jetzt ab. Also: Er erläutert, warum er meint, daß Hitler hätte getötet werden müssen, und was mich an dem Text zunächst gewundert hat, als ich ihn nach Erscheinen des Buches 1982 las, war, warum er aus dem ganz gewöhnlichen Zugang, daß Hitler hätte umgebracht werden sollen durch irgend jemanden und daß das wünschenswert und gut gewesen wäre — warum er daraus so ein Brimborium macht in diesem Text. Er hat natürlich auch gewußt, daß das ein allgemeines Vorurteil war, das sich weit verbreitet hatte. Hitler ist einer, den hätte man umbringen müssen, dann wäre es vielleicht besser gewesen. Also: es wäre gut gewesen, das zu tun. Es gab ja auch einige Versuche — die sind alle gescheitert, und den Männern des zwanzigsten Juli 44 und anderen macht man am ehesten den Vorwurf, daß sie’s nicht geschafft haben; daß sie es dilettantisch, nicht ernstlich genug, nicht aufopferungsvoll genug — also jedenfalls, daß Hitler überlebt hat. Punkt. Und daß sie so spät dran waren, 1944. Also warum macht der Mann, gescheit wie er ist, daraus so ein Brimborium? Daß man hier hätte jemanden töten sollen, das war ohnehin normalerweise jedermann klar. Ich hab’ mir gedacht, er hat vielleicht nicht nur die Geschichte so erzählen wollen, wie er sie erzählt, sondern er wollte noch etwas anderes bewirken, unvermerkt und ohne es ausdrücklich zu sagen — das ist eigentlich gemein —, nämlich: den Leuten irgendwie klarmachen, daß sie eigentlich Tötungsgesinnung haben und daß das etwas ist, wovor man erschrecken müßte. Aber das in einer Form, wo sie diesen Tötungsvorsatz — zumindest für diesen rückwirkenden event, Hitler betreffend — zugleich bestärkt vorfinden. Also eine sehr komische Geschichte. Ganz klar ist es mir nicht geworden, wir haben auch nie darüber geredet, aber das Buch ist ’82 erschienen. 1983, er war seit einiger Zeit mein Mitarbeiter, hat also dem FORVM Beiträge geliefert, denn mich hatten seine Texte natürlich als Bausteine für meine Gedankengänge, die ich aus wunderschönen fremden Texten legen durfte, interessiert. -

Plötzlich krieg ich von ihm einen Text, der heißt »Si vis pacem para pacem«, [6] klingt also ungeheuer pazifistisch: Wenn Du den Frieden willst, dann bereite (nicht: den Krieg, wie üblicherweise: para bellum, sondern bereite) den Frieden vor, dann machFrieden. Das war ein Text, den hatte er als Rede geschrieben, auf Band gesprochen für das Dritte Forum der Krefelder Initiative, also der damaligen Friedensbewegung. Das Band wurde dort vorgespielt, am 17. September in Bad Godesberg. Friedensbewegung. Große Aufregung. Raketen wollen die stationieren. »Nachrüstung« haben sie das genannt. Nicht nur irgendwelche Raketen. Atomraketen. Natürlich, Rußland war da so übermächtig und hochgerüstet. Und die Amerikaner wollten ..., also hat Anders gereimt:

»Raketen sind Untergangsmagneten«

Das war ein wunderschönes Schlagwort, das konnte man auch skandieren. Und mitten in der Rede, wo er Mitteilungen, Warnungen, Thesen und Ratschläge formuliert, mitten in der Rede wird plötzlich das Mikrophon, also das Band abgestellt und es ist Schluß mit der Rede. Die Rede war nämlich unangenehm. Ich mach’ das kurz:

Die Tötung von Hitler war nicht die einzige Tötung, die Anders verlangt hat, und nicht nur rückwirkend hat er daran gedacht; sondern Anders hat in mehreren Stufen, und meinem Gefühl nach schon mit dieser »Ketzerei« da, mit Hitler vorbereitend, die Frage der Gewalt neu aufgeworfen. Schlag auf Schlag. 82, 83, und das ging bis 88 ungefähr; 1987 erschien ein Buch mit dem Titel »Gewalt — ja oder nein«, [7] das ist die zweite Hälfte von meinem heutigen Titel hier. Er hat also die Thesen aufgestellt:

Terroristen sind diejenigen, die uns mit dem Tod bedrohen. »Wir«, das ist diesfalls — er hat sonst immer die Verallgemeinerung »Menschheit« abgelehnt, hier hat er sie ganz unbefangen gebraucht. Verwendet sogar. Wer die Menschheit mit dem Untergang, mit dem Tod, mit der Tötung bedroht, der soll mit der Tötung bedroht werden. Also: Wer Terror verbreitet gegen alle, der soll, von allen oder auch nicht, jedenfalls mit dem Tod bedroht werden. In einem der früheren Texte hat er geschrieben: »Wir werden nicht davor zurückschrecken, diejenigen, die uns mit dem Tod bedrohen und unseren Tod in Kauf nehmen, mit dem Tod zu bedrohen.«

Also: »wir werden nicht davor zurückschrecken«. Fritz Hermann hat das sehr gut gefunden und gesagt: Der Tyrtäus, Spartaner, hinkend, gichtbrüchig wie Anders auch, hat die Spartiaten aufgehetzt durch wilde Schlachtgesänge, und alle haben gefunden, was will der alte Tepp? Nur die jungen Spartaner damals haben ihn ernstgenommen und haben Sparta halt irgendein Scharmützel gewonnen. Der Fritz Herrmann hat das sehr gut gefunden, also den alten Tyrtäus mit seinen präskriptiven Texten wie Anders, den hat er verteidigt gegen Angriffe von anderen. Ich will die Geschichte nicht allzubreit im Detail ausführen. Zum Schluß stand eine ganz andere Form. — Fritz Herrmann hatte analysiert: Wir werden, die Aufforderungsform ist gebrochen, nicht wir tun das oder wir sollen das tun oder irgendwer soll jetzt sofort irgendwen umbringen. Nein, sondern Anders hätte das in einer gebrochenen Form, Zukunftsform gesagt, hat Herrmann so schön analysiert. Er habe gesagt, wir werden nicht zurückschrecken, also noch tun wir es, noch schrecken wir zurück, noch drohen wir nicht wirklich, sondern wir reden erst davon, daß wir drohen werden, daß wir nicht zurückschrecken würden. Wir drohen erst mit dem später Nicht-Zurückschrecken. Aber das war in Anders’ publizistischer Strategie noch enthalten, mit den Zeitformen der Präskription hat er, meinem Gefühl nach, gespielt. Von der Zeitform Vergangenheit: Hitler hätten wir umbringen sollen, bis zur Zeitform Zukunft: alle, die im militärisch-industriellen Komplex an Herstellung und Hortung von Atombomben (fälschlicherweise »Waffen« genannt, es seien ja keine Waffen; die Atombomben zu besitzen, habere est adhibere — besitzen heiße gebrauchen, nämlich als Terrorinstrument, das die Todesdrohung für uns alle bedeutet); die also an der Verübung des Atomterrors mitwirken, die müssen alle mit dem Tod nicht nur bedroht werden, sondern auch erschossen. Nicht alle auf einmal erschossen, sondern Anders hat gefordert: Keiner von denen darf mehr sicher sein. Die Manager von Atomkraftwerken, die Bankers, die sowas finanzieren. Ponto wurde damals erschossen, ein gewisser Herr von Brühl erschossen, dessen Bruder hat Anders dann einen Brief geschrieben; ob er dem jemals geantwortet hat, weiß ich gar nicht.

Es gab eine sehr große Aufregung über diese Texte, die zum Teil und verstreut in der ›taz‹, in ›konkret‹, im FORVM, in der ›Natur‹, in einem Droemer Taschenbuch erschienen sind. Zum Teil in diesem Droemer Taschenbuch gebündelt; aber jedenfalls hat sich Anders nicht hindern lassen, auf seine unangenehme Art, Zahn für Zahn immer noch etwas zuzulegen und wirklich zur Tötung solcher Leute aufzurufen.

Ich hab’ das nicht unwitzig gefunden, als Methode. Aber inhaltlich ist es natürlich höchst unangenehm, denn der Appell geht ja an jeden, warum nicht an mich? Ich bin auch zur Red’ gestellt gewesen, umgekehrt, von meinem damaligen Herausgeber, also Eigentümer eigentlich, also meinem — klar, ich war ja in einer gewissen Art von Leibeigenschaft, um die ich mich nur nicht kümmern wollte. Aber das ist eine andere Seite der Angelegenheit und ich habe mich damit aus der Affäre gezogen, daß ich eine Distanzierung nachträglich ablehnte, die ich vorträglich nicht verfaßt hatte und zu der ich schließlich aufgefordert war. Sondern: Wir sind nicht in der NATO, bei uns ist keine Nachstationierung, bei uns sind keine Atombomben und keine Transporte von Plutonium. Bei uns gibt’s seit dem Beschluß, daß Zwentendorf nicht in Betrieb genommen werde, überhaupt keine Atomindustrie. Also: Wir sind sozusagen ein Versuchslaboratorium für Gedanken. Und das ist die Funktion vom FORVM und des ist jetzt des Textpatzl, das mein Eigentümer von damals vermißt hatte, hab’ ich dort im Dezember-Heft 1993 geschrieben. Was natürlich nur teilweise ein Eingehen auf die Problemstellung vom Anders war. Das hat er aber toleriert. So.

Anders habe diesen Zugang zum Töten nicht lustvoll und nicht leichtfertig gesucht, hat er behauptet und geschrieben — und nach dem, was zum Beispiel Freund Liessmann vorhin erzählte über Anders’ Art, sich mit Problemen zu befassen, wird das vielleicht glaubwürdig sein.

Anders hat unter anderem mitgeteilt, er hasse es zu hassen und er hasse es, zum Hassen genötigt zu sein. Und er werde es denen, die ihn dazu zwingen, fürs Töten zu sein, diesen Zwang, diese Nötigung niemals verzeihen können. Denn er hasse es nicht nur zu hassen, sondern auch zu töten hasse er.

Also die Antiquiertheit des Hassens, sich von diesem Gefühle leiten zu lassen, hat er auf diese Weise formuliert, so wie er überhaupt alle möglichen früheren, früher auch wertvollen Gefühle und Tugenden für antiquiert erklärt. Das bereitet sich aber viel, viel früher bei ihm vor. In der Emigration, nachdem er sich aufgeregt hatte über Brecht — der einerseits mit Anders befreundet war und andererseits ihn nicht riechen konnte, wie Anders einmal mitgeteilt hat — hat er in Zusammenhang mit Brechts »Anstreicher« nicht nur sich moquiert, daß Brecht hier einen an sich ehrenwerten Beruf, ein Handwerk schon hernimmt und jemanden für eine handwerkliche Tätigkeit verächtlich machen will. Und auch noch glaubt, das wäre politisch (a) vertretbar und könnte (b) wirkungsvoll sein. Das ist es nicht. Anders hat auch Überlegungen angestellt, die betrafen: wie das ist — das Verhältnis später einmal, wenn der Nationalsozialismus mit gutem Glück niedergerungen sein würde; was dann sein wird, wenn die Emigranten zurückkehren. Das hier ist, sagte ich schon, eine Lesung mit sparsamer Moderation; dieses Gedicht [8] von 1936 heißt und lautet

Emigration

Die wir damals, vor drei Jahren,
liegen ließen, unsere Pflichten,
können wir nicht morgen einfach
weiterführen, als sei gar nichts
von Belang geschehen. Wenn du
eines Tags nach Haus zurückkehrst,
darfst du nie vergessen: vieles
ist zu Hause unterdessen
vorgegangen: ja, natürlich
vieles Falsche und Gemeine,
aber dennoch vieles,
das wir nicht erlebten. Sicher
sind die Freunde (wenn noch einer
und der andere am Leben)
sehr verändert. Sei bescheiden,
viele Zeit verstrich. Und viele
Zeit — besonders Zeit des Feindes -
darf man niemals ignorieren.
Darum sei bereit zu lernen,
sei nicht doktrinär und sei
bescheiden.

Einer, der von einem Selbstbewußtsein getragen ist wie Anders, und der es sehr schwer hat, andere als intellektuelles Gegenüber auf einer ungefähr gleichen Ebene, auf ungefähr gleichem Niveau zu akzeptieren, wenn so einer »sei bescheiden« zu sich sagt, dann — also mich hat dieser Ausdruck insofern etwas betroffen gemacht, als er ja nicht ausbrach in die

Anklage, die er nicht erhob

Was ist mit denen? Die sind dort geblieben, haben mitgemacht, haben dort überlebt, haben irgendwie überlebt, als wir wegmußten. Haben unseren Tod überlebt. Denn ob wir starben oder nicht, das war nicht deren Verdienst, die dort irgendwie im System eingegliedert waren. Diese triviale Anklage kennen wir nur von der umgekehrten Seite: Unsere Anklage an unsere Elterngeneration, daß sie die Emigranten nicht zurückgeholt hat. Aber diese waren natürlich unangenehm.

Hingegen hat Anders, in der Emigration, seinen Emigranten-Kolleginnen und -Kollegen mitgeteilt: Die warten nicht auf uns. Die haben weitergelebt, die müssen mit dem, was dort in der Zwischenzeit war, fertigwerden. Die müssen das auch irgendwie überleben und die Zeit des Feindes wirkt sich aus, späterhin. Sie hat sich ausgewirkt. Anders hat nun andererseits ein sehr langes Gedicht — es tut mir jetzt sehr leid, aber es gibt zwei Möglichkeiten: entweder ich kürze, was eine Schweinerei ist, oder ich lese es komplett, dann kann ich mit der bemessenen Zeit nicht das Programm abspulen, das ich vorhabe. Ich werde also eine Schweinerei machen.

»Über einen Fehler unsrer Tugend« — also der erste Teil meines Vortragstitels. Frag’ ich mich doch von vornherein einmal, was heißt das: »ein Fehler unsrer Tugend«? Heißt das, unsere Tugend ist fehlerhaft oder ist unsere Tugend selbst schon ein Fehler? (Also die beiden Sorten Genetivus, ob- & subiectivus. ) Er macht da folgende seltsame Reflexion auf die Vergangenheit, obwohl sie vielleicht auch trivial ist. Aber die Form, wie er sie macht, ist eben die eines Gedichtes und nicht einer theoretische Reflexion. Das macht’s ja zur Schweinerei, wenn ich das [9] kürze.

Über einen Fehler unsrer Tugend
Warum wir damals, in den blut’gen Wochen
vor unsrem Fall, in jenen Nächten, da
aus jeder Haustür, jedem Vorstadt garten
ein Schatten sprang und blindlings auf uns einschlug -
 
warum wir damals kaum zurückgeschlagen,
und wie in Furcht, dem Schläger wehzutun?
Gut, daß Ihr fragt. Denn diese Schwäche war,
obwohl ein Fehler, doch höchst ehrenvoll.
 
Erinnert euch. So waren wir und sie:
zwei völlig fremde Stämme. Und verdammt,
im gleichen Lande, in der gleichen Stadt,
und Wand an Wand zu leben, oft sogar
im gleichen Raume. — Und dann kam die Nacht,
voll Lust am Provozieren, händelsuchend,
durch Fenster spähend und durch Mauerritzen,
und fand die einen träumend und die andren
zum Hassen aufgelegt. Und nahm mit Freuden
die Chance wahr, und griff sich eine Handvoll
von Hassern auf und trug sie rasch hinunter
in die entleerten Straßen, und versteckte
sie hier und dort (die ganze Stadt schien plötzlich
aus Fallen zu bestehn; und jede Scheune
und jeder Hinterhof von langer Hand
als Tatort vorbereitet) — und verschwand,
um rasch zurückzukehren: nun ein paar
der unseren im Arm. Und setzt sie ab
und stößt sie in den Rücken, daß sie sicher
in ihre Fallen laufen, und genießt
die kurze Stille. Lange braucht sie nicht
Geduld zu haben. Denn nach kurzem schreien
von hier und dort bereits die ersten Opfer.
 
›Die ersten Opfer‹ — das sind wir und unsre
langjähr’gen Freunde. Ach, wir hatten lange
ein großes Wunschbild der gerecht’ren Welt
mit Leidenschaft entworfen. Und wir brannten,
die Welt nach diesem Bilde aufzubauen.
Sie meinten wir. Nur ihr galt unser Leben.
Wie haßten wir’s, die besten Kräfte ganz
im Hassen auszugeben. Und wie schlecht
und ungeübt wir haßten, wenn durchaus
gehaßt sein mußte: ganz zerstreut und ohne
Genuß am Hassen. Wenn aus dunklem Haustor
ein Schatten uns entgegensprang und zuschlug,
(und um so wütender und blinder zuschlug,
je wen’ger er begriff, zu wessen Besten
und wen er schlug — denn jeder war ihm recht -)
Wir wehrten ihn nur traurig ab. Ja, manchmal
-- in letzter Hoffnung, auch für ihn noch hoffend –
versuchten wir, mit schon zerschlagnem Munde,
ganz unvernünftig doch den Menschen noch
im Mörder zu erreichen, und Vernunft
doch noch aus diesem Dunkel aufzurufen.
Wie schwer wir’s lernen konnten, daß zuweilen
ein Mensch nicht Mensch sein kann, und daß Vernunft
nur selten lockt, und fast nur aus Versehen.
Wir konnten’s nicht begreifen. Jeder Mensch,
und selbst der Feind, und selbst der Schläger galt uns
trotz seiner Schläge, hinter seinen Schlägen
stets noch als Mensch. Wir hatten lange Jahre
Einsicht uns gegenseitig eingeübt,
und gut gelernt, daß keiner dieser Schatten
selbst schuldig war; und jeder nur das schändlich
verführte Opfer unsres wahren Feindes.
So riefen wir ihn an: beinahe noch
als eignen Bruder; und als sei sein Bestes,
nur leicht betäubt, leicht wieder aufzuwecken.
 
O ja, er hörte uns: wir riefen nicht
ganz ohne Wirkung. Denn nun zog er plötzlich
den Schlagring aus der Tasche, holte aus,
und schlug uns mitten ins Gesicht und mitten
in unsre Bruderrede. Denn noch tiefer
als alle Feinde haßte er Appelle.
 
Wir mußten wiederschlagen. Aber, Freunde,
wie schlugen wir zurück. Wir furchtbar zaudernd.
Wie ungenau. Wie wenig überzeugend.
Und wie er uns verlachte. Und wie höhnisch
und laut er nun mit seinem Opfer spielte.
Nun wußte er, mit wieviel Recht er schlug:
für ihn war jeder, der sich seiner Haut
so schwach erwehrte, jeder, der nur ungern
ans Töten ging, ein ausgemachter Feigling.
Er also schlug den Feigling. Und er tats
gewissenhaft: wir flohen oder fielen.
 
Wir sollten, Freunde, diesen einen Grund
für unsre Niederlage nicht vergessen.
Es war ein Fehler. Doch ein ehrenvoller,
ein Fehler unsrer Tugend. Tragt ihn sorgsam
(mit etwas Stolz und größerem Bedauern)
als Warnung für uns selbst und unsre Kinder
in unsren Katalog der Fehler ein.

So 1940. Jetzt stock’ ich ein bißchen. Ich habe jetzt mehrere Möglichkeiten: ich kann mich jetzt befassen mit Anders’ Begriff der Philosophie, ich kann mich jetzt befassen mit einer Rückbindung dieses Gedichts und seines Zugangs zu einem Gewaltproblem; an das zwar nicht anknüpfend, aber aus dem entspringend vielleicht, die Aufforderung zur Tötung von vielen — nach und nach, daß keiner sich mehr sicher sein kann — später gefolgt ist. Also zu einer Aufforderung, sagen wir mal: zum Ökoterrorismus, um’s harmlos, das heißt verlogen zu sagen. Oder ich kann mir’s noch eine Spur schwerer machen. Ich probier’ das irgendwie zu verbinden. Also von einem Begriff der Philosophie her versuch’ ich, rasch eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen.

Geschichtsphilosophie

Bei Hegel ungefähr: der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, und Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit bei Hegel. Bei Anders sozusagen umgekehrt:

Fortschritt der Geschichte ist der Fortschritt der Einsicht in die Unfreiheit; die Einsicht in den Fortschritt der Unfreiheit oder umgekehrt. Jedenfalls mit Unfreiheit und Fortschritt hat’s zu tun, und möglicherweise sogar so, daß gerade der Fortschritt diese Unfreiheit produziert und der Fortschritt das technische Subjekt hergestellt, also die Technik zum Subjekt der Geschichte gemacht hat. Nicht mehr uns. Und die Einsicht hierein produziert ein Gefälle, nein: macht uns zum Gefälle, das er prometheisch nennt, woraus eine prometheische Scham resultiert, die bedeutet, daß wir unseren Produkten, und zwar richtigerweise, uns unterlegen fühlen. So gut wie die können wir so gut wie gar nix. Dem steht aber gegenüber — und ich bin nicht im Begriffe, jetzt Anders’sche Terminologie zu reproduzieren, sondern andersrum zu sprechen — dem steht aber gegenüber sowas wie eine prometheische Schamlosigkeit.

Die prometheische Scham ist verständlich, gleichsam natürlich. Die Schamlosigkeit, die früher ein Fehler war, und zwar nicht einer Tugend, sondern tugendlos; die prometheische Schamlosigkeit wird zur sittlichen Aufforderung umgekehrt. Also: die Zerstörung zum Beispiel von Zufahrtstraßen, die Zerstörung von Instrumenten, und die Schamlosigkeit, sich an den Produkten — die da uns nicht zu überwältigen erst drohen, sondern pausenlos überwältigen — zu vergehen; die Schamlosigkeit also, eine prometheische, diese Produkte zu bestreiken. Also zu einem Produktstreik hat er aufgerufen, unter anderem. [10]

Er hat viele Möglichkeiten versucht, jeweils in die Realität einzugreifen und nicht die Realität bloß zu erkennen. Das klingt ja fast marxistisch. »Die Philosophen haben die Welt nur interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.« Anders hat das nicht so gesehen. Sondern Anders hat gesagt: Nein, nein. Wenn die Marxisten meinen, sie hätten die Welt schon erkannt und die Philosophen hätten schon genug interpretiert und es käme — so könnte man ja den Marx’schen Satz mißverstehen — nur darauf an, die Welt zu verändern, dann laufen wir vielleicht in die Falle des Fortschritts; er sagt vielmehr:

Es genügt nicht, die Welt zu verändern. Das tun wir ohnehin. Und weitgehend geschieht das sogar ohne unser Zutun. Wir haben diese Veränderung auch zu interpretieren. Und zwar, um diese zu verändern. Damit sich die Welt nicht weiter ohne uns verändere. Und nicht schließlich in eine Welt ohne uns. [11]

Ganz unmarxistisch, stehe ich nun vor einem gewissen Problem; das läßt sich aber ganz kurz abhandeln, denn es läßt sich hier nicht lösen. Ich habe den schriftlichen Nachlaß von Günther Anders herumliegen. Zum Teil publiziert. Zum größeren nicht. Und eines Tages sagt mir der Günther: Sag’ mal, was machen wir da, was ist denn los? Wie ist denn das? Wie siehst Du denn das? Was ist denn, wenn die Nazi da hier wiederkommen? Schaut schon sehr stark so aus. Das war aber um die Mitte 1992.

Es war noch keine Rede von einer F. Aber es war schon die Ulrichsberg-Rede im FORVM (April 92) publiziert gewesen. Es war noch kaum irgendwo so ausdrücklich — also Scharsach war später noch sehr, sehr vorsichtig, weil er erfolgreich nicht geklagt werden wollte. Später hat er’s dann erfolglos geradezu darauf angelegt. Bei Scharsach also war die Rede davon, »Rechtsextremismus« müßte man schon sagen können; und dergleichen mehr.

Daß Haider ein wahrhaft lebensgefährlicher Nazi ist, hatte Kreisky, der sehr weitblickend war, viel früher schon gesagt. Und dafür ist der Kreisky auch am 6. Juli 1989 verurteilt worden, strafrechtlich, wegen übler Nachrede. Der Wahrheitsbeweis ist damals nicht gelungen. Wenn ich das in den letzten paar Jahren mehrmals so schreib’, direkt an Kreisky auch anknüpfend und immer mit ganz genauen Belegen, warum ich mein’ und welche Äußerungen und Handlungen von dem Herrn Haider ich da mit dieser Beurteilung jeweils bezeichnen will, dann rührt der kein Ohrwaschel. [12] Er klagt das nicht. Er will das einfach nicht klagen. Da hätte er es heute möglicherweise etwas schwerer, obwohl die Justiz ihm eher in allen möglichen Fällen willfährig ist. Heller, Simmel verurteilt und die Erste Allgemeine Verunsicherung — also sei’s drum.

Anders also hat gefragt: Was ist denn, wenn die Nazi wiederkommen? Die werden wahrscheinlich, was so Leut’ wie ich geschrieben haben, alte Antinazi von früher, die Emigranten waren und Juden auch noch — das werden die vielleicht vernichten. Sag’ ich: Kein Problem, wird durchkopiert, ein Kopiesatz nach den USA verschifft, dort deponiert. Überall zugleich werden die Nazi nicht zuschlagen, und die Amis, selbst wenn die dort ihre Art von Faschismus einmal politisch so richtig ausleben — auf die Literatur der Emigranten, die vor den Nazi nach USA geflohen waren, werden sie’s nicht abgesehen haben, sie zu vernichten.

Damit kommen wir noch einmal zum

Problem Gewalt

Umgekehrt, und im selben Sinn auch: Wir stehen vor dem Problem, daß wir einen wahrhaft lebensgefährlichen Nazi in unserem Lande als Parteichef, nein: einer Bewegung, »movement« heißt das heute wohl, haben, der z. B. die Definitionsmacht, die unumschränkte Definitionsmacht in seiner Partei, also daß ihm da niemand darwiderreden und ihn niemand kritisieren darf, sich erwarb, indem er einen Anschlag auf sein Leben phantasiert und erlogen hat.

Der Anschlag hätte darin bestanden, daß jemand einen Zuckerstreuer dieser Art [Requisit 1], also eigentlich einen Portionierer aus Glas, auf ein Podium geschmissen hat. Dort stand die Heide Schmidt und hat geredet, als Präsidentschaftskandidatin. Der Haider war etwa sechs Meter entfernt und entweder im Begriff, auf die Schmidt zuzugehen, oder saß zu diesem Zeitpunkt noch. Und in Klagenfurt hat er gesagt, jetzt hat jemand »so etwas wie eine Zuckerdose« [Requisit 2] auf uns geworfen. —

Also, ich weiß nicht, wie man das mit einer Zuckerdose verwechselt, aber eine Zuckerdose ist so schön undurchsichtig. Da kann auch was drinnen sein, was man nicht sieht. Beim gläsernen Zuckerstreuer kann man durchschauen, das geht bei »sowas wie einer Zuckerdose« nicht. Ich hab’ mit dem Mann geredet, der das Ding geschmissen hat. Der ist auch verurteilt worden. Aber nicht wegen eines Sprengstoffanschlags.

In Klagenfurt also, am Landesparteitag ’92, sagte Haider fast wörtlich: »Da hat jemand so etwas wie eine Zuckerdose auf uns geschmissen, geworfen, nach uns geworfen. Und jetzt sagt mir die Staatspolizei, da war Sprengstoff drin. Und eine Zündschnur. Und das hat nur deshalb nicht gezündet, weil die Zündschnur nicht gut angezündet war und durch die Entfernung des Wurfs wieder erloschen ist. Stellt euch vor, wenn die Heide Schmidt oder ich damals beschädigt worden oder ums Leben gekommen wären durch eine Bombe, durch einen Sprengstoffanschlag. Stellt euch vor, was das bedeutet hätte! Da werdet ihr verstehen, daß ich es nicht mehr dulden kann, daß unfaire Kritik in den eigenen Reihen oder aus den eigenen Reihen in der Öffentlichkeit an mir geübt wird.« —

Von da an war die Partei kusch und er wird nicht mehr kritisiert. Und wer es trotzdem tut, fliegt. Und da sind alle wie ein Mann geschlossen dahinter. So hat er das gemacht.

Er hat also innerparteilich diesen erlogenen Sprengstoffanschlag dazu benutzt, was dem Hitler sein Putsch war, wo die Kugeln pfiffen beim Marsch auf die Feldherrnhalle: wo rund um ihn die Getreuen starben und einer sich über ihn warf und ihn deckte, und wo H. durch die wundersame Hand des Schicksals vor dem Heldentod gerettet worden ist. So ward von der Vorsehung im Zusammenwirken mit der Linzer Luftverschmutzung dieser andere H. gerettet. Von dort an sind sie von dem, was solche Leute statt Gott phantasmagorieren, sichtbarlich auserlesen.

Das hat er auch gleich zu einer der beliebten politischen Diffamierungen, für die er so berühmt ist, genützt: Linkes Gesindel, hat er gesagt, von der Gewerkschaft bezahlt. Linke zu diffamieren, zu Attentätern zu erklären, Straftäter aus uns zu machen, ist seine Meisterschaft, wofür die Gesellen von der Mainstream-Presse ihn besonders schätzen. Damals hat die Diffamierung weniger gegriffen als jetzt — darin besteht der demokratische Fortschritt. Es war nur deswegen keine Verleumdung: Eine Verleumdung setzt voraus, daß sie den oder die Verleumdete einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzt. Das war nicht der Fall. Denn die strafrechtliche Verfolgung hat zwar stattgefunden, aber wegen einer Körpergefährdung ohne tatsächliche Körperverletzung. Also dolus eventualis. Ich möcht’ auch nicht so ein Ding auf den Schädel kriegen, ist schon klar: ungefährlich war die Situation, vor allem für Heide Schmidt, ja nicht.

Aber er hat einen Sprengstoffanschlag gebraucht. Weil Sprengstoffanschläge sind das, was in der rechten Szene gang und gäbe ist; auch schon früher. Auch in der ersten Republik haben die Nazi Papierböller und andere Höllenmaschinen herumgeworfen, explosive Pakete und Briefe verschickt. Anschläge, wenn man sich die damaligen Zeitungen anschaut, um damit das politische Gefüge durcheinanderzubringen, sind eine beliebte Nazimanier. Will nicht sagen, daß anderen sowas nicht einfällt, aber Anarchisten sind eher dafür bekannt, daß sie mit obsessiver Vorliebe nichts lieber tun, als aus den sechsten Stockwerken von Polizeipräsidien zu springen; nicht dafür, daß sie wirklich Anschläge machen. Damit wurden sie in der Geschichte gewöhnlich diffamiert. Aber es hat auch das gegeben. Natürlich sind so Anschläge wie der auf den Strommast politisch aberwitzig.

Anders hat ja auch in seiner Serie, wo er von Töten redete, unter anderem die Frage gestellt: »Reicht das Töten toter Dinge?« Soll man/frau also z. B. einen Bauzaun erwürgen? Oder reicht es, andernfalls, Händchen zu halten oder Kerzlein zu tragen? Zweimal Nein, hat er gesagt.

Und ich laß’ uns jetzt, nämlich auch mich, vor der Fragestellung, wie wir’s mit dem Fehler unsrer Tugend, auf den uns Anders aufmerksam macht, halten wollen, fast allein. Ich weiß nur, daß die Nazi es anders machen, nämlich so, wie das Gedicht es beschreibt. Denn für Nazi, für Rassisten — daß Rassisten Leut’ umbringen, ist deshalb normal, weil Rassisten ja finden, daß richtige Menschen nur die sind, die der richtigen Rasse angehören. Das liegt aber in der Geschichte unseres Kontinents ganz früh drinnen: Solche Rassisten waren die alten Griechen mit ihrer edlen Einfalt und stillen Größe, schon indem sie von »Barbaren« sprachen.

Barbaren waren einfach, die nicht richtig Deutsch, also nicht richtig Griechisch sprachen, nur »Bar-bar-bar« sagten und deshalb keine rechten Menschen sein konnten. Sondern richtige Menschen waren nur die edlen Hellenen; die sich aufg’führt haben als wüste Säufer, Schläger, Räuber, Mörder, Vergewaltiger. Die ganze Mythologie des olympischen Gesindels ist das Spiegelbild der Gesellschaften des klassischen Altertums. Und natürlich waren sie Krieger. Die Geschichte ist voll von solchen Ameisenkämpfen und es ging nie um was, als um ein paar Brocken Erde und Dreck — also Gold, Macht, Vorherrschaft, Ansehen, Würde und solchen Scheißdreck. Auch um Kunst, vielleicht, und um Religion. Also um alle Sachen, die den Menschen zum Knien bringen und entmündigen wollen, immer noch. Deshalb auch hat Anders sich nicht Kulturkritiker nennen lassen, sondern Barbareikritiker, was eine gewisse Inkonsequenz war. Denn es geht in Wahrheit nicht um die Differenz von Barbarei und Kultur.

Die sich Kultur dünken, sind nicht Barbaren, sondern die Barbaren sind’s ja gleichfalls nicht; außer in den Augen derer, die Kultur zu sein, sich einbilden. In Wahrheit handelt es sich um einen Zusammenhang der Bestialität und um die Zähmung der Tierheit, das heißt um Zivilisation. Ich empfehle diesen wunderschönen Artikel von Bazon Brock im ›Spiegel‹ [13] dieser soeben ablaufenden Woche; der hier eine Differenzierung vornimmt, die ich dem ›Spiegel‹ nach all den Schweinereien mit Botho Strauß nicht mehr zugetraut hatte, daß er’s überhaupt bringt. Aber Bazon Brock ist halt ein hervorragender Name, auf den man nicht so ohne weiteres verzichten kann.

Sehr gerne hätte ich noch an einer kleinen Stelle gezeigt, aber darauf verzichte ich jetzt, weil sonst überziehe ich zuviel:

Wie Anders das Problem der Rechtsphilosophie, also der Verrechtlichung menschlicher Verhältnisse in einem Gegensatz zu allem, was uns aus der linken Tradition bekannt ist, aus der Kritik der Rechtsphilosophie, aus der Kritik der Klassenjustiz und dergleichen mehr, geläufig ist — wie er aus einer interessanten, etwas verqueren, also (wie er’s so gern gemacht hat, unangenehm wie er war) quer zu üblichen Interpretationen liegenden Erwähnung von Nietzsche zu einem rudimentären Begriff von Recht kommt, das ein Allgemeines ist. Ohne das hochtrabende Wort von den Menschenrechten überhaupt in den Mund zu nehmen, konstituiert er dort einen rudimentären Begriff von Menschenrechten und sagt: das ist der Punkt, da müssen wir kämpfen. Und das ist Philosophie, sagt er dort, nicht mit diesen Worten.

Jetzt hätte ich beinahe doch noch interpretiert, lest es lieber selber. [14] — Dankeschön.

Nach kurzer Pause

Auf dem Tonband sind nur diejenigen Wortmeldungen aus dem Publikum verständlich, deren Sprecherinnen sich nahe genug beim Podium befanden; die erste Frage bleibt unverständlich, weshalb das Transkript mit einer Antwort beginnt.

G. O: Es droht der Aufbau von Drohpotentialen, wechselseitig, und die UdSSR war halt vorher lusch, pleite dabei. Wobei die Innehabung des Drohpotentials in Form von Atombomben bereits die Benutzung derselben war, das heißt der Zwang mitzuziehen, wenn die Spirale sich weiter dreht und keine Methode gefunden wird, diese Spirale zu kappen. Und die Methode, diese Spirale zu kappen, haben die USA in der Tat nicht zugelassen; gerade in der Aera Reagan, wo von der decapitation geschwärmt worden ist, von der Führbarkeit des Atomkriegs, die SDI als zusätzliches Drohpotential aufgebaut wurde und damit die finanziellen Mittel der Sowjetunion keinesfalls mehr reichen konnten, und sie trotzdem versucht hat gleichzuziehen. Also das war Krieg, hätte Anders gesagt, nämlich die Benützung der Bombe, die keine Waffe ist, als Atombombe, nämlich als Terrorinstrument. Das heißt, die Führung eines Atomkriegs, ohne Bomben zu schmeißen und schmeißen zu müssen. Also die UdSSR, sage ich damit, die UdSSR ist nicht dadurch zugrunde gegangen, jedenfalls nicht allein dadurch, daß Satellitenfernsehen Konsumgüter gezeigt hat, sondern sie ist zugrunde gegangen durch Terror. Terror von außen, allerdings.

Konrad Paul Liessmann: Ich glaub’, daß der Begriff Terror hier nicht richtig ist. Weil das eben eine Rüstungsspirale war, die beide wollten. Sie haben beide bei vollem Bewußtsein mitgemacht.

G. O: Zwei Terroristen.

K. P. L: Zwei Terroristen, ja, der Schwächere verliert halt. Das ist immer so. Ich mein’, es hätte auch umgekehrt sein können; es hätte auch sein können, daß das planwirtschaftliche Wirtschaftssystem derart erfolgreich ist, daß die UdSSR ihre Rüstungsspirale anziehen hätte können und die USA — vielleicht blockiert durch Friedensbewegung, durch den Vietnamkrieg, durch eine Wirtschaftskrise, die immer wieder vorausgesagt worden ist von linken Theoretikern — nicht imstande gewesen wäre, diese Programme auch nur im Ansatz zu finanzieren. Da wär’ es anders gelaufen und hätte niemand etwas dabei gefunden. Keiner hätte von Terror gesprochen, zumindest nicht vonseiten der Linken. Sondern es wäre eine Wunschvorstellung gewesen. Das Problem war halt, daß sie offensichtlich nicht imstande war, auf der einen Seite Hochrüstungspotential zu finanzieren und gleichzeitig Minimalformen einer Konsumgüterindustrie am Leben, am Laufen zu halten. Und das jetzt sozusagen auf das alte Spiel zu bringen: hier hat sozusagen eine bösartige Macht eine gutartige Macht zu Tode gerüstet — das scheint mir ein bißerl zu einfach zu sein.

G. O: Das habe ich nicht gesagt. Von einer gutartigen Macht habe ich nicht geredet.

K. P. L: Wenn man sagt: wechselseitiger Terror, dann ist es okay. Das Fatale ist ja, daß diese Waffensysteme eine Logik haben. Sobald dieser Rüstungswettlauf einmal gelaufen ist, war ja dieser Logik nicht zu entkommen bis zu einem Zeitpunkt, wo einer eben schlapp macht.

G. O: Wir sind der Logik auch nicht entkommen, sondern sie hat sich nur umgedreht. Jetzt geht halt die Logik nicht mehr: Rüstungsspirale nach oben, das heißt: die Beiden; sondern jetzt sind die legitimen Tötungsziele, wie Anders sie sieht, halt viel mehr, nein, viel breiter geworden. Nicht mehr nur in den militärisch-industriellen Komplexen inklusive Finanzkapital der beiden, nicht mehr auf diese Länder beschränkt.

N. N. (Fragerin aus dem Publikum): Mich interessiert, wieso das Gefühl der innenpolitischen Ausweglosigkeit aufkommt, auch bei den vielen Leuten im Parlament. Auch bei der Presse.

G. O: Ach so, naja, ein Beispiel: Der Heinz Fischer hat den Gerichtsakt in der Attentat-Sache aus dem Justizministerium sich kommen lassen. Dann hat er sorgfältig ein Papier gemacht und es an die Klubs verschickt, damit sie’s wissen sollen: Der Zuckerportionierer war aus Glas und gefüllt mit nichts als Luft in der Temperatur der Umgebung. Das heißt, er hat den Nazi das Propaganda-Instrument nicht zerschlagen, sondern das Instrument der Gegenpropaganda nur vorgelegt und nix propagandistisch verwendet. — Ist ein █████, nicht, ein unpolitischer Mensch. Das ist überhaupt das Problem der ganzen Partie, daß die einfach unpolitisch sind. Die Nazi wissen, was sie wollen, und die restliche politische Oberschicht weiß überhaupt nicht, was sie noch wollen soll, was sie noch wollen kann. — Zugespitzt; einige wissen’s schon.

Marie Thérèse Kerschbaumer: Bitte Entschuldigung, es ist zwar langweilig schon, aber wieso weiß das mit dem Zuckerportionierer niemand, warum wird das nicht publiziert?

G. O: Die G’schicht ist samt Wortlaut der Klagenfurter Haider-Unwahrheit publiziert — in einem Heft des FORVM, Juli 1992.

M. T. K: Nein, ich red’ jetzt nicht davon, sondern jetzt, die Parlamentarierin, die sich doch entschuldigt hat, »das wäre eine Möglichkeit«.

G. O: Ich weiß nicht, wofür sie sich entschuldigt hat; sie hat auch dazugesagt, sie weiß zwar nicht wofür, aber sie entschuldigt sich halt. Ich sag’ ja, das sind einfach unpolitische Menschen.

M. T. K: Es gibt doch Mitschreiber im Parlament, ein Stenogramm.

G. O: Ja, und?

M. T. K: Wieso ist man nicht genauer mit der Sprache?

G. O: Es ist keine Frage der Sprache.

M. T. K: Entschuldige ...

G. O: Es ist eine Frage der — es steht ja eh’ im Protokoll, nur das wurde nicht g’scheit benutzt. Sie sind nicht politisch geschickt, sie sind █████ sie sind zu ███, sie können nicht ... — sie sagen natürlich auch nur das, was ihnen einfällt, und da es ihnen nicht besser einfällt, kommt’s so schwach raus.

Vor vierzehn Tagen, also in der letzten Parlamentswoche vor Ostern, haben die Freiheitlichen das Parlament mit einer Serie von Anfragen eingedeckt, und sowohl Heide Schmidt als auch Madeleine Petrovic haben hinterher, fast gleichlautend, erzählt:

Es war entsetzlich, es war grauenhaft. Sie sind alle überrollt worden von einer Welle der Gemeinheit. Es hat sich hauptsächlich bezogen auf Justizfragen, Strafrecht, hauptsächlich in Zusammenhängen wie der Ermordung einer Gefängnis-Sozialarbeiterin durch einen Gefangenen, und es war so grauslich. Sie sind nur nicht so weit gegangen, daß sie ausdrücklich die Todesstrafe verlangt hätten. Aber es war alles so in diese Richtung. Und man konnte mit denen nicht reden. Die haben ihre Sachen vorgetragen: Ihr seid für die Täter, wir sind für die Opfer, ihr seid für die Täter, wir sind für die Opfer. Und sowohl Petrovic als auch die Schmidt, mit denen ich darüber geredet habe, hatten jede für sich diesen Eindruck. Mit fast jedem Einzelnen, außerhalb des Parlaments oder des Plenums, im Espresso, da kann man reden, kann man sich unterhalten, kann Meinungen und Argumente austauschen. Dort im Plenum sind sie plötzlich eine Wand. Sind sie plötzlich eine Feuerwalze. Da sind sie plötzlich keinem Argument mehr zugänglich. Was immer man ihnen sagt, sie sagen nur ihres. Und zwar immer dasselbe mit anderen Worten. Sehr geschickt, sehr eindrucksvoll. —

Das sind nicht mehr Leut’, mit denen man diskutieren kann, sag’ ich darauf. Da müßt Ihr eben Euch hinstellen und müßt Ihr euch ausdenken, was habt Ihr dem entgegenzusetzen. Und zwar nicht, um die zu überzeugen. Das wollen die nicht. Die hören Euch nicht einmal zu. Die sind nicht überzeugungswillig und daher nicht überzeugbar, nicht überzeugungsfähig. Ihr müßt das so sagen, daß jedeR, der/die zuhört, jedeR außenstehende Dritte, die Öffentlichkeit, sieht: Ich hab’ die Wahl — wer ist mir glaubwürdiger? So wie Ihr das macht, habe ich den beiden Frauen gesagt, getrennt; so wie ihr das macht, wie ich hör’, daß Ihr das macht, wie Ihr’s erzählt, seid Ihr nicht glaubwürdig dort. Wer dort zuhört, sieht: Die sind stärker. Stärker in der Durchsetzung. Und in einem autoritär vorgeprägten Land wie diesem ist der Stärkere der Gewinner, denn der macht den besseren Eindruck. Bei uns ist das so, das ist leider ein Nationalcharakter, den wir haben.

[1Ketzereien, München (Beck 1982; durch ein Register ergänzte Ausgabe:) 1991, 217 f

[2Ebenda, S. 233 f

[3William Stern, Psychologie der frühen Kindheit bis zum sechsten Lebensjahr. Mit Benutzung ungedruckter Tagebücher von Clara Stern (Leipzig 1914; ab der 7. Au?age 1952 mit einem Geleitwort von Günther Stern-Anders, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 12. Auflage:) 1987

[4Clara und William Stern, Die Kindersprache. Eine psychologische und sprachtheoretische Untersuchung (Leipzig 1927; Faksimile der 4. Auflage 1928:) Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1987

[5Ketzereien, 333 [— bei Issos große Keilerei; mnemotechnisch placiert, hat Anders einmal verraten.]

[6FORVM, November 1983, 7

[7Günther Anders, Gewalt — ja oder nein. Eine notwendige Diskussion, hrsg. von Manfred Bissinger, Knaur Taschenbuch 3893, München (Droemer) 1987

[8In: Tagebücher und Gedichte, München (Beck) 1985, 277 f

[9Ebenda, 279 ff

[10Diese Variante der Prometheischen Schamlosigkeit beantwortet jene andere, die übergeht, daß Wir die Folgen unseres Handelns jedenfalls dort nicht mehr schätzen können, wo Wir die Megamaschine bedienen; wenn der Tritt aufs Gaspedal, Wie Liessmann voranstehend anmahnt, einen dolus eventualis des menschenleeren Planeten impliziert, so umso doloser alle Vorkehrungen zur Erzeugung von Militärgerät oder Atomstrom und zu deren Transfer.

[11Die Antiquiertheit des Menschen. Zweiter Band. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München (Beck 1980, Nachdruck der 4. Auflage:) 1992, 5 (Motto)

[12Siehe G.O.‚ Offener Brief an Haider (übernächste Seite)

[13Bazon Brock, Die Kultur zivilisieren, Spiegel 16/95, 17.4., 216 f

[14Nietzsche-Lektüre, in: Ketzereien, 215 f

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 95
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick: Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

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