FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
Uli Trostowitsch

Linke im Eck

Persien nach der Revolution

Der Verfasser, ein westdeutscher Linker, der an Persien interessiert ist, besuchte das Land nach der Revolution. Sein Fazit: vom Westen sieht alles anders aus, wir neigen dazu, unser Modell auf den Orient zu übertragen.

Gemütliche Bewaffnete

Noch auf dem Flug von Moskau nach Teheran hatten wir den Kopf voll von unseren Analysen, von den Berichten und Bildern aus dem Fernsehen, auf denen wir jubelnde Menschenmassen gesehen hatten. Die Freude über den Sturz des Pahlewi-Regimes, gegen das die Neue Linke gemeinsam mit persischen Genossen jahrelang demonstriert und agitiert hatte, vermischte sich allerdings mit einem Gefühl der Unsicherheit. Was sollten wir von der religiösen Revolution halten? In Teheran landen wir bei strahlendem Sonnenschein und 20 Grad im Schatten. Auf dem Flughafen laufen gemütlich dreinschauende, wenn auch bewaffnete Mitglieder der religiösen Komitees herum. Die Abfertigung ist reine Formsache, keine militärischen Überwachungsrituale, auch nicht die bei uns übliche Terroristenkontrolle.

Der erste Eindruck schien eine gelungene Revolution zu bestätigen. Die Straßen von Teheran sind voll von geschäftigen Menschen und einem stockenden Verkehr.
Lediglich Barrikaden, Sandsäcke, hin und wieder zerschossene oder ausgebrannte Autos erinnern an die Straßenschlachten. Wir sehen keine Symbole der gestürzten Staatsmacht, dafür bewaffnete Posten in Jeans oder Phantasieuniformen. Wenn wir mit den Leuten reden, hören wir von den Kämpfen gegen Militär und Polizei des Schahs, von der Brutalität und den Foltermethoden der alten Staatsmacht, von den Befreiungen der Gefangenen und vom Sturm auf die Kasernen. Und immer wieder die euphorische Bemerkung: „Jetzt wird alles besser werden”.

SAVAK-Gefängnis und Folterzentrale, vom Volk gestürmt

Auf die Frage nach dem politischen Programm der Revolution gibt es nur überraschtes Kopfschütteln oder ein Zitat aus der letzten Rede Khomeinis. Bevor wir hergekommen sind, glaubten wir, die iranische Linke hätte während der Revolution, bei der Selbstorganisation der Bevölkerung und beim Aufbau einer Gegenmacht eine wichtige Rolle gespielt. Zwar hatten wir von Khomeinis fixer Idee, dem Schleierzwang, und den Protestdemonstrationen der persischen Frauen gehört. Aber wir sahen in der Propaganda für den „Tschador“ nur den Versuch einiger Mullahs, ihre Privilegien zu verteidigen. Pauschal vertrauten wir auf den „fortschrittlichen Charakter“ der schiitischen Richtung des Islam.

Schließlich stellte die Frauenbewegung eine Säule der iranischen Revolution dar.
Mitglieder der radikalen Mudschehadin („Kämpfer Gottes“) hatten den bewaffneten Kampf gegen den Schah geführt. Khomeini wurde von allen Fraktionen — auch von den linken — als Symbolfigur des Widerstandes akzeptiert. Innerhalb der religiösen Opposition verkörpert der Ayatollah Talaghani, der jahrelang im Gefängnis saß und von der Savak gefoltert wurde, die Hoffnungen auf eine liberale Entwicklung.

Unser Problem ist es, daß wir allzu leicht spezifisch europäische Vorstellungen von Freiheit, Revolution, Entwicklung auf ein Land mit ganz anderen historischen und kulturellen Voraussetzungen übertragen. Andrerseits wurde die Entwicklung des Iran in den letzten Jahrzehnten weitgehend vom Kapitalismus angelsächsischer Prägung bestimmt. Gegenwärtig sind es fast nur die linken Gruppen, die die Revolution nicht auf Schlagwörter („Gegen den Schah“) reduzieren. Sie wissen sehr gut, daß die ökonomische Entwicklung den Ausschlag gegeben hat. Die Wirtschaftspolitik des alten Regimes, von der nur eine winzige Schicht profitierte, hat die überwiegende Mehrheit einer wachsenden Verelendung ausgeliefert.

Linke emanzipierte sich von Moskau

Die Volksfedayin sind momentan noch die größte Gruppe innerhalb der iranischen Linken. Entstanden sind die Fedayin vor rund zehn Jahren aus der Opposition gegen den zahmen Kurs der von Moskau abhängigen Tudeh-Partei. Die Volksfedayin haben ihre Organisation vor allem im traditionell liberalen Norden Irans aufgebaut und ein „revolutionäres Konzept“ erstellt, in dem verlangt wird, „den bewaffneten Kampf in die Bevölkerung zu tragen“. Sehr bald wurde die Organisation aber teilweise vom Geheimdienst unterwandert, viele Fedayin sind in Schießereien mit der Polizei gestorben. Andere verschwanden in den Folterkammern. Obwohl die Fedayin Streiks und Landbesetzungen unterstützten, haben sie kaum Kontakt mit den Massen erhalten. Im Ausland arbeiteten sie vor allem innerhalb der CISNU (der Organisation der oppositionellen Studenten).

1978 und Anfang 1979, während der großen Straßenkämpfe, konnten sich die Fedayin reorganisieren, ihnen strömten Genossen zu, die aus dem Ausland zurückgekommen waren. Wegen ihres Nimbus als einer Guerilla-Organisation haben sie viele Bewunderer und Sympathisanten gefunden, hauptsächlich unter jungen Leuten aus dem Mittelstand. Was wollen die Fedayin, in der jetzigen Situation, eigentlich mit sich, mit ihrer Politik und mit ihren Sympathisanten anfangen? Über ihre politische Perspektive sagen sie stereotyp: „Zuerst werden wir die Gewerkschaften aufbauen, dann ist der ideologische Kampf zu führen, daraus ergibt sich der Aufbau der revolutionären Partei, und diese ergreift dann in der Diktatur des Proletariats die Macht.”

Angst vor den Religiösen

Man argumentierte mit Zitaten Lenins und notfalls auch Stalins. Und wie kommentieren die Volksfedayin die antikommunistische und antimarxistische Propaganda der religiösen Komitees? Sie meinen, in der praktischen Politik gäbe es gar keine Differenzen. Was ist mit den wachsenden Angriffen der Religiösen auf die Fedayin ? Es handle sich dabei um „das Werk imperialistischer Indoktrinatoren“. Die Fedayin haben große Angst vor einer bewaffneten Konfrontation, bei der sich einerseits ihre wahre Stärke herausstellen müßte, bei der sie andererseits von der Masse der Bevölkerung isoliert würden.

Die erste Kraftprobe hat stattgefunden, als am 20. April die Zentrale der Volksfedayin in Abadan, der wichtigsten Industriestadt des persischen Südens, gestürmt wurde. [1] In den letzten Wochen konnten wir bei unseren Diskussionen mit den Fedayin Rückzugstendenzen feststellen. Sie wollen ihre politische Strategie in der Debatte über die Texte Lenins und Stalins klären. Auf diese Weise sollen Fehler korrigiert werden.

Daneben gibt es noch jede Menge linker Gruppen. Die meisten wurden von Studenten, die aus dem Ausland heimgekehrt sind, gegründet. Das ganze Spektrum linker Vereine ist vorhanden. Maoisten, Trotzkisten, Ökonomisten ... all das und noch mehr tummelt sich auf dem Uni-Gelände in Teheran. In üblicher Weise werden Zeitungen und Broschüren an den Mann und an die Frau gebracht.

Die Tudeh, die persische KP, ist die einzige linke Organisation, die sich bedingungslos den Religiösen angepaßt hat. Vor dem Referendum zur Islamischen Republik verkündeten ihre Flugblätter das Paradies Allahs auf Erden und Khomeinis Erlöserfigur in noch schöneren Farben, als das den Religiösen gelungen ist.

Die Tudeh-Partei steht loyal zur KPdSU. Sie vertritt Moskaus Interessen unter dem Volk. Die Sowjetunion wünscht genau so gute Handelsbeziehungen mit dem neuen Regime in Teheran wie seinerzeit mit dem Schah. Die Glaubwürdigkeit der Tudeh hat stark gelitten. lm Norden Irans haben sich mehrere Gruppen von ihr getrennt. Unter jüngeren Leuten besitzt die Partei kaum Anhänger. Selbst ältere, früher aktive Mitglieder sind auf Distanz gegangen. Die Behauptung, in Abadan hätte die Tudeh einige tausend Arbeiter organisiert, entpuppte sich als Zwecklüge.

Die Macht liegt bei Khomeinis Komitees

Nach zwei oder drei Wochen im Iran hatte sich unser Bild völlig geändert. Den religiösen Gruppen gegenüber wurden wir immer skeptischer. Die Macht der schiitischen Führer manifestiert sich in den „Komitees“, die in der Zeit der Straßenkämpfe den Protest und den Widerstand erfolgreich organisiert haben. Nach der Machtübernahme Khomeinis wurden die religiösen Komitees von allen „antirevolutionären“ Elementen gesäubert: den Linken, soweit sie sich zu erkennen gaben, wurden die Waffen abgenommen und die Türen der Moscheen vor der Nase zugeschlagen. Darin zeigt sich die Kehrseite der islamischen Revolution. Bis ins 20. Jahrhundert hinein bestand im Iran eine Staatskirche, der Herrscher war zugleich das geistliche und das weltliche Oberhaupt. Die Ayatollahs haben Recht gesprochen, die „Weisheit“ gelehrt und das Verhalten im Alltag beeinflußt.

Der Schal („Tschador“) als Traditionskleidung: Frauen am Dorf

Der amerikanische Einfluß unter dem Schah drängte den Koran und seine Lehrer zurück. Zeitweise wurde sogar das Tragen des Schleiers verboten — ähnlich wie jetzt der Schleier erzwungen werden soll. Erst in den letzten Jahren näherte sich die Diktatur den religiösen Traditionen des Volkes. Dem Schah gelang es sogar, ein besseres Verhältnis zur islamischen Geistlichkeit herzustellen. Als aber die ökonomische Situation den Widerstand der Bevölkerung entfachte, konnte Khomeini die Mullahs auf seine Seite ziehen. Die konservative Opposition akzeptierte ihn als Anführer der Bewegung. Auch die linken und liberalen Gruppen ordneten sich Khomeini unter, weil ihnen ebenfalls ein eigenes Konzept fehlte. Heute betreibt Khomeini offene Machtpolitik. Er kann sich auf die bewaffneten Komitees und auf Teile der Armee stützen. Dagegen fehlen der Regierung die Machtmittel, ihre halbherzigen Reformversuche durchzusetzen. Zwar gibt es im Iran einen Justizminister, aber nach dem Bekenntnis des Ministerpräsidenten Mehdi Bazargan wird es noch „ungefähr zwei Jahre dauern, bis die Regierung die Gewalt über die Justiz von den Revolutionsgerichten zurückerhält“. Dem Revolutionsrat unter Khomeini bleibt es vorbehalten, darüber zu entscheiden, was „antirevolütionär” ist und wie dieses Vergehen bestraft wird. Tatsache ist, daß sich die „revolutionäre“ Justiz immer deutlicher gegen die linke Opposition richtet.

Mit dem Koran das Privateigentum geschützt

Versammlungen können von bewaffneten Mitgliedern der islamischen Komitees aufgelöst werden, demonstrierende Arbeitslose werden von Zeit zu Zeit beschossen, Verhaftungen sind an der Tagesordnung, Büros kritischer und nichtislamischer Zeitungen werden verwüstet. Die Aggressivität der Religiösen vermehrt sich mit der wirtschaftlichen Krise. Innerhalb der letzten Monate ist die Zahl der Arbeitslosen auf vier bis fünf Millionen gestiegen. Die Lebensmittelpreise klettern in astronomische Höhen, die Mieten sind schon vor der Revolution sehr teuer gewesen. Aber die islamischen Führer denken nicht daran, ökonomische Reformen einzuleiten.

Sowohl das Großbürgertum, vertreten durch die Regierung Bazargan, als auch die Religiösen sind kategorisch gegen Verstaatlichung (ausgenommen bei der Ölindustrie). Die Ayatollahs lesen aus dem Koran den religiösen Schutz des Privateigentums heraus. Als Patentrezept dient vorläufig noch die islamische Ideologie. Viele lraner glauben und hoffen auf den 12. Imam, auf das Reich Gottes auf Erden.

Fraglich ist nur, ob sich die Bevölkerung mit solchen Visionen zufriedengeben wird.
Es fällt auf, daß die Loblieder auf die Islamische Republik nicht mehr so einhellig wie früher gesungen werden, obwohl Khomeini noch von jedem Tadel verschont bleibt. Auf der Straße und in den Geschäften hört man immer öfter kritische Meinungen, gegen die Zensur von Rundfunk und Fernsehen wird protestiert, gegen die totale Macht der religiösen Komitees öffentlich demonstriert.

Wie lange noch die Nelke im Gewehr? Khomeini-Soldat gibt sich friedlich. Die Linke wird vorläufig bloß mißtrauisch beäugt

lm Augenblick sieht es so aus, als ob zwei Wege aus der jetzigen Situation herausführen könnten. Entweder eine Militärdiktatur unter dem Deckmantel islamischer Theokratie, unterstützt von amerikanischen „Beratern“, die übrigens wieder fleißig am Werk sind. Oder die Bewegung geht weiter. Es sind in erster Linie die Arbeitslosen, die sich radikalisieren. Sie fühlen sich um die Revolution betrogen. Ein Arbeitsloser erhält im Monat vom Staat zwischen 9.000 und 12.000 Rial (ungefähr 120 bis 200 DM, 1.000 bis 1.500 öS) — und das nur als Kredit! Im April haben Arbeitslose das Innenministerium in Teheran besetzt, sie protestierten damit auch gegen die Zensur und gegen die Politik der Komitees.

In Teheran und Umgebung wurden Fabriken besetzt, deren Besitzer geflohen sind oder die dem Schah und seiner Familie gehören. Diese Fabriken liegen still, ebenso viele Zuliefererbetriebe, vor allem auf dem Bausektor. Die Arbeiter verlangen Verstaatlichung, aber die Regierung schützt das Privateigentum und läßt die besetzten Fabriken räumen. Ein anderes Widerstandspotential wächst im Mittelstand und im Bildungsbürgertum, also in Schichten, die sich von der Revolution eine Liberalisierung erwartet haben, nicht eine neue Form der Unterdrückung.

Revolutionäre Luftwaffensoldaten räumen auf

Fedayin im Norden: Bauernräte

Im Norden des Iran, in Gilan und Aserbeidschan, ist das politische Klima liberaler als im übrigen Persien. [2] Zwar bilden auch hier die bewaffneten religiösen Komitees die exekutive Gewalt. Sie üben aber — so war unser Eindruck — weniger Einfluß auf das öffentliche Leben aus als in anderen Landesteilen. Die Volksfedayin sind in Gilan entstanden. Wir haben also angenommen, daß sie in dieser Provinz am stärksten wären. Unsere Bitte um ein Interview mit den Fedayin in Rascht, einer nordpersischen Stadt am Rande des Kaspischen Meeres löste zunächst Verwirrung aus. Es hieß, aktuelle Aussagen über die politische Situation könne nur die Zentrale der Fedayin in Teheran machen.

Erst als wir erklärten, wir würden uns für die spezielle Lage in der Region interessieren, kam ein Interview zustande. In Rascht, wie in den meisten anderen Städten, haben sich die Volksfedayin im ehemaligen Savak-Gebäude eingenistet, das während der Revolution gestürmt wurde.

Wie seht ihr die Perspektiven eurer politischen Arbeit?

Wir passen die Taktik unseres politischen Kampfes den momentanen Bedingungen an. Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter den Religiösen, wir arbeiten auf dieser Basis unter der Bevölkerung. Unser Ziel ist die politische Aufklärung der Massen.

Welche Gruppen wollen die Fedayin erreichen? Was versteht ihr unter politischer Aufklärung?

Wir sprechen alle Gruppen an. Mit den Sympathisanten, die zu uns kommen betreiben wir Schulungsarbeit.

Der Norden des Iran wird sehr stark durch die Landwirtschaft bestimmt. Die Mehrheit der Bevölkerung besteht aus Bauern, meistens Kleinbesitzern. Was macht ihr da?

In Rascht und Umgebung gibt es 27.000 Arbeiter. Es gibt also nicht nur Landwirtschaft. Diese Arbeiter haben gegen das alte Regime gekämpft, allerdings ohne Partei, nur als einzelne. Wir klären diese Leute über ihre politischen Rechte auf, organisieren sie in Gewerkschaften. Nicht alle Bauern besitzen Land, manche sind auch Landarbeiter, die vor der Revolution auf den Gütern des Schahs oder hoher Staatsfunktionäre gearbeitet haben. Diese Güter wurden von den Landarbeitern besetzt und untereinander aufgeteilt. Die Bauern hier, die Land haben, sind in der Tat sehr rückständig, aber auch mit ihnen kann man etwas anfangen.

Gibt es auch Initiativen, Genossenschaften zu gründen, anstatt das Land aufzuteilen?

Wir versuchen, Bauernräte zu gründen und auf diese Weise die Kollektivierung zu starten. Im Augenblick verlangen die Bauern vom Staat, er soll die Technisierung der Landwirtschaft finanziell unterstützen.

Wer beteiligt sich an den Bauernräten? Nur die Landarbeiter oder auch die besitzenden Bauern?

Wir versuchen, auch die rückständigen Bauern zu erreichen.

(Eine präzise Frage an die Fedayin, wie sie sich ihre Strategie im Detail denken, wurde nicht beantwortet.)

Die Mullahs predigen doch, daß im islamischen Recht das Privateigentum geschützt ist. Kommen die Fedayin damit nicht in Konflikt?

Es sind die objektiven Bedingungen, die das Handeln der Leute bestimmen. Wir selbst stehen nicht im Gegensatz zur religiösen Bewegung. Die Fedayin arbeiten in den Komitees mit und tun alles, um fortschrittliche Menschen für eine demokratische Position zu gewinnen.

Mit welchen politischen Gruppen arbeitet ihr zusammen?

Wir arbeiten mit allen fortschrittlichen Kräften zusammen. Über Differenzen werden wir eine ideologische Diskussion führen und das Problem klären.

Habt ihr Kontakt zu den Palästinensern?

Es gibt Kontakte mit den palästinensischen Guerillas, mehr ist dazu nicht zu sagen.

Nach dem islamischen Recht wird die Frau dem Manne untergeordnet. Welche Rolle haben die Frauen bei den Fedayin?

(Die Fedayin sehen sich gegenseitig an.) Natürlich arbeiten bei uns auch Frauen mit, sie beteiligen sich regelmäßig bei den Diskussionen. Wenn wir uns treffen, dann kochen sie auch für uns — ist das schlimm? Wir glauben, jetzt haben wir alle eure Fragen beantwortet. Wir können dieses Interview abschließen. Wir werden die Zentrale in Teheran informieren, dort könnt ihr noch weitere Fragen stellen.

Fedayin im Süden: Gewerkschaften

Das war ein abruptes Ende. Wir waren noch gar nicht fertig, aber wir wurden ebenso freundlich wie entschieden hinauskomplimentiert. Ein zweites Gespräch mit Volksfedayin führten wir in Abadan, der wichtigsten Industriestadt des Südens.
Dort hatte der Streik der Arbeiter in den Raffinerien (Oktober 1978) die gesamte Ölproduktion des Landes blockiert und damit dem Pahlewi-Regime den Todesstoß versetzt. Allgemein wurde hinter diesem Streik — zumindest im Westen — eine starke linke Organisation vermutet. Niemand traute den Arbeitern so viel Selbstbewußtsein zu, spontan gegen die Diktatur zu streiken. Bei dem Interview in Abadan stellten wir die Fragen vorsichtiger als in Rascht: Wir respektierten die heikle Lage der Fedayin.

Was ist das Ziel eurer Politik, an welche Regierungsform denkt ihr?

Wir streben eine Volksrepublik unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei an. Diese Volksrepublik wird sich nicht an einem fremden Modell orientieren, sie wird streng nach den Bedürfnissen des iranischen Volkes aufgebaut werden. In der Volksrepublik sehen wir ein System, das den Bedingungen der iranischen Entwicklung entspricht, wo der Kapitalismus noch nicht soweit ist, daß der Übergang zum Sozialismus möglich wäre.

Die persische Bevölkerung hat sich für die Islamische Republik entschieden. Wie wollen die Fedayin das ändern?

Die Arbeiter werden sich mit unserer Hilfe in den Gewerkschaften organisieren.
Wenn diese stark genug sind, kommt es zum Aufbau der Partei der Arbeiterklasse, die dann in der Lage ist, die Macht zu übernehmen und den Imperialismus zu besiegen. Zur Zeit schmieden wir die ideologischen Waffen für diese Strategie.

Befürchten die Fedayin keinen Konflikt mit den religiösen Komitees?

Wir glauben nicht, daß es zu einer Konfrontation kommen wird. Wir sehen uns auch nicht in Opposition zur islamischen Bewegung. Die antikommunistische Propaganda ist das Werk der Imperialisten. Wir betrachten den Antikommunismus als einen Nebenwiderspruch, und diesen Nebenwiderspruch werden wir in Diskussionen lösen. Ein bewaffneter Kampf war notwendig nur unter dem alten Regime, jetzt müssen wir den ideologischen Kampf führen. Falls die neue Staatsmacht uns mit Gewalt angreift, gehen wir wieder in den Untergrund und nehmen den bewaffneten Kampf wieder auf. Aber dazu wird es nicht kommen.

In Persien gibt es verschiedene linke Gruppen, wie steht ihr zu ihnen?

Wir arbeiten mit allen Organisationen zusammen, die den sozialistischen Weg beschreiten wollen. Wir arbeiten auch mit denen zusammen, die eine bürgerliche Demokratie anstreben. Allerdings nur so lange, bis die bürgerliche Demokratie erreicht ist. Dann hört die Zusammenarbeit auf, wenn diese Gruppen nicht den sozialistischen Weg wählen. Wir arbeiten nicht mit der Tudeh-Partei, mit den Maoisten oder einer anderen Gruppe zusammen, die ihren Sozialismus aus dem Ausland importiert.

Wie sieht die Arbeit der Fedayin in Abaden aus? Hier müßte es ideale Voraussetzungen für die Fedayin geben.

Wie schon gesagt, zuerst kommt der Aufbau der Gewerkschaften, in den Ölraffinerien und in anderen Branchen.

Was sagt ihr zum Konflikt zwischen den Kurden, die Autonomie verlangen, und der Regierung in Teheran? Den Volksfedayin wird vorgeworfen, daß sie den Konflikt schüren und sogar Bewaffnete nach Kurdistan schicken.

Wir akzeptieren den Wunsch der Kurden nach Autonomie. Wir unterstützen die kulturelle Selbständigkeit jeder Volksgruppe. Aber die Tendenz zu einem eigenen Staat lehnen wir ab. Die Zentralregierung vertritt auch die autonomen Regionen nach außen. Die Kämpfe in Kurdistan waren das Werk der Imperialisten, es ist ganz egal, auf welcher Seite die Imperialisten provozieren. Wir halten den Kampf in Kurdistan für ein Mißverständnis, die Zentralregierung hatte alle Wünsche der Kurden erfüllt, der Konflikt kann nur das Werk imperialistischer Provokateure sein.

Uns interessiert, wie die Fedayin in Abadan arbeiten.

Das haben wir schon geschildert. Jetzt haben wir leider einen wichtigen Termin, hoffentlich wird das Interview so abgedruckt, wie es hier abgelaufen ist.

Wieder ein höflicher Hinauswurf. Ein Interview mit der Zentrale in Teheran erbrachte keine neuen Resultate. Auf den immer aggressiveren Antikommunismus reagieren die Fedayin mit der frommen Hoffnung, es werde schon nicht ganz so schlimm kommen. Unsere persischen Begleiter von der „Liga der Freiheit“ (siehe unten) erzählten uns, daß die Fedayin kritische Fragen von Haus aus sehr vorsichtig beantworten. Nach dem Sturm auf die Zentrale der Fedayin in Abadan am 20. April und nach der Verhaftungswelle unter den Linken wußten wir, wie sehr sich die Volksfedayin in ihrem Urteil über die aktuelle Situation und in ihrer Analyse der langfristigen Entwicklung irren.

Besuch im Büro der Fedayin

Freiheitsliga: Gegen Lenin

Eine ganz andere Art linker Politik im Iran macht die „Liga der Freiheit“. Sie lehnt die starre Ideologie der leninistischen Fraktionen ab und kämpft für eine autonome Rätebewegung. Innerhalb der CISNU, der Organisation oppositioneller Studenten, nannten sich die Anhänger der Liga „Autonome“. Die Liga der Freiheit ist aus der Reflexion über die Mißerfolge der Volksfedayin und anderer leninistischer Gruppen entstanden. Sie ist keine Partei mit hierarchischen Strukturen. Die regionalen Gruppen sind relativ voneinander unabhängig. Sie können auf aktuelle Probleme selbständig reagieren, ohne sich mit irgendeiner „Zentrale” vorher absprechen zu müssen — also das genaue Gegenteil der Fedayin.

Ein Mitglied der Liga sagte uns: „Niemand kann über den anderen bestimmen.
Bei den Leninisten entscheidet die Partei, was gemacht wird. Die Parteien wollen über die Arbeiter bestimmen, und wenn sie sich durchgesetzt haben, ist die Freiheit wieder im Arsch.“ Die meisten Mitglieder der Liga arbeiten in Teheran. Ihre Zahl ist kaum festzulegen, weil für die Liga andere Kriterien gelten als formale Organisation und statistische Stärke. Das Weltbild dieser Gruppe spiegelt sich in einem Interview wider, das wir mit Cambis Rousta, einem Repräsentanten der Liga, gemacht haben.

Wir haben den Eindruck, die persische Revolution — oder was sich so nennt — hat sich ausschließlich in den großen Städten abgespielt. Von den religiösen Komitees und von den Chefs der Schiiten glauben wir nicht, daß sie eine fortschrittliche Bewegung leiten.

Die sogenannte asiatische Produktionsweise erlaubt unter den klimatischen Bedingungen des Iran eine landwirtschaftliche Produktion nur dann, wenn umfangreiche Bewässerungssysteme angelegt werden. Daraus entsteht eine zentralistische und bürokratische Staatsform mit dem Schwerpunkt in den Städten. Der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten ist nur der ideologische Ausdruck des sozialen und ökonomischen Machtkampfes zwischen den wichtigsten arabischen Stämmen. Die Schiiten waren meistens die Schwächeren, sie opponierten gegen die iranische Monarchie. In der politischen Praxis entwickelten sie fortschrittlichere Ideen als die sunnitische Oberschicht. Als die Schiiten mit der Safawiden-Dynastie im 16. und 17. Jahrhundert an die Macht kamen, entwickelten sie sich allerdings zu ebensolchen Tyrannen wie die früheren Könige. Damals entstand, unter dem Einfluß des westlichen Merkantilismus und Kolonialismus, eine despotische Zentralgewalt, wie der Iran sie vorher nie erlebt hatte.

Wie ist es möglich, daß die schiitischen Geistlichen den Widerstand des Volkes unter ihre Kontrolle bringen?

Die Liberalen und die Linken haben sich den Religiösen angeschlossen, weil sie selbst keine Alternative haben. Das persische Volk hat in seiner Geschichte einen langen Leidensweg hinter sich. Die Geistlichkeit hat diese historischen Erfahrungen im religiösen Ritual fixiert: Trauer, Selbstmitleid und der Glaube an einen Erlöser. Die Arbeiter und Bauern führten den Aufstand gegen den Schah nicht als bewußte Klassenkämpfer. Sie fühlten sich von einem Despoten unterdrückt, wie es ihn in der iranischen Geschichte schon so oft gegeben hat. Bei uns war immer die Identifikation mit Personen entscheidend. Der Schah als Symbol für die Unterdrückung, der Ayatollah Khomeini als Symbol der Freiheit.

Nochmals zur Frage: die Revolution und die Städte. Kann man jetzt im Iran nicht vom Übergang von einem kolonial-despotischen Regime zu einer eigenständigen bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung reden?

Das Zentrum der politischen Macht lag im Iran immer in den Städten. Auch die kapitalistische Entwicklung ging von den Städten aus, primär von Teheran. Ein Feudalismus im europäischen Sinn — das hat es bei uns nie gegeben. Erst Stalin hat 1933 für alle Nationen ein einheitliches Entwicklungsmodell vorgeschrieben: zuerst die bürgerliche Gesellschaft, eine Nationalbourgeoisie, die das Land entwickeln soll, und dabei gewinnen die Arbeiter ein proletarisches Bewußtsein. Alles Quatsch, entweder gewinnen die Arbeiter hier und heute ein Klassenbewußtsein — oder es ist wieder einmal zu spät.

Asiatischer Faschismus?

So, wie es jetzt aussieht, ist aber weder an den Sozialismus noch an eine Rätedemokratie zu denken. Die Herrschaft liegt in den Händen mehr oder weniger reaktionärer Gruppen. Droht nicht eine Diktatur mit Akklamation der Massen — also eine Regierungsform, die man im Westen Faschismus nennen würde?

Anders als andere linke Gruppen haben wir den Aufstand nie eine soziale Revolution genannt. Das System war kapitalistisch, und es ist kapitalistisch geblieben. Nur die Oberhäupter wurden ausgetauscht. Trotzdem hat es die iranische Linke heute besser als unter dem Schah. In den Straßenkämpfen hat das Volk etwas gelernt. Die Arbeiter sind nach wie vor die fortschrittlichste politische Kraft, viele machen jetzt die Erfahrung, daß die Unterdrückung nicht die Schuld einer einzelnen Person war. Bisher hatten die Arbeiter keine Chance, Klassenbewußtsein zu erwerben und Erfahrungen der eigenen Emanzipation zu machen.

Wie geht’s weiter?

Ich sehe drei Möglichkeiten. Erstens — eine Despotie etabliert sich, Militär und die paramilitärischen Komitees halten die Macht aufrecht. Zweitens — der Widerstand wächst, die internationale Situation blockiert die Entfaltung des Kapitalismus im Iran. Das Kleinbürgertum schließt ein Bündnis mit der Bourgeoisie. Das Militär putscht und garantiert die kapitalistischen Interessen gegen den Widerstand der Arbeiter und der anderen Unterschichten. Drittens — die kleinbürgerliche Politik der Mullahs erleidet eine Niederlage, die Bourgeoisie richtet eine parlamentarische Herrschaft ein, mit teilweise liberalen Zügen.

Sind Anzeichen einer Massenbewegung gegen faschistische Tendenzen vorhanden?

Am wichtigsten ist eine Radikalisierung unter den Arbeitern. Die Bildung autonomer Räte. Bisher haben die Religiösen jeden Widerstand gegen die Islamisierung als antirevolutionär und kommunistisch diffamiert. Daran sind oft kommunistische Gruppen schuld gewesen, die die Aktionen der Arbeiter für sich reklamiert haben. Die Arbeiter waren darüber sauer. Bei der Besetzung des Innenministeriums wurden Studenten und Intellektuelle von der Aktion ausgeschlossen. Das Bildungsbürgertum ist am stärksten von der Islamisierung betroffen. Die Lehrer leiden unter der Zensur, die Beamten haben Angst davor, in den Massen der Anhänger Khomeinis unterzugehen. Gerade diese Lehrer und Beamten haben im Kampf gegen das korrupte System eine persönliche Identität gefunden, auf die sie nicht mehr verzichten wollen. Abgesehen von der Islamisierung, sieht ihr Problem ähnlich aus wie das der Intellektuellen im Westen.

In den Medien heißt es immer wieder, die Linken, die Volksfedayin bedrohen die Islamische Republik und die Regierung Basargan. Wir haben allerdings festgestellt, daß die iranische Linke kaum Einfluß hat. Was hältst du von den Fedayin?

Es stimmt einfach nicht, daß die Fedayin jemals einen entscheidenden Einfluß ausgeübt haben. Diesen Eindruck hat höchstens ihre Propaganda erzeugt, die bei dem Sturm auf die Luftwaffenkaserne (am 10. Februar) im Osten Teherans die Bevölkerung zur Hilfe aufrief. [3] Aber die Fedayin waren am Angriff kaum beteiligt, große bewaffnete Auseinandersetzungen hat es gar nicht gegeben. Ich weiß das, wir gehörten zu den ersten, die damals in die Kaserne eindrangen. Als dann ein paar bewaffnete Fedayin anrückten, war schon alles vorbei. Die Fedayin haben auch nie Straßen oder Stadtteile kontrolliert. Es handelt sich einfach um Verwechslungen! Fedayin oder genauer: fidaian i-islam bedeutet „die sich für den Islam aufopfern“. Ein Wort, das für die Opfer der Straßenkämpfe verwendet wurde, das hat nichts mit der politischen Organisation zu tun. Die Fedayin dienen als Zielscheibe der antikommunistischen Propaganda, sie halten sich für sehr stark — aber jetzt gehen wir etwas essen.

[1Dabei wurden 30 Menschen verletzt. „Die Demonstranten warfen den linken Fedayin vor, Unruhe in Abadan zu schüren, Studenten und Arbeiter zum Aufstand anzustacheln. Als die Fedayin Warnschüsse in die Luft abgeben, habe die Menge ihr Hauptquartier gestürmt, Angehörige der revolutionären Garden seien dann eingeschritten und hätten 40 Fedayin festgenommen. Bei den Festgenommenen seien automatische Waffen, Revolver und größere Mengen Munition gefunden worden ... (Am nächsten Tag) fand sich am gleichen Ort eine große Gruppe von Moslems ein, die die Hinrichtung aller 40 festgenommenen Fedayin wegen angeblicher Anstiftung zum Streik in der Ölindustrie und Aufwiegelns von Studenten und Arbeitern forderte“ (Frankfurter Rundschau vom 23. April 1979)

[2„Die Kaspische Küste mit den Provinzen Gilan und Mazandaran ist mit einer Gesamtbevölkerung von fünf Millionen die dichtest besiedelte Fläche des Iran, hier leben 30 Personen auf einem Quadratkilometer. Die Gründe für diese dichte Besiedelung sind, daß die Kaspische Küste im Regengürtel der Alban-Berge liegt ... Außer der Bevölkerungsdichte und den klimatischen Unterschieden zwischen Nordpersien und anderen Gebieten des Landes gibt es auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Wohlstandsunterschiede. Die Voraussetzung für eine optimale Ausnützung des Bodens ist durch die üppige Vegetation gegeben. Es werden hier Weizen, Reis, Baumwolle, Tee und Tabak gepflanzt. Die Bewohner des Nordens haben die niedrigste Analphabetenquote im ganzen Land“ (Ardechir Arselan: Die „Weiße Revolution“ und der dadurch ausgelöste soziale Wandel, Dissertation, Wirtschaftsuniversität Wien 1977, pp. 150/51)

[3Die Meuterei der Luftwaffe am 9. und 10.
Februar 1979 besiegelte das Schicksal der letzten kaiserlichen Regierung Shapour Bakhtiar, zerschiug die Leibgarde des Schahs (die „Unsterblichen”) und vereitelte damit einen möglichen Militärputsch. Der Triumph Khomeinis, der erst am 1. Februar aus Paris heimkehren konnte, war vollendet. Khomeini hatte schon Anfang Februar eine Gegenregierung unter Mehdi Basargan eingesetzt, die am 11. Februar offiziell die Macht übernahm.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
No. 307/308, Seite 35
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