FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 487-492
Poldi Kircherl im (D-)ORF

Kalte Privatisierung praecox

Die SPÖ auf dem Weg zur STÖ. Der Beginn des Telekratismus auch in Österreich. Die nächste Regierung heißt Höchtl/Haider. Warum der Rundfunk Goldes wert ist und warum die Zeitungen beider Konzerne den neuen GI des ORF so überschwänglich begrüßten.

Daß auch der ORF sich der »Neuen Zeit« — jener der Telekraturen — nicht entziehen könne, war bekannt. Es wurde 1983/84 schlagartig klar, als die EBU (Eurovision) auf Vorschlag des ORF und unter dessen Federführung einen ausgedienten Postsatelliten (OTS) zu Versuchszwecken nutzte und gemeinsam mit 16 TV-Anstalten in ganz Europa durch 7 Wochen ein europäisches Probeprogramm startete. Dieses Satellitenprogramm — das erste Europas — hätte zu einem Normalprogramm werden sollen. Es wurde dies nicht. Es entstand das Satellitenprogramm ›3SAT‹, aber von einer wirklichen (öffentlich-rechtlichen) europäischen Nutzung war keine Spur. Die Gründe waren schon damals klar und einsichtig: Der euro-amerikanische Fernsehmarkt war ein zu vielversprechendes Geschäft, als daß die öffentlich-rechtlichen Anstalten — von RAI, ARD, ORTF etc. bis ORF — einen Vorsprung gewinnen durften, den aufzuholen den gerade im Entstehen begriffenen Medienmogulen schwer gefallen wäre.

Also — durchaus in vorauseilender Ahnung — ein topp für diesen Evolutionssprung, zu dem das öffentlich-rechtliche Fernsehen angesetzt hatte. Spätestens damals war deutlich, wie der Fernseh-Hase zu laufen hatte.

Die Fernsehfirma Kirch kaufte um 4,5 Milliarden Dollar (!) 1986 die TV-Verwertungsrechte an 90 Prozent der US-amerikanischen Spielfilme. Berlusconi ging (erfolgreich) daran, die nach einem neuen Gesetz aufgebauten fast 400 (!) privaten Programme in Italien »aufzukaufen«. Ähnliches geschah in England, Frankreich. Daß solche »Geschäfte« nicht aus dem privaten Börsel gezahlt werden konnten, sondern nur mit großem backing durch Politik und Banken, ist klar. Klar war also auch, wo die Interessen lagen: beim »Kapital«.

Daß etwa Leo Kirch, der vor 20 Jahren mit Filmrechten im Tascherl noch die TV- Anstalten abklapperte, so sparsam war, daß er sich — ganz abseits von politischen Einflüssen — binnen weniger Jahre neben den Filmrechten um ein paar Milliarden auch noch diverse TV-Sender plus Verlage kaufen konnte, ist eines der wundersamen Dinge, die auch im Zusammenhang mit der ORF-Reform 1994 zu beachten sind.

Der ORF war, bis in die unglückliche Ära des Volksschauspielers Teddy Podgorski, eine kleine, aber führende Fernsehanstalt in der Medienwelt. Durch die politischen Geschäfte bei der Bestellung von Podgorski, den der glücklose Altkanzler Fred Sinowatz ausgewählt hatte (»weil er so an guaten Schmäh hat«), mit der Wiederbestellung des Alt-Tigers Gerd Bacher war das Schicksal des ORF besiegelt.
Die kleine TV-Anstalt, aus deren Personalstand 70% (!!) aller Direktoren der deutschen Privat-Anstalten (von Helmuth Thoma bis Georg Kofler — von anderen »deutschen« Stars, die hier ihre Karrieren begannen wie Elstner & Co, ganz zu schweigen — schlagender Beweis für die »Unfähigkeit« der ORF-Crew) kommen, war der kommerziellen Nutzung freigegeben.

Eine unbewiesene Hypothese mit erklärender Kraft

Den wirklichen Startschuß hiezu gab der Bundeskanzler Vranz, als er, um eine Abstimmungsniederlage bei der EU-Wahl zu verhindern, mit den Medien (zumal mit dem Riesenformat ›Kronen Zeitung‹) seinen Deal machte.

Hans Dichand sagte im Herbst 1993 volle Unterstützung der EU-Vorstellungen des Kanzlers Vranz zu, im Gegengeschäft bekam er (wie andere auch) die Garantie, künftig auch via Fernsehen seine Milliarden mehren zu können.

Ein neuer Generalintendant wurde unter problematischen Umständen aus der Tasche gezogen: Gerhard Zeiler. Bisher: Sekretär von Fred Sinowatz, unter Teddy Podgorski Aufsichtsorgan im ORF, dann Leiter des Programmkinos RTL 2. Seine Wahl wurde, mit Unterstützung fast aller Printmedien, gegen den Willen eines Großteils der ORF-Mitarbeiter, mit den Stimmen der »unpolitischen« Kuratoren durchgeboxt. ›Profil‹ konnte titeln: »Bubi birnt die Bonzen«.

Schon in einem — von den Mitarbeitern des ORF gegen den Willen der Geschäftsführung durchgesetzten — öffentlichen »hearing« Anfang 1994 war klar, wohin die Wege des ORF zu gehen hätten:

Damals — wie auch nun — wurde von Zeiler und Co ein »radikales« Sparprogramm ausgerufen. (Natürlich kann kein vernünftiger ORF-Mitarbeiter einen Einwand gegen vernünftiges Sparen haben. ) Vor allem im Programmbereich, also Unterhaltung im weitesten wie engsten Sinn, wurden durch entsprechende personelle Umbesetzungen die Weichen neu gestellt:

Die zwei neuen Programmintendanten (Zechner und Andorfer) zeichnen sich vor allem durch zwei Eigenschaften aus: sie können sich keiner erfolgreichen Programmarbeit rühmen und beide kommen aus dem privaten TV-Bereich des Leo Kirch. Ihre ersten Erklärungen — via GI Zeiler — sprechen auch eine deutliche Sprache: die Produktionen werden »ausgelagert«, um bei der Fachsprache zu bleiben.

So bringt Zechner etwa zu Silvester eine völlig »neue« Programmidee: »Playback-Show«. D.h. Prominente singen Playback zu prominenten Stimmen. Etwa unser aller Helmut Zilk mit seiner Dagmar den Prof. Higgins (+ Elsa) nach dem Musikband des erfolgreichen Films. So weit so gut. Die gesamte Technik, alle Rechte, die Regie werden via Zechner von Linda de Mol aus Holland geliefert. Die ORF-Regie, Technik, Redaktion hat die Show (a) nur anzusehen, (b) notfalls zu betreuen, (c) die Schaffung einer Herde neuer »weißer Elefanten« ist garantiert.

Aber das sind peanuts — das wirkliche Geschäft läuft anders:

Schon jetzt hat der neue GI Zeiler, der ja das Abschlanken als eine der nötigen Kuren für den angeblich so aufgeblähten ORF ankündigte, eines getan: die Führungsmannschaft verdoppelt. Es gibt nicht nur einen Generalsekretär, sondern zwei, es gibt nicht zwei Programmintendanten, sondern vier usw. Die Personalpyramide des ORF wurde auf den Kopf gestellt. Es sind nun sehr viele Häuptlinge am Werk und recht wenige kleine Indianer.

Ein Exempel, das sich am Beispiel »Chefredaktion« am einfachsten verdeutlichen läßt: Nach dem neuen Konzept gibt zwar einen Chefredakteur, der in Wirklichkeit auch Intendant ist, daneben aber ein gutes Dutzend »Leitender« Redakteure, die in Wirklichkeit auch Chefredakteure sind — ob dies nun »a g’sunde Lösung« Zeilers ist, sollte die (baldige) Zukunft zeigen.

Was dies wiederum heißen soll, macht den ganzen Ökonomismus der Telekraten klar: Nach allgemeiner Ansicht hätte der ORF eine Reform allein deshalb nötig, weil er, vor allem in Anbetracht der »mörderischen privaten Konkurrenz« (GI Zeiler), »zu wenig« produziere. Deshalb müsse auch ein großer Teil der gewinnträchtigen Spielproduktionen »ausgelagert« werden, in effektivere, kommerziellere Hände übertragen. Die kommende Silvestershow ist nur ein kleiner Vorgeschmack.

Oder der ORF hätte zwar »viel«, aber »schlecht« produziert, schlechte Programme erstellt. Dazu: Der ORF ist von allen TV-Anstalten der Welt eine der effektivsten, »besten«, erfolgreichsten. Sowohl was die Einschaltquoten betrifft, die Bewertung seiner Programme, seine Programm-Verkäufe wie seine Werbeeinnahmen. Diese Feststellung ist mit allen Zahlen, Daten, Fakten belegbar.

Was meint also der gekrönte neue GI Zeiler mit »zuviel«? Die Denkrichtung ist so eindeutig wie die Zielrichtung seiner Erklärung: Das »zuviel« bezieht sich auf Programme, die den kommerziellen Nötigkeiten Zeilers nicht entsprechen, wohl aber dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF. Dem Rundfunkgesetz.

Die Aufgabe des ORF ist es (ex lege), das Publikum zu informieren (objektiv), zu bilden, Kultur zu bieten und zu unterhalten. Nun sind manche Informationssendungen (objektive) natürlich nicht vergleichbar mit den »hire and fire«-Programmen der Privaten — vom ›Heißen Stuhl‹ bis zu so sagenhaften Sendungen, bei denen schon der Titel alles sagt: ›Ran‹. Dazu ist festzuhalten, daß diese Sendungen — im Gegensatz zu dem erwürgten ›Club 2‹ — kaum eine »Lebensdauer« von mehr als 2 Jahren haben. Dann sind sie nämlich ausgebrannt, neues Bildfutter muß her, wie’s der Markt verlangt. Festzuhalten ist ferner, daß diese Sendungen alle (!!) — relativ und absolut — niedrigere Erfolgsquoten haben, als alle vergleichbaren Sendungen des ORF.

Daß Kulturprogramme selten im Fachjargon sogenannte »Straßenfeger« sind, versteht sich von selbst. Daß »Bildung und Wissenschaft« im ORF zwar hohe Einschaltquoten haben, aber von sich aus keine »Erfolgsprogramme« sind, ist ebenso klar. Aber nun den Betrieb ORF krankzubeten, statt über Programme nur über Reichweiten, statt über Qualität (auch seichte Unterhaltung kann »Qualität« haben) über Einschaltquoten zu reden; statt eine, um im Jargon zu bleiben, »cooperative identity« zu schaffen, mit Sanktionen zu drohen, statt mit wohlerdachten Programmen neues Publikum zu gewinnen, den ORF gleich in die blökende Schafherde beliebiger Serienproduzenten einzureihen — ist gewißlich ein Zeichen von Führungskraft.

Unser aller Kanzler hat einmal gemeint: »Wer Visionen hat, braucht einen Arzt.« Inzwischen hat er diesen tiefen Denksatz ausdrücklich widerrufen. Er täte gut daran, ihn seinem GI als Bedenkmal zu servieren. Rundfunk — egal ob Radio oder Fernsehen — ist zu allererst Handwerk, aber dann kommt ziemlich bald das Phänomen Kreativität, und diese läßt sich — noch dazu im Voraus — mit keinem Manometer messen, noch weniger läßt sie sich verordnen, noch weniger läßt sie sich auf dem Verwaltungsweg dekretieren.

Wenn die Gefahren für den ORF tatsächlich so groß sind, wäre es Aufgabe des Geschäftsführers, Mut und Vernunft zu wünschen und nicht populistischen Rückfall in buntes Allerlei. Kein ORF-Mitarbeiter will dies, wie es ohne Frage auch das Publikum nicht wollen kann — letztendlich. Die dies wünschen, sind die Abkassierer. Die Bonzen hinter den (elektronischen, versteht sich) Rechenschiebern. Eine Rundfunkanstalt, zumal eine öffentlichen Rechts, braucht Selbstbewußtsein — nicht Furcht. Vor dem schwarzen Mann? Im Wunderland? Oder wo? Nur Selbstbewußtsein ermöglicht Denken. Kreativität.

Selbst der simpelste Fußballtrainer weiß bereits, daß er seine Mannschaft schwerlich mit Sätzen aufbauen kann, die etwa lauten: »Der Gegner ist so stark. Wir werden verlieren. Wir verlieren, wir verl...«

Ganz Hollywood weiß, daß Stars nicht so leicht vom Himmel fallen, der ORF soll aber nach einem verordneten »Starprinzip« erfolgreich funktionieren? Woher kommen die Stars? Wenn bisher alles so schlecht, so schwach war? Woher nimmt Zeiler seine Stars? Aus der ›Krone‹? Aus dem Taschel? Wenn er dieses »Prinzip« durchzieht, steht ihm der weltweite Medienhimmel schon allein deshalb offen. Wenn’s aber nicht so gelingt, wo bleibt dann die Reform?

Im Dickicht von Details soll hier niemand vergeblich nach dem Eis im Dschungel suchen. Die Hintergründe der Äußerungen Zeilers, die selbstverständlich akkordierte sind, werden klar, macht man sich seine »Aufgabenstellung« bewußt, deren objektiven Gehalt er vor den Mitarbeitern auch keineswegs bestreitet, deren wirkliche Zielsetzung wiederum von ihm nicht erklärt werden kann, sondern sich von selbst erklärt.

A conto der, ach so mörderischen, Konkurrenz — Berlusconi hat es immerhin zum Ministerpräsidenten Italiens gebracht und saniert nun seine Schulden aus den TV-Geschäften über die Kassen der RAI, Leo Kirch ist intimster Berater und Medienguru der Regierung Kohl — soll Österreich, durchaus EU-konform, einen ähnlichen Weg gehen, wie die ARD nach den Wünschen des CSU-Steuber?

Die Printmedien werden sich künftig am Fernsehen beteiligen, was ja sehr gut ist. Konkurrenz ist immer gut. Sie werden es aber auf Kosten des ORF machen. D.h. die Einrichtungen dieser öffentlich-rechtlichen Anstalt werden zum erheblichen Teil dem Printmedienmarkt geschenkt. Wer aber ist nun dieser Markt? Er besteht aus diversen internationalen Multis. Die ›Kronen Zeitung‹ ist durchaus nicht (nur) in den Händen von Dichand, auch der ›Kurier‹ nicht, nicht das ›Profil‹, nicht der ›Trend‹. Sie sind zusammengeschlossen in einer Holding, in der wiederum die deutsche WAZ-Gruppe deutlich das Sagen hat. Und zwar mit fast 50 Prozent. Der ›Standard‹ — unser Blatt für Leser — gehört zur deutschen Axel-Springer-Gruppe. Und wer ist der Entscheidungsträger bei Springer? Ein gewisser Leo Kirch. So einfach liegen die Fakten.

Zu glauben, daß Kirch nicht mit Bertelsmann und Bertelsmann nichts mit RTL zu tun hätte, wäre ebenso naiv, wie anzunehmen, daß der Medienmulti Berlusconi nichts mit Kirch zu tun hätte (beide sind zusammen an mindestens sieben europaweiten TV- wie Radiostationen beteiligt). Daß wiederum die größten Händler nichts mit der Erzeugung, sprich Produktion von TV-Programmen — vom Videoclip bis zu den berühmten Serien — zu tun hätten, widerspräche dem Gesetz jeder Vernunft und des Marktes. Die internationalen Verflechtungen aufzuzeigen, müßte eine eigene Broschüre füllen.

Das bedeutet: In Europa, also der EU, hat sich im Laufe der letzten zehn Jahre der größte Medientrust gebildet, der je existierte. Sein Einfluß reicht von direkter Regierung bis zu (totaler) Manipulation der politischen Landschaft(en). Man muß kein Sozialist (auch ohne haut-gout), kein Demokrat sein, um zu verstehen, was derart geballte, private Meinungsmacht bewirkt. Spätestens seit dem Disput Nixon—Kennedy wissen wir um die reale Wirkung des Mediums. Spätestens seit den ›Runden Tischen‹, dem Danaergeschenk des Ex-Intendanten und Parteifreundes Kunz, müßte auch Vranitzky es wissen. Sollte man meinen.

Daß »politische« Themen in so gearteten medialen Kapitalgebilden keine mehr sind oder den Charakter von ›Adabei‹-Glossen bekommen, ist logische Folge. Niemand fragt in dieser (natürlich geheimnisvollen, ergo bedrohlichen) Welt der Elektronik nach Fakten. Fiction heißt die Ideologie, die uns ja via USA & Co KG schon heute Tag für Tag als ewiger unträumbarer Traum serviert wird. Mickey-Ham mit Cola-Burger, high-tech faschiert.

Daß der ORF in diesem Medienspektakel eine nachgeordnete Rolle spielt, ist klar. Er ist vergleichbar in seiner Bedeutung mit der Ersten Republik, die sich ja nicht ganz so unfreiwillig in die Arme der Mächtigen werfen ließ. Daß aber auf den ORF im Rahmen aller EU-Wünsche nicht verzichtet werden kann, ergibt sich medienstrategisch:
Spätestens in zwei Jahren, wenn 1000 Jahre Österreich abgefeiert werden, wird wohl auch klar sein, daß Österreich das »Reich im Osten« war, das Sprungbrett in den großen Markt östlich der Simmeringer Heide. Spätestens dann auch wird das Rundfunkgesetz geändert sein und die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt — endlich, endlich! — privatisiert. An die Börse gebracht, mit einigen sehr kleinen Kleinaktionären und sehr wenigen sehr großen Großaktionären — und wer diese sein werden, läßt sich an zwei Fingern abzählen. Daß der Widerstand der Populisten Zeiler, Rudas und Co. kein allzu großer sein wird, dafür haben Hans Dichand mit Vranz, Bacher, Leo gesorgt. Schon jetzt, nein: schon am Beginn des Jahres 1994 und viel früher.

Es erinnert makaber an Ereignisse anderer Jahre, wenn nun der ORF reformiert, das heißt: ruiniert wird. Es muß festgehalten werden, daß zur Zeit das größte, wirkungsvollste, professionellste, finanzkräftigste Medienunternehmen des Staates Österreich von einigen Lohnschreibern seit Monaten durch den Dreck gezogen wird, die Mitarbeiter des ORF zu »Bonzen«, zu »Tagedieben«, ja fast zu Gaunern gemacht werden. »Bubi birnt die Bonzen« — ein Titel, der einem erst einmal einfallen muß, um all die Mißgunst, all das Interessengedränge zu erkennen, die hinter solchen Ausscheidungen stehen.

Wenn man schon so fernsichtig ist, daß 1996 Österreich tatsächlich noch EU-konform besteht, so ist der Gedanke nicht abwegig, daß mit gemockter Hilfe ein gewisser Jörg Haider auf das Treppchen zum Kanzlerstuhl steigt. Legitim natürlich, es gibt ja Vorbilder, aber doch.

Kein so abwegiger Gedanke, ein sehr konkreter, bitte sehr, denn: Bei allem Gegröle, bei allen Politrülpsern des guten Jörgl, ein Thema hat er auffallend ausgespart, im Widersinn zu sonstiger Effekthascherei: den ORF. Warum wohl? Wollte er keine »Bonzen birnen«? Wohl kaum. Vielmehr ist anzunehmen, daß er bereits jetzt seine blauen Bataillone auch in Richtung ORF marschieren läßt.

In zwei Jahren wird klar werden, was der Kanzler Vranz seinem Land und mehr noch seiner Partei beschert hat, wofür er den Weg bereitete: keinen »Faschismus« alter Prägung, aber einem Populismus, der sehr knapp am Faschismus vorbeischrammt und dabei vielleicht die Chance ergreift, sich tatsächlich zu wandeln in Faschismus. Betrachtet man die Begehrlichkeiten nach einer Dritten Republik, die ja nicht allein Haiders Wunsch ist, sondern auch mancher Möchtls, Klestils und so, erscheint das Zauberspiel des SP-Kanzlers mit seinem Land, dessen Kultur, dessen Kulturträger, dessen Zukunft in besonders fahlem Licht.

Eine Voraussage sei gewagt: Spätestens ab 1996 wird der gute Kanzler Vranz in seine Biographie schreiben können, auch Österreich, auch den ORF auf die Daten-Highways einer Telekratur geschickt zu haben, die nicht im Sinne des Parteiprogramms Demokratie ermöglicht, sondern diese an den (die) Meistbietenden verkauft. Und die SPÖ wird sich nach einem neuen Namen umzusehen haben: STÖ. Sozialtelekratische Partei Österreichs — so es dieses dann noch gibt. Als Staat gewiß, aber als versinkende Kultur im Sumpf der mediokren Mediokraten, im Spiel ohne Grenzen, in Shining. Das Play-Back der netten Kathi Zechner zu Silvester dieses Jahres ist nicht mehr als ein (zugekauftes, ergo teures) Symbol all der anderen populistischen Fiktionen, die uns erwarten. Man stelle sich Dichand vor mit der Stimme von Frank Sinatra: »New York, New York«, Erhard Busek als Marlon Brando im ›letzten Tango‹, Mock als Fred Astaire, Klestil als Mackie Messer und Vranitzky als Daniel Düsentrieb. Des wird a Hetz.

Und durchaus »professionell« — ganz wie es sich gehört im Reich der Kirche, der Turners, der Berlusconis, Thomas, Murdochs usw. Die Welt als Anschein, die Fiction als Utopie. Vielleicht war Zeiler doch ein Glücksgriff. Denn weitergedacht, wären alle Probleme gelöst und die Welt säße glücklich und zufrieden vor den Bildschirmen, auf ihren soaps, ihren operas, ihrem Reality-TV. Ja, selbst Kriege herkömmlicher Art wären nicht mehr zu fürchten, ist ohnehin alles nur Spiel — schon in der Golfkriegsberichterstattung bekam man einen Vorgeschmack, was TV-Kommerz- Profis zustande bringen: Werbespots von Rüstungsfirmen (Panzer) als »Kampfbericht«, »Gasangriffe« (bei denen der Reporter hinter einer Gasmaske röchelt, während um ihn die GIs in Boxershorts joggen), verendete Wasservögel, die via SAT flugs von Alaska in den Golf (als Abbild, versteht sich) transportiert worden sind.

Damit die Rüstungsindustrie nicht durch die Finger sehen muß, wird man allemal auch Waffen erzeugen, um sie zur Zerstörung zu nutzen. Aber Kriege? Igitt — das doch nicht! Sie können ja, zur allgemeinen Belustigung, via »Game Boy« oder »Nintendo« ganz in Farbe mit allen Rumms, Bumms und Trara abgespielt werden, als Fiction.

Dies ganz im Sinne der ersten Macht auf dieser Erde, der USA, jener Nation mit der Seele einer Kirche und einer naiven Gläubigkeit, die mehr ins Rückwärts als in eine Zukunft weist. Dort kann man, mittels Satellit, bereits Sterbende in das All, den Himmel »beamen« — zum »ewigen Leben« sozusagen. Der Woytila zu Rom wird sich neue Geistigkeit zu erdenken haben, wenn praktisch jede Maria zum Himmel fahren kann.

Nur: Was passiert, wenn plötzlich der Strom ausfällt, eine Sicherung durchbrennt, die wirkliche Wirklichkeit auftaucht, ganz unverhüllt und schamlos, wie es ja Wirklichkeiten so an sich haben?

Der Kanzler hätte sicher ein Mittelchen parat: Kein kleines Taferl mit den Gehältern aller Bonzen würde er in die Kamera halten, sondern eines, auf dem steht: »Entschuldigen Sie, die Störung liegt nicht in unserem Bereich.« Lag sie ja nie, oder? Ob er jedoch noch das Taferl heben wird können, ist eine andere Frage, denn das Patent darauf hat ja ein anderer: Jörg Haider.

Die Lust an der öffentlichen Hinrichtung all jener, die von den Zusehern als täglicher Privatbesitz betrachtet werden müssen, in der neuen Volksstimme namens »Krone«, ist ja noch verständlich. Brot und Spiele oder gebt den Affen Zucker — ein altbewährtes Rezept demokratisch-republikanischer Freud für die Leut. Die Regierungsklugheit jedoch erscheint von schrägen Schatten betroffen in schlechtem Glanz.

Ist ihm nicht aufgefallen, wo sein Koalitionspartner hinmockt? Liest er nicht die Ausdünstungen eines ›Top‹-Pretterebner, der den Zeiler in den Himmel lobt und alles (alles!), was sonst in Sachen ORF sich tut (tat), niederreißt? Will Zeiler, eine neue Form des »Starprinzips«, Fernsehen mit sich ganz allein?

Es kann der Regierungspartei nicht verborgen bleiben, auf welche Schleichwegerln zur kalten Privatisierung praecox da der öffentlich-rechtliche Rundfunk gesetzt worden ist, und es wäre ihr dringend zu raten, dem allgemeinen »Hojataho« ein Ende zu setzen.

Wenn sie aber alles, was da geschieht, zumal geschehen wird, kennt, weiß, erkennt, billigt — sollte sie sich nicht wundern, bald nicht mehr Regierungspartei zu sein.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1994
No. 487-492, Seite 15
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