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Jürg Jegge
Liegengebliebenes III

Grosse Liebe, heruntergekommen

Die Wagner-Grotte zu Altmünster, Fotos: Ulrike Svarovsky

An fing es in größter Minne – in des Wortes reinem Sinne. Da lebte im beschaulichen Zürich der 1850er Jahre das Ehepaar Mathilde und Otto Wesendonck. Er war ein steinreicher Seidenhändler aus Düsseldorf. Sie hatte ursprünglich Agnes geheißen, nahm aber auf Ottos Wunsch bei der Verlobung den Namen von dessen verstorbener ersten Frau an. Sie wird als außergewöhnlich liebreizend geschildert. Vor allem jedoch oblag sie der Dichtkunst. Großzügig unterstützten die Wesendoncks verschiedene Künste, zuvörderst die Musik, und sie waren in der Stadt dementsprechend hochgeachtet.

Gefieder des Engels

Doch dann geriet die Beschaulichkeit durcheinander. Dies mit dem Auftauchen des deutschen Flüchtlings Richard Wagner. Dem wurde Beteiligung an einem Volksaufstand in Dresden vorgeworfen, worauf er über Paris nach Zürich floh. Hier war er den Wesendoncks sogleich willkommen. Sie unterstützten ihn nach Kräften, und als ihre neue Villa auf Zürichs grünem Hügel fertig gestellt war, boten sie ihm und seiner Frau Minna eine Wohnung im benachbarten, ihnen ebenfalls gehörenden Landhaus an.

Es kam, wie es kommen musste. Richard himmelte Mathilden an, die himmelte zurück. Er widmete ihr Musikstücke (etwa eine Klaviersonate), sie ihm Gedichte:

Ja, es stieg auch mir ein Engel nieder,
Und auf leuchtendem Gefieder
Führt er, ferne jedem Schmerz,
Meinen Geist nun himmelwärts!

Fünf dieser Gedichte setzte er in Töne. Sie sind auf uns gekommen als die „Wesendonck-Lieder“. Meist werden sie in verschärfter Fassung aufgeführt, mit vollem Orchester (das Original begnügt sich mit Klavierbegleitung). Da fanden sich zwei gleich gestimmte Seelen. Bald galt sie als seine Muse, und als solche hatte sie wesentlichen Anteil an der Entstehung von „Tristan und Isolde“.

Zu ihrem 29. Wiegenfeste brachte er ihr ein Ständchen (wie das bei runden Geburtstagen so üblich ist), mit folgender Widmung:

Hochbeglückte
schmerzentrückte
keusch und rein
ewig dein -
was sie sich klagten
und versagten,
ihr Weinen und ihr Küssen
leg’ ich dir nun zu Füßen,
dass Tristan und Isolde
in keuscher Töne Golde
den Engel mögen loben
der mich so hoch erhoben.

So kam man sich näher. Wie nah, darüber gehen die Berichte auseinander. Auf jeden Fall für das Empfinden der Frau Wagner allzu nah. Es fehlte ihr an Verständnis für empfindsame Seelen und deren Gleichgestimmtheit; sie schlug Lärm. Auch Herr Wesendonck – der übrigens bei dem Geburtstagsständchen abwesend war, was das rechtschaffene Zürich in einige Aufregung versetzte – fand das alles jetzt nicht mehr lustig und redete deutliche Prosa. Resultat: Der Herr Wagner reiste nach Paris, die Frau Wagner zur Kur nach Deutschland, und das Ehepaar Wesendonck unternahm eine mehrwöchige Italienreise. Schließlich gab der Komponist sein Zürcher Domizil auf und zog weiter nach Venedig, dann nach Paris, später nach Wien-Penzing. Man blieb sich aber wohlwollend verbunden. Die Wesendoncks bekamen Klavierauszüge der neuesten Opern gewidmet, ein paar Jahre später sah man sie als Premierengäste Wagners, der in Deutschland wieder in Gnade gefallen war.

Sommerfrische

Dann mussten sie selber fliehen. Aufgrund des Deutsch-Französischen Krieges kochte in Zürich eine bedrohliche antideutsche Stimmung hoch, so dass die Wesendoncks sich nach Dresden in Sicherheit brachten. Jahre später übersiedelten sie nach Berlin. Als Ausgleich zum Stadtleben erwarben sie sich eine Villa am Traunsee, um dort der Sommerfrische zu frönen. „Traunblick“ hieß sie, und man hatte von ihr aus einen großartigen Blick über den See zum Traunstein und dem daneben liegenden Erlakogel, den die Einheimischen „schlafende Griechin“ nennen. Und Mathilde wäre nicht Mathilde gewesen, hätte sie nicht diesen Ausblick in kostbare Verse gefasst.

Und drüben, hart an Ufers Rand,
Ein Bergesriese ragt.
Der wird der Traunstein genannt,
Ein Hühne, hoch betagt.
Zu seiner Seite schläft ein Weib
Den tiefen Todesschlummer.
Genesen ist ihr süsser Leib
Von Erdenweh und Kummer.
Der Traunstein hält die Totenwacht
An ihrem Felsengrabe,
Er harrt und wachet, Nacht für Nacht,
Verschmäht des Schlafes Labe.
Sooft der lichte Morgen schleicht
Zur Schläferin mit Küssen.
Dann wird des Alten Auge feucht,
Wähnt wecken sie zu müssen.
Sie aber schlummert still und kalt,
Weiss nichts von Sehnen und von Lieben,
Denn ihrer göttlichen Gestalt
Ist nur die Form geblieben.
Von meinem Fenster seh ich sie,
Nichts störet ihren Frieden.
Sei ruhig, Herz, auch Dir einmal
Ist Todes Ruh’ beschieden.

Dort, im großen, zum See abfallenden Garten der Villa in Altmünster (Adresse: Nachdemsee 15), erschuf sich – ich kann hier nur ehrfurchtsvoll die Worte der einschlägigen Internet-Seite wiederholen – erschuf sich Mathilde eine stille Grotte zum ewigen Angedenken an ihren Seelenfreund Richard: Aus einer künstlich wie kunstreich angelegten Felsspalte sprudelt ein Bächlein, und oben im Spalt hängt eine Lyra mit beigefügtem Sinnspruch. Alles atmet hier den Geist der „Isolde vom Traunseestrand“. Johannes Brahms, häufiger Gast in der Villa, soll einen Besucher der Grotte gewarnt haben: „Geben Sie acht, dass Sie nicht unversehens eine Wagner-Melodie zertreten.“

Erfrischt nicht mehr

Wer die Weihestätte heute aufsuchen will, muss vor allem auf eines acht geben: dass er nicht unversehens daran vorbei fährt. Durch das Grundstück führt heute die Straße von Gmunden nach Bad Ischl, und das wenige Meter an der Grotte vorbei. Die ist, für Besucher unzugänglich, durch das Geländer einer kleinen Brücke gesichert, von wo sie aus recht naher Ferne betrachtet werden kann. Was aber nie jemand tut. Auf der Straße brausen oder stauen heute täglich über 20.000 Fahrzeuge vorbei. Straßenlärm statt Wagner-Melodien, CO2 statt c-Moll. Und so ist die große Musenliebe vom Himmel, zu dem sie einst auf leuchtendem Gefieder emporgehoben worden war, auf die Bundesstraße herunter gekommen. Liegengeblieben am Rand der B 145.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2019
Autor/inn/en:

Jürg Jegge:

Geboren 1943 in Zürich, war Lehrer, Fernseh­moderator, Radio­mitarbeiter, ist Buchautor und Liedermacher. Von 1985 bis 2011 leitete er den „Märtplatz“ in Rorbas, eine berufliche Ein­gliederungs­stätte für junge Menschen mit „Start­schwierigkeiten“; schrieb im FORVM ab 1982 zahlreiche Beiträge, darunter die theaterfreundliche Serie „Pawlatschenreport“. Wird alles (hoffentlich:) bald hier wiederveröffentlicht werden.

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