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Hans Zimprich

G’sundheit!

Lieber Hans! Wir sind angekommen in einem Land das uns zwar noch fremd ist, mit dem wir aber die Hoffnung auf Freiheit des Denkens und der Sprache verbinden.

Die Gründe, Österreich zu verlassen, werde ich versuchen, Dir in diesem Brief zu beschreiben, obwohl es viele Schuldgefühle in mir gibt, darüber, daß wir gegangen sind, statt zu bleiben und trotz der Dritten Republik und ihrer Freiheitsinterpretation meine Ansichten zu vertreten und wenn nötig, zu verteidigen.

Da ich aufgrund meines Werdeganges die Zusammenhänge zwischen Politik, ihrer Interpretation und dem Gesundheits- und Sozialwesen am besten beurteilen zu können glaube, möchte ich mich in meinem Brief heute darauf konzentrieren, obwohl ich mehr Fragen als Antworten habe.

Meine Sorge geht dahin, daß schonungslos gegen soziale und karitative Normen des medizinischen Systems verstoßen wird. Während zwar schon bisher, aber individuell, Exzesse von Profit- und Profilierungsgier zu beobachten waren, werden diese nun ideologisch gestützt. Die Tüchtigkeit wird gepaart mit der menschenverachtenden überwertigen Idee vom besseren oder schlechteren Blut, Rasse und Religion. Daß diese Gedanken jeden Mitdenkenden zwar Angst aufsteigen lassen, ist zwar anfänglich spürbar, aber nur von kurzer Dauer, und sie wird rasch verdrängt, denn jeder wird hintergründig erfaßt vom Überlebenskampf, um nicht zu den Untüchtigen zu gehören.

Dadurch entsteht im Gegensatz zu verschiedenen bisher innerlich akzeptierten Soziallehren (christlichen wie sozialdemokratischen), die uns allen einen gewissen Anspruch auf Bildungs- und Chancengleichheit gebracht haben, ein beständiger Kampf verschiedener Subpopulationen untereinander.

Eure Dritte Republik hat bisher in keiner Weise definiert, was sie eigentlich unter Freiheit versteht, obwohl sie mit diesem Wort ständig manipuliert. Sind es wahrhaft liberal demokratische Ideen, oder erinnern sie an frühere Zeiten höchst undemokratischer Art? Diese Grundideen haben wir Älteren ja schon im „tausendjährigen Reich“ erlebt, das bei uns zwar nur sieben Jahre gedauert hat, aber trotzdem einen millionenfachen Blut- und Leidenszoll forderte.

Ins Gesundheitswesen übertragen heißt das aber, daß Patienten wegen ihrer verschiedenen Individualität nicht nur, wie im schrankenlosen Liberalismus, aus finanziellen Unterschieden protegiert oder sanktioniert werden.

Dabei bilden sich starre Berufshierarchien mit Auftrags- und Ausführungscharakter heraus, statt des, in den Nachkriegsjahren allmählich aufgebauten, dialogischen Prinzips, sowohl im interdisziplinären wie auch im patientenorientierten Kontakt. Die strenge Hierarchie (als Ausdruck des ständigen Kampfes) führt gerade im Spital zur absoluten Paradoxie: die Qualität der Hilfe wird ersetzt durch die Qualität von Techniken. Dabei entscheidet im Unterschied zum wissenschaftlich liberalen Modell aber nicht mehr die höchstqualifizierte Technik an sich, sondern die Tagesideologie. Diese kann durchaus rasch und undemokratisch adaptiert werden unter dem Motto: wir tun, was uns nützt, wobei wir unsere Hilfe unseresgleichen durchaus anbieten können und somit sozial erscheinen. Sozial im Nationalen, d. h.: Hilfe für den noch nicht arrivierten Nachbarn aus deiner eigenen Ethnie, aber Ausgrenzung der anderen. Das Teamwork des Liberalismus wird ersetzt durch das Führerprinzip unter Deinesgleichen.

Ob ich überhaupt das Recht habe, wo ich in die Emigration gegangen bin, all das zu artikulieren und nicht lieber hätte bleiben sollen, weiß ich nicht. Ich hätte vielleicht Konferenzen über Qualitätsmanagement im Spital einberufen sollen, diesem neuen Schlagwort, um zu warnen vor dessen Gespenstern. Denn natürlich lassen sich solche Begriffe ebenso leicht degradieren und in ihr Gegenteil verkehren, wenn man die politische Macht hat und die warnenden Stimmen zum Schweigen bringen kann.

Wenn ich andere als High-tech-Medizin ins Auge fasse, etwa Kinderspitäler, wo wir seit Jahren wissen, daß eigentlich nicht die Kinder krank sind, sondern die Familien, durch soziale Not, Arbeitsdruck und Lieblosigkeit zwischen den Generationen, wie sollen dann sogenannte freiheitliche Ideen eine Verbesserung bringen? Sollen wir aufhören, die Mutter-Kind-Beziehung verbessern zu helfen unter dem Motto: starke Kinder überwinden Traurigkeit, Einsamkeit und daraus resultierende psychosomatische Symptome? Welchem Kind sollen wir und welchem nicht mit Medikamenten helfen, aus einer akuten lebensbedrohlichen Erkrankung herauszukommen? Welchen Richtlinien können wir folgen und welchem Gewissen?

Dies sind gespenstische Visionen, die sich schon jetzt mit der High-tech-Medizin abzeichnen, im Kampf um die Sanfte Geburt, insbesondere um die Semantik des Begriffes „sanft“.

Stellen wir uns nur vor, was es zu bedeuten hätte, die Sanfte Geburt anzuordnen, statt wie bisher zu diskutieren um die maximale und optimale Annäherung daran. Gab es nicht schon in unserer demokratischen Zeit genügend Intrigen und Lobbies?

Was kann ein Staat, wie Ihr ihn jetzt habt, dazu überhaupt beitragen, außer der Zerstörung mühsam aufgebauter Territorien demokratischer Diskussion? So schwierig es auch sein mag, demokratische Strukturen aufzubauen und so fehlerhaft und fragil sie sind, mir fällt gerade auch in medizinischen Forschungbereichen nichts ein, was bessere Ergebnisse liefern könnte als die wissenschaftliche Auseinandersetzung über Standpunkte, die möglichst genau zu definieren und zu erörtern sind. Und in dieser Auseinandersetzung haben politische Grundtendenzen nichts verloren.

Elisabeth Kmölniger

Was aber geschieht mit der Psychotherapie, die jetzt in Österreich verankert ist? Sind Menschen mit psychischen Problemen nicht dekadent, schwach und verschlingen zuviel Volksvermögen, um sie wieder arbeitsfähig zu machen?

Du siehst, wie leicht man in diese freiheitliche Diktion hineinkommt, wie sie vordergründig stimmig scheint und wie schwierig und mühsam es ist, der komplizierten menschlichen Existenz gerecht zu werden. Hier zählt nicht nur die Stärke, sondern ebenso Sensibilität, Subti-lität und Humanität, also Eigenschaften, die soviel hintergründiger und schwerer erfaßbar, aber nicht weniger wichtig für unsere Lebensqualität sind.

Dieser letzte Punkt erfüllt mich mit großer Sorge: wenn es so leicht ist, vordergründige Halbwahrheiten an die Menschen heranzubringen, wird dann die Komplexität, das ist für mich die wirkliche menschliche Freiheit, eine Chance haben? Wird wieder Krieg sein müssen in Europa über Begriffe wie Toleranz gegen Stärke? Wird Europa diesmal reifer sein? Und wohin sollen wir emigrieren, wenn es nur ein geeintes diktatorisches Europa ohne Grenzen gibt?

Du siehst, lieber Freund, ich habe viele Fragen, aber die Antworten sind schwierig. Immer waren in der Geschichte kurze Antworten von Führern und anderen Diktatoren falsch und den Preis haben die Völker bezahlt. Ich habe nur diese Hoffnung, daß sich viele Menschen in Eurer neuen Republik den vordergründigen Antworten verweigern werden und weiter nach inneren Zusammenhängen suchen, ohne politisches Diktat. Leb wohl!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1995
No. 495, Seite 29
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