FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Franz Zeder

Fusseneggers »Sinnesverkehrungen«

»... wenn Sie schon Thomas Mann als Zeugen in Ihrer Fussenegger-Kritik vorführen ...« (FORVM Dezember 1993, S. 54). — Ja, ich finde auch, daß dieser Konflikt zwischen Thomas Mann und Gertrud Fussenegger einen gewissen Aussagewert besitzt, und zwar nicht nur im Hinblick auf das Deutschbewußtsein und die Frömmigkeit des Fusseneggerschen Denkens und Dichtens.

Als Gertrud Fussenegger 1949 unter dem Titel »Sinnesverkehrungen« den Roman »Doktor Faustus« von Thomas Mann, wie man so sagt, in alle Bestandteile zerlegt hatte, blieb der zerzauste Schriftsteller im fernen Kalifornien davon nicht ganz unbeeindruckt. Er schrieb in sein Tagebuch: »Las mit sonderbaren Gefühlen den Aufsatz über »Faustus«: »Sinnesverkehrungen« von Gertrud Fußenegger [sic!] in der österr. Zeitschrift »Wort im Gebirge«. Verwirrung einer frommen Seele, die meine Bösartigkeit überschätzt.« (22.3.1950) In der Tat ist der große kritische Essay Gertrud Fusseneggers über den »Faustus«-Roman Thomas Manns ein ungemein charakteristisches Dokument für die »Verwirrung einer frommen Seele«.

Die »Sinnesverkehrungen« sind zwar ein hocherregtes, aber doch nur ein Résumé der ersten großen Kritikerwelle gegen den »Doktor Faustus«, die 1949 ihren Höhepunkt bereits überschritten hatte. Für den Kundigen liest sich der Aufsatz in weiten Passagen wie ein klug elaboriertes Exzerpt der gesammelten »Doktor Faustus«-Anwürfe eines gewissen Hans Egon Holthusen. Dieser hat erst neulich in einem »Nachtstudio«-Gespräch des ORF wahrhaft ein Beispiel für »Sinnesumkehr« gegeben, indem er in der eitlen Pose eines schönfärberischen Selbstbiographen vorexerzierte, wie man mit stillschweigender grandseigneuraler Eleganz vom Saulus zum Paulus werden kann.

Holthusen, einer der erbittertsten Kritiker Thomas Manns im Wirbel der »großen Kontroverse« zwischen dem rückkehrunwilligen Emigranten und den Daheimgebliebenen, ließ sich bei seinem ORF-Auftritt die Chance nicht entgehen, seine Biographie beiläufig an den einst Verfemten positiv anzuschließen. Und zwar dadurch, daß er seine literarische Entdeckung W. H. Auden zuschrieb und diesen zugleich als »Schwiegersohn Thomas Manns« (der Auden nur auf dem Papier war) herausstellte. Und als es dann, unter der blinzelnden Zustimmung Wolfgang Kraus’, gegen das beständige Feindbild eines nationverbundenen Katholizismus, die »Frankfurter Schule«, ging, bediente sich Holthusen ein zweites Mal des einstmals befehdeten Autors, mit dem er sich in der Zwischenzeit gewissermaßen postum und ohne dessen Einverständnis fraternisiert hatte. Die neuerliche Doublette zeigte das ganze Elend der kulturellen Situation im Nachkriegsdeutschland. Indem Holthusen die Kritik des Schweizer Literaturhistorikers Max Rychner an dem angeblichen Adorno-Wort vom »richtigen Menschen« mit der Zusatzbemerkung in Spiel brachte, daß Rychner ein von Thomas Mann hochgeschätzter Essayist gewesen sei, hatte er für die Seher des »Nachtstudio« damit im Handumdrehen gleich auch noch einen Gegensatz zwischen Adorno und Thomas Mann gestiftet.

Thomas Mann hat seinerzeit auf Holthusens Attacken nicht persönlich reagiert, sondern »reagieren lassen«. Und auch als zwei Jahre später Gertrud Fussenegger die nun schon bekannten Anwürfe der Transzendenzlosigkeit des »Doktor Faustus« wiederholte, schrieb ihr Thomas Mann einen Brief, in dem er, witzigerweise, ohne sich auf eine Gegendarstellung einzulassen, bloß einen seiner Verteidiger zitierte. Dieser Brief Thomas Manns an G. Fussenegger vom 24.3.1950 wurde in dem Gedenkheft der oberösterreichischen Zeitschrift »Die Rampe« zum 80. Geburtstag der Dichterin erstmals [zweitens im FORVM, Juli 1993 -Red.] publiziert und dient neuerdings als Argumentationshilfe in dem Streit um das Werk der österreichischen Schriftstellerin. Es könnte demnach auch für diese »große Kontroverse« von Interesse sein, die Fusseneggersche Polemik gegen den »Doktor Faustus« noch einmal in ihren wesentlichen Punkten aufzugreifen.

Der Aufsatz »Sinnesverkehrungen« ist erstmals in der Tiroler Zeitschrift »Wort im Gebirge« erschienen, mit dem unmittelbaren Erfolg, daß der Titel dieser couragierten Nachkriegszeitschrift hinkünftig innerhalb der Familie Mann als Aufhänger für ein satirisches »Broadcasting« diente, das Erika Mann zum Besten gab, indem sie ein Studiogespräch in der Rundfunkstation »Das Wort im Gebirge« zwischen dem Herrn »Rossgoderer« und der Frau »Motzknödel« improvisierte. (In den jüngst erschienenen Tagebüchern Thomas Manns kann man nachlesen, daß die halbe Emigrantenkolonie von Los Angeles sich über diese Parodien der Erika Mann königlich amüsiert hat.) Der parodieträchtige Titel der Zeitschrift ist aber noch in anderer Hinsicht vielsagend. Nichts bezeichnete besser den leeren Ort kultureller Identität nach der erzwungenen Entgermanisierung der »Ostmark« als dieses »Wort im Gebirge«, das nun ein alpines staatenloses Ambiente fingierte — vielleicht analog zu dem Phantasma der »Alpenfestung«, das den Nationalsozialisten in den letzten Kriegsmonaten zu einer fast mythischen Fluchtburg eines niemals endenden Endkampfs wurde.

Im historischen Rückblick entlarvt sich natürlich Fusseneggers Geschwafel über die Bedrohung substanzialistischer Sittlichkeit durch die »Sinnesverkehrungen« des »Doktor Faustus« als der Versuch, mit hohlen Pathosformeln die zerstörten Potemkinschen Dörfer einer bodenständigen Gesinnungsethik gegen die weitläufige Ironie des emigrierten und dadurch zum »Weltbürger« gewordenen deutschen Schriftstellers ins Treffen zu führen. Fussenegger mobilisiert denn auch gegen den »Doktor Faustus« den ganzen Index »entarteter Literatur« unseligsten Angedenkens, i.e. den Vorwurf des bodenlosen Ästhetizismus und der formalen Perfektibilität, die, inhaltsleer, allein noch den Schrecken des Nichts abfeiere, sie bekundet ihren Abscheu vor der zersetzenden Analytizität einer reinen Verstandesliteratur, die den Kult des Perversen und Kakophonischen einschließe, und sie klagt die mokante Gefühlskälte eines indifferenten Skeptizismus an, nebst einem gräulich pessimistischen Determinismus, kurzum: sie verleiht in panisch aufgeladenen Entrüstungssätzen Sedlmayrschen Zuschnitts ihrem ganzen Grauen vor dem »modernen Nihilismus« Ausdruck. (Und vergißt auch nicht den Fluch auf die liberale Theologie, diesen »durch zweitausendjährige Spitzfindigkeiten auf gemästeten Stumpf- und Widersinn«.)

Selber vertritt die ideologisch schwer angeschlagene Autorin, so wie andere Überlebende der »inneren Emigration«, einen merkwürdigen Götterdämmerungsmoralismus. Demnach bedürfen Untergang und Katastrophe der Ideale, um legitimiert zu sein. Während sie den Ablauf der jüngstvergangenen politischen Katastrophe gleichsam masochistisch ergeben zur Kenntnis nimmt, verbittet sie es sich, diesen schwarzromantischen Zusammenhang zwischen Größenambition und Dämonie »materialistisch« beschmutzen zu lassen durch »die niedere Materialität der Krankheit«. Sie schreibt:

Wir sind sehr leicht bereit, das Große mit dem Gräßlichen einen Bund eingehen zu lassen, und es scheint fast, als wären wir mit Lust hierzu bereit. Aber es wehrt sich in uns ein Gefühl, welches vielleicht nur ein altmodisches Gefühl für Schicklichkeit ist, und welches uns sagt, daß der Dämon des Genies nicht eben der niedrigen Materialität der venerischen Meningitis bedürfe, um in einem »Faustusroman« sichtbar und gleichnishaft zu werden.

Sofern sie an dieser Stelle nicht zugunsten Nietzsches argumentiert hat (was für eine Christin auch sein Unstimmiges hätte), käme die Exkulpation einem Scheusal zugute, dessen gräßliche Genialität Thomas Mann in dem Essay »Bruder Hitler« unverwechselbar beschrieben hat. Als ob es Dichtung gäbe als Gleichung und nicht als Gleichnis nur, in dessen Zwielicht auch allerhand ungutes »Zwiegelichter« sein Unwesen treiben darf, mokiert sich die vierfache Mutter ad maiorem Dei gloriam über die fehlende Symbolik des Herzens, über die fehlende sittliche Wahrhaftigkeit, über den fehlenden Humor.

Natürlich hatte die katholisch aufgebrachte Kritikerin auch schwerwiegende andere Gründe, an »Seiner Emigranz« im fernen Kalifornien kein gutes Haar zu lassen. Hinter den geifernden Kritiken am »Doktor Faustus« stand damals nämlich die beleidigte »innere Emigration«, die gedacht hatte, Thomas Mann würde ohne Zaudern das »unglückliche Deutschland« in die Arme schließen oder ihm wenigstens geistig unter die Arme greifen. Ich gehe davon aus, daß Frau Fussenegger sich zumindest in dem Punkt ihres Verhältnisses zu Thomas Mann dieser »inneren Emigration« zuzählt. Dies umso mehr, als die linke Emigration, von Brecht bis Ernst Fischer, zu dem Großschriftsteller aus dem Geiste Lübeckschen Kaufmannsfleißes längst in Distanz gegangen war. Auch von dieser Seite wurde der »Doktor Faustus« abgelehnt — als dekadenzbürgerliche Emanation eines rückschrittlichen Bewußtseins. Ernst Fischer las zum Beispiel den »Doktor Faustus« als Sumpfblüte der verfaulenden Bourgeoisie. Ähnlich wie Fussenegger, die in dem Roman nichts »als einen ganzen Kometenschweif vor Adrians Größe antichambrierender Literaturbagage« seine unheilige Bahn ziehen sah, erachtete Fischer das Inventar des Romans, das sich ihm zusammensetzte aus anrüchiger Boheme, saturiertem Bürgertum und intellektueller Halbwelt, für ungeeignet, die sozioökonomische Trägerklasse der Arbeiter- und Unternehmerschaft zur Darstellung zu bringen. Sie alle fanden in dem Buch nicht, wonach sie suchten.

Heute fragt man sich kopfschüttelnd, was eigentlich im »Doktor Faustus« zu so leidenschaftlicher Widerlegung herausgefordert hat, weil man sich ja überhaupt fragt, ob jemals eine ideologisch fixierte Literaturbetrachtung einem Werk gerecht geworden ist. Es scheint mir daher auch Peter Gstettners »Gegengabe« an die Schüler des Weilheimer Gymnasiums nicht ganz unbedenklich. Darf man einen Text, der den dauerhaften Zustand binnendörflicher Rassenverfemung besonders eindringlich beschreibt, allein aufgrund dieses Intensitätskriteriums rassistisch konnotieren? Gstettner betreibt ein nicht ganz ehrliches Spiel, wenn er vorgibt, »textimmanent« Fusseneggers Rassismus zu beweisen, aber natürlich immer deren Vergangenheit im Hinterkopf hat. Nur ihre makellosen Biographien verhindern, daß gemäß dieser Logik beispielsweise die Romane Thomas Bernhards und Hans Leberts wohl gleichfalls mit auf den ideologiekritischen Index kämen. Und ist nicht die ganze Weltliteratur, und keineswegs bloß die »Mohrenlegende«, ein gewaltiges Halali auf Außenseiter verschiedenster Dienstgrade und Couleurs? Was rekrutiert denn anderes den ewigen Vorrat moderner Poesie, als die Emanation des radikal Bösen? Thomas Manns Roman, der sich Fusseneggers Kritik des unverantwortlichen Nihilismus zugezogen hat, wird üblicherweise wegen seines notorisch moralistischen Gestus nur als milde flackernde Kaminprosa abgetan.

Fusseneggers Thomas Mann-Kritik und Peter Gstettners Fussenegger-Kritik sind insofern eines Geistes Kind, als beide eine strikt moralische Bewertung von Literatur vornehmen. Denn so wie Gertrud Fussenegger von P. Gstettner angeklagt wird, mit der »Mohrenlegende« ein unverantwortliches »brutales antisemitisches Pamphlet« verfaßt zu haben, das geeignet sei, im Leser rassistische Reflexe auszulösen, so hat sie selbst just einen Roman auf den Index der zu verbietenden Bücher gesetzt, der heute von den Apologeten der Moderne als literarisches Biedermeier bzw. als Interpretationsfall für »das schöngeistige Spielwerk germanistischer Auslegungskünste« (Karl Heinz Bohrer) gehandelt wird.

Schlag nach bei Adorno. Der musikalische Ratgeber Thomas Manns hat — an entlegener Stelle und mit Berufung auf eine andere geistige Autorität — Sartres Vermutung aufgegriffen, daß ein Romanplot, der den Antisemitismus verherrlicht, den Roman auch ästhetisch diskreditiere. Allein daß Adorno sich bei Sartre eine Argumentationshilfe holte, relativierte dem Adressaten dieser Mitteilung, dem Grazer Musikkritiker Harald Kaufmann, die Überzeugungskraft dieser Behauptung. Auf alle Fälle hätte Adorno eine Literatur, die peinlich darüber wacht, daß der Leser nur ja nicht an etwaigen Feindbildern positive Identifikationen vorfindet, nach den Maßstäben der Moderne als didaktische Erbauungsprosa abgetan. Ich möchte nicht so weit gehen anzunehmen, Peter Gstettner habe sogar an eine Literatur der positiven Werte gedacht.

P. S: Da die öffentliche Befehdung zwischen den Weilheimern und dem FORVM bereits derartige Ausmaße angenommen hat, sollten Sie doch auch von der Ironie des Schicksals Mitteilung erhalten, daß just von jener bayrischen Stadt Gertrud Fussenegger den Literaturpreis verliehen bekommen hat, in deren unmittelbarer Nähe, in Polling bei Weilheim, Adrian Leverkühn, der Held des »Doktor Faustus«, eine lange Zeit seines Lebens verbracht hat. Ich finde, das ist ein Beweis mehr nicht nur für die merkwürdige Mystik, die diesen Roman umgibt, sondern auch für das Faktum, daß die Vergangenheit äußerst phantasievolle Wege geht, wenn sie uns wieder einmal, wie man so sagt, »einholt«.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 34
Autor/inn/en:

Franz Zeder:

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