FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 313/314
Heidi Pataki

Frauen! Woher nehmen?

Feminismus heute

Anfang Oktober 1979 wurde an der Freien Universität in West-Berlin zum vierten Mal die „Sommer-Universität der Frauen“ veranstaltet, diesmal von einer Gruppe lesbischer Frauen vorbereitet unter dem Motto: „Autonomie oder Institution? Über die Leidenschaft und Macht von Frauen.“ Eine Woche lang ging es in Referaten, Workshops und Lesungen um berufliche, rechtliche und medizinische Probleme des weiblichen Alltags, um Fragen der Asthetik, des Sexismus, der Politik, um Diskriminierung von Lesbierinnen („rosa Listen“) und die Gründung einer regelrechten Frauenpartei.

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Kritische Frauen sind rar

Zerrissen, zersplittert, zerstritten ...? Die Frauenbewegung mag heute gar keine Bewegung sein, weg vom Bestehenden, mit subversiven Vorstellungen von der Zukunft. Eher ist sie eine kleine Welt, die der großen durchaus die Waage hält. Scheint ihr Blick nicht rückwärts gewandt, aufs Vergangene fixiert? An den vielen Märtyrerinnen der Geschichte entzündet sich der Haß, an die wenigen Machthaberinnen klammert sich das Selbstbewußtsein. Der drückende Mangel an theoretischer und utopischer Kühnheit soll durch die alltägliche Praxis ersetzt werden. Sagen, was ist, und wie es ist! lautet die Parole; spekulative Ideen sind wenig gefragt. Als wäre es allzu verwegen, die gesellschaftlichen vier Wände niederzureißen, bevor darin der gröbste Mist zusammengekehrt ist.

Nicht leicht, sich gegen den Strom der herrschenden Gedanken zu stemmen! Je größer die feministische Szene, wie zur Zeit der Frauen-Universität in Berlin, um so schwieriger wird die Sache. Wie unter Tausenden von Zuhörerinnen die paar Sympathisantinnen finden? Kritische Köpfe sind rar.

Das Ende einer anderen Bewegung vollzieht sich gegenwärtig in drastischen Beispielen. Wo man hintritt, pfeift’s aus dem letzten Loch: die wehleidigen Memoiren, die jetzt überall erscheinen, verfaßt von Leuten aus der Studentenbewegung, worin Geschichte wieder zum bloßen Generationenkonflikt wird. Beweis dafür, daß all jene, die sich Hals über Kopf in eine Bewegung stürzen und auch deren Idiotismen aufsaugen wie ein Schwamm, später die ärgsten Renegaten abgeben. Statt ihr eigenes Versagen klagen sie nun die Ideen an.

Bei den Frauen ist’s nicht anders. Gerade die störrische Eigenbrötelei, die gewitzte Satire, den exzentrischen Gestus braucht die Bewegung heute, damit sie nicht in plattem Konformismus & trister Kommerzialisierung versackt. Auch in der autonomen Frauenbewegung — autonom im Unterschied zu den Frauenorganisationen der Parteien — herrscht das alte Dilemma: Soll sie eine Minderheit bleiben, mit verborgener, aber um so intensiverer Sprengkraft; oder sollen die sogenannten Massen angesprochen werden, freilich um den Preis der Bravheit, der Kompromisse und der Korrumpierung? Wie immer herrscht der Fetischismus der großen Zahl.

Die Kontroverse ist wahrscheinlich typisch für jede Gruppe, die Zulauf hat, sich auszuweiten und damit auch zu differenzieren beginnt. Die Frauenbewegung spiegelt die Antagonismen der Gesellschaft wider. Weil Frau-Sein allein die Individuen a priori nicht zusammenschweißt (obwohl manche männliche Feministen das so gerne predigen), müssen sich nach und nach die Widersprüche auch innerhalb der Bewegung zuspitzen. Und welches Bild der „Geschlossenheit“ nach außen könnte sie schon zeigen, da ihre Ideologie ja darin besteht, keine Ideologie zu haben?

Streit muß sein

Dieser normale Prozeß wird dann von wenig wohlmeinenden Kommentatoren hartnäckig als „Zerstrittenheit“ apostrophiert. So stand etwa vor kurzem im Spiegel zu lesen: „Für das Jahr 1980 gibt es gleich drei alternative Frauenkalender“ aus der „zerstrittenen Frauenbewegung“; ihre Spezialisierung stelle sich der „politischen Wirksamkeit in die Quere“, und bei diesen Kalendern seien die „Abgrenzungsprobleme untereinander nur feministischen lnsidern verständlich“ (Spiegel Nr. 53/1979). Die alte Leier!

Gerade dem Spiegel müßte doch klar sein, daß diese scheinbare Zerstrittenheit nicht zuletzt damit zu tun hat, daß mit dem Feminismus im Moment eine Menge Geld gemacht werden kann. Wenn sich verschiedene Verlage beispielsweise um die Herausgabe dieses Frauenkalenders reißen, so deshalb, weil’s Profit verspricht. Zerstrittenheit hin oder her — wenn es der Markt nicht vertrüge, täten sie’s nicht; noch vor ein paar Jahren wären die Frauen bei allen abgeblitzt.

Die Agenten der Kulturindustrie, vor allem die Verlage und Buchhändler, sind ja heilfroh, nach dem abflauenden Boom bei Kinderbüchern in den Frauen endlich eine echte, sozusagen klar umrissene Zielgruppe zu haben. „Die Frauen“ — damit sind praktisch immer nur jüngere Frauen aus der Mittelschicht gemeint, die noch studieren oder schon selbst verdienen und was springen lassen können.

Die Geschäftstüchtigkeit kommt aber kaum den Frauen selber, den Autorinnen usw. zugute: Die Honorare sind nach wie vor schlecht, die Tantiemen so niedrig wie eh und je. Die Macher stecken das Geld ein. Wäre jetzt nicht vielleicht der ideale Zeitpunkt dafür, daß Autorinnen (gemeinsam mit ihren Kollegen oder auch ohne sie) vorpreschen würden, um bei den Redaktionen, den Verlagen ein bißchen ökonomischen Druck auszuüben? Das wäre gewiß ein lohnendes Thema für die Treffen schreibender Frauen anstelle der müßigen Debatten, ob’s eine weibliche Ästhetik gibt oder nicht. Jedenfalls belustigt es einen zu sehn, wie gewisse altgediente männerbündische Publikationen auf einmal sogenannte Frauennummern erscheinen lassen und auch nicht umhin können, zu gewöhnlichen Werkelzeiten hie und da Autorinnen aufzunehmen, zähneknirschend (zum Beispiel beim Rowohltschen Literaturmagazin).

Aalglatte Vermarktung

Andrerseits sind aber auch die Massenblätter der Frauenbewegung (wie Emma, mit „Anzeigenpreisliste 2“) nicht frei von Zynismus. Oft werden da Frauen angeredet wie kleine Kinder — dieser anbiedernde Ton, die schelmische Art, Kompliziertes zu vereinfachen unter dem Vorwand, den vielen wär’s sonst nicht verständlich! Aus dieser Scheinintimität und Pseudokomplizenschaft resultiert eine sonderbare Minimalisierung der Frau. Koof mich ...! Geht’s da nicht bergab mit der aufklärerischen Funktion? Die Leserinnenbriefe in der Emma bestätigen es ungewollt.

Diese aalglatte Vermarktung der Bewegung und damit ihre Integration ins schlechte Bestehende, ihre kommerzialisierte breite Streuung, das ist es, wogegen sich manche Frauen heute vehement wehren. Innerhalb der Bewegung vertritt diese Kritik am nachdrücklichsten der „links-anarchistische“ Zweig des Feminismus; sofern man ihn so nennen kann. Zahlenmäßig zwar eher gering, sammelt er doch die aufsässigsten, kreativsten, unangepaßtesten Frauen, viele von ihnen Lesben.

Eine Gruppe ähnlicher Provenienz hat auch die Frauen-Universität 1979 in Berlin („Sommer-Uni“) vorbereitet und organisiert — nicht zuletzt aus Protest gegen die trübe ldeologie von Weiblichkeit & lnnerlichkeit von 1978. Jedes Jahr kommt eine andere Frauengruppe dran; so spiegelt diese Berliner Woche mit ihren vielen Veranstaltungen die wechselnden Trends.

Das Thema lautete diesmal: „Autonomie oder Institution? Über die Leidenschaft und Macht von Frauen.“ Im Programmheft hieß es dazu: „Ohne die gesellschaftliche Tatsache, daß Frauen Kinder haben und Kinder haben wollen, zu negieren, ist uns die in vielen Beiträgen auf der vergangenen Sommer-Uni verbreitete Euphorisierung der Mutterschaft, die sich so willig mit der von staatlichen und politischen Kreisen angeheizten Mutterschaftsideologie deckt, sehr fragwürdig, wenn nicht gefährlich erschienen ...“ Zu Recht!

Lesben & Drohnen

Unausgesprochen zwar, doch um so deutlicher schwingt darin die ganze Erbitterung und Enttäuschung über den Verrat am Feminismus mit. Der Aufstand der Lesben richtet sich ja nicht nur gegen diese von Frauen propagierte Fruchtbarkeitsideologie — in Wirklichkeit geht’s dabei um den Mann und seine antiquierte sexuelle Rolle. Die Lesbierinnen, die sich als die radikale Avantgarde der Frauenbewegung verstehen, möchten verständlicherweise mit dem ganzen Kram aufräumen: den biologistischen, ja zoologischen Definitionen von Weiblichkeit. Alles, was noch nach Mann riecht, ist ihnen suspekt. Läuft das Kinderkriegen denn nicht wieder auf den phallischen Kult, auf den ungebrochenen Machismus hinaus?

Eine besondere Position nehmen unter den sogenannten Bewegungslesben die „lesbischen Mütter“ ein; sie wollen zwar Kinder bekommen und aufziehn, aber nicht mehr mit einem Ehekrüppel und Rabenvater zusammenleben: Der Mann wird auf die Funktion des Männchens reduziert.

Übrigens scheint der Weiblichkeitsfimmel langsam in Fäulnis überzugehn; es wird merklich stiller um stillende Mütter, Hausgeburt, die Freuden der Schwangerschaft. Historisch gesehn war dieser Wahn womöglich die schlecht feministische Parallele zu dem Terroristenwahn in der BRD der letzten zwei, drei Jahre. Terroristinnen & Sympathisantinnen sahen die Grenz- und Verfassungsschützer beinah schon in jedem jüngern Weibe.

Die Antwort drauf: Was wollen die Brüder? Wir sind Frauen, die gern viele Kinder kriegen, die uns am Rockzipfel hängen, und statt der Knarre haben wir das Strickzeug dabei ... Gleichzeitig steckt darin auch immer die ohnmächtige Reaktion von Frauen auf die Technisierung und Bürokratisierung aller Bereiche, das fruchtbare Leben gegenüber der seelenlosen Technik auszuspielen (ein Zug, der bekanntlich auch den Grünen nicht fremd ist). Ein Schnitt ins eigene Fleisch! Wenn die Frauen mittlerweile selber draufkommen, was an dieser Gebärlust faul ist, so heißt das freilich nicht, daß auch die offizielle Heimchen-&-Herd-ldeologie der Weiblichkeit sich geändert hätte. Ein Indiz dafür ist das ewige Auf und Ab in der Diskussion um die Abtreibungsreform. Die Konservativen lassen nicht locker!

Unter den herrschenden Verhältnissen kann generell von „Emanzipation“ im wahren Wortsinn keine Rede sein; und der Begriff selbst verschwindet. Auch die autonome Frauenbewegung forciert nicht den Ausbruch aus dem Status quo zu weiterer Macht, zu größerer Freiheit, sondern sie stellt den oftmals verzweifelten Versuch dar, bestimmte gesellschaftliche Bastionen zu verteidigen, gewisse erreichte Positionen für Frauen überhaupt zu halten: die lumpige Berufstätigkeit mit den miesen Arbeitsplätzen, die paar verbrieften Rechte, muffige Reformen.

Die Chancen für Frauen werden de facto immer weniger und schlechter (vom intellektuellen Überbau vielleicht abgesehn) — die wenigen feministischen Karrieren wiegen das kaum auf. Trotz der schönen Worte werden die Frauen durch die Krisenjahre überall herausgedrängt, der Konkurrenzdruck steigt. Deshalb kommt’s ja zu dieser Glorifizierung der Privatsphäre. Auch eine Gefahr für die Frauenbewegung — die Not zur Tugend zu machen!

Strauß für Haushaltslohn

So ist auch das „Aufarbeiten“ von verleugneten, vergessenen, verdrängten Frauengestalten und ihrer Rolle, die sie in der Geschichte, in der Kunst, in den Wissenschaften spielten, zu verstehn. Was hätten sonst die Herrscherinnen des Mittelalters (in Emma 11/1979) mit der Sekretärin von heute zu tun? Und wenn zum Beispiel von der ominösen „feministischen Gewerkschaft“ ebenso wie von der neugegründeten Frauenpartei ein Gehalt für Hausarbeit gefordert wird, heißt das nur die Sanktionierung des Haussklaventums und die Perpetuierung dieser widerwärtigen Arbeitsteilung. Nicht umsonst hat sich schon die CSU mit Franz-Josef Strauß an der Spitze dieser Forderung angeschlossen. Wenn das kein bezeichnendes Licht auf die ganze Haushaltslohn-Debatte wirft ...

„Unter dem Vorwand, der allgemeinen Arbeitslosigkeit begegnen zu wollen“, formulierte ein Flugblatt der Berliner Frauen-&-Lesben-Demonstration im Anschluß an die Sommer-Uni, „setzt sich die CDU/CSU für ein Taschengeld als ‚Bezahlung‘ für Hausarbeit ein, damit die bezahlten Arbeitsplätze für Männer geräumt werden. Das heißt für uns Frauen, zurückgedrängt zu werden in die Isolation der Kleinfamilie und die totale Abhängigkeit vom Mann ...“ Im Unterschied zu den deutschen Kirchenvätern, die samt Anhang wieder gegen die Abtreibungsreform wettern, verhält sich FJS in dieser Frage eher liberal: „Die sind mir zu streng“, soll er gesagt haben. Wahlkampf, ich hör dir trapsen! Will er sich’s nicht mit den Wählerinnen verscherzen?

In der BRD existiert ja, im Gegensatz zur österreichischen Fristenlösung, die Notlagenindikation — wie erinnerlich laut Beschluß des Justiz- und Richterhimmels von Karlsruhe. Ein Spruch ex cathedra: Die Fristenlösung verstoße gegen das Grundgesetz („Würde des Menschen ...“). Auch diese zahme Indikationenregelung, ohnehin nur in Ausnahmefällen und oft unter lebensgefährlichen Bedingungen für die Frauen praktiziert, läuft jetzt Gefahr, abgeblockt zu werden.

Hierzulande ist’s nicht anders. Schon tauchen in den Tageszeitungen und im Fernsehen die altvertrauten Gruselberichte samt medizinischen Charakterköpfen wieder auf, die Hetze beginnt von neuem. Ausschlaggebend ist nicht zuletzt der Nachfolger der geschaßten Gesundheitsministerin Leodolter in der sozialdemokratischen Regierung, Herbert Salcher, ein „Sozialist und praktizierender Katholik“ aus dem frommen Tirol, den die Konservativen jetzt mit ihrem Leib-&-Leben-Thema unter Druck setzen wollen.

Nach der bangen Frage der jüngsten Zeit, ob die Österreicher wohl bald aussterben, lauten nun konsequent die Schlagzeilen (etwa im Kurier): „Auf eine Geburt kommt eine Abtreibung!“ Im sogenannten Ohrwaschel dieser Zeitung — einer Kolumne auf der Seite, die täglich einen Succus bringt, der nicht dem Mund des Volkes, sondern dem niederträchtigsten Journalismus abgelauscht ist — hieß es über die Motive der Frauen für eine Unterbrechung: „40 Prozent treiben ab, weil sie noch eine Karriere vor sich haben ...“ (der Bericht im Blattinnern sprach noch ganz unschuldig von einem Berufsziel, das jene abtreibenden Frauen verfolgten, sich also noch in Ausbildung befänden). Gleich kam die Drohung: „Das sollte vorerst genügen, um die Diskussion zum Thema ‚5 Jahre Fristenlösung‘ zu eröffnen. Denn man braucht keine Schauerbilder im TV, um zu erkennen, daß die Praxis der Fristenlösung ein Problem ist, das nicht von selbst verschwindet. Wie die unerwünschten Kinder“ (Kurier vom 1. Jänner 1980). Wir können also noch auf einiges gefaßt sein.

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Als Lesbe Abtreibung gespart

Makabrerweise kam’s beim Thema Abtreibung auch während der Berliner Frauen-Universität zum Streit. Es ging um die geplante Demonstration gegen die Verschärfung des § 218, um vor der Öffentlichkeit auch einen mehr politischen Eklat zu setzen. In der sexuellen Strategie des Feminismus wird der Lesbianismus als Politikum begriffen, bedeutet er doch die Abkehr von den Männern, die totale Verweigerung.

Der Konflikt brach aus bei der Frage: Sollen die Lesben bei der Demonstration gemeinsam mit den anderen Frauen marschieren oder vielleicht erst hinterdrein, eine halbe Stunde später, in einem eigenen Block? Die Lesben gehe ja der Abtreibungsparagraph im Grunde genommen gar nichts an — sollen die Frauen doch das Vögeln mit den Männern aufgeben, dann brauchen sie auch keine Verhütung und keinen Abortus! (So der Tenor.) Wir, die Lesben, gehn überallhin mit, holen den anderen Frauen sozusagen die Kastanien aus dem Feuer, tun immer die ganze Dreckarbeit, nur damit die Heterofrauen es dann unbesorgt mit ihren Mackern & Typen treiben können? Würden denn die Heterofrauen bei einer Demonstration gegen die Diskriminierung der Lesben und für die Rechte der Homosexuellen ebenso, wie wir das tun, vorneweg marschieren?

Die homosexuellen Frauen fühlen sich oft von ihren Genossinnen im Stich gelassen. Eindringlich waren die Berichte von Liebesbeziehungen, die sich meistens zwischen einer Heterofrau und einer Lesbierin abspielten; die Heterofrau verrate dabei die Lesbe, weil sie ihren Mann oder Freund nicht aufgeben möchte, um ihr gesellschaftliches Prestige, ihre Sicherheit und Geborgenheit nicht aufs Spiel zu setzen. Die Lesbe dagegen kriegt nie 2 Fliegen auf 1 Schlag — sie muß sich exponieren. Opportunismus versus Radikalität?

Rosa Winkel im Computer

Dabei riskieren die Lesbierinnen wirklich eine Menge, sie sind gezwungen, ständig unter den unsichtbaren (und hartnäckig geleugneten) Drohungen des Staates zu leben. Daß es in der BRD so etwas wie „rosa Listen“ gibt, ist kein Geheimnis — analog zum „rosa Winkel“ im deutschen Faschismus, den die Homosexuellen in den KZs als Erkennungszeichen trugen. Die lesbischen Frauen sind in den Computerverliesen höchstwahrscheinlich ebenso erfaßt wie die männlichen Homosexuellen. ln seinem Buch „Der Weg in den Verfassungsstaat“ schreibt der Spiegel-Redakteur Jochen Bölsche, heute würde „in Wiesbadener Dateien nach offiziellen Angaben nur aufgenommen, wer einer Straftat beschuldigt wird, niemand jedoch lediglich deshalb, weil er homosexuell veranlagt ist. Aber, eröffnete ein hoher westdeutscher Polizeiführer dem Spiegel: ‚Ich bin davon überzeugt, daß Homokarteien in allen Landeskriminalämtern geführt werden‘“ (J. Bölsche: „Der Weg in den Überwachungsstaat“, rororo aktuell 1979, p. 31).

Was in dem „Werkstattgespräch“ mit der aus Berlin stammenden, in London lebenden Psychoanalytikerin und Autorin Charlotte Wolff zur Sprache kam: Lesbisch gewordenen Müttern, die sich vom Ehemann trennen, wird das Sorgerecht für ihr Kind vom Gericht aberkannt — aufgrund ihrer Homosexualität. Ob der kleine Sohn denn ständig Zeuge des Geschlechtsakts zwischen ihr und ihrer Freundin werden solle?, wollte ein Richter wissen. Charlotte Wolff appellierte in diesem Zusammenhang an die „lesbische ldentität“ und verglich die Lesben mit den Juden und ihrer Verfolgung im Dritten Reich — auch sie hätten damals ihre (jüdische) Identität verloren. Eine sehr anfechtbare These zwar, denn bei genauerem Nachdenken ist die Analogie Frauen = Juden überhaupt unhaltbar und die Identität ein so ausgelaugter Begriff ...

Fest steht jedoch: Die Frauen fürchten sich vor den Lesbierinnen mehr noch als die Männer vor den Schwulen; eine bittere Erfahrung, die viele machen müßten. Tatsache ist auch: Wenn ein Frauenprojekt mit Lesbianismus zu tun hat, fließt kein Geld aus öffentlichen Mitteln, für Homosexuelle hat der Staat kein Geld.

In der Abtreibungsdemonstration, einem langen Marsch durch die Straßen Berlins, waren dann Heterofrauen & Lesben doch wieder vereint; die verschiedenen Gruppen mit ihren Transparenten (die kein Blatt vor den Mund nahmen) vermischten sich, die Slogans wurden von den einen aufgegriffen, von den andern umfunktioniert. Aus „Kinder oder keine / entscheiden wir alleine!“ wurde da „Männer oder keine ...“ Die Sprüche wechselten einander ab, wie „Nur beim Bumsen sind sie fix / für die Kinder tun sie nix! ... Männer, verpißt euch / keine vermißt euch! ... Frauen, kommt her / wir lieben euch mehr!“ Am Ende der Stanzeln kam immer ein kurzer, schriller Schrei, wie ein Jauchzer, manche Strecken wurden im Laufschritt genommen, mit lautem lndianergeheul. Links und rechts des langen Zuges — es waren schließlich Tausende Frauen — trottete das Polizeispalier mit indignierten Gesichtern.

Zu Beginn der Demonstration am Steglitzer Kreisel standen fast mehr Mannschaftswagen und Polizisten herum als Frauen; ein Mädchen, das eine bauchige Umhängetasche trug, wurde ruckzuck nach Waffen durchsucht. Ein junger Bursch deutete auf ein paar harmlose Passanten und rief: „Paßt auf, Mädels, die da kenn ich vom Verfassungsschutzl“ Uniformierte mit Fotoapparaten auf der Brust, wie Touristen, knipsten die Frauen völlig ungeniert, unter Verzicht auf jede Heimlichtuerei, direkt so ins Gesicht. Die Frauen reagierten mit Gleichmut, sie sind’s gewöhnt. Dagegen scheinen die Verhältnisse hierzulande noch Gold zu sein ... Klar wurde jetzt auch die Funktion der geschminkten Gesichter mancher Mädchen — die schöne, interessante, maskenhafte Bemalung der „Stadtindianer“ ist also kein bloßer ästhetischer Effekt, sondern soll auch vorm Erkanntwerden schützen. Andere Mädchen trugen spitze, hohe Ku-Klux-Klan-Hauben mit ausgeschnittenen Offnungen für Augen und Mund.

Frauenpartei, au wei

Wie die Faust aufs Auge dieser erotischen und esoterischen Devianz paßten während der Sommer-Uni die Debatten um die frischformierte Frauenpartei. Eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema war im Hörsaal 1 der Freien Universität angesetzt, doch um das Für und Wider zu erörtern, war’s bereits zu spät. 24 Frauen hatten kurz davor gewissermaßen im Alleingang eine Frauenpartei gegründet, an der Spitze Eva Rath, eine Abtrünnige der SPD aus Kiel.

Hier eine Probe aus dem Parteiprogramm: „Wir wollen die bestehende Machtballung, den Machtmißbrauch und alle Formen struktureller wie unmittelbarer Gewalt in schrittweisen, aber grundlegenden Reformen abbauen, und zwar im Rahmen und zur Verwirklichung der bestehenden Grundrechte eines sozialen und demokratischen Rechtsstaates ...“

So naiv und kriecherisch wie ihr Programm wirkten auch die Frauenparteilerinnen in der Diskussionsrunde. Eine wahre Freude, neben ihnen vor Tausenden Frauen an einem langen Tisch zu sitzen, Lampen, Kameras, Mikros vorm Gesicht: den ganzen konservativen Medienzirkus mit der gemütlichen Atmosphäre eines Fußballstadions. Er galt wohl hauptsächlich den beiden mitdiskutierenden Chefredakteurinnen — Sybille Plogstedt von Courage, Alice Schwarzer von Emma. Klar, daß die so überstürzte Frauenpartei-Gründung überhaupt erst durch diese Diskussion und die dabei zu erwartende Publicity zustande kam („Wenn Schwarzer kommt ...“). Rein in Funk und Fernsehn!

Hauptsprecherin war eine ältere, resolute Dame, verheiratet mit einem Tierarzt, vier Kinder. Statt darüber Auskunft zu geben, wie sie sich die Finanzierung von Partei und Wahlkampf dächten, woher die nötigen Gelder kommen sollten, drückten sie herum, meinten vage, durch „Spenden von Frauen“, und berauschten sich lieber an Machtphantasien. Reaktionären Vorstellungen von der Art: Wir haben Bremen erobert! Wir werden die Welt erobern! Masse, Macht & Menschlichkeit waren die meistgebrauchten Begriffe, vorgetragen im Brustton der Uberzeugung. Es zeigte sich das ganze Elend der kruden Parteipolitik, der Charme von Parlamentsdebatten — der eifernde Ton, die pathetische Geste, die bombastische Rhetorik.

Der ärmsten Lorley Mabry aus München wurde die Schau gestohlen — sie, die doch auftrumpfen wollte mit ihrer „feministischen Partei in Gründung“, mußte sich zähneknirschend unter die Frauenparteilerinnen einreihn, deren fragwürdige Ideen verteidigen und ihrerseits mit einer „feministischen Gewerkschaft“ respondieren, als Rest vom Schützenfest.

Sybille Plogstedt dagegen versuchte sich ein bißchen in der Rolle der politischen Theoretikerin. Was dabei herauskam, war die Erkenntnis, daß erst eine straffe Organisation, sprich Partei, die Revolution schafft, drum sei sie einer Frauenpartei geneigt.

Alice Schwarzer, rhetorisch äußerst geschickt, eine echte Politikerin und Demagogin, zügelte die weiblichen Massen im FU-Hörsaal wie eine Dompteuse. Ihre Emma ist ja schon die wahre Frauenpartei, sie selber die regierende Präsidentin des Feminismus. Zudem lassen sich genügend triftige Argumente finden, die alle gegen eine solche Konkurrenz sprechen: weil das alles wieder in patriarchalischer Parteienmanier enden würde, hierarchische Strukturen annähme, weil es die autonome Frauenbewegung — die doch vom Außerparlamentarischen herkommt, von daher ihre Identität bezieht, wieder integrieren würde usw.

Einzig Brigitte Classen (Schwarze Botin) rettete sich vorm parteigemäßen Bierernst in Satire, Ironie & höhere Andeutungen: „Wir wollen die monarchistische Frauenpartei!“

Grüne Hexen?

Vielleicht sollten die Frauen besser die Grünen wählen? Die mitdiskutierenden SPD-Renegatinnen überkam das Gruseln. Schon bei der Frauenpartei befürchteten sie insgeheim, sie könnte womöglich bei der kommenden Bundestagswahl im Herbst — mit Strauß als Schreckgespenst — den Sozialdemokraten Stimmen wegnehmen; den gleichen Schrecken jagen ihnen die Grünen ein. Es wurde auch der Vorschlag gemacht, Frauenpartei und Grüne Listen sollten sich zusammentun, gemeinsam wären sie stärker und könnten tatsächlich den Sprung ins Parlament schaffen. Wer aber dann, aus diesem reichlich diffusen grünen Töpfchen, ins Parlament gewählt würde und dort den Ton angäbe, sei reichlich unklar. Würden die Frauen nicht wieder übergangen werden?

Welche der existierenden Parteien ist für Frauen überhaupt noch wählbar? Die Gretchenfrage lautet: Wie hältst du’s mit der Atomenergie? Schwarzer beharrte auf dem von ihr propagierten „Aktiven Wahlboykott“ (boykottiert werden soll natürlich die SPD). In einer gemeinsamen abschließenden Resolution der Berliner Frauenuniversität hieß es dann: „Der SPD-Parteitag wird endgültig über die Haltung der SPD zur Kernenergie entscheiden. Wir fordern hiermit die SPD-Basis, die sich bisher zum Teil couragiert gegen Schmidts ignorantes und menschenfeindliches Kernkraftkonzept gestellt hat, auf, sich gegen diese Entscheidung zur Wehr zu setzen.“

Der Parteivorstand der Sozialdemokraten hat sich mittlerweile, wie kaum anders zu erwarten war, für viele neue AKW entschieden. Kann sein, daß die autonome Frauenbewegung dafür die nächste Wahl entscheidet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1980
No. 313/314, Seite 65
Autor/inn/en:

Heidi Pataki: Heidi Pataki war von 1970 bis 1980 Redaktionsmitglied des FORVM. Sie gehörte 1973 zu den Gründungsinitator/inn/en der Grazer Autorinnen/Autorenversammlung, ab 1991 war sie deren Präsidentin.

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