FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 485/486
Andreas Maier

Europacup

Die Entscheidung auf den Punkt bringen, das ist das größte Gefühl.

Otto Konrad, Fußballtormann*

Wäre es zu weit hergeholt, den Fußball als Spiegel für die Politik zu sehen? Man könnte es versuchen. Was im Sport recht ist, scheint für die Politik nur billig zu sein. Das Elfmeterschießen etwa, das dramatischste aller sportlichen Ereignisse, ähnelt es nicht einem Ultimatum in festgefahrenen Verhandlungen, das — eingesetzt nur unter extremen Bedingungen — eine unausweichlich letzte Möglichkeit darstellt, um die Entscheidung auf den Punkt zu bringen?

Weit hergeholt?

Fiebern vor dem Anpfiff ...

Vor etwas mehr als drei Jahren, Anfang 1991, blickte die fernsehende Welt gebannt auf den 15. Jänner, auf das Ablaufen des UNO-Ultimatums an Iraks Saddam Hussein. Mit dem Nahen des magischen Datums wuchs die medial vermittelte Spannung ins Unerträgliche. Die dramatisch aufgebauten Kriegs-Erwartungen wurden voll eingelöst. Es kam zum showdown in Bagdad und Israel, zum offenen Kriegsausbruch mit Waffengewalt.

Bei allen damaligen Beteuerungen über den Wunsch nach friedlichen Lösungen: War man nicht auch beinahe erleichtert, als es endlich losging? Wäre es nicht auch eine leise Enttäuschung gewesen, hätte Saddam Hussein im letzten Augenblick eingelenkt? Ähnlich der Enttäuschung, wenn »eine Mannschaft zum Finale um die Fußball-Weltmeisterschaft nicht antreten würde« (ich schrieb das damals in ein Notizheft)? Hätte man sich nicht auch heimlich betrogen gefühlt? Betrogen um ein lange versprochenes, als unheilvoll erkanntes, jedoch lustvoll herbeigesehntes Spektakel? Das Hinwarten auf die deadline glich mir dem »Fiebern vor dem Anpfiff eines Fußballspiels«.

Vor einigen Wochen ergab sich eine in vielen Dingen ähnliche Situation. Der Anlaßfall war glücklicherweise weniger martialisch und folgenschwer — das Ultimatum in den Beitrittsverhandlungen zwischen Österreich und der Europäischen Union. Die Medienergebnisse glichen sich jedoch verblüffend.

An jenem 1. März 1994 sollten, so war es geplant, die wochenlang sich zuspitzenden Verhandlungen ihrem dramatischen Höhepunkt zusteuern — und gleichzeitig eine ekstatische Entladung erfahren. Viele Medien berichteten darüber ganz im Sinn einer self-fulfilling-prophecy. Um den nun einmal betriebenen Journalisten-Aufwand in Brüssel zu rechtfertigen — und wohl auch um die Fadesse des Hinwartens zu vertreiben —, wurden Artikel und Berichte produziert: umso mehr, je weniger es zu berichten gab — umso spannender, je ereignisloser sich das tatsächliche Geschehen präsentierte.

... feiern nach dem Schluß

Der Verhandlungserfolg unserer Minister nahm sich denn auch wie der Sieg in einem Fußball-Ländermatch aus. Außenminister Mock erfüllte seine Aufgabe in jeder Position mit Bravour: Alois Mock als ausgefuchster Teamchef Happel; als denkender Regisseur und Mittelfeldstratege; als unermüdlicher, bis in die letzte Minute der Verlängerung rackernder Mannschaftskapitän; und schließlich doch: als strahlender Goalgetter beim Sieger-Interview.

Die offene Parteilichkeit der Berichterstattung paßte ganz zur sportlichen Sichtweise. Und ist insofern auch wieder nachzusehen: Welcher Sportreporter würde nicht das eigene Nationalteam unterstützen? Zumal doch unsere Buam (incl. Staatssekretärin Ederer) diesmal in der Fremde antreten mußten und es sich um das letzte, entscheidende Qualifikationsspiel handelte.

Österreich, der neue Europameister?

Die überwiegende Zahl der Medienberichte schien es so zu sehen. Mock & Co. dürften in der letzten Minute der Nachspielzeit den erlösenden Treffer erzielt haben. Aber wie? Aus einem Freistoß? Einem überraschenden Konter? Einem lange einstudierten Spielzug? Oder aus einem Abwehrfehler des Gegners? Einem Nicht-Zuschnappen der weitum gefürchteten Abseits-Falle?

Niemand wußte es, nur soviel war gewiß: Das Spiel, das keiner gesehen hatte, endete mit einem Sieg für Österreich. Wir wußten es nicht, aber wir glaubten sogleich fest daran. Wie meinte Heinrich Neisser in der Wiener Parlamentsdebatte zur EU vom 2. März: Europa, das ist auch eine Glaubensfrage!

Und Österreich Europameister in Glaubensfragen.

Alle geh’n zur E&U!

Diese Inszenierung (ein Wort, das in diesem Zusammenhang naturgemäß nicht fehlen darf) der politischen Verhandlungen als Sportereignis mag auch als Signum einer weiteren Verflachung des politischen Diskurses gelten. Interessant scheint darüberhinaus, wie nunmehr versucht wird, den Boden für die EU-Volksabstimmung aufzubereiten: mit Österreich-Patriotismus der Jahrgänge 1955 und 1978 (damaliger Endstand 3:2).

Daß die Zukunft eines europäischen Industriestaats nur in einer Bereitschaft zur grundlegenden Umorientierung von Denkweisen, Ansprüchen und Systemen zu suchen sein kann, wird ausgeblendet. Daß die rhetorische Leerformel von einem »Europa des Friedens, des Wohlstands und der Stabilität« angesichts der globalen ökonomischen und ökologischen Krisen sehr bald auch zur praktischen Leerformel werden könnte, die ihre vollmundigen Versprechen nur für einige wenige einlösen dürfte, scheint nicht der Rede wert.

Präsentiert wird der Öffentlichkeit etwas Vertrauteres: der Stolz auf unser kleines Land, das den anderen getrotzt hat. Die Illusion, daß im Grunde alles so bleiben kann, wie es eben ist. Die Erwartung, daß sich ohne unser Zutun etwas zum Besseren entwickeln könne (Wohlstand? Arbeit?? Sicherheit???).

Ohne zu einer Politisierung der Gesellschaft und geistigen Vorbereitung auf künftige Wirklichkeiten beizutragen, werden jene umworben, die umwerbbar sind: die Konsumenten. Und damit: wir alle. Es scheint, als wäre dies die ultimative Bestimmung und gesellschaftliche Konsequenz der marktwirtschaftlichen Bedingungen: daß gerade im Zeichen plakativ zur Schau gestellter Individualität und persönlicher Freiheit eine strukturelle Uniformität und Unfreiheit jede und jeden einholt: im Dasein als Konsument; im gemeinsamen Streben nach höheren Idealen: den Waren, den guten und schönen.

Konsum-Enten?

Allzuweit dürfte die Prognose nicht daneben schlagen: In den Wochen vor der Volksabstimmung wird den Österreichern von Politikern und Werbestrategen eine neue Rolle zugedacht werden. Nicht mehr nur »Staatsbürger«, »Stimmbürger« oder »potentielle Wähler« sind gefragt, sondern als neuer gemeinsamer Nenner einer disparaten Gesellschaft: die Konsumenten. Günther Anders formulierte apodiktisch jene Maxime des Industrie- und Konsumzeitalters, »der wir alle jeden Augenblick ausgesetzt sind«: »Lerne dasjenige zu bedürfen, was dir angeboten wird! Denn die Angebote sind die Gebote von heute. « (Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. I. München 1956).

Einmal abgesehen davon, daß die Vorteile eines möglichen EU-Beitritts für die Konsumenten meist über Gebühr hervorgestrichen werden: tendenziell scheint es darum zu gehen, »Europa« zu einem Produkt (z.B. Energydrink) und damit konsumierbar zu machen. Die Bevölkerung soll die EU nicht wählen, sie soll die EU kaufen. Thomas Bernhards zuspitzende Texte können und sollen nicht vereinnahmt werden (Marke: Der Bernhard würde diesmal ...). Allein es genügt, sich auf der Zunge zergehen zu lassen, was in dessen Roman »Frost« aus 1963 berichtet wird: nämlich, daß unser Staatsoberhaupt »ein ›Konsumvereinsvorsteher‹, unser Kanzler ein ›Naschmarktzuhälter‹« wäre.

Die unerträgliche Ohnmächtigkeit

Zurück zum EU-Qualifikationsspiel. Man könnte der Regierung und dem Verhandlungsteam zugute halten, daß sie in eine demokratische Kultur, die — wie Wolfgang Müller-Funk in der »Presse« vom 22. Jänner 1994 schreibt — »programmatisch langweilig« sei, so etwas wie Spannung und Dramatik einbrachten. Das hervorgerufene Interesse war indes ein Interesse am Spektakel, das sich bald anderen Spektakeln zuwandte. Wem könnte man dies ernsthaft anlasten? Den Nachrichtenkonsumenten? Den beteiligten Politikern? Den Journalisten?

Zu bedenken wäre dabei stets, daß die öffentlichen Akteure einer unausgesprochenen Notwendigkeit zur permanenten Selbstbewerbung unterworfen sind. Jedem Beteiligten ist es möglich, die Verantwortung für sein Tun aufrichtig von sich zu weisen, da er/sie doch nur Teil einer Maschinerie wäre; da er/sie doch nur den vorgegebenen Sachzwängen folgen könne.

Diese Ohnmachtsklage sei jedoch auch umgekehrt: Wenn alle nur reagieren — wer agiert? Wenn jeder sich vor bereits getroffene Entscheidungen gestellt sieht — wer entscheidet?

Die unglaubwürdige Weitsichtigkeit

Es läßt sich der Politik in puncto EU Verschiedenes anlasten: Daß die Information über weite Strecken einem billigen (oder teuren?) Schauspiel gleicht. Daß die Diskussion — auch bei Politikern, die das Pathos schätzen — die Tragweite des Konzepts eher verschleiert als offenlegt. Aber auch, daß versucht wurde, mit einer »Immer wieder Österreich«-Stadionatmosphäre Stimmung für die EU zu machen.

Wenn auf Sportplätzen so getan wird, als wäre das jeweilige nationale Team das einzig wichtige und die sportliche Leistung im Länderkampf sich unmittelbar auf das Selbst- und Überlegenheitsbewußtsein der Bevölkerung auswirkt, dann mag das in gewisser Weise unbedenklich sein. Wenn jedoch in der Politik ebensolches versucht wird, ist das im gegenständlichen Spiel Österreich — EU zwar ungefährlich, läuft aber dem, wovon weitsichtige Köpfe in Verbindung mit »Europa« gerne reden, kraß zuwider: einer geistigen Aufgeklärtheit und Offenheit.

Provinz Europa

Gerade diese Form der Diskussion, die manche mit dem pejorativen Attribut »provinziell« versehen würden, scheint eine Lieblingshoffnung Österreichs weitläufiger Europäisierer bereits jetzt zu enttäuschen: die Erwartung nämlich, daß ein provinzieller Mief, von dem sie ihr Land so gerne befreit sähen, durch die EU weggeblasen werden könnte; geschweige denn, daß dieser Mief dort nicht ebenso existierte. Das strahlende Faszinosum der Internationalisierung wird wohl unweigerlich auch eine miefige Regionalisierung mit sich bringen. Und das Schreckgespenst Provinz darf weiter durch intellektuelle Köpfe spuken.

Zudem ließe sich fragen, wo am Tag nach einem möglichen Beitritts-Nein der skandinavischen Staaten die progressiven Strömungen in Europa zu suchen wären, und wo die sogenannten provinziellen, die am Überkommenen festhalten: in oder außerhalb der EU?

Alb(p)anische Ängste

Aber vielleicht mag es — angesichts der horrenden Inflation von Wortgebilden, die mit den wohltönenden Vokalen »e« und »u« beginnen — vielleicht mag es hilfreich sein, einen Teil jenes e&u-Kontinents einmal distanzierter zu betrachten. Z.B. mit einer Gedichtzeile aus Gerhard Rühms »europa«: »österreich grenzt an die schweiz, liechtenstein, italien, jugoslawien, ungarn, die tschechoslowakei und deutschland« (In: Gesammelte Gedichte und visuelle Texte. Reinbek 1970).

Was bis vor wenigen Jahren in jedem Geographieheft hätte stehen können (und in ungezählten Köpfen heute noch so existiert), stimmt zwar nicht mehr ganz, ist aber dennoch aufschlußreich. Allein diese brave Aufzählung läßt möglicherweise mehr über die Rolle Österreichs in Europa erahnen, als sämtliche WIFO-Prognosen und Wachstumsziffern je vermitteln können.

Man kann sich zudem, bei aller kartographischer Inkorrektheit, getrost auf Rühm berufen, wenn plötzlich wieder einmal gemahnt wird, daß Österreich nicht Albanien werden dürfe. Denn es bestehen unleugbare Differenzen: »albanien grenzt an jugoslawien und griechenland«. Eben.

Und abgesehen von der Topographie: Die Albaner schlagen wir noch immer haushoch, und sei es im Elfmeterschießen.

*) In der Wiener Stadtzeitung »Falter« zur Dramatik des Elfmeterschießens.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1994
No. 485/486, Seite 17
Autor/inn/en:

Andreas Maier:

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