FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Wolfgang Purtscheller

Ebergassing. Eine Bomben-Story

Zwei Leichen im Feld, wo sie tagelang herumliegen; ihre selbstgebastelten Minen werden von Polizisten an Ort und Stelle gesprengt, wobei ein Sachschaden entsteht, aber der Strom-Mast, den die Toten angeblich sprengen wollten, steht und steht und steht.

Wolfgang Purtscheller lauschten wir über »Sachen, die absolut absurd sind bei der G’schicht’«, am letzten Freitag im April, weil wir gerade im Hummel saßen und sonst nichts vorhatten. Viel Sprech-Deutsch ist diesmal im Heft, Pardon!

Das Erste ist einmal — das fällt ja jedem auf, daß es irgendwie komisch ist: Den Typen haben die Bullen schon einmal gehabt, wegen dem Verdacht, daß er dabei war bei der Geschichte auf der Flughafen-Autobahn, den Konicek. Daß ausgerechnet der, Luftlinie 600 Meter zu seinem Elternhaus, wo er auch noch gemeldet ist, probiert, einen Strommast zu sprengen, scheint meiner Ansicht nach vollkommen absurd. Die Typen, wenn die etwas gehabt haben, dann war’s Paranoia.

Das zweite Absurde ist, daß in sämtlichen Anweisungen steht, man soll das ja nicht probieren: elektrisch Zünden oder sowas bei Hochspannungsmasten, sondern — in allen Anweisungen, ‚Radikal‘ und so, wir haben nachgeschaut, ja, steht drinnen — man sollte auf jeden Fall versuchen, das umzusageln oder die Bolzen abzuschneiden.

Dann kommt dazu, daß die beide ausgebildete Schlosser und Schweißer waren und daß der Thaler ein absoluter Virtuose mit der Flex, also mit der Trennscheiben-Maschine und mit dem Schweißgerät war. Der war wirklich ein genialer Handwerker, hat in der Ägydigasse sämtliche Rekorde im Barrikadenbau gebrochen, und der hat auch im Kirchweger-Haus, im Café das sie stürmen wollten, die Barrikaden gebaut. Und die waren also Präzisionsarbeit. Das waren nicht irgendwelche Pfuschereien, das waren Dinger, die wirklich passen. Es ist ja kein Zufall, in der Ägydigasse z.B., bei der Räumung — hat alle der Thaler gebaut, haben die in drei Tagen hingestellt, zu zweit oder zu dritt —, da war es so, daß die Bullen, ohne daß Widerstand geleistet worden wäre — sollte man nie vergessen! —, drei Stunden gebraucht haben, bis sie durch die Barrikaden durch waren, ohne daß da irgendwer sich gewehrt hat. Mit Eisenbahnschienen und so weiter. Wenn 300 Bullen, die sämtliches schwere Gerät haben, drei Stunden brauchen, um durchzukommen, dann kann man sich vorstellen, wie gut die Sachen gebaut waren.

Das ist der Punkt: daß der Thaler wirklich handwerklich total gut war. Und wenn der weiß, er kann flexen, dann flext er.

Das Dritte, was mir total bei der Geschichte stinkt, ist, daß ausgerechnet der Thaler eine Puffn dabei gehabt haben soll. Die sagen, die ist beim Thaler im Gewand gesteckt. Das ist deswegen komplett ungewöhnlich, weil die nämlich total verrostet war. Jeder, der sich mit Waffen ein bißl auskennt, weiß, daß eine Puffn, damit sie so verrostet — dann ist sie erstens unbrauchbar, und zweitens, damit sie so verrostet, braucht es mindestens ein halbes Jahr.

Ich habe einmal mit jemandem geredet beim Bundesheer, der hat mir erzählt, sie haben bei der Ranger-Ausbildung — der war bei den Rangers — nach drei Monaten eine Übung. Da haben sie müssen Pistolen und Gewehre im Wald vergraben, aber ohne besonderen Schutz, also vielleicht eine Unterhose herumgewickelt; aber nicht Ölpapier, also nicht professionell. Und nach einem halben Jahr sind sie dort wieder ausgesetzt worden, splitterfasernackt, ohne irgendwas, und haben die Dinger ausgraben müssen und wieder schußfertig machen.

Das ist überhaupt kein Problem, das verrostet auch nicht in einem halben Jahr — wenn das vollen Witterungseinflüssen ausgesetzt ist, verrostet das nicht so.

Das Vierte, was total ungewöhnlich ist, ist das, daß der Thaler einen Ausweis dabei gehabt hat. Und zwar deswegen, daß er einen Ausweis dabei gehabt hat, weil der Thaler dafür bekannt war — ich hab’ ihn fünf- oder sechsmal bei die Bullen außerpauken müssen, weil der bringt’s, wenn der sich einen Paß holen gangen ist, hat der ihn nach drei Tagen verschmissen gehabt. Der hat prinzipiell nie einen Ausweis dabei gehabt. Das war von dem so eine Marotte, der war dafür bekannt. »Der ausweislose Gregor«, haben sie ihn zeitweilig genannt.

Das Weitere, was mich total wundert, ist die Kleidung von denen. Der Konicek, den dort in der Gegend jeder kennt, hat angehabt seine violetten Jeans, seine Lieblingsjeans, die er fast immer angehabt hat, Jahr und Tag. Wenn ich dort hingehe das machen, dann ziehe ich nicht violette Jeans an, weil wenn mich einer nur aus der Ferne sieht, weiß er, daß ich das bin, weil violette Jeans sind ziemlich außer Mode und das hat nicht jeder an.

Das Nächste, was mir auf fällt, ist der Zeitpunkt. Die sind also um Fünfe Nachmittag losgestartet und der Thaler hat zuhause einen Hammelbraten gekauft gehabt, hat den eingelegt und so weiter und sagt zu seiner Freundin, als er um Fünfe loszieht: er trifft den Peter, um sieben ist er wieder da. Wieso die nachher um halber Zehne in die Luft fliegen, das ist mir vollkommen rätselhaft, weil wenn sie des vorgehabt hätten, gleich, dann hätt’ das nicht zwei Stunden gedauert und dann leg’ ich mir nicht einen Hammelbraten ein, damit ich ihn nachher mit meiner Freundin verspeisen will, wenn ich weiß, das kann ein paar Stunden dauern.

Das Nächste, was vollkommen absurd ist, ist das, daß die Bullen behaupten, das sei in die Luft geflogen durch Funkenflug vom Strommasten herunter. Der Mast ist 57 Meter hoch, und wenn das stimmt, daß dort der Funkenflug so gefährlich ist, daß so etwas gleich in die Luft geht — ist ja keine hochbrisante Mischung, ist ja eine Initialbrandmischung, ist ja nicht ein Nitroglycerin oder was —, dann frag’ ich mich folgendes, ich bin kein Experte in solchen Sachen, aber so viel kann ich mir ausrechnen. Dann müßte es so sein: Wenn ich mit dem Auto unter so einem Mast stehen bleibe und ich schlage die Tür zu oder irgendwas, wo ich auf jeden Fall einen elektrischen Funken auslöse, dann muß in das Auto sofort der Blitz einschlagen. Dann düfte ich nie unter einem Hochspannungsmast durchfahren mit einem Auto oder dürfte nie unter einem Hochspannungsmast parken, auch wenn der 57 Meter hoch ist. Das scheint mir auch relativ eigenartig zu sein, Ja?

Das Weitere, was total eigenartig ist, ist das, daß sie anfänglich verbreitet haben, das wäre eine Sprengfalle gewesen, dann haben sie gesagt, nein. Wenn das keine Sprengfalle war, dann frage ich mich, wieso sie die Dinger sprengen haben müssen, außer für die P.R.-Wirkung. Bringt ja nichts, war ja nicht mehr angeschlossen an die Batterie, an die Kabel, das kann ich mir ja anschauen. Und die ganzen Fotos, die man sieht von der Spurensicherung — ich habe mir eine ganze Serie angeschaut —, es waren ja so vier Teile oben auf fünf Meter Höhe am Masten montiert. Da siehst, wie die oben draufhängen, die Kiberer, zu zweit oder zu dritt um die Dinger oben, und die anschauen. Jetzt frage ich mich, wenn das so wahnsinnig gefährlich ist, daß man das sprengen muß, warum hupfen die um das herum durch die Gegend und behaupten dann zuerst, das wär’ so verkabelt, daß es gefährlich wäre, daß man nicht zu die Leichen zuwi kann.

Das Nächste ist, daß das gar nicht stimmt, weil: Wie sich nachher herausgestellt hat, haben die sofort die Leichen hergezogen und haben die Ausweise herausgenommen, die freundlicherweise — so wie die Puffn in der Pistolentasche. Bei der Pistole fallt mir übrigens noch etwas ein:

Was man auf allen Fotos sieht, ist ein total billiges Messer vom Thaler. Das Messer hat keine Spur von Rost drauf und die Puff’n ist total verrostet. Das ist eine vollkommen widersinnige Geschichte. Wieso hat das Messer keinen Rost drauf, und die Pistole, die ja Präzisionsstahl ist, wieso hat die das?

Dann ist die nächste Geschichte das mit dem Auto. Das ist die allerabsurdeste Geschichte. Es ist nämlich folgendes, daß das Auto dort, wo es gefunden worden ist, das ist also drei Tage gewesen, das war, glaube ich, am 22., drei Tage, nachdem die Leichen entdeckt worden sind. Da ist drei Tage lang, oder mindestens zweieinhalb Tage lang, ist in ganz Österreich nach dem Auto eindeutig gefahndet worden, samt Nummer und genauer Beschreibung. Und ein schwarzer Citroen BX mit Spoiler hinten ist ja ein Auto, das heute nicht mehr verkauft wird, und die Nummer ist ja etwas, was besonders rar ist. Das ist nicht ein Auto, das an jeder Ecke fünfzehnmal steht. Ich habe jetzt geschaut, ich habe heute das erste Mal so einen schwarzen BX gesehen, dafür habe ich seit Tagen geschaut.

Interessant ist jedenfalls, daß die Frau, die der Polizei gemeldet hat, daß das Auto bei ihr vor der Türe steht, Stein und Bein schwört, daß das Auto am Vortag noch nicht dort gestanden ist. Das ist das Allerkomischste. Wenn das Auto am Tag vorher noch nicht dort gestanden ist — sie sagt, das weiß sie genau, das sind Schrägparkplätze, und der ist am nächsten Tag so teppert g’standen, daß sie nicht hat einparken können, und deswegen ist er ihr aufgefallen. Ansonsten wäre es ihr aufgefallen, wenn es so teppert g’standen wäre. Das heißt also, daß das Auto in der Nacht vom 21. auf den 22. dort geparkt worden ist.

Jetzt frage ich mich: Wer fahrt mit einem Auto herum, der bei sowas dabei war? Wenn er der Dritte oder Vierte ist — wer fahrt mit so einem Auto durch die Pampas, wissend, daß es überall gesucht wird, und hat nachher die Chuzpe, das drei Straßen vom Kirchweger-Haus einfach abzustellen. Der muß ja komplett grenzdebil sein, der Typ, der das macht, der muß ja absolut schwachsinnig sein.

Nächste irre Geschichte ist die, daß dauernd geredet wird von der Gruppe ‚Schwarze Distel‘, zu der also der Konicek eindeutig gehört hat — der Thaler war eher eine Randfigur von dem. Also, in letzter Zeit weiß ich nicht, weil ich ihn aus den Augen verloren habe. Interessant ist, daß noch bei keinem einzigen der Leute von der ‚Schwarzen Distel‘ eine Hausdurchsuchung war, außer bei der Schwester vom Konicek, oder auch nur ein Zettel von der Kiberei, bitt’schön kommen S’ zum Verhör. Die Geschichte geht so weit, daß die Leute — die sind teilweise gestanden, zwei von denen waren im Vorstand vom Revobräuhof; das war alles angemeldet auf Revobräuhof. Einer von denen ist mit seiner privaten Wohnadresse immer, seit Jahren, sowohl im Zeitungsimpressum vom Revobräuhof und auch im Impressum von der ‚Schwarzen Distel‘ gestanden, mit vollem Namen und voller Adresse. Bei dem war noch kein Kiberer, bis heute nicht. Und der Typ ist mit einer anderen, einer Frau, die der Konicek gehabt hat, die also eine komplette Randfigur der Szene ist (das kann auch Mittelfeld sein) — ist der also hingegangen mit der zum Verhör zu die Kiberer, ist daneben gesessen, dann haben sie ihn wieder heimgeschickt.

Ich meine, das sind alles Sachen, die nicht passen. Was gibt’s noch, was nicht paßt:

Hausdurchsuchung beim Thaler. Die Freundin vom Thaler schwört Stein und Bein, also Unkraut-Salz, vielleicht ein halbes Kilo ist möglich, daß dort war, aber daß auf keinen Fall in ihrer Wohnung geschweißt worden ist. Die behaupten, sie hätten Schweißteile und Teile von den selbstgeschweißten Metallbehältern gefunden. Aber sie behaupten: elektronische Zündteile. In Wirklichkeit waren es sechs Hochleistungs-Trafos, die sie gefunden haben. Die waren für die Dampflampen einer aufgelassenen Pflanzenzucht, die auf 25 Quadratmetern angelegt war und für die auch das Unkrautsalz gebraucht wurde. Denn diese Burschen gehen ja nicht in ein Blumengeschäft und kaufen eine rassenreine Blumenerde, sondern holen sie aus einem Schrebergärten. Und dann kann natürlich das Problem entstehen, daß auch das Unkraut mächtig ins Kraut schießt.

Das nächste grundlegende Problem, das ich habe, ist das: Wenn der Thaler eines nicht war, dann war es »Öko«. Ich kenne den Thaler gut genug, politisch. Der hat also auf die ganze Öko-Scheiße — die war ihm also sowas von wurscht, auch im Sinne Atom, das war nicht sein Thema. Der Thaler hat so diesen Trip gehabt: Klassenkampf, Revolution, spanische libertäre Anarchisten usw., aber der Thaler war ideologisch ziemlich altmodisch unterwegs. Den haben die neuen sozialen Bewegungen, ob das Feminismus war oder Ökobewegung oder Anti-Atom-Bewegung, da hat er’s zwar gut gefunden, wenn sich was tut, aber das war nichts ... Konicek weiß ich nicht, das kann ich nicht sagen. Ich habe mir vorgenommen, daß ich mir die ‚Schwarzen Disteln‘ durchschaue, was da drinnen ist, aber ich bin nicht dazugekommen und außerdem habe ich die nicht, die muß ich mir erst besorgen, vorher. Die haben ja momentan vermutlich einen ziemlich hohen Sammlerwert.

Dann ist auch faul: Angenommen, was die Frau sagt, stimmt, mit dem Auto. Die Typen sind, wenn sie sowas machen, schwer konspirativ drauf und schwer auf Paranoia. Wenn sowas passiert. Gut: Es kracht, die zwei sind hin, der setzt sich ins Auto, den beutelt’s total, er fährt in die Stadt hinein. Wieso stellt er das Auto dann zum Kirchweger-Haus hin? Was bringt ihm das, wenn er’s zum Kirchweger-Haus hinstellt? Da laß ich’s doch, da fahr’ ich doch irgendwo in eine Park-and-Ride-Garage hinein, stell’ den dort ab und steig in die nächste U-Bahn. Ich fahr’ doch nicht, wenn ich weiß, die sind hin, dann fall ich doch nicht meiner Freundin oder meiner Mami um den Hals und sag »Mama, Mama, wir haben Scheiße ’baut« und stell also das Auto irgendwo hin voller Panik, sondern irgendwann fang ich an, mir was zu überlegen.

Dann: Das Auto ist nicht von Fingerabdrücken geputzt. Sondern es sind drin die Fingerabdrücke von drei Personen, die nicht Thaler und Konicek sind. Gleichzeitig sagen sie, die müssen mit einem zweiten Auto gefahren sein, was ja wieder keinen Sinn gibt. Wenn ich schon mit dem eigenen Auto hinfahre ... Der Thaler hat ja nicht autofahren können, der hat ja keinen Führerschein gehabt. Das kommt noch dazu. Gefahren ist der Konicek, das ist klar. Der hat sich geweigert, einen Führerschein zu machen. Das war immer ein Wickel, es hat geheißen, Junge, fahr endlich. Das kommt ja auch noch dazu: Der hat einmal bei meiner Exfrau mit dem L-Taferl privat den Führerschein g’macht.

Da kommen Sachen, die stimmen einfach nicht — weißt, was ich mein? Da sind Sachen, wo ich mir einerseits denk’: Da kann ich sehr vieles erklären mit so fahndungsmäßiger Desinformation; und dann laßt sich aber sehr viel mit dem nicht erklären.

Das mit dem Auto ist z.B. harmlos zu erklären: Daß die Bullen gepfuscht haben, das Auto ist 200 Meter vom Tatort gestanden, die haben keine Tatortsicherung gemacht, so wie in Oberwart, und haben nachher sich gedacht, was machen wir mit der scheiß’ Kraxen, jetzt haben wir sie da gefunden, ach was, stellen wir sie den tepperten Anarchos vor die Tür. So ungefähr. Das könnt’ natürlich sein: Der Bulle fährt hinein.

Da gibt es also Stein um Stein um Stein, was da einfach nicht paßt. Es gibt auch am Tatort noch ein paar Sachen.

Wenn’s die Nazi waren, dann müssen’s Bullen gewesen sein, dann müssen’s Leute gewesen sein, die die Szene sehr präzis kennen und die von mir aus - meine denkmögliche Variante ist ja ganz eine andere: Die haben die observiert, das geben sie ja zu, daß sie den Thaler die ganze Zeit observiert haben. Die haben gesehen, Jungs, da läuft was ab, haben sich die unterwegs geschnappt, die haben ganz eindeutige Spuren, vielleicht wollten die ganz was anderes in die Luft jagen ...

Wenn das, dann paßt die andere Geschichte mit dem Unkrautsalz nicht, denn es sollen ja fünfzig Kilo gewesen sein. Wenn Du davon ausgehst, daß sie was anderes haben sprengen wollen ...

Davon mußt’ ausgehen. Was mich stört, ist der Strommast.

Was sonst?

Das hängt vielleicht mit Südtirol zusammen, daß Neonazis Anschläge auf Strommaste gemacht haben und daß ...

Es kommt was Entscheidendes dazu, zumindest kommt mir vor, es ist total wichtig. Daß nämlich — beim Konicek kann ich’s nicht sagen, aber beim Thaler — das ist einer, der sich zwar nicht jeden Tag eine Zeitung kauft, aber der Thaler ist einer, der den ganzen Tag vorm Fernseher knotzt, wenn er nichts zu tun hat, und der zumindest auf der Ebene ziemlich informiert ist, der nimmt am aktuellen Geschehen teil. Der Thaler muß gewußt haben, daß das der ungünstigste Zeitpunkt ist, daß man sowas macht. Ich kenne den Thaler gut genug, daß ich weiß, daß der zu politischen Einschätzungen fähig ist. Das sind lauter Sachen, die hinten und vorne nicht stimmen. Weil die Dummheit, an dem Tag das so zu machen, die traue ich dem einfach nicht zu. Der ist nicht so, der mag naiv und ...

... verbohrt und diskussionsunwillig ...

Naa, der war sehr diskussionswillig — und eigensinnig und stur und alles, ja, aber er war erstens kein Trottel, der war einer, der sich alles total überlegt hat, alles, was er gemacht hat; einfach nicht so ein Spon-ti, daß er gesagt hat, Du, Peter, heut’ leg’ ma a Bomben.

Was kannst Du Dir vorstellen, daß sie vorgehabt hätten?

Kann ich mir nicht vorstellen, momentan.

Wieso gehst Du dann davon aus, daß sie etwas anderes hätten sprengen wollen?

Ich überlege mir ja folgendes: Es waren insgesamt 9 Sprengsätze. Neun.

Ich hab nur was von fünf gelesen.

Naa, naa. Fünfe san g’hängt; es waren insgesamt neun, sagen die Bullen. Und bei »neun« fällt mir natürlich schon was ein. Mir fällt ein das Nazi-Denkmal in Oberschützen. Das hat acht Steher und neun Sätze waren’s. Und das ist schon etwas, was ich denen zutraue, daß sie machen, wie die drauf san.

Daß sie abgefangen wurden und einfach kaltblütig ermordet.

Richtig, ja. Das wäre so eine Geschichte, die ich denen ... Ich kenne den Thaler einfach gut. Ich weiß, daß er gewissen Formen von Militanz nicht abgeneigt war, das war immer eine Diskussion mit ihm. Sowas laß ich mir sofort einreden, keine Frage, klar. Mich hat die Zahl eben gewundert:

Der Mast hat vier Pfeiler, der fünfte Sprengsatz war vollkommen überflüssig, weil den brauchst nicht. Vier waren montiert, der fünfte war da, die Bullen sagen aber - und widersprechen sich -, neune sind gebaut worden, weil’s die Spuren davon gibt. Das wären neune, das wär’ das Denkmal plus dem Altar in der Mitte.

Ich habe nur was von fünf Sprengsätzen gehört und gelesen. Ist das sicher mit den neun?

Schrei nicht so herum. Die Zahl habe ich noch nicht nachrecherchieren können, weil der ██████████ mit dem ich an sich reden kann, auf Tauchstation ist. Aber ich frage mich: Die haben in fünf Meter Höhe viere angebracht. Dann könnte ich mir vorstellen, daß sie unten nochmals viere anbringen, aber wozu sie den neunten brauchen, ist vollkommen unklar, und ich meine, von der Disposition von denen her ist das einzige, wo ma acht oder neun so Dinger brauchen kann, das Nazi-Denkmal. Es kursiert das relativ zuverlässige Gerücht von jemandem, der dem Thaler sehr, sehr nahe gestanden ist und auch dem Konicek (der hat in der Nähe von Oberschützen gewohnt, bei Güssing) — das sehr, sehr zuverlässige Gerücht von jemandem, der die viel besser aktuell gekannt hat als ich, daß die allm g’sagt haben, so auf der Faktenebene, das Schandmal dort gehört weg.

Was stimmt.

Was ja vollkommen richtig ist, aber das ist etwas, was die Russen versäumt haben damals. Aber von der Disposition her, wie die draufsan und wie die normal politisch agiert haben — da würde auch die Menge und die Masse passen, weil da brauchen sie einiges von dem Zeug. Das wäre genau die Art von Geschichte, wenn mir jemand sagt: beim Versuch, das in die Luft zu jagen, ist ihnen das passiert, dann sag’ ich: ja, bumm, klar.

Aber es gibt ja bei der Geschichte auch bestimmte Signale. Es gibt z. B. das Signal, daß die Geschichte aufgeflogen ist um den Hitler-Geburtstag herum, daß die Leichen noch immer nicht freigegeben worden sind, weil, was wir wissen, die Gerichtsmediziner — daß da eine Riesenkonfusion ist.

Waren sie wirklich schon tot bei der Sprengung?

Glaub’ ich nicht, der Konicek soll noch gelebt haben. Da gibt’s ja auch so was Irres. Der Thaler — was ich bei der Sprengung auch schwer verstehe. Es waren so dreieckige Metalldinger, verschweißte. Der ist über dem Behälter zusammengebrochen, der war über dem Behälter mit seinem Körper, und da ist so ein Metallteil herausgeflutscht und hat ihm am Schädel entlang das Gesicht weggefetzt. Der hat einfach sozusagen so durchgeschlagen, weg. Wenn das Ding explodiert, nehme ich an, daß es Dich normalerweise wegfetzt, nicht, daß du drauffallst. Da brauch’ ich mir keinen Peckinpah-Film anschauen, daß der sich nicht drüberlegt, wenn das in die Luft geht, sondern daß er sich eher weglegt. Das könntest ja nicht halten oder so.

Vom Objekt her würde mir, nach meiner Kenntnis von den Leuten, würde mir das Oberschützen als politisches Symbol total einleuchten. Ich habe ihn seit drei Jahren nicht mehr gesehen, da habe ich ihn zufällig in der Stadt getroffen. Hallo Du! - Hallo Du! und man trennt sich wieder, weil jeder zu einem entgegengesetzten Termin unterwegs war. Von der politischen Disposition, wie ich ihn gekannt habe, halte ich einen Angriff auf einen Strommasten für vollkommen abwegig.

Jetzt sage ich einmal, was dafür spricht, daß die das waren. Erstens, daß die in solche Sachen involviert waren und daß sie auch mehrmals schwer verdächtigt waren von den Bullen, wegen Anschlägen: Flughafen-Autobahn usw. Wobei die Anschläge, die der Ägydi zugeschrieben werden, diese Hazet-Anschläge, diese Baufirma, die die Ägydi geschleift hat, da würde ich bei einem sagen, da bin ich mir hundertprozentig sicher, daß es dieser Kreis gemacht hat. Beim anderen Anschlag glaube ich, daß das ein Provo war, weil da ist nämlich so ein Kelomattopf voll mit einer Unkrautsalz-Mischung direkt neben einem Wohncontainer, wo acht türkische Gastarbeiter drin geschlafen haben, hingelegt worden, und der ist dann durch Zufall nicht explodiert.

Wer den Gregor gekannt hat, der weiß: Bevor der auf ein Ausländerquartier losgeht — der ist ja kein Nazi. Erstens undenkbar. Und es wäre auch undenkbar, daß die sagen, es steht Hazet drauf, leg’ ma was hin. Das sind Leute, die eher gründlicher arbeiten bei sowas.

Außer sie haben nicht gekneißt, daß es ein Ausländerquartier ist, bei Nacht.

Das war beim Schloß Neugebäude, da hat dort in der Gegend jemand von der Szene den täglichen Einblick gehabt. Wenn dort Arbeiter geschlafen haben, dann haben sie das gesehen, das haben sie gewußt. Vollkommen undenkbar, daß die das gemacht haben. Und ich kann mich erinnern, daß gerade im Umkreis von Thaler & Co. damals, 1988/89, zur Ägydi-Kampfzeit, der Gregor einer war, der sich im Plenum irrsinnig aufgeregt hat. Wir haben damals teilweise so Großplena gehabt mit 150 Leuten. Irrsinnig darüber aufgeregt hat, welches Arschloch das wohl gemacht hat. Unerhört, daß sich die Leute das nicht anschauen usw. usw. Du kannst in so einem Plenum ja auch sagen wie damals der Gregor:

»Falls der da sitzen sollte, das Arschloch, mit dem wollen wir nichts mehr zu tun haben, der soll sich schleichen, weil wenn ich ihn erwische, dann massakrier’ ich ihm die Fresse, dann kommt der Baseball-Schläger, weil das ist wohl unerhört: ein Gastarbeiterquartier. Das sag’ ich, falls das einer von uns war, und sonst waren es die Bullen.«

Also so ist der Auftritt gewesen, an den kann ich mich noch sehr gut erinnern, weil mir das damals sehr gefallen hat — der war eher ruhig in die Plena —, daß der auftaten ist und g’sagt hat, so, Jungs, aber ... Damit man das versteht, könnte man dazusagen die Sozialstruktur der Ägydigasse. Das ist dann zugleich die Geschichte des Gregor Thaler.

Die folgt vielleicht im nächsten Heft. Red.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 57
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