FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 354/355
Gerhard Oberschlick

Die Werte der Republik

Die unangenehmen Druckfehler/* von 1993 sind nun ausgebessert,
an einer Stelle wurden zwei präzisierende Wörter hinzugefügt.
Auf die analoge Wiedergabe des dreispaltigen Originals
wird fürs Internet diesfalls verzichtet.

*/ Warum der Artikel damals so besonders schlecht korrigiert in Druck ging,
mag eine anekdotische Erklärung wert sein, sie wird
gelegentlich in einem P.S. nachgereicht. G.O.

Seit Führers Geburtstag am 20. April läutet hier das Telefon. Die Strafanzeige im letzten Heft Seite 9. Es hagelt Vorschläge, wie wir das groß rausbringen können. Was wir jetzt tun?

Nichts sage ich, das ist ja kein Wahlgag, sondern unser Stammbuchblatt für die Kleinkoalitionäre. Ich glaube ja noch immer an die Absolute der SPÖ, aber wenn‘s eine kleine Koalition gibt, muß man wissen, welchen Teufel man reitet, sonst reitet einen der Teufel.

Zweiter Tag

Ein fader Tag.

Dritter Tag

Wann kommst denn heim? Ich weiß eh, das FORVM ist beschlagnahmt worden — die Erika hat es im Radio gehört und gleich angerufen. Für sie ist ja alles ganz klar: Steger wird Vizekanzler und sie kriegt von ihm einen schönen Job. Kommst gleich?

Mein Anwalt ist gerade in Japan, dem ORF glaube ich kein Wort, bevor ich es selbst verifiziert hab. Das FORVM ist schlechterdings nicht beschlagnahmefähig. Also fahr ich nach Hause.

Vierter Tag

Aufgeregten Anrufern, die noch ein Exemplar der beschlagnahmten Nummer wollen, sage ich freudig: nix is beschlagnahmt, der ORF hat eh korrekt berichtet. Dann schicke ich alle zum Kiosk. Das aufgeflammte Interesse würde gewiß verrauchen. Wer sich aber wirklich eins holte, der gehört vielleicht zu den qualifizierten Lesern, denen das nachstehende Kleinod gegönnt sei:

wien, 22.4.1983 (fpd7) — ‚die gesamte partei steht voll hinter ihrem generalsekretär.‘ dies erklaerte heute fpoe-bundesparteiobmann abg. dr. norbert steger in einer presseaussendung zu den beispiellosen attacken einiger journalisten gegen walter grabher-meyer.

eine gruppe von linken journalisten, u.a. ddr. guenther nenning und trautl brandstaller, hatte strafanzeige gegen generalsekretaer walter grabher-meyer wegen ‚verhetzung‘ und ‚ns-wiederbetaetigung‘ erhoben, weil er gefordert hatte, dass die familienbeihilfen für oesterreichische muetter um 50 prozent erhoeht werden sollten, da finanzielle schwierigkeiten der hauptgrund fuer die hohe abtreibungszahl seien. die fpoe beantragte gestern die beschlagnahme der zeitschrift ‚neues forum‘, die diese anklageschrift zum vorwand fuer einen artikel genommen hatte.

grabher-meyer erlaueterte seinen vorschlag und betonte, daß die ueberschuesse des familienlastenausgleichsfonds jahrelang vom finanzminister zweckwidrig zum stopfen von budgetloechern verwendet worden waren. da jedoch die zur zeit gewaehrten mittel zur erhaltung eines kindes offensichtlich nicht mehr ausreichten, muesse eben eine andere finanzielle loesung gefunden werden. als eine moeglichkeit sei von ihm daher die erhoehung der familienbeihilfe fuer oesterreiohische muetter um 50 prozent und die senkung der beihilfe fuer staatsbuerger anderer laender um 50 prozent vorgeschlagen worden. dies sei voellig legitim, da es sich bei diesen geldern schließlich um oesterreichische steuergelder handle.

grabher-meyer: ‚es ist voellig unzulaessig, diesen vorschlag mit ns-gedankengut in verbindung zu bringen, da es sich dort immer um die abstammung des menschen handelt, waehrend meine anregung sich rein auf die staatsbuergerschaft bezieht.‘ bundesparteiobmann norbert steger betonte dazu, der vorschlag grabher-meyers sei ein denkanstoß‚ der ausschließlich die finanziellen voraussetzungen zur senkung der immens hohen abtreibungsquote zum ziel habe, die fpoe wolle nicht zurueck zur strafbarkeit fuer die abtreibung, sondern sie wolle die basis dafuer schaffen, dass abtreibungen aus finanziellen gruenden nicht mehr notwendig sind. steger: ‚es ist ein skandal, daß in der endphase des wahlkampfs mit attacken unter die guertellinie versucht wird, den freiheitlichen generalsekretaer in ein schiefes licht zu bringen.‘

:schluss: br

Sie haben alles gestanden. Das nehme ich statt einer Entgegnung. Das wird gedruckt, als Rache‚ weil ich mich schämen mußte, als ich es las.

Diesem Steger hatte ich mit Handschreiben vorgeschlagen, seinem Generalsekretär Nachhilfe in Liberalität zu erteilen (die Eventualfrage „...oder war es Ihre Absicht, sich auf diese Weise die Stimmen der AUS-Wähler zu holen?“ war mehr rhetorisch gemeint; Beilage: Kopie der Strafanzeige, die er „zum Vorwand für einen Artikel genommen“ nennt).

Jetzt stehen sie also wieder, die Hand an der Hosennaht‚ die andere an der Schirmmütze, oder noch höher, voll und hinter. Mich kränkte das. Wieder lief ich u.a. (die a. waren Eva, Manfred, Silvia, Ulf; nur Trautl und Günther waren namentlich gewürdigt). Diese papiergewordene Schmach würde ich kommentarlos publizieren.

Sie formulieren so, daß man meinen soll, unsere Klage bezöge sich auf die Beihilfenerhöhung. Sie halten den Tonfall aber nicht durch, es kommt doch heraus, was wir angezeigt haben: daß sie die Gastarbeiter mittels Beihilfenklau dezimieren wollen. Wie gesagt: kommentarlos.

Nicht einmal der Beschlagnahmeantrag stimmt mich milder, auch wenn ich weiß, daß der Jurist Steger wußte, daß er damit nichts gegen uns konnte. Das tut er nur für seine eigene Public Relation. Nur wenn er die Sache patronisierte, konnte er dem Grabher die Berühmtheit rauben, vor der uns Günther gleich warnte, daß wir Sie ihm verschaffen würden. Zugleich hat er sie aber doch unterschreiben wollen, um nach der Wahl lustig zu ätzen: wie genial von Dir, jetzt hamma den neuen Unterrichtsminister geklagt.

Soll ich die Rache schwächen durch die Ergießung von Hohn? Auf das Argument mit den österreichischen Steuergeldern? (Sind Gastarbeiter in Österreich denn steuerberfreit? Vielleicht meint er, sie sollten es sein, wie die Politiker auch). Soll ich den Rauch verbrannter Bücher wittern, bei jenem unzulässig des Grabher? Soll ich vorschlagen, ihm ein Staatssekretariat einzurichten, beim Innenminister, mit Zuständigkeit für die Verleihung von Zulassungsscheinen fürs Verhindern von Gedanken, die er entziehen darf, zur Strafe für die Verübung unzulässiger Gedankenverbindung und deren Gutheißung? Soll ich ihm Nachhilfe erleilen über den gemeinhin natürlichen Zusammenhang zwischen Abstammung und Staatsbürgerschaft? Soll ich ihm umgekehrt nochmals jene drei Thesen vorhalten aus dem Parteiprogramm der NSDAP, die gleichfalls nur von Stuatsbürgerschaft reden, auch wenn sie unzweifelhaft, vielleicht ebenfalls gleichfalls, die Abstammung meinen?

Nichts von allem mag ich mehr sagen. Die Anzeige ist erstattet, die Themen sind genannt. Die Abstammung des Gedankenschlechts ist erwiesen. Das Gericht wird erkennen, oder die Menschen, wenn die Staatsanwaltschaft schubladisiert. Wer oder was kommt nach Broda?

Ach! über die Opfer hinter den Mauern der Kerker und der Kasernen. Die obersten Stufen des Bildungssystems für die überwiegende Mehrheit des männlichen Teils der Bürger des Staates, sie sind nun ausgeliefert an diese Partei.

Karlchen studiert
von Kurt Tucholsky

Pflichtfächer
Ducken, Decken, Bettenbauen
Schlucken, Lecken, Niederhauen
 
Freifächer
Saufen, Schmuggeln
harmlos Schauen
Kriminellentricks für Raub und Klauen
 
Wahlpflichtfächer
Zeitversitzen, Angst-
schweißschwitzen
Zoten in die Mauern ritzen
 
Mein Gott,
was soll aus Karlchen werden?

Da werden wieder Männer gemacht, mit denen kann man wieder Kriege gewinnen, oder verlieren, das ist das selbe.

Drei, vier, ein Lied: Peter, Steger, Grabher-Meyer... Nach der Melodie der Kaiserhymne. Es ist unzulässig, diese mit dem Deutschlandlied in Verbindung zu bringen (siehe Nachstehendes:)

Oskar am Hörer

In den Nachrichten hatte er etwas gehört. Welche Karriere, rief er, von den russischen Sümpfen auf den Heiligen Stuhl des Dritten Präsidenten im Österreichischen Nationalrat. Und was alles drinnen stehen soll. Genau, womit sich das Volk damals belustigt hat, über Göring und Goebbels. Lauter Banalitäten. Man denke: der Führer vor der Geschichte. Echt oder falsch, fragte er, worauf tippst Du?

Ich wollte nicht wetten, verlegte mich lieber auf dialektische Blendung: jedenfalls eine Fälschung der Wahrheit, und sei sie von Hitler gefälscht. Die Echtheit der Fälschung mußt Du in der Gegenwart suchen, die nach jedem Furz ihres Führers lechzt, süchtig nach seiner vom Feuer gereinigten Hand, nur hart muß sie sein.

Steno vom Günther

lm profil erscheint das beiliegende Inserat und es sollen möglichst viele Prominente unterschreiben, vor allem auch Rote und Progressive. Kannst du uns da helfen, derzeit telefoniert die liebe Aniko Dalos alleine herum. Ruf doch auch Dir geeignet erscheinende Leute an, im Dienste der guten Sache. Red’ mit Aniko, wen sie noch nicht angerufen hat, aber auf ihrer Liste haben 250 schon unterschrieben.

Das Inserat

Die Unterzeichneten sind der Überzeugung, daß die Wahl Friedrich Peters zum Dritten Präsidenten des Nationalrates oder seine Aufnahme in die Bundesregierung mit dern Ansehen Österreichs nicht vereinbar ist. Sie widerspricht den Werten, die der parlamentarischen Republik zugrunde liegen. Friedrich Peter war zwei Jahre lang Angehöriger einer SS-Kompanie, die in Rußland während des Zweiten Weltkrieges Massenmorde an wehrlosen Zivilpersonen verübt hat. Diese Zugehörigkeit allein muß ausreichen, ihm die höchsten Amter im Staate zu verschließen. Wir ersuchen den Bundespräsidenten, eine Bestellung Friedrich Peters für ein Regierungsamt zu verweigern und fordern die im Parlament vertretenen Parteien auf, von seiner Wahl zum Dritten Präsidenten des Nationalrates Abstand zu nehmen.
Diese Anzeige wurde ausschließlich von den Unterzeichneten selbst finanziert.

Begrüßung

Das kann ich nur begrüßen. Es wimmelt da förmlich von guten Sachen. Habe die Ehre, ihr Überzeugungen und Dritte Präsidenten! Hallo, Ihr Auf und Ihr An! Grüß Gott, Ihr lieben Werte der Republik! Wie kommt denn Ihr ins profil. Schämt Ihr Euch nicht, da so zugrunde zu liegen?

Und Du, gemißbrauchtes Rußland, so schinden Dich alle am liebsten: je wie sie’s brauchen; morgen richten sie ihre Pershings auf Dich. Auch Du solltest aber, ich muß es Dir sagen, ich seh’ Dich so selten, Deine Raketen schnellstens verschrotten. Sieh doch, meine blühenden Kinder!

Und Ihr Wehrlosen in Zivil, wo habt Ihr denn Eure seligen Brüder gelassen? Waren Euch die Uniformierten zu dreckig? Hat man sie Euch nicht genug gemordet? Laßt mich, gewährt mir die Bitte, Euch alle an meinen trauernden Busen drücken!

Bei verschließen rutschte ich aus, erst beim Wort finanzieren fühlte ich wieder festen Boden. Du guter vertrauter Laut. Dich versteh’ ich, und Du mich auch — Servus, mein Alter! Treiben wir’s nicht schon genug miteinander? Warum sollen ausgerechnet wir das profil? Das soll sich gefälligst selber! Was meint Günther bloß mit seiner guten Sache? Hab´ ich nicht, von ihm als Geschäftsführer gegengezeichnet, einen Vertrag mit dem FORVM-Verein? Verstößt da nicht was gegen die Treuepflicht‚ die geliebte? Na gut, ich gebe ja zu: 1977, als Harald sein Extrablatt gründen wollte, hab´ ich mich auch darüber hinweggesetzt. Aber doch nur im Dienst der guten Sache‚ weil’s gegen’s profil gehen sollte. Schade, daß es nix worden ist. Die gute halbe Crew war damals bereit, dem Lingens‚ eigentlich schon seit Mai 75, lieber gestern als morgen davonzulaufen, um ihn nie wieder anschauen zu müssen.

Schluß mit Sinnieren, befahl ich mir barsch. Robert Gernhardt, danke. Erstens ist alles vergessen, zweitens ruft meine Arbeit, mein Brot. Auch Ursula, drittens‚ braucht dringend das Futter, das Manuskript für ihren ewig kaputten Komputter.

Michael [Benedikt]

Er will wissen, wo er gegen Peter unterschreiben kann.

Bei Aniko Dalos im profil, ich geb Dir die Nummer.

Er ist enttäuscht, daß ich so desinteressiert reagiere.

Heut muß doch die erste Unterschriftenliste erschienen sein, sagte ich versöhnlich, aber die machen bestimmt ein oder zwei Hefte lang noch weiter.

Ich habs gerade durchgeblättert, sagte er, aber nichts gefunden.

Ich geb Dir die Nummer, bot ich nochmals an.

Macht das FORVM wirklich nichts?

Nichts gegen Peter‚ bestätige ich, es gibt ja so viele Peter, wenn man da gegen jeden... [Es gibt aber genausoviele Grabher — oder noch mehr? — wenn man da gegen jeden... Anmerkung des Setzers] [1]

Aber nicht jeder kommt in eine solche Position. Das macht diesen Fall so unheimlich wichtig. Der Philosoph ging mit sich durch: Symbolische Handlungen, Österreichs Reputation in der Welt und allerlei historische Perspektiven wirbelten durch den Hörer. Ich kann es nicht wiedergeben, aber ich liebte ihn dafür, daß er’s so ernst nahm. Dann fiel mir N. Gott ein. und ich sagte hart:

Schreib doch den Abgeordneten, zu Handen Heinz Fischer. Die Abgeordneten haben wir gewählt und sie wählen sich ihre Präsidenten. Sie sind Deine wahren Ansprechpartner, wenn Du nicht willst, daß sie Peter wählen.

Unterschreibst Du denn nicht, fragt er.

Ich mach keine Petition an den Bundespräsidenten, und profil les ich seit Mai 1975 nur, wenn ich muß.

Da gab er es auf.

Mein Sohn

Gleich darauf, findiger als der Philosoph. Er mußte es mir erzählen. Im profil stand nämlich was gegen den Peter, weil der soll nicht Dritter werden und man kann das unterschreiben. Ganz toll. Ist aber ganz schön teuer, zweihundertfünfzig oder dreihundert Schilling, genau wüßten es die Leute vom profil selber noch nicht. Ob ich nicht auch. Nein? Warum nicht? Achso. Du willst das profil nicht: Naja dann. Aber Du bist schon auch gegen Peter. Also dann.

Meine Kinder, dachte ich glücklich. Mit siebzehn war ich noch Nazi. Es muß doch eine Art Fortschritt geben in der Geschichte der Menschen, wenigstens in der Folge der Generationen. Wie er mir folgt. Geht hin und unterschreibt das, daß es eine Art ist, und das Telefon läutet auch schon wieder.

Alter Mann

Er hat einen Text vorbereitet, der soll publiziert werden, unterschrieben von guten Namen, um sodann seine Wirkung zu tun im ganzen Land. Ich rief ihn zurück, er sprach aufs Band:

An unsere Länder

Stegers Appell, die Vergangenheitsbewältigung sollte sich dadurch bewähren, daß die zufällig Entronnenen denjenigen, die Mordgruppen zugehört hatten, endlich nichts mehr nachtragen, ist eine zynische Mahnung an die Opfer. Das Wort Bewältigung hatte ursprünglich gemeint, daß die Schuldigen das Mitgemachte aufarbeiten. Ist sich Herr Steger darüber im Klaren, daß er durch seine Mahnung aufs Schrecklichste Werfels Wort: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld” bestätigte?

Da von einer speziellen blutigen Tat von Herrn Peter schlechthin nichts bekannt ist, sondern „nur” seine Zugehörigkeit zu einem blutigen Verband, würden wir gegen jede Verfolgung dieses Mannes auftreten. Aber ist es nötig, einem ehemals Zugehörigen die Repräsentativposition eines Dritten Nationalratspräsidenten einzuräumen? Nicht nur nicht nötig ist es, sondern das wäre ein Skandal, da Herr Peter es nicht ein einziges Mal für nötig gehalten hatte, öffentlich zu erklären, daß ihn nunmehr die furchtbaren Prinzipien und Taten jener Gruppe, der er zugehört hatte, mit Grauen erfüllen, und daß er seine damalige Zugehörigkeit aufs Tiefste bereue. Nahezu vierzig Jahre hat er für eine solche Erklärung Zeit gehabt. Wem zuliebe ist er stumm geblieben? Da er stumm geblieben ist, werden wir ihm, selbst in Gegenwart von Ausländern, gerade in deren Gegenwart Gruß und Respekt stets verweigern.

11. Mai 1983

Jetzt saß ich in der Patsche. Nun sollte ich also für ihn Unterschriften sammeln.

Ihr Text ist viel besser als der im profil, versuchte ich, ihn mittels wahrheitsgemäßer Schmeichelei abzuwehren.

Was ist im profil, wollte er wissen.

Die haben eine ausgetrocknete Erklärung publiziert, aber im gleichen Sinn, mit allerhand Unterschriften. Ich will denen nicht die Konkurrenz ansagen, da mach ich mich bloß lächerlich. Beim profil zahlt jeder, wenn auch verschieden viel. Stefan hat sie auf fünfzig bis hundert Schilling heruntergehandelt, der blonde Miho erzählt, von ihm verlangten sie volle dreihundert.

Haben Sie das bei der Hand, fragte er, und so las ich’s ihm vor:

Das Inserat

(Text wie oben)

Der alte Mann und die Mär
FORVMDIALOG

Eine Weile schwieg er‚ um zu verdauen. Dann stellte er klar: Das hat nicht den gleichen Sinn, das stößt zwar in eine ähnliche Richtung ... wer hat das denn unterschrieben? Sagen Sie mir die Namen.

Ganz gute Namen darunter, soweit ich sie kenne. Mein eigener Sohn, zum Beispiel — ich unterstelle jedem Einzelnen der Unterschreiber die beste Absicht. Allen drei- oder vierhundert Leuten.

So viele? Was? Haben Sie auch unterschrieben?

Ich verdien’ nicht so viel, sag ich, soviel kann ich gar nicht verdienen‚ daß ich fürs profil Geld ausgebe. Nicht, solange dort drinnen die Zeitbombe Lingens tickt.

Von seiner Mutter habe ich viel Gutes gehört, sagte er‚ der Sohn scheint mir etwas dubios.

Er ist Peter‚ sagte ich schnell, Friedrich Peter Michael Lingens.

Was wollen Sie damit sagen?

Anno 1975, als das Gerücht umging, die Eigentümer des profil würden den zu liberalen Lingens durch Gerd Bacher ersetzen, hat L., vielleicht um B. weit rechts zu überholen und um die Freipressung inhaftierter Terroristen durch ihre noch nicht inhaftierten Kombattanten zu verhindern, zugleich zum Schutz der Gesellschaft vor neuem Terroropfer — ganz im Sinne sozialdemokratischer Strafrechtsbestrebung, so höhnte er Broda — forderte Lingens die Wiedereinführung der Todesstrafe und ihre Vollstreckung an den Häftlingen im abgekürzten Verfahren.

Lesen Sie vor, oder ist das aus dem Gedächtnis?

Das ist eingebrannt. Er nannte das ein besseres Standrecht. Das braucht er schon‚ daß es bei ihm etwas Besseres ist. Bacher ist übrigens, zu seiner Ehre‚ entsetzt ausgewichen. Er lehnt die Todesstrafe ab, unabdinglich, seit immer.

Wenn Sie das schreiben‚ müssen Sie genau zitieren, riet der gute Alte. Ganz genau‚ geben Sie sich da nicht die kleinste Blöße.

Ich schreib’ es eh nicht, sagte ich, aber mein gebranntes Gedächtnis sagt weiter: Nachdem sich ein bissel Empörung wieder ein bissel gelegt hat, soll er seine Forderung wieder ein bissel zurückgezogen haben‚ so sagt man.

Das ist ja schrecklich, sagte der alte Mann. Die arme Frau. So einen Sohn‚ so ein Ungeheuer. Immerhin hat er zurückgezogen.

Sagt man, sagte ich. In Wirklichkeit hat er nichts zurückgezogen. Hören Sie zu, wir machen jetzt eine Lesung, aus Friedrich P.M. Lingens‚ Heft 20/1978, Glaubensbekenntnis, Erklärung und Peccavi, zu guter Letzt den guten Vorsatz:

Glaubensartikel

Ich glaube, daß die Hinrichtung von Terroristen als Mittel der Bekämpfung des Terrorismus nach wie vor weder aus moralischen noch aus rechtspolitischen Erwägungen grundsätzlich auszuschließen ist.

Was ist das?

Wenn darin ein wirksames Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus läge, wäre es anzuwenden.

Ob man dazu greift, wird vom politischen Zustand — vom Ausmaß der Gefährdung der Demokratie durch den Terror — abhängen müssen: Wenn die Anschläge geeignet sind, den demokratischen Rechtsstaat in seiner Substanz zu gefährden, dann ist es in meinen Augen zulässig, ihn auch mit dem extremsten Mittel der Hinrichtung zu verteidigen. Es liegt dann sozusagen die nächste Annäherung an einen Krieg vor — wo ja doch wohl kein Zweifel besteht, daß es moralisch und rechtlich zulässig (erforderlich) ist, den Aggressor mit Waffengewalt auszuschalten.

Beichtklage

Ich habe meine damaligen Überlegungen daher zur Unzeit angestellt: Nicht ihr prinzipieller Inhalt, wohl aber meine Einschätzung der politischen Situation war falsch. Die Baader-Meinhof-Gruppe hatte und hat in der Bundesrepublik nicht jenen Rückhalt (selbst nur bei einer Minderheit der Bevölkerung), die sie zur substantiellen Gefahr für die Demokratie machen kann.

Und so lange sie das nicht ist‚ bleibt die Einführung der Hinrichtung von Terroristen inadäquat.

Vor fünf Jahren dieses Peccavi, so schloß ich. Die gesamte Öffentlichkeit war vom Terrorismus hysterisch gelähmt. Sie hatte darauf keinerlei Antwort. Darin ist‚ wenn ich richtig sehe, der Bürgerkrieg beschlossen, gegen jene Minderheit, wenn sie sich durch die stellvertretend präventive Schlachtung nicht abhalten läßt, den Terroristen Rückhalt zu geben. Aber das hatte er wohl nicht bedacht. Ihm ging es um die Sympathisanten, das heißt jene, die Mitleid haben, mit Inhaftierten überhaupt, sogar mit Terroristen. Es gibt eine mitleidlose Gesellschaft, und er ist ihr Sprachrohr‚ ihr los’stes.

Aber deswegen ist er doch nicht das Gleiche wie Peter‚ sagte der Verehrungswürdige. Peter hat doch immerhin wirklich...

Den Unterschied habe ich mir notiert, unterbrach ich und bereute zugleich meine Ungezogenheit.

Lesen sie vor‚ forderte er. Da las ich:

Zwei Unterschiede

A: Peter war physisches Mitglied einer SS-Brigade, die physische Morde verübt hat, nach ihren Befehlen.

Nicht-A: Lingens war ideeller Befehleschreiber auf eigene Faust, der die Staaten der Welt zur Pflicht rief, Henkern Tötungsbefehle zu erteilen. Einige Staaten haben sich dieser Pflicht entzogen, aber das ist nicht Lingens’ Schuld.

Azwei: Peter ist ein alter Mann, seine Brigade ist aufgelöst, ihr Oberbefehlshaber tot. Seine Zeit ist vorbei. Nie hat sich P. von den Untaten seiner Gesellen distanziert, aber wenigstens hält er den Mund und erklärt sie nicht öffentlich für Recht. Sein Schweigen kann ich nicht bewundern, es ist ein Skandal. Aber es ist wenigstens keine Gefahr.

Nicht-Azwei: Lingens hat die eigene Untat, verübt am Papier, als eingebildeter Oberbefehlshaber der Menschheit, nie widerrufen. Er hat es sich vielmehr ausdrücklich vorbehalten, seinen Hinrichtungsauftrag, den er für moralisch und Recht hält, neuerlich zu lancieren‚ wenn die hiefür geeignete politische Situation nur erst da ist. Sein derzeitiges Schweigen ist das Ticken einer politischen Zeitbombe, Typenbezeichnung PML.

Quod erat demonstrandum.

Hören Sie auf, bat der Greis, ich bin müde. Sie müssen das publizieren, damit niemand sagen kann, er habe es nicht gewußt.

Danach werde ich wohl nicht mehr viel öffentlich sagen können, im schönen Peterland. Außerdem hat PML seinen Tick schon selbst publiziert. Es kann’s jeder wissen. Wer braucht da noch meinen hilflosen Kommentar?

Kokettieren Sie nicht mit der Opferrolle. Die Zusammenstellung ist es, belehrte er mich, die den Zusammenhang macht. Außerdem ist da eine neue Generation, schauen Sie auf die vielen jungen Gesichter in der Friedensbewegung. Ihr Text wird dann gut sein‚ wenn die Zitate stimmen, die müssen ganz genau sein. Wegen des Stils machen Sie sich keine Sorgen‚ der kommt mit den Jahren der Übung.

Einen Satz muß ich noch verlesen, bat ich, seine clausula salvatoria zum Glaubensartikel. Nach der Beichtklage oben gibt er sich ein neu’ Gebot, es ist sein

Guter Vorsatz

Wenn man sich einmal derart geirrt hat, dann soll man beim nächsten Mal doppelt vorsichtig sein.

Das ist eine vorsichtige Drohung, behaupte ich, denn ein Jahr vorher hatte er einige Ergebnisse seiner vorsichtshalber Nachforschungen in einer Titelgeschichte ausgebreitet. Er fragte sich da, wann die Gesellschaft der Todesstrafe weniger und wann sie ihr mehr zugeneigt sei. Die Hinrichtungsbereitschaft steige zum Beispiel bei sinkendem Marktwert der Menschen, u.a., wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt. Betörend rational und wertfrei wägt er das Für und Wider solcher Theoreme. Da steht er, in den Hemdsärmeln seiner moralischen Vorurteilsfreiheit und selber ganz drüber. Er deklariert sich da nicht, aber bestimmt hat ihn die ehrliche Absicht geleitet‚ jeden Irrtum über die politische Situation beim nächsten Mal zweifelsfrei auszuschließen. Wer liebt schon seine Niederlagen?

1977

Also, Sie schreiben das, befahl der alte Herr, die Arbeitslosigkeit wird steigen. Wer weiß, wie viel ein Menschenleben bald noch wert ist.

Soll ich es Notwehrüberschreitung nennen? Man wird sagen, profil macht ein Geschäft aus Peter‚ das FORVM seines mit Lingens.

Geschäft werden Sie damit keines machen, die Illusion darf ich Ihnen gleich rauben, aber könnte man nicht meinen Text wenigstens an den Bundespräsidenten schicken, unterzeichnet von einigen ausgewählten Personen?

Ich will aber weder Unterschriften gegen Peter sammeln, begehrte ich auf, noch an den Bundespräsidenten appellieren. Lassen Sie mich ein kleines Juwel erzählen. Ich habe es von einem Onkel, der am Land lebt. Er hat es

frohe Feste genannt

Bei der Eröffnung der Wiener Festwochen haben sich zwei Türken mit Transparent und lauten Rufen gegen die faschistische Diktatur in der Türkei vor die Fernsehkamera gedrängt. Sogleich hätten die heimischen Ordnungskräfte sie ergriffen, notdürftig brutal zum Schweigen gebracht und dabei halb tragend aus dem Saal geschleift. Der Bundespräsident habe darauf mit bewegter, doch fester Stimme aufgerufen zu gemeinsamer Dankbarkeit darüber, daß es in unserem schönen Land auch bei frohen Festen möglich sei, frei zu demonstrieren. Dies sei ein Hoher Wert der Republik. Das Publikum habe dem Bundespräsidenten seine Klarstellung entgegen dem Augenschein durch stehende Ovationen gedankt...

Sie sind wirklich aufgestanden? Wissen Sie das ganz sicher?

So erzählte mein Onkel vom Lande. Er hat ferngesehen. Aber vielleicht ist mir auch wieder einmal das Gedächtnis mit der Phantasie durchgegangen und dreht mir dort drüben am Waldesrand eine lange Nase. Ist das wichtig?

Nicht die Nase, sagte er.

Bitte, sagte ich wütend: ...durch Ovationen gedankt, derweil sie draußen, fügte der Erzähler nachdenkend hinzu, die armen Türken wahrscheinlich grad birnt haben. — Mit Ihren Zwischenfragen machen Sie mir meine Pretiosen ganz kaputt. Das ist eine schikanöse Pedanterie von Ihnen.

Dann kann man natürlich nicht mehr an den Bundespräsidenten appellieren, sagte der alte Mann zu meiner Erleichterung. Nennen Sie Ihren Artikel Chronik der Skandale.

Es gibt übrigens Länder‚ fuhr er fort, in denen ehemalige Mitglieder verbrecherischer Organisationen — gemäß Definition des Nürnberger Gerichtshofes — vom passiven Wahlrecht für Regierungsämter ausgeschlossen sind. Mir scheint sogar‚ schon in den Gemeinden. Sie sollten das recherchieren. In Frankreich und Holland, glaube ich, sagte er, nicht jedoch in der BRD und in Österreich. Aber sagen Sie‚ Ihr Nenning schreibt doch auch im profil...

Das geht mich nichts an, sagte ich schroff, er ist Journalist von Beruf.

Sie nicht auch?

Ich schreib nicht so gern, bin lieber gern Schwätzer.

Müssen Sie ihm ihre Artikel zeigen?

Ich zeig ihm gern, was ich für heikel halte, er hat Erfahrung.

Ist das vereinbart?

Ich hab noch nie was Längeres ins Heft geschrieben. Er sagt gern, das FORVM muß keine Rücksichten nehmen. Das stimmt zwar nicht ganz, aber ich hab eh keinen Hang zu schlüpfrigen Sachen‚ sogenannten unanständigen Wörtern und Bildern. Die Mutter von Lingens erzählt übrigens gern, hab ich gehört, sagte ich‚ ihr Sohn hätte das profil zuerst mit Ossi Bronner gemeinsam herausgegeben. Als das profil einmal irgendwas gegen irgendwelche Geldgeber schrieb, hätten diese gesagt: Entweder Ihr wollt gegen uns schreiben, oder Ihr wollt von uns finanziert werden. Da sei der junge Bronner ausgestiegen, ihr Sohn aber habe es seither alleine weitergemacht. Er sei, nicht ohne Grund, mit Bestimmtheit wisse sie das, der höchstbezahlte Journalist des Landes.

L’exécution
Duden français — Dictionnaire illustré, 1938

Lassen Sie die Mutter‚ sagte der alte Mann. Es kann ja auch sein, daß der Sohn innerlich der Linie seiner Geldgeber näher steht, als Herr Bronner.

Es mag eine dialektische Beziehung geben, räumte ich ein, zwischen den Interessen der Eigentümer und dem Interesse des Journalisten. Das kann man auch an der Kampagne gegen Peter sehen. Jahrelang hat er gegen Kreisky getobt (auch so ein Aufstand gegen einen an sich bewunderten Vater, fast wie bei Broda), jetzt ist er zwar noch ein bissel respektlos, aber doch moderat in den Worten. Mit einer Ausnahme: Wie Kreisky den Sinowatz behandle und wie der sich demütigen lasse, ohne Beispiel sei’s in den zivilisierten Ländern. Die rotblaue Koalition muß halt vom Start weg demoliert werden. Wahrscheinlich ahnt er, daß auch ein Ofner die Todesstrafe nicht wieder einführen wird. Ich halte es sogar für möglich, sagte ich in meiner Verzweiflung probeweise hoffnungsfroh, daß Ofner, gerade weil er weiß, daß alle das Gegenteil von ihm erwarten, den Strafvollzug weiter humanisieren wird. Brodas Traum von der gefängnislosen Gesellschaft ... er wird sein großes Erbe erwerben wollen, um es zu besitzen.

Spekulieren Sie nicht‚ verwies mich der Alte. Es gibt noch anderes Erbe. Er ist, der er ist. Bleiben Sie bei der Causa Lingens‚ aber lassen Sie endlich die Mutter aus dem Spiel. Wie gut kennen Sie sie eigentlich?

Gar nicht, sagte ich‚ und in der Tat kann selbst ich ihrem Sohn eine gewisse intellektuelle Behendigkeit keinesfalls absprechen. Behend wie ein Affe turnt er in dem Geäst des Baumes aller Übel, bis es ihm kraft Übelkeit seines nicht völlig schwindelfreien p.t. Publici leichtfällt, keinen Widerspruch mehr zu ernten. Ich selbst hasse schon die schiere sportliche Leistung und wünsch mir immer, daß er abstürzen soll.

Das zeigt nur Ihre eigene Bosheit, rügte der Alte schneidend, aber verstehen‚ sagte er, verstehen wird diese Metapher kein Mensch.

Ich erschrak. In der Todesstrafen-Affäre, setzte ich kleinlaut nochmals an‚ hat man Lingens ziemlich mit einem Haufen Verbalinjurien eingedeckt.

Was meinen Sie, ziemlich oder ungerecht‚ Sie sagten jetzt beides.

Sie haben recht‚ sagte ich‚ ich war wieder dumpf. Damals fand ich jedes Schimpfwort angemessen, aber ungerechterweise haben sie ihm eher genützt. Darum will ich keines wiederholen.

Das wird Ihnen auch nichts helfen, sagte er. Was hat eigentlich Nenning dazu gesagt? Den gab’s damals doch auch schon.

Lesen Sie nie profil? Ich versuchte ihn abzulenken.

Wissen Sie, sagte er würdig, in meinem Alter hat man nicht mehr die Zeit, in bunten Heftchen zu blättern.

Damals waren auch Sie noch jünger.

Hätte ich diese niedrigen Laster nicht schon als junger Mensch abgelegt, ich wäre heute schon tot. Am Leben hält mich nur meine Arbeit, und die verträgt sich nicht mit dem Schund. Ich habe Ihnen aber jetzt genug Zeit gelassen, zu überlegen, wie Sie es sagen wollen, sagte er einfühlsam. Was war mit Nenning?

Er hat ihn heiliggesprochen.

Wen?

Lingens.

Der Katholik Nenning? (Er lachte). Für Heiligsprechungen schreibt die katholische Kirche ein kompliziertes und zeitraubendes Ritual vor. Das hat den guten Grund, daß es niemand bei lebendigem Leibe erleben soll, heilig genannt zu werden.

Heiliger Vater, erinnerte ich.

Ja‚ gab er zu, aber selbst er ist, nach dem Dogma, nur unfehlbar, wenn er ex cathedra spricht. Reden Sie Klartext, was hat Nenning gesagt?

Er schrieb ihm ein väterliches „Aber, aber” ins Gewissen‚ vermutlich in der irrigen Wohlmeinung, er könne dem Jüngeren die Sache ausreden. Zuerst attestierte er ihm, er stehe über allem Verdacht, ein Nazi zu sein, alter oder neuer. Nicht ganz ernst genommen hat er ihn halt.

Das ist ja mehr als heilig‚ sagte der Alte, das katholische Ritual besteht ja gerade darin, gegen den Kandidaten der Heiligkeit jeden Verdacht zu erheben...

Heilig gesprochen wird er aber erst, warf ich ein‚ wenn alle Verdächte entkräftet wurden, von da an gilt er als uneingeschränktes Vorbild, ist über allen Verdacht erhaben, sein Leben wird zu Legende und man darf ihn nicht mehr ganz ernst nehmen.

Sie haben gewonnen, aber wie konnte Ihr Nenning das tun, der katholische Nenning?

Immer verwenden Sie das Possessivpronomen. Kein Mensch gehört wem. Die menschlichen Gründe kann ich Ihnen nur sagen, wenn Sie mir erlauben, die Mutter wieder ins Spiel zu bringen.

Aber ohne langes Geseire, Sie Anfänger, lachte er. Nicht mehr als 3 Hauptwörter, ein Prädikat und kein schmückendes Beiwort, das ist die Bedingung.

Ich will es versuchen, unterwarf ich mich verzagt seiner Regel. Lingens suchte in der Affäre gern Deckung hinter grauenerregenden Schilderungen aus der Dienstzeit seiner Mutter. Nun die erlaubten Wörter: Engel von Auschwitz und Lagerärztin.

Sehr geschickt, lobte der Alte.

Er oder ich? Ich habe kein Zeitwort verschwendet.

Ja, ja, sagte er, es klang nach Schmunzeln. Aber bleiben Sie ernst.

Das so hergestellte Grauen seiner Leser nützte er aus, um in der schwer nachahmbaren Attitüde vorurteilsloser Sachlichkeit eines mit allem Grauen der Lager Gebrühten aus seinen Schilderungen jeweils die denkmöglich scheußlichste Moral zu ziehen. So übertrumpft er noch die Erzählungen von den Greueln der Nazis, die ihm andererseits dazu dienen, sich gegen den an sich naheliegenden Faschismusverdacht zu immunisieren. Eine andere Variante dieser Technik wendet er an, um die Rechtsstaatlichkeit als Wert der Republik ad absurdum zu führen, wenn er erzählt, wie sein Großvater oder sein Onkel (so genau weiß ich’s nicht mehr) es aus Gründen der Rechtsstaatlichkeit abgelehnt hätte, als Polizeichef von Köln oder Hameln Herrn Hitler zu verhaften. Da stehen der Polizist und sein Rechtsstaat schön blöd da — schwupps ist er wieder beim Standrecht. Dessen einstimmige Tilgung aus dem Strafrecht (im außerordentlichen Verfahren bei Aufruhr) hat er ja so gut erlebt wie ich selbst, am 7.2.1968, er als Kriminalreporter, ich als Student. Wahrscheinlich ringt er seit damals mit sich und den drei Parteien.

Sehr menschlich, sagte der Alte. Nicht selten leiden unter solchen Gewaltphantasien gerade die Kinder von Opfern, wenn sie zu viel von der Gewalt hören mußten, die ihren Eltern widerfuhr. Möglicherweise ist es ein ähnlicher Defekt, hervorgerufen durch das Endlösungstrauma, das die Jungen in Israel sich so vergessen läßt. Faschismus zeugt sich, faßte der Alte zusammen, nicht selten über die Opfer fort. Wo ist denn der Sippenfreispruch von Nenning erschienen?

profil 20/1975
Doppelconference
profil 22/1975
Zu seiner Ehre

Im profil natürlich‚ als Gastkommentar, zwei Wochen nach dem Pflicht-Artikel. In der gleichen Nummer spielt Lingens wieder sein Spiel Wie nütze ich die blöde Rechtsstaatlichkeit ab, nur diesmal umgekehrt. Es ist wie ein Gedicht von Freisler‚ der seinen Henker allerdings mehr mit dem Strick arbeiten ließ. Hören Sie selbst:

Es ist das nicht die Unfähigkeit Krimineller‚ sich in eine bestehende Gesellschaft einzufügen, sondern eine Kriegserklärung an den Staat mit dem Ziel‚ ihn umzustürzen.

Und man könnte sich auf den Standpunkt stellen: in Kriegen wird geschossen.

Daß das niemand tut, liegt an der Forderung nach „Angemessenheit“. Es ist unangemessen‚ mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Und auch für Habichte braucht man Kanonen noch nicht.

Aber Gewehre.

Es scheint mir angemessen, Gewehre in Anschlag zu bringen, die am Ende eines rechtsstaatlichen Prozesses von rechtmäßig dazu bestellten Organen auf Grund rechtmäßiger Urteile auf solche Terroristen abgefeuert werden können‚ die andernfalls zu lebenslangem Kerker verurteilt worden wären.

Er definiert als Krieg, was die Terroristen trieben, denn er will, daß geschossen wird. Auch sie forderten ja‚ daß man sie als Kriegsgefangene anerkennt. Bitte, sagte er sinngemäß, das könnt Ihr haben. Kriegsgefangene werden erschossen‚ hatte er aus dem Kriegstagebuch von Peters SS-Brigade gelernt. Wenn es sich um Rotarmisten handelt. Es sind ja keine Menschen mehr‚ und es sind ja nicht Kanonen: Er zückt das Gewehr und stößt es den Habichten mitten ins Herz. Erkennen sie die Reife der Leistung?

Der Habicht ist ein sehr seltener Greifvogel, sagte er. Kein Jäger wird auf ihn ohne Verwechslung schießen.

Die Todesart war ihm an sich nicht wichtig. Die wählte er nur, um Günthers Titel zu unterlaufen. Das ist seine Art von Fairness. Die Doppelconference war nämlich aufgezogen in einer Art von sportlichem Wettkampf. Jeder wußte die beiden Titel‚ aber nicht, was der andere schrieb. Streber bei der Klassenarbeit.

Eine methodische Deformation der Meinungsvielfalt...

Das hält er für Pluralismus, nehme ich an. Um sich pluralistisch zu profilieren‚ schreibt er auch schon mal gegen sich selbst, etwa, um seinen faden Bericht über die Wahlnacht künstlich mit Spannung zu laden...

Wie diese ORF-Hochrechnerei, brummte der Greis.

Es ist mehr wie Selbstschach, erwiderte ich. Er hat keinen ernstlichen Gegner. Die Journalisten des Landes sind alle abhängig. Für sie alle ist möglich, daß er irgendwann ihr Chef wird. Es ist fast wie mit Dichand. Ganz weiche Plüschaugen bekommen sie‚ wenn von ihm die Rede ist.

Was haben Sie eigentlich für ein Verhältnis zu Nenning?

Wir haben Höhen und Tiefen erlebt.

Das ist von Nestroy. Formulieren Sie sich Ihren Nenning gefälligst selbst.

Er ist für mich vielleicht wirklich ein bissel ich selber, aber eben nicht ich, und so unterscheiden wir uns, wie sich’s gehört. Wenn ich jetzt weiterrede, werden Sie wieder sagen, ich treibe Personenkult mit seiner Person. Zeigen Sie mir einen Besseren, setzte ich herausfordernd nach.

Dann zeigen Sie ihm diesen Artikel also nicht.

Ich soll das meuchlings drucken?

Zensur gibt es überall‚ sagte er abgeklärt.

Nie, rief ich‚ nie hat er zensuriert. Nicht einmal‚ als er noch im Impressum stand, als Chefredakteur und Herausgeber. Er hat sogar ein Komitee gegründet, für Meinungsfreiheit in Kunst und Publizistik. Mein Vorgänger hier...

Die Schere im Kopf ersetzt das Arbeitsamt warf er ein.

Danke für die Belehrung, sagte ich wütend, ein matter Branchenkalauer. Sie tun meinen Vorgängern Unrecht.

1954

Ich bin, sagte er leise, aber fest und würdig‚ nur Ihr gutes Gewissen.

Ja, sagte ich heftig, und Lingens mein schlechtes, deshalb gehe ich so auf ihn los. Ich selbst bin Nenning, der nichts von was weiß — wir telefonieren gerade zu viert mit Ihnen. Sie sind das fünfte Rad am Wagen.

Hübsch winden Sie sich, um sich zu zieren. In Wahrheit wollen Sie sich berühmt machen.

Und Herrn Lingens unsterblich. In meinem Text wird er sich selbst überleben. Wenn ich den schreibe, mache ich ihn zum Affen der Weltliteratur, das Publikum steckt ihm Bananen durchs Gitter und er turnt zum Ergötzen, besonders der Kinder, auf ewig im Geäst des Baums aller Übel herum. Ich möchte aber, daß er davon heruntersteigen soll, das wäre mir noch viel lieber als der schönste Absturz.

Eine verdrehte Machtphantasie nach Karl Kraus, diesmal mühsam gebändigt. Erzählen Sie mir lieber, wie sie Ihren Artikel abfassen wollen, bevor ich unser Gespräch beende

Ich habe nicht gesagt, daß ich will. Es wäre vielleicht nur eine persönliche Rache. Warten Sie, ich habe da eine kleine Naturperlenkette, die möchte ich Ihnen gern zeigen. Das geht so:

Das Märchen vom Ende aller Seligkeit

Es war einmal ein Vorwurf, den nannten alle „Sympathisant“. Wen der traf, für den verdunkelte sich die Sonne und er fand auch des Nachts keine Ruhe. Das war damals eine Art Volkssport, den zu beherrschen selbst mittelmäßigsten Journalisten das Gefühl verschaffte, die gleiche Beliebtheit und Aufmerksamkeit zu erreichen, wie sie sonst den Sportberichtern gegönnt war. Das Wort war wie ein Netz, und wer sich darin verstrickte, der war dem Mann mit dem Dreizack hilflos ausgeliefert, wenn ihn niemand davon befreite.

Die Grenze des Landes, in dem sich das zutrug, bildete aber ein Fluß, in dem befand sich eine Insel, deren Bewohner sich gerne selig nannten, weil sie lieber einem anderen Volkssport ungeheuer huldigten, der in der Inselsprache Heuriger hieß. Auch empfanden sie füreinander so wenig Sympathie, daß sie aus purer Gemütlichkeit von selbst gar nicht auf die Idee gekommen wären, einen der ihren Sympathisant zu nennen.

Einige Inselschreiber, die mit Neid auf die Erfolge ihrer Kollegen in dem anderen Land schauten, sannen auf Abhilfe. Dabei kamen ihnen einige Insulaner zuhilfe, die auch dorthin blickten, aber mit Neid auf den Reichtum an Mitleidenskraft, der in dem Land am Ufer des Flusses so schrecklich unter Verfolgung stand.

Als die Dinge auf der Insel weit genug gediehen waren, warf Staberl das Netz des Verdachts auf mich, ich zappelte in der Verstrickung. Da hat mich Lingens mittels Unterdrückung von mindestens zwei klärenden Darstellungen (eine von mir, die andere von einem seiner eigenen Journalisten) mitleidlos unter dem Verdacht zappeln lassen. [2]

Wenn Sie, unterbrach er mich‚ auf die weitere Ausbreitung Ihres Selbstmitleids verzichten könnten, wäre ich Ihnen dankbar.

Ich war nicht alleine betroffen, verteidigte ich mich. Als die Sympi-Hetze aus war, hat er einen alten Verdacht aus dem kalten Keller des Krieges gehoben, das Wort hieß Spion, mit dem warf er aus Leibeskräften auf Rudi und Udo. Wollen Sie diese Perle lieber hören? Auch sie hat ein schlechtes Ende, die Zeit war wieder nicht reif für ihn. Der Zyklus heißt Die Zeit vor der Reife.

Vergessen Sie alle alten Sachen, schreiben Sie nur Ihre Pflicht-Geschichte.

Sie wollen meine schöne Kette nicht? Sie hat noch einige besonders kostbare Perlen. Die haben bleibenden Wert, ich muß sie nicht gerade vor Ihnen verstreuen. Was Sie von mir wollen, ist auch eine alte Geschichte. Ich habe hier so viele gute Artikel von so vielen guten Autoren liegen, die will ich nicht wieder wegen meiner Privatfehde verschieben müssen. Manche sind ohnedies schon ganz sauer.

Variante, kündigte er an: Die Schere im Kopf erspart das Rückgrat. Sie müssen einmal Ihr Verhältnis zum FORVM überprüfen.

Es ist der süße Traum von der relativen Autonomie. Auch so eine Seifenblase, die ich halt nicht gern platzen ließe. Da arbeite ich lieber gern mehr dafür, als ich Lust hab.

Anzeigen, höhnte er. Titel, Vorspann, Zwischentitel, da und dort ein P.S., Sie Pferd. Das ist das Ziel Ihrer Wirksamkeit? Schreiben Sie endlich.

Das sagt Günther auch immer. Aber er ahnt nicht. daß es zuerst diese Geschichte sein muß. Erst wenn sie erscheint, habe ich mich für weniger wichtige Dinge freigeschrieben. Das Wichtigste sind die Werte der Republik...

...die jetzt virulent geworden sind.

Ich hätte mich lieber besser vorbereitet.

Ewig hätten Sie sich immer nur vorbereitet, sagte er unbarmherzig. Bis Sie Ihr schlechtes Gewissen gewöhnt sind. Sie republikanischer Wicht. Wie werden Sie es schreiben? Machen Sie bloß nicht wieder alles kaputt mit Ihren formalen Experimenten.

Ich könnte, drohte ich, einfach unseren Tratsch wiedergeben.

Das können Sie nicht genügend genau.

Wo das Gedächtnis nicht mit der Phantasie durchgehen darf, kann ich den Text mit optischen Zitaten garnieren, ganz sparsam.

Wenn Sie mir etwas in den Mund legen, was ich nicht gesagt habe, streite ich ab, jemals mit Ihnen gesprochen zu haben.

Drohen Sie nur, sagte ich. Ich werde Sie einen alten Mann nennen, den ich verehre. Dann werden Sie nicht gefragt.

Alt bin ich. Ihre Verehrung kann ich nicht akzeptieren.

Die geht Sie nichts an, wies ich ihn zurecht. Meine Verehrung ist allein meine Sache. Mischen Sie sich da nicht ein. Der Mensch braucht Vorbilder, die er sich ohne Zynismus idealisieren kann. Das gibt ihm Wurzeln im sonst so steinigen Boden der Geschichte. Für mich sind Sie nur einer der Verteidiger des Friedens.

Der Titel ist von Marsilius. Sie haben ihn gestohlenl

Ich verleihe ihn, wem ich will. Das nehmen Sie bitte zur Kenntnis.

Am schönsten ist die Selbstzensur, sagte er. Was ist eigentlich mit Ihrem Text Offenes Österreich? Den lassen Sie nun schon zwei Hefte lang fahrlässig liegen.

Wie so vieles. Außerdem taugt er nichts. Unausgegoren. Christian hat gesagt...

Sie werden sich immer eine Ausrede wissen, Sie wollen sich nicht exponieren. Sie leiten ein Blatt. Wozu sind Sie Chefredakteur?

Chef bin ich von keinem. Das FORVM funktioniert inwendig streng anarchistisch. Jeder ist bei uns in seinem Job weitgehend autonom. Nach meinem Gefühl mache ich provisorisch das Heft, das heißt, ich schau’ halt, daß es eines gibt. Den Kommerz besorge ich schon länger.

Haben Sie mir nicht eitel erzählt, Ihr Nenning hätte mit Bezug auf Ihr Gefühl gesagt, Provisorien erwiesen sich nicht selten als besonders dauerhaft?

Dabei leite ich aber ausschließlich mich selbst, höchstens‚ aber zumindest.

Jetzt sind aber Sie in eine Falle gegangen, sagte er mit sonderbarer Betonung. Sie haben sich soeben exponiert.

Wir werden darüber nachdenken lassen, sagte ich, pflegte der alte Kaiser zu sagen, wenn ihm ein Problem zur Entscheidung vorgelegt wurde, das er nicht sogleich zu überblicken glaubte.

Denken Sie sich ein besseres Satyrspiel aus. Die Tragödie ist fertig. Die Menschen verdienen, daß ich unser telefonisches Hörspiel jetzt beende. Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut, Sie können es für den Torberg-Preis einreichen.

Der Knacks war unmißverständlich. Er mag Witz, selten Witze, nur Unernst kann er nicht leiden. Seltsam, daß er meine drôlerien so oft verzieh. Wie sollte ich unseren Ansprüchen sonst je genügen?

Nicaragua-Ausstellung
noch bis 26.6. im Wiener Messepalast — ich geh täglich

Innenpolitik von unten

Die Geschichte wimmelt, finde ich, nur nicht von Frauen. Habt Nachsicht, die Republik ist jung, also entwicklungswürdig.

Erich erzählt

Anfang oder Mitte der sechziger Jahre, am Rennweg, im sozialpolitischen Arbeitskreis von Klenner, habe Blecha gesagt: Aus’m Sinowatz müß’ma was machen. Das ist der Politiker der Zukunft.

Willst Du sagen, daß der Sinerl die Kreatur vom Charly ist?

Blödsinn, versetzte er‚ aber da kannst seh’n die Nasen vom Karl. Der Fredl war damals ein aufwärtsstrebender Gemeindepolitiker, ein kleiner.

Stammbuchgedicht

Wird der Karl mit seiner Nasen
Die des Starken Zukunft roch
Wittern‚ was da aus den Wasen
Der Geschichte stinkend kroch
 
Können unsre starken Roten
Retten Öst’reich vor Verderb
Ich will senden einen Boten
Mit der Denkschrift schmal und herb:
 
Republikanisch schöne Grüße
Schützet uns vor Polizei
Vor den Schlieferln im Gewissen
Vor den Nazis alt und neu
 
Wahrt Euch einen guten Schimmer
Sozialismus — fürchtet nix
Algier ist französisch nimmer
Freundschaft — Euer Oberschlix

Kleinkoalitionäre

Ich rief einen an. Einen lieben, nicht unbedeutenden Abgeordneten der SPÖ: Sag‚ müßt’s Ihr das wirklich, diese degoutierliche Erhöhung eines Peter? Demnächst gebt Ihr noch dem Peter M. Lingens die Chefredaktion der AZ.

Des könnt’ ma uns ja schon rein finanziell net leisten‚ sagte er‚ und bei dem anderen sollen wir warten‚ bis die ÖVP ihn wählt? Die warten nur darauf, daß sie die Blauen zur Brust nehmen können. Der Maleta hat gesagt: Ich habe im KZ gelernt, man soll niemanden hassen. Der Kollege Peter hat in 28 Jahren bewiesen, daß er ein Demokrat ist. Die Partie gibt’s dort. Der Graff ist sofort dafür‚ dem Peter sein Architektenhonorar für eine schwarz-blaue Koalition zu zahlen, notfalls im voraus, wenn wir ihn nicht wählen. Dann haben wir den Schwarzen Peter.

P.S. Adrei

Friedrich Peter hat auf die Kandidatur verzichtet. Das wird begrüßt.

Nicht-Adrei: Worauf verzichtet Herr Lingens?

Michael Graff

Generalsekretär der ÖVP, ein Springquell drastischer Bonmots — wie schön — erklärte: Die ÖVP werde Peter wohl kaum wählen, denn warum sollte sie ihm ein Architektenhonorar für die rot-blaue Koalition aussetzen.

Als Anwalt vertrat Graff das FORVM in einem Pornoprozeß, als es wegen Abdrucks von De Sade, Philosophie dans le Boudoir, beschlagnahmt und mit Aushangverbot der nächsten zwei‚ drei Nummern belegt wurde. Vor dem Verfassungsgericht errang er einen gloriosen Sieg: Das Aushangverbot wurde als verfassungswidrig aufgehoben, seither gibt’s es nicht mehr. Schade, daß er nicht Anwalt blieb. In der Sache Beschlagnahmeantrag der FPÖ hätte ihn das FORVM gerne wieder konsultiert.

Denn wenn auch die ÖVP zwecks Beteiligung an der Regierung nach allen Seiten, auch in Richtung Peter offen war, so hätte andererseits ihre bessere Hälfte Grabher-Meyers Ausländerabtreibung gewiß nicht gedeckt. Die ÖVP ist rechts, aber sie hätte den Grabher-Meyer höchstens zu entschuldigen versucht mit dem Hinweis auf Alkohol in der Parlaments-Milchbar. Busek hat sogar, fast zugleich mit Heinz Fischer, öffentlich gegen die Ausländer-Raus-Bewegung Stellung genommen — damit hat die ÖVP, im Unterschied zu Steger, auf deren Wähler verzichtet.

Trotz gelegentlich heftiger Anwandlungen von Thatcherismus bei Mock und Konsorten (es gibt, diesmal zum Glück, die Sozialpartner-Zügel) ist es daher nicht so sicher, daß eine große Koalition schlechter wäre.

Graffs geflügelte Worte — um ihn nicht mundtot zu loben — sind besonders sympathisch drollig, wenn auch manchmal sympathisch drollig geflügelt.

Datenschutz

Für 50 oder 60 Schilling pro Stunde, erzählt eine Dame‚ hätten Frauen zwischen sechzehn und sechzig nach Computerlisten vorsortierte Wechselwähler angerufen. Sitzend in Lokalen der Wiener ÖVP, unter dem Vorwand der Meinungsbefragung und nach vorbereiteten Fragebogen habe sie selbst, oft in mehr als halbstündigen Telefonaten, die Wahlincentives der ÖVP in Erinnerung gebracht. Busek-Wahlwerbung à la Vermögensberater. Bei Kreiskys Rücktrittserklärung — die Menschen stecken voller Widersprüche — habe sie die Nerven verloren und sei in Tränen ausgebrochen. Sie habe aber das Geld doch wirklich gebraucht.

Ich beruhigte sie mit N. Gott’s Worten: dem alten Herrn seien einige Jahre des Ruhestandsgenusses doch von Herzen zu gönnen. Gewiß, die Niederlage sei nicht so schön für ihn, aber das betreffe doch mehr die sportliche Seite als die Politik, und Sport sei schließlich nicht alles.

Werner Vogt

So oberflächlich werde man einer Erscheinung wie Kreisky nicht gerecht, der sei schon ein anderes Kaliber. So leicht derfst Dir’s nit mochn, rügte Werner, als er seinen Beitrag über die Zukunft der Alternativen Liste aufs nächste Heft verschob, weil er fürs profil schnell einen Nachruf auf Kreisky schreiben mußte.

Immer die bunten Hefteln.

Jaja, sagte ich ohne Harm, die Hälfte der 3 oder 4 % Kreisky-Wähler hat der Alte schon vor der Wahl verloren, den Rest vertreibt er noch schnell vor seinem Abtritt. Mit dem ehernen Beistand ihrer Stammwählerschaft wird die SPÖ zwölf weitere gute Jahre mit den Blauen regieren. Denn, setze ich fort, Steger — Selbstdefinition: kein Verkehrtgewickelter — wird nicht zu Mock & Graff oder zu deren logischen Nachfolgern unter die Decke kriechen. Zwischen den Bürgerparteien gibt’s einfach zu wenig Unterschiede. Genscher kann zu Strauß das liberale Kontrastprogramm spielen, siehe DDR. Was soll der Steger markieren? Sein national-„liberales“ Programm eignet sich zum Kontrast stets nur als weitaus rechter. Wenn einmal etwas anders klingt, dann konterkariert ihn sein Goldjunge Grabher. Da stellt sich der Steger dann immer voll hinter. Und rechts ist die ÖVP selber genug. Koaliert Steger mit ihr, saugt sie ihn auf. In der rot-blauen Koalition, glaubt er: er gewinnt die kleinen Industriellen, mit der Zeit vielleicht die großen dazu; die Bierbrauer jedenfalls, die Autoverkäufer ganz leicht und detto die übrigen Greissler.

Natürlich hätte Steger an der Stelle des Sinowatz lieber den Hannes gehabt. Andererseits wär ihm der schon wieder zu wenig Kontrast. Nicht wegen der Nationalen, aber die Konkurrenz müßte er fürchten um die Gunst der Wirtschaft.

Zu Kreisky zurück

Noch einmal zwingt ER mittels Rücktritts der Partei ihren Willen auf‚ den Nachfolger entlastend vom Makel, diese Koalition gezimmert zu haben. Das ist Größe im Dienen.
Ganz falsch, finde ich, lag das linke Flügelchen mit dem Ansinnen, die SPÖ solle die Oppositionsbank wählen, die Niederlage analysieren, sich regenerieren und, wie weiland Kreisky, vier Jahre später glorios die Alleinregierung wieder erringen. Nie hätte ich vorgeschlagen — ein Blick auf Kohl genügt — Mock und Steger die Republik zu überlassen, auch nicht für vier kurze Jahre.

Mein Gesprächspartner wandte sich nun angewidert ab. Politisch, rief ich ihm nach, politisch ist der eigentliche Verlierer Busek‚ der Vermögensberater. Die jungen Stimmen hat ihm alle unser Cap abgejagt, im Verein mit Steyrer und Schieder — ihnen müssen wir gratulieren.

Kurt Steyrer

Unerreichbar, wegen Regierungsbildung.

Peter Schieder

Ebenso, wegen Stadtsenat.

Josef Cap

Ein Zufallstreffen. Zwischen Autotür und Angel fragt er sieghaft:

Wird’s der Peter oder wird er’s nicht? Was meinst DU? Ich werd eam net wähl’n (das wird er gleichentags noch öffentlich wiederholen). Ich glaub, er wird’s. Den lassen’s net fallen; Aber i geh deswegen net aus der SPÖ ausse.

Wieso solltest, frage ich erstaunt, und erschrocken: Laß dich bloß nicht kendöllisieren.

Kendöl

Sein Vorname ist mir entfallen. Als Vorsitzender des mächtigen Katholischen Familienverbandes Österreichs war er in allen Medien präsent, das FORVM ausgenommen. Nach einem Hungerstreik gegen die Familienpolitik der Regierung Kreisky (vor höchstens zwei Jahren) gründete er, wegen mangelnder Unterstützung durch die ÖVP, eine eigene Partei. Zu diesem Behuf legte er den Vorsitz seines Verbandes nieder. Seither ist er in Österreich unbekannt, außer im FORVM.

Wiederaufbau

Aber mit dieser Koalition demontiert sich doch die SPÖ selber, ereifert sich ein lieber Alternativer.

Ach was, sage ich, schau Dir die Liste der Unterschreiber an. Intellektuelle, Künstler‚ Medienmenschen, lauter solche wie wir. Davon gibt es vielleicht vier Prozent, wenn’s hochkommt. Für den Nationalrat wählen die garnicht, dann haben sie einen Knick in der Pupille. Oder sie wählen rosa‚ weil sie von den Schwarzen nichts zu erwarten haben, als Schwierigkeiten für die eigene Produktion und deren Vermarktung. Glaubst Du vielleicht, die ÖVP entdeckt jetzt die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft und die Schönheit freier Worte und Menschen?

Dann wählen sie eben alternativ, sagte er.

Höchstens in großen Gemeinden und Wiener Bezirken — aber Hallo! was hast eigentlich Du gegen die Alternativen? Seit wann?

Die werden sich mit den Grünen zusammentun, meinte er betrübt‚ und dann sind sie hin. Die SPÖ bringt sich um, beharrte er eigensinnig‚ wie in der BRD.

Ach was (auch ich kann beharren:) keine Nato, keine Nachrüstung, kein Brandt und kein Radikalenerlaß. Sinowatz ist ja kein Schmidt. Er wird seinen Cap gut behandeln und der wieder wird die Grünen zur SPÖ zurück in Sicherheit bringen.

Und wenn Androsch kommt? Wenn die nächste Wahl womöglich noch schlechter ausgeht?

Dann wird Cap Minister für Abrüstung und Alternative Produkte. Androsch ist neuerdings mit H.C. Artmann befreundet, der zeigt ihm den Weg zurück nach Nantucket. Außerdem ist er gar nimmer gut auf Steger zu sprechen, seit der mit Kreisky packelt. Überhaupt würde der Hannes die kleine Koalition in die Luft sprengen, die ÖVP spalten und in die kleine Opposition jagen.

Was wird dann bloß aus Sinowatz?

Bundespräsident, sagte ich beruhigend. Endlich ein Bundespräsident, an den man wieder appellieren kann.

[1Lieber Setzer, die Peter sind als solche erkannt, während die Grabher-Meyer für liberal gehalten werden und sich für liberal halten. Mangels Interesse und historischer Bildung verstehen sie nicht, warum Ausländerdiskriminierung faschistisch ist wie jede andere Menschenverachtung. Die Strafanzeige gegen G.-M. verfolgte auch einen Bildungszweck — deshalb... G.O.

[2Damals verwirrte ich Staberl mit Telegrammen, er ließ Dichand bei Nenning intervenieren. Ergebnis: Gegenseitiger Nichterwähnungspakt

FORVM des FORVMs

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1983
No. 354/355, Seite 32
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick: Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

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