FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 361/363
Günther Anders

Der Tatort

I.

Am 12. Februar 1984 sind österreichische Rekruten vor dem Gemeindehaus »Karl Marx-Hof« vereidigt worden. Das bescheidene Pfeifkonzert, das sich während dieser Zeremonie erhoben hat, ist nicht etwa nur berechtigt gewesen, sondern, wie chaotenhaft das auch klingen mag, viel zu brav. Denn die Vereidigung der Jungmänner ausgerechnet an demjenigen Platze, an demjenigen Tatort zu zelebrieren, an dem fünfzig Jahre zuvor deren Großväter in die Wohnungen der Arbeiterfamilien mit Artillerie hineingeschossen hatten (gewiß hineinzuschießen gezwungen worden waren), das stellt eine moralische Abgeschmacktheit und eine Provokation sondergleichen dar. Daher ist es durchaus begreiflich und entschuldbar, daß einige Enkel der damals verbluteten Artillerieopfer die Tatsache, daß die Zeremonie gerade auf diesem Blutplatze stattfinden mußte, als eine Warnung des Bundesheeres mißverstanden haben; als eine Warnung, die, in Worte übersetzt, gelautet haben würde: „Sozialistische Arbeiter und Arbeiterinnen! Alte und Kinder! Wir sind noch immer oder schon wieder da und bereit, das, was unsere Großväter den euren vor fünfzig Jahren angetan hatten, heute euch anzutun: nämlich mit Artillerie in eure Wohnungen hineinzuschießen!“

Nun, ausgesprochen oder auch nur gemeint haben das die Rekruten zwar ganz gewiß nicht, da ja nicht sie es gewesen sind, die diesen Platz für ihre Vereidigung ausgewählt hatten, auswählen hatten können. Aber gegen den Eindruck, daß die Veranstaltung eine solche Warnung beinhalte, konnten sie natürlich nichts tun. Und aus diesem Grunde hat sich das Pfeifkonzert ereignet.

II.

Nun kursiert hier in Wien das Gerücht, es seien die Bewohner des sozialistischen Gemeindehauses selbst, oder auch Mitglieder des Verbandes antifaschistischer Widerstandskämpfer gewesen, die den austrofaschistischen Tatort von 1934 als den idealen Platz für die Vereidigung der Jungmänner auf die Demokratie von 1984 selbst vorgeschlagen, sogar ausdrücklich erbeten hätten. Dieses, ich weiß nicht von wem erfundene und ausgestreute, Gerücht stellt eine zweite Beleidigung dar. Denn so dumm, so zynisch und so würdelos kann kein Sprecher einer Arbeiterschaft oder einer antifaschistischen Widerstandsgruppe gewesen sein. Wer hat dieses beleidigende Gerücht ausgestreut?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1984
No. 361/363, Seite 24
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