FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
N. B. Azizi

Der Schah & die Familien

Eine Wienerin erlebt die Revolution in Teheran

Eigentlich bin ich Malerin, so daß Schreiben nicht in meinen Arbeitsbereich fällt, aber ich möchte trotzdem meine Version (die sicher nicht objektiv ist) über die Ereignisse im Iran zur Diskussion stellen. Ich war vor ungefähr zehn Jahren das erste Mal auf Familienbesuch dort (mein Vater ist Perser, meine Mutter Wienerin) und dann erst wieder Anfang November 1977. Damals wollte ich drei Wochen bleiben, aus denen aber etwas mehr als drei Monate wurden. Mitte Mai 1978 bin ich dann wieder hinunter und seit Ende November 1978 bin ich zurück in Wien.

Mein Blickwinkel: ich wohnte in Teheran (Amirieh/Gomrok) bei einer sehr frommen Tante. Ich kann nicht Persisch (als der Sprachkurs gesperrt wurde und auch die Galerien zumachten, bin ich wieder zurück), so daß ich, was Nachrichten anlangt, auf den englischsprachigen (persischen) Fernseh- und Radiosender sowie auf die fremdsprachigen Zeitungen (zwei täglich in Englisch, eine täglich in Französisch, eine wöchentlich in Deutsch) angewiesen war.

Pro-Khomeini-Demonstration der Mudschahedin auf dem Dorf

Putsch & Gegenputsch der Fürsten

Vermutlich sind 1946, als die „Aserbaidschanische Republik“ — ein halbes Jahr nach ihrer Gründung — von Resa Schah zerschlagen wurde, diejenigen „Fürsten“, die es überlebten und so bekannt waren, daß sie nicht untertauchen konnten, ins ausländische Exil gegangen. Ich nehme an, daß die meisten ihre Söhne ins Ausland schickten, damit man sie nicht mit ihnen erpressen konnte. Offenbar haben die Überlebenden von Täbris dann einige Zeit gebraucht, sich neu zu organisieren, so daß sie erst um 1950 mit Mossadegh wiederum versuchten, die Pahlewis auszuschalten.

Nach dem Gegenputsch 1953 (damals konnte die Weltwirtschaft noch ohne das persische Öl auskommen) wurde die Führungsschicht wieder ins Exil gezwungen.
Die Anführer der Opposition waren zumindest in der Zeit von 1953 bis 1957, als in Teheran und den anderen großen Städten Irans der Ausnahmezustand galt, mit ihren Familien im Ausland. Vermutlich organisierte sich die Opposition damals zum erstenmal im Ausland, um das „Kolonialregime“ von außen her aufzubrechen. Daraufhin wurde, nach einer Umorganisation der Savak, ein Studierverbot für Deutschland erlassen. Das heißt, es wurde ein Termin festgesetzt, bis zu dem jeder iranische Student sein Studium in Deutschland beendet heben mußte — wenn er nicht als regimefeindlich gelten wollte ...

So waren viele gezwungen, ihre Studien anderswo fortzusetzen. Ein Zeugnis einer amerikanischen Hochschule galt als besonders effektive Wiedergutmachung für den Aufenthalt in Deutschland. Wahrscheinlich beruhte das persische „Akademikerdefizit“ zum Gutteil darauf, daß die Aktiveren nicht mehr zurück konnten, weil jeder Absolvent einer ausländischen Hochschule vor oder nach seiner Heimreise durch eine Savak-Schleuse mußte.

Die Pahlewis nützten die Tatsache, daß die persische Führungsschicht einerseits durch das Exil offenbar nicht mehr in unmittelbarer Verbindung mit dem Volk stand und sich andererseits noch nicht von den letzten Unruhen erholt hatte, um 1961 die „Weiße Revolution“ zu inszenieren, die letztlich auf eine Enteignung der Fürsten hinauslief. Damit hofften sie, die Sympathien der armen Bevölkerung zu gewinnen.

In dieser Zeit kam es wiederum zu Unruhen, die bis 1963 andauerten und in deren Verlauf unter anderen Khomeini zunächst inhaftiert und dann abgeschoben wurde. Da die Landreform einen massiven finanziellen Schaden für die „oppositionellen Fürsten“ mit sich brachte, brauchten sie diesmal länger, um sich wieder zu sammeln.

Demonstrieren & trauern im 40-Tage-Rhythmus

lm Februar 1978 erschien in einer großen persischen Tageszeitung, angeblich auf Weisung des Informationsministeriums, ein Artikel, der den 1963 exilierten Geistlichen Khomeini irgendwie „schmähte“ ... was wieder Priester in Täbris zum Anlaß nahmen, während einer Trauerfeier zum Widerstand gegen ein Regime aufzurufen, das seine geistlichen Würdenträger nicht nur ins ausländische Exil drängte, sondern auch noch „beschimpf‘te“ (bis dahin war es lebensgefährlich gewesen, den Namen Khomeinis sowie die Namen oppositioneller Schriftsteller zu nennen). Womit die Priester immerhin erreichten, daß die Leute von der Predigt weg auf die Straße gingen.

Damit nahm der „Vierzigtagerhythmus“ seinen Anfang. Das bedeutet: Man betrauert einen Toten ungefähr einen Monat lang durch Einschränken „aller Lebensfunktionen“ und trifft sich am 39. Tag nach seinem Tode noch einmal zu einer ähnlich großen Trauerfeier wie das Begräbnis selbst. Da „etliche“ Leute denselben Todestag hatten, gab es auch etliche Trauerfeiern am gleichen „Vorabend zum 40. Tag”. Weil die Regierung aber jedesmal wieder in diese Kundgebungen schießen ließ, entstand dieser permanente Rhythmus. Vielleicht war auch deshalb nie ganz klar, wann der nächste große Trauertag sein würde, weil manche nicht auf der Stelle ihren Verletzungen erlegen sind. Vermutlich hat so das allgemeine Chaos seinen Anfang genommen.

Ungefähr im Juni 1978 haben die Geistlichen aufgerufen, es nicht mehr darauf anzulegen, „Märtyrer“ zu machen, so daß der Vierzigtagerhythmus der Kundgebungen zum Stillstand kam.

Der Schah „verfällt“

Ungefähr zu dieser Zeit verschwand Seine Majestät von den Titelseiten. Die Erklärung, die dafür im Norden Teherans gegeben wurde, lautete: Schlaganfall ... Im Süden wurde gemunkelt: der Schah-Neffe hätte seinen zwei Jahre vorher „verunfallten“ Vater rächen wollen. Der Schah wäre aber mit einem Bauchschuß davongekommen. In der Folge kam es zu ungewöhnlich freien Fernsehinterviews, in denen der Herrscher seine volle Einsatzfähigkeit beweisen wollte. Der arme Mann konnte nur schwer Haltung bewahren und sprach so wie jemand, der zumindest an Atemnot leidet. Später wurde zwar sein Gesicht geliftet, aber der Ton der Interviews war irgendwie nicht mehr synchron mit dem Bild, sein Sprechtempo war irgendwie reduziert. Man bekam den Eindruck, daß er nicht mehr voll Herr der Lage war.

Da gab es zum Beispiel eine direkt übertragene „Pressekonferenz“, bei der er gestützt zu seinem Sitz geleitet wurde, und während der es einen Augenblick so aussah, als ob er im nächsten zusammenbrechen würde. Die Wiederholung in den Abendnachrichten zeigte nur mehr Aufnahmen einer günstiger aufgestellten Kamera ...

Neuerlichen Anlaß für Unmut der Bevölkerung gab es, als ein sehr beliebter Priester einen tödlichen Autounfall hatte. (Dieser wurde angeblich von einem Jugendlichen mit gleichem Familiennamen verursacht ...). Man hat ihn in einer von ihm selbst gestifteten Gebetshalle aufgebahrt, wodurch eine „Menschenansammlung“ und in der Folge ein gewisses Verkehrschaos zustande kam, so daß die Polizei letztlich „gezwungen“ war, die Aufbahrung zu verbieten.

Fasten, brennen, beten

Dann brannte in Abadan ein mit 600 Leuten besetztes Kino ab, in dem gerade ein Film über das Leben der Hirsche gezeigt wurde. Alle starben. Einerseits hieß es, der Kinobesitzer hätte aus Furcht vor Terroristen das Kino versperrt, aber „Moslem-Marxisten„(der damalige Sündenbock: mit diesem Ausdruck wurden religiöse und linke Opposition auf eine gemeinsame Formel gebracht) hätten eine Bombe eingeschmuggelt. Andererseits hieß es,“Terroristen" wären vor der Polizei in das Kino geflohen, und um sie nicht entkommen zu lassen, wäre es angezündet worden. Schon am darauffolgenden Tag wurde in den Nachrichten durchgegeben, daß die Täter gefaßt seien. Einen Monat später soll man im Irak wiederum Täter gefaßt haben. Somit waren die Medien beschäftigt, und die Teilnehmerzahl an den staatlich organisierten Protestdemonstrationen war ganz beachtlich. Nun wurden quer durchs Land die Ayatollahs gebeten, im Fernsehen zu diesen Verbrechen Stellung zu nehmen; irgendwie schienen die Priester nicht alle von der Unbeteiligtheit der Savak überzeugt zu sein.

Der unmittelbare „Vorwand“ für den Kinobrand (wer auch immer dafür verantwortlich gewesen sein mag) war der Fastenmonat Ramadan, in dem nicht nur gefastet, sondern auch allen weltlichen Vergnügungen entsagt werden soll. Täglich finden in dieser Zeit Koranlesungen und Predigten in den Bethäusern statt (deswegen wäre es nicht früher möglich gewesen, den Ausnahmezustand mit dem allgemeinen Versammlungsverbot zu verhängen). Ungefähr zehn Tage lang blieben in Abadan die Geschäfte geschlossen. Die ganze Stadt „randalierte“. Aus jeder Familie war zumindest einer bei dem Brand umgekommen. Aber die Regierung schickte niemanden, um an Ort und Stelle einzugreifen.

Dann streuten „findige“ Polizisten in Teheran, um „ein Verkehrschaos zu verhindern“, Sägespäne zwischen die Ausgänge einer Moschee und die abgestellten Fahrzeuge, die sie dann anzündeten. Mit gezielten Schüssen steuerten sie den Menschenstrom nach dem Ende der Gebete.

Um am letzten Tag der Fastenzeit (dem ’Eid Fetr) nach den größten Gemeinschaftsgebeten des Ramadan nicht beim Verlassen der Moscheen wieder wie die Hasen abgeschossen zu werden, beteten die Leute in den Straßen. Angeblich waren es zwei Millionen in Teheran. Zum Entsetzen der Reichen kamen auch im sauberen Norden Teherans die Armen aus den Slums heraus. Danach riefen die Geistlichen zu einem Kundgebungsstopp auf, um der neuen Regierung „eine Chance“ zu geben.

Volk steht auf, die Reichen fliehen

Das Volk hatte aber offenbar keine Lust mehr zu warten: am nächsten Tag gingen angeblich vier Millionen durch die Hauptstadt. Etliche Transparente waren aus Entgegenkommen gegenüber den Ausländern auf englisch geschrieben; sie verlangten einen Regimewechsel und die Rückkehr der im Exil Lebenden — Khomeinis Name stand als Symbol für die Verbannten. Daraufhin sahen sich die Machthaber gezwungen, den Ausnahmezustand über Teheran und die größten Städte des Landes zu verhängen. In Isfahan und Schiras war das schon vor dem Ramadan geschehen. Am nächsten Tag, dem 8. September 1978, bewegte sich ein Demonstrationszug in Richtung Parlament, wo er von Panzern und Maschinengewehrsalven empfangen wurde; damit vor allem die Frauen in den hinteren Reihen nicht leer ausgingen, wurde auch von Hubschraubern aus geschossen. Das war der „Schwarze Freitag”, diese Demonstration wurde nicht mehr im Fernsehen gezeigt, auch keine Luftaufnahmen.

Danach blieben der Basar und die meisten Geschäfte geschlossen. Alle waren über das Gemetzel entsetzt. Nach diesem Freitag verließen etliche Prominente, die sich für ein hartes Durchgreifen gegen die Demonstranten ausgesprochen hatten, das Land. Die Ausreisewelle der Reichen hatte mit der Schließung der Spielkasinos und Nachtklubs eingesetzt.

Das Parlament reagierte diesmal prompt: Die Proteste etlicher Parlamentarier gegen den Schießbefehl sowie die Rechtfertigungsreden der Regierung Emami wurden sogar in Rundfunk und Fernsehen übertragen. Die Spitäler waren mit Sterbenden überfüllt. Offiziell gab es an die 100 Tote, die Regimegegner behaupteten zwischen 2.000 und 3.000. Genau konnte das deswegen nicht festgestellt werden, weil die Familien der Verstorbenen Repressalien fürchteten.

Die Zeitungen, die der Regierung Emami durch einen Streik so gut wie völlige Pressefreiheit abgerungen hatten, gaben eine Trauernummer heraus. Der Militärgouverneur von Teheran versuchte in der Folge, innerhalb der Druckereien mit Waffengewait eine gewisse Zensur auszuüben. Der Schah entschied den Machtkampf zwischen der Zivil- und der Militärregierung Teherans, nach der Androhung und teilweisen Durchführung eines neuerlichen Zeitungsstreiks, zugunsten der „regulären“ zivilen Regierung.

Das Erdbeben von Tabas — die Stadt wurde fast völlig zerstört — gab den Kaiserlichen wieder einen gewissen Auftrieb: Nun trugen alle Trauer, so daß dieses Protestzeichen der Opposition entschärft war.

Öl als Hebel

Khomeini war im Irak wegen seiner politischen Aktivitäten in seiner persönlichen Freiheit eingeschränkt worden, so daß er nach Paris übersiedelte. Ungefähr ab diesem Zeitpunkt konnte man im Iran seine Reden über BBC hören. Auf diesem Weg kamen nun Anweisungen bis hin zu Details wie Stromausfällen. Eine Gegendrohung der Savak war zum Beispiel, daß sie das Wasser verseuchen würde. Der zweite auf diesem Weg vorbereitete Generalstreik wurde schon zu 90 Prozent befolgt. Mit Semesterbeginn war die Universität wieder ein Zentrum von Protestkundgebungen geworden, trotz Versammlungsverbot.

Der Ayatollah hatte gegen den Alkohol gepredigt, und so kam es, daß an einem Sonntag in ganz Teheran die Geschäfte und Lokale, die Alkohol verkauften (zum Beispiel in den Hotels), vom „Mob“ in Brand gesteckt wurden. Man ging auch gezielt gegen einige Auslandsvertretungen vor: die britische brannte, während die US-Botschaft unter massivem Militärschutz stand. Auch etliche Kinos in der oberen Hälfte der Stadt brannten. Die Ausländer wurden von Panik befallen und begannen das Land zu verlassen, was ja vermutlich die Absicht gewesen war.

Ich selbst fuhr, weil mein Visum auslief, zwei Wochen vor Aschura weg — dem traditionellen Umzugstag, an dem junge Männer sich selbst geißelnd durch die Straßen ziehen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
No. 307/308, Seite 33
Autor/inn/en:

N. B. Azizi:

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