FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 481-484
Werner Dutz

Der österreichische Heimatbegriff und die EU-Debatte

W. D., Pathologe und ehemaliges SPÖ-Mitglied, schrieb dies als Kommentar zu Manfred Lang, »Die Heimat«, Zukunft 2/94

60 Jahre nach der vermeintlichen Zerstörung der Sozialdemokratie durch den Ständestaat stellt Manfred Lang, der geschäftsführende Chefredakteur der Zukunft die Frage, ob der Begriff »Heimat« außer Enge noch etwas zu bieten habe. Diese Frage ist gerade deswegen 60 Jahre nach dem Bürgerkrieg berechtigt, weil das Rote Wien von 1919-1934 vielen Menschen eine kulturelle Identität gab, die ihnen in der Periode des Faschismus in innerer und äußerer Emigration Heimat war und geblieben ist. Rosa Jochmann war die letzte prominente Repräsentantin, die gerade für diese Heimat gelitten hatte, sie verkörperte und nie in Frage stellte.

Österreicher haben nicht einen, sondern viele individuell verschiedene Begriffe der Heimat. Diese sind durch eine uns eigene chronische Minderwertigkeitsneurose stigmatisiert. Manfred Lang unterstreicht diese Phänomen dadurch, daß er den Heimatbegriff der »ÖVP Österreicher« in Frage stellt. Durch seine Ablehnung einer »engen« Auslegung dieser »schwarzen« Facette der österreichischen Kultur untermauert er genau so unbeabsichtigt wie indirekt, quasi im Vorübergehen, die Berechtigung des deutschnationalen Heimatbegriffs, der Österreich als Mißgeburt negiert.

Man lernt den Stellenwert eines Konzepts erst kennen, wenn man es von außen betrachtet. Als Österreicher, der aus freiem Willen 28 Jahre eine akademische Karriere in 3 Kontinenten durchlief, wurde mir der Wert meiner österreichischen Identität bewußt. Sie ergibt sich aus der Erziehung, dem politischen und kulturellen System und den kollektiven Erfahrungen, die das Leben in einem Spannungsfeld mit sich bringt und unsere geistige Entwicklung für immer zeichnet. Das Bewußtsein dieser kulturellen Heimat war die befruchtende Grundlage, aus der man im Ausland erfolgreich schöpfen und wirken konnte ohne die Identität zu verlieren. Es waren nur die intellektuell entwurzelten deutschnationalen Österreicher, die sich in die jeweils andere Kultur voll assimilierten, da sie kulturell und ideologisch nichts Eigenständiges beizutragen hatten.

Die ideologische Entleerung hat, genau so wie der ideologisch entwurzelte Populismus des Fernsehzeitalters, vielen Mitgliedern der SPÖ ihre Heimat zerstört und führt zu einem andauernden Schwund an überzeugten, »gestandenen« Wählern. Die Ideologielosigkeit der taktisch um die »Mitte« streitenden Koalitionspartner öffnet, durch den damit verbundenen Mangel an Zugehörigkeitsgefühl, verschiedensten Kulten (Kult im Unterschied zu Kultur) Tür und Tor. Der Rechtsradikalismus mit seinen unbedingten Gehorsamsansprüchen bietet auch eine Heimat für Entwurzelte.

Eine politische Bewegung kann nicht nur vom Hinweis leben, daß die »andern« noch inkompetenter sind, oder von einem attraktiven Spitzenkandidaten abhängen. Ideologischer Heimatverlust führt zu Selbsthaß, Selbstaufgabe und der von Manfred Lang angesprochenen intellektuellen und kulturellen Enge und Kälte, die den nationalen Selbstmord als attraktive Alternative erscheinen lassen. Der »A. Mock«-Lauf bei den Europaverhandlungen ist das Symptom des Psychodramas eines Mannes, dessen Ambition, Bundeskanzler zu werden, nicht in Erfüllung ging und der aus Gesundheitsgründen in Eile ist. Er fühlt sich in einem sozialistisch dominierten Staat heimatlos und sucht als vom CV geprägter Mensch das christlichdemokratische Heil in einer Flucht in die antisozialistische Mehrheit in »Europa«. Für heimatlos gewordene Österreicher aller Schattierungen gilt anscheinend: »Wenn mein Kalbl hin ist, soll meine Kuh auch hin sein!«

Die verhängisvolle Entgleisung in Jugoslawien begann mit dem von Mock forcierten Neutralitätsbruch mit der vorschnellen Anerkennung eines kroatischen Staates, ohne vorher den Konsens der dort lebenden serbischen Minderheiten erzielt zu haben. Man nahm die Gefahr des politischen Anschlusses an den Ustaschafaschismus als das kleinere Übel hin. Dadurch wurde der Glaubwürdigkeit Österreichs unermeßlicher Schaden zugefügt. Die immerwährende Neutralität wurde in einer Zeit negiert, in der der Ost-West Konflikt ungelöst ist. Der Krieg in Jugoslawien, im Spannungsfeld der widersprechenden traditionellen Interessen Rußlands, des Westens und der islamischen Welt, war durch die von Mock mitgetragene Politik vorgezeichnet.

Als weiterer logischer Schritt auf einem verhängnisvollen Weg wird jetzt die Einverleibung Österreichs in den EU-Militärblock unter dem Vorwand betrieben, wegen des anhaltenden Ost-West Konflikts und der Lage in Jugoslawien unsere Sicherheit schützen zu müssen. Mocks Schlagwort lautet: »Die Grenze der Ukraine ist nur 400km von Wien entfernt«. Das ist ein Echo des immerwährenden Wahlschlagers der »roten Gefahr!«. Statt als Neutrale mit allen Konfliktparteien vermittelnd verhandeln zu können, werden wir in die Konflikte aller Partner der EU hineingezogen, ob wir es wollen oder nicht. Unsere Soldaten werden wieder einmal sterben dürfen, wo und wie die anderen befehlen.

Diese Politik erfolgte mit der Unterstützung des deutschen Außenministers Genscher, der mit der Einverleibung Ostdeutschlands den europäischen Einigungsprozeß ad absurdum führte. Durch »Kapitalisierung« der Staatsindustrie (ehemals hieß es »Arisierung der judo-bolschewistischen Unternehmungen«) wurden die Ostdeutschen zu Bürgern zweiter Klasse.

Völker ändern ihren Charakter nicht. Die Mehrheit der Deutschen betrachtet Österreich als einen integralen Teil des deutschen Reiches, der 1945 von den Allierten abgetrennt wurde und jetzt durch einen unauflösbaren EU-Beitritt wieder heimgeführt werden soll. Der Abschnitt über die immerwährende Neutralität nach Muster der Schweiz und das Anschlußverbot im Staatsvertrag stören diese Entwicklung und werden von den österreichischen Unterhändlern, leider aber auch vom Bundespräsidenten, negiert. Kanzler Kohl hat bereits versprochen, »den Österreichern einen Maßanzug zu schneidern«, ein Echo des berüchtigten Ausspruchs aus 1938: »Wien ist eine Perle, der ich die ihr angemessene Fassung geben werde!« (Jubelnde Massen am Heldenplatz: Sieg-Heil-Sieg-Heil-Sieg-Heil-Ein-Volk-ein-Reich-ein-Führahhh! Es zittern die morschen Knochen, der Welt, vor dem neuen Krieg ... etc.). Dies heißt nicht, daß Bundeskanzler Kohl oder alle Deutschen in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt werden sollen. Es gilt jedoch auf gar nicht so unterschwellige Strömungen und Meinungen hinzuweisen, die politische Entscheidungen tragisch mitbestimmen können.

Unter diesen leider nicht abstreitbaren Gegebenheiten ist die kulturelle und politische Identität Österreichs bei einem Beitritt zur EU nicht aufrecht zu erhalten. Die Sprachgleichheit und das EU Recht verhindern jede Eigenständigkeit. Wenn es nach unserer Regierung und dem Bundespräsidenten geht, soll ein unabhängiges Österreich zur 1000-Jahrfeier 1996 verschwunden sein. »Ohne wenn und aber« ist dieses Szenario im Interesse aller Europäer bei der Volksabstimmung nur durch eine eindeutige Ablehnung des EU-Beitritts aufzuhalten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1994
No. 481-484, Seite 8
Autor/inn/en:

Werner Dutz:

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