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Herbert Hrachovec

Das Rendezvous der Löwen und der Lämmer

Freiheit und Verantwortung. Jahrbuch für politische Erneuerung 1994
Herausgegeben von Lothar Höbelt, Andreas Mölzer und Brigitte Sob
Freiheitliches Bildungswerk Wien im Eigenverlag, 1993

Das »Jahrbuch für politische Erneuerung 1994« der FPÖ ist ein gefundenes Fressen. Aber ich bin nicht hungrig, danke. Eher neugierig und ein wenig ängstlich, ob es gelingen kann, »für die tüchtigen, für die fleißigen, für die begabten Menschen und vor allem für jene, die anständig sind« (Jörg Haider, S. 179) mehr als ein bitteres Lächeln aufzubringen. Mein Ziel ist weder, FPÖ-Sympathisanten zu bekehren, noch geistreiche Polemik zu demonstrieren.

Eine über 800 Seiten starke Sammlung von Meinungen, Argumenten und teilweise erregter Auseinandersetzungen bietet naturgemäß keine scharf umrissene Position. Im Gegenteil: Das Jahrbuch will gerade die intellektuelle Offenheit der FPÖ dokumentieren. Ich frage, was es damit auf sich hat. Ein paar Buchseiten kann sie unorthodoxen Autoren leicht zur Verfügung stellen, aussagekräftiger sind die Regeln des Ensembles insgesamt. Die Beziehung (und Beziehungslosigkeit) der Beiträge untereinander zeigt den Geisteszustand in der Partei.

Die Diskussion wird exemplarisch Vorgehen und sich auf Kulturpolitik, Philosophie und Geschichte konzentrieren. Die ausgedehnten Bereiche juridischer, ökonomischer und sozialer Fragen sowie die europäische Integration bleiben ausgespart. Trotz der methodischen Zurückhaltung ist meine Darstellung voreingenommen. Ich verrate besser gleich zu Beginn, worauf sie hinausläuft.

In pluralistischen Verhältnissen machen sich sture Dogmatiker nicht gut, darum muß jede wahlwerbende Gruppe Gesprächsbereitschaft mit Andersdenkenden signalisieren. Die Freiheitliche Partei kann dabei auf Reste ihres liberalen Erbes zurückgreifen. Doch damit entsteht eine Schwierigkeit. Bekanntlich beruht ihr Erfolg auf der Zuspitzung politischer Differenzen und einem straffen Führungsstil. Das schmissige Auftreten des Parteiobmanns ist am Wahltag mehr wert, als die Belege der Weltoffenheit, die für ein einigermaßen demokratisches Image gefordert werden. Im »Jahrbuch für politische Erneuerung« prallen die beiden Seiten aufeinander. Weder ist es ein Dokument mit klarer Linie, noch ein Gesprächsforum. Löwen und Lämmer weiden vorläufig friedlich nebeneinander. Wenn das kein Paradies ist, hat ihnen jemand was ins Futter getan und das Gemetzel steht noch aus.

Mitunter schlägt der blanke Haß durch. In einem Absatz attackiert Kurt Dieman-Dichtl u.a.

»Altmarxisten und Neobolschewiken«, »beamtete Berufsantifaschisten«, »selbsternannte Künstler und linke Konsistorallaien (sic!)«, »sitzengebliebene Taferlklassler der ›Frankfurter Schule‹«, »Weihwasserchaoten und Linkskatholiken« (S. 279).

Was haben sie gemeinsam? Wer dirigiert sie?

Die Antwort kann nur lauten: Das Europäische Haus und die Mächte, die hinter ihm stehen. ... Die ›Internationale‹ der ›Vaterlandslosen‹, deren ›Credo‹ im Antreiben einer europaweiten (europareifen!) Völkerwanderung besteht, die kein Land und keine Kultur heil und unbeschädigt überstehen kann ... (a.a.O.)

Besonders angefeindet werden die Proponenten von SOS-Mitmensch:

Mit Hilfe von Politik und Teilen des Klerus gründeten sie zur Bekämpfung des Volksbegehrens ›Österreich zuerst‹ ihre ›Plattform SOS Mitmensch‹, um die Leute zu einem ›Lichtermeer‹ auf die Straße zu treiben. Unter dem propagandistischen Trommelfeuer der volksdemokratisch gleichgeschalteten Medien ist ihnen das auch gelungen. (Walter Marinovic, S. 313)

Der Erfolg der Demonstration ist offenbar schwer zu verkraften. Die Prinzipientreue der Fürsprecher des

Aufbaus einer neuen geistigen Grundhaltung, die sich an den Naturgesetzen, den christlich-abendländischen Wertvorstellungen, der Philosophie der Antike bzw. des Deutschen Idealismus orientiert (Kriemhild Trattnig, S. 275),

schlägt in Beschimpfung um. Geklagt wird, daß die Gleichschaltung ihre Erfinder überlebt hat und heute »die Sammlung aller positiven, werterhaltenden- und stiftenden, dem Staat und Gesamtvolk verantwortlichen Kräfte« (Trattnig, S. 273) trifft. Die Namen der Bösen, die den »Kampf derer, die dem Guten dienen wollen« (Trattnig, S. 275) anstacheln, lassen sich leicht erraten. Überraschend ist dagegen, daß Thomas Bernhard, Alfred Hrdlicka und Claus Peymann auch verteidigt werden. Sigurd Paul Scheichl, Germanist in Innsbruck, plädiert dafür, Experimente in Malerei, Musik und Literatur nicht bloß zuzulassen, sondern auch zu fördern.

»Thomas Bernhards Geschichtenzerstören hilft uns zu mehr Verständnis unserer Welt als eine gut erzählte Geschichte.« (Scheichl, S. 330) und »Alfred Hrdlicka bleibt ein eindrucksvoller Bildhauer, ganz unabhängig von seinen politischen Ansichten.« (Scheichl, S. 333) Scheichl ist »der Ansicht, daß sich trotz einigen Fehlleistungen insgesamt die österreichische Kunstförderung auf dem richtigen Weg befindet. Übrigens auch in der Causa Peymann ...« (Scheichl, S. 335).

Nach Walter Marinovic ist der Burgtheaterdirektor unter Billigung der SP-Regierung mit der Zerstörung seines Hauses beschäftigt, andererseits:

... Peymanns sogenannte verbale Entgleisungen sollte man als das zur Kenntnis nehmen, was sie sind: witzige Überspitzungen, und daß Peymann sich als Linker versteht, hat mit seiner Leistung als Theatermacher gar nichts zu tun. (a.a.O.)

Scheichl argumentiert, daß Kunst geistige Auseinandersetzung auslösen und dazu den Konflikt mit tiefsitzenden Erwartungsmustern riskieren muß.

Einer politischen Erneuerung scheint mir also letztlich weniger die österreichische Kunstförderung — die keine sozialistische, sondern im Sinne des Programms der Freiheitlichen Partei eine liberale Kunstförderung ist — zu bedürfen, als die Bewertung der neuen Kunst durch die österreichischen Freiheitlichen. (Scheichl, S. 335f)

An die Stelle militärischer Metaphern tritt hier die Anstrengung, das Geschehen im Kulturbereich als einen zukunftsorientierten Lernprozeß zu fassen. Es kommt noch eindrucksvoller.

Den Beiträgen des Jahrbuches gehen Porträtphotos und die Kurzbiographie der Autorinnen und Autoren voran. Jene von Berti Petrei beginnt so:

geb. am 17. November 1919 in Bleiburg/Kärnten; von Geburt an durch Vorgeburtsunfall körperbehindert (Fehlen des linken Unterarms); Humanistisches Gymnasium in Wien; Tätigkeit als Luftschutzlehrer, beim »Kärntner Grenzruf« und in der HJ-Gebietspressestelle in Klagenfurt; 1944/45 Dolmetscher beim »Stellungsbau Süd«; 1945-47 Anhaltelager; anschließend Studium an der Universität Wien (Zeitungswissenschaft, Germanistik, Volkskunde) ... (Petrei, S. 361)

Das ist der Stoff, aus dem sich rechts von der Mitte Persönlichkeiten bilden können. Den eigenen Lebenslauf so zu formulieren heißt, aus ihm gelernt zu haben. Entsprechend unbefangen ist der Titel »Brauchtum und Volkskultur. Gefährdete kulturelle Werte?«

Was für die Abbrüche der Biographie gilt, läßt sich verallgemeinern. Auch soziale Gruppen bewahren ihre Kontinuität, indem sie Umorganisationen, ja Zerstörung in Kauf nehmen.

Volksbrauch ist etwas unerhört Lebendiges, gewiß Schwindendes und sich Wandelndes, aber immer in Anpassung an neue Funktionen sich Erneuerndes. (Petrei, S. 373)

Vor kurzem hatte ich eine polemische Auseinandersetzung mit einem Sozialanthropologen aus Oxford. Er betrachtete den »Musikantenstadl« als legitime Weiterentwicklung der Volksmusik und warf mir Rigorismus vor. Berti Petrei würde auf seiner Seite stehen.

Hier sind auch, sozusagen als Wiedergutmachung für alles, was sie auf diesem Gebiet zerstört haben, die elektronischen Massenmedien eingesprungen. Im Radio wie im Fernsehen gehören Volksmusiksendungen zu den beliebtesten. (a.a.O.)

Petrei wird mich nicht davon abbringen, daß hier ein glatter Ausverkauf stattfindet. Doch seine gebrochene Zuversicht ist respektierbar.

Zwei sehr verschiedene Tonarten, zwei diametral entgegengesetzte Problemauffassungen. Was tun sie miteinander? Der eine kippt Mist vor’s Burgtheater, der andere rühmt die Befreiung aus erstarrten Theaterkonventionen. Verständigung in der Sache ist praktisch unvorstellbar. Die multikulturelle Szene, in der sich solche Widersprüche massenweise finden, hat ein probates Mittel, mit ihnen umzugehen: einfach alles nebeneinander laufen lassen. Ausführlich (und nicht zu Unrecht) wird das von konservativer Seite als Relativismus gerügt. Das vorliegende Jahrbuch wirft ein Problem für diese Position auf. Um sich mit liberalen Zügen sehen zu lassen, tut das freiheitliche Bildungswerk genau das, was mehrere Wortführer verdammen, es verzichtet auf den »Kampf der Guten«. Auf der Umschlagseite ist zu lesen:

Die größtenteils kontroversen und aus verschiedenen weltanschaulichen Richtungen stammenden Beiträge sollen ... Material bieten, das den Diskurs zwischen Parteigrenzen und ideologischen Fronten ermöglicht.

Dieses Material enthält u.a. eine »Erklärung des Bundesparteiobmanns anläßlich des Staatsfeiertages«, in dem Andre Heller, Kurt Jürgens (?), Elfriede Jelinek und Jazz Gitti »Wehrdienstverweigerer, Steuerflüchtige und Österreichbeschimpfer« (S. 176) genannt werden. Schwierig, unter diesen Vorzeichen ein Gespräch zu führen.

Prinzipienreiter und Empiriker

Normalerweise schließen Verständigungsbereitschaft und Radikalisierung einander aus. Philosophie, speziell der schon von Kriemhild Trattnig ins Spiel gebrachte Deutsche Idealismus, versucht mitunter, beides zusammenzubringen. Die Denkfigur besagt, daß nur ein wirklich radikaler Ansatz tief genug reicht, um das Entstehen der Divergenzen begreifen und vereinbaren zu können. Insbesondere Hegel hat es meisterhaft verstanden, Widersprüche dialektisch als Bestandteil einer umfassenderen Problementwicklung nachzuweisen. Franz Ungler exponiert Hegels Freiheitsbegriff. Möglicherweise löst sich die angesprochene Unverträglichkeit aus dieser Position. Auf hohem Reflexionsniveau zeigt Ungler, daß es nur eine akzeptable Antwort auf die Prinzipienlosigkeit der Zeit gibt: Freiheit als konkret in die Praxis eingeschriebene Vernunft. Um diese Einsicht herum wird kräftig geschimpft, zuletzt stehen die Prinzipiendemonstrationen allerdings unverbunden und unreflektiert neben ihrem Gegenteil.

Die Bösen sind im vorliegenden Fall »die sogenannte analytische Philosophie« (Ungler, S. 40), »das Marx-Freudgemisch einer bekannten, eine sogenannte Studentenrevolution initiiert habenden Schule« (Ungler, S. 46) und »die ziellose Progressivität, die in ständiger Enttabuisierung und Gesellschaftskritik dazu gelangt (wenn ihr die beliebte Gleichsetzung des Menschen mit dem Tier allmählich langweilig wird) das Perverse hochzuschätzen.« (Ungler, S. 47)

Ungler vermeidet Namen, doch zielen seine Invektiven deutlich auf die bereits markierte Personengruppe. Als hegelianisierender Philosoph verfügt er über einen Kniff, die Sache vom Persönlichen ins Geistige zu heben. Der unentschuldbaren »Zärtlichkeit uns selbst gegenüber«, die »verhindert, daß wir etwa durch Selbstdisziplinierung oder gar durch Sittlichkeit uns Leid zufügen« (Ungler, S. 50) begegnet er mit der »Anstrengung des Begriffs«. Alle, die nach Hegel vom Versuch, die Wirklichkeit als vernünftig zu erweisen, abgekommen sind, haben die Nerven verloren.

Im Sinn des logisch fundierten Entwicklungsbegriffs bzw. der Einsicht, daß die Beson-derung und Beschränkung keine Verunreinigung, sondern Konkretisierung der Freiheit bedeutet, ja daß sie erst darin mit sich identisch ist, daß sie die Endlichkeit nicht verschmäht, konnte die Geschichte ... in ihren konkreten Gestalten begriffen werden. (Ungler , S. 48f)

Sprich: Hegel hat geschafft, was allen vor und nach ihm unerreichbar blieb, nämlich den Gang der Weltgeschichte zu durchschauen. Der so eröffnete Vernunftzustand liegt in der Erfüllung der sittlichen Bestimmung des Individuums in Ehe, Familie und Patriotismus (Ungler, S. 49f). Der »Weltstaat« ist ein Unding, das nur die animalischen Bedürfnisse einer zusammengewürfelten Menschenmasse befriedigen könnte.

Zur Logik dieser Ausführungen gibt — wie Ungler eigens hervorhebt — die christliche Theologie das Vorbild. Inkarnation heißt, daß einmal in der Geschichte Gott Mensch geworden ist. Wir müssen zur Erlösung auf nichts mehr warten. Philosophisch gewendet: Ein Studium der Schriften Hegels ist alles, was fürderhin zur Lösung der Probleme reicht. Die Rolle der Heiden in diesem Schema übernimmt dabei die »exakte Wissenschaft«. Sie glaubt, den Dingen durch geregelte Forschung auf den Grund kommen zu können.

»Der philosophisch Naive könnte meinen, daß diese Frage erforderte, das Insgesamt der Bedingungen dieser Kenntnis vom Urknall bis dato aufzuzählen, wie uns die evolutionäre Erkenntnistheorie diesbezüglich eine Geschichte erzählt.« (Ungler, S. 47) — Dagegen gilt jedoch: »... der Grund alles Wissens ist die Form: Ich weiß, und diese ist schlechthin aus keinem Ding oder einem Zustand der Dinge abzuleiten. Die Ichheit als die absolute Form alles Wissens ist als sich selbst setzend, Setzen des Objekts, von welchem sie sich ebenso als Subjekt unterscheidet (sich entgegensetzt).« (a.a.O.)

In dieser komplizierten Sitzordnung wird man sich ohne Platzanweiser kaum zurechtfinden. Im Gesamtbild des »Jahrbuchs« hat sie sich allerdings nicht durchgesetzt. Wenige Seiten von ihr entfernt hat sich ein Vertreter genau des Gegenteils niedergelassen.

Rupert Riedl kommt in der Auseinandersetzung um Grundlagenfragen der moderate Part zu:

Für diese neuen Lebensprobleme aber, so behaupte ich nun, sind unsere alten Anschauungsformen, jene Entscheidungshilfen unserer Vernunft, nicht geschaffen. Und wo die Prognostik regelmäßig an der Erfahrung scheitert, dort sollten wir sie übersteigen. ... Wohl ist es wieder nicht mehr als ein weiterer Adaptierungsschritt, den uns die Evolution abverlangt - nunmehr eine Adaptierung unzureichend adaptierter Anschauungsformen, die genetisch zwar nicht mehr änderbar sein werden, aber korrigierbar durch Erfahrungen. (Riedl, S. 247)

— Die »Unentscheidbarkeit zwischen einer empirischen, einer rationalen und einer ›sozialen‹ Wahrheit« (Riedl, S. 253) folgt auf den Fuß. Christologie trifft auf Evolutionstheorie, auch auf dem Feld der Theorie zeigt sich die Bruchlinie. Der programmatisch-aggressive Standpunkt der Überlegenheit koexistiert mit vorsichtigen Versuchs- und Irrtums-Verfahren. Noch einmal: Aus der Sicht des weitverbreiteten Pluralismus wäre dagegen nichts zu sagen. So aber werden zornige Angriffe gegen die Unentschiedenheit vorgebracht und gleich darauf nicht ernst genommen.

Die intellektuelle Substanzlosigkeit des ganzen Unternehmens springt ins Auge. Man könnte die Abgrenzung der Feindpositionen zumindest konsequent nennen, wenn sie den großen Gesten auch den Verzicht auf demokratisierende Verwaschenheiten folgen ließe. Und umgekehrt würden sich manche vom guten Willen liberaler Persönlichkeiten überzeugen lassen, wenn die Unduldsamkeiten ihrer Kolleginnen und Kollegen nicht gar so aufdringlich den Ton angäben. Die eierlegende Schafwoll-Kuh ist zumindest so konzipiert, daß sie sich selber nicht zerfleischt. Wenn die Scharfmacher jedoch meinen, was sie sagen, müßten sie der Partei das Auge, das nach außen schielt, ausreißen. Oder sie setzen auf Polarisierung und Liberalität, dann werden ziemlich starke gedankliche Betäubungsmittel nötig sein.

Löcher

So übersichtlich, wie ich das Dilemma hier gezeichnet habe, sieht es nur von außen aus. Die Entwicklungsgeschichte der Partei ergänzt es um kompliziertere Facetten. Kurt Piringer macht auf eine Lebenslüge der 2. Republik aufmerksam, die direkt mit den gegenwärtigen politischen »Ausgrenzungen« zu tun hat. Mit strategischem Geschick gelang es den Überlebenden der beiden Bürgerkriegslager, Österreich den Alliierten als Opfer des Faschismus vorzustellen. Das bedeutete einerseits, daß die heimischen Spielarten des Totalitarismus schamhaft verschwiegen wurden, andererseits, daß man Sündenböcke brauchte — die FPÖ. Piringer spricht von einem »Geschichtsbild voller Löcher«, das die liberalen Traditionen der österreichischen Geschichte ausspart, und es ist nicht zu leugnen, daß die zwei Großparteien sich ein sehr selektives Bild des Geschichtsverlaufs zurechtgezimmert haben.

Der Konsens stützte den Wiederaufbau und trug dazu bei, den derzeitigen Lebensstandard zu erreichen. Die Kehrseite des Verfahrens wird immer deutlicher. Vom Einvernehmen ausgenommen sind jene Schichten der Bevölkerung, die — zu Recht oder zu Unrecht — neuerlich Zukunftsängste entwickeln. Politische Parteien versuchen, möglichst viele Stimmen zu erhalten, das kann ihnen niemand vorwerfen. Die Bedingungen, unter denen ein ansehnlicher Prozentsatz der Österreicherinnen und Österreicher FPÖ wählt, haben zu einem guten Teil die Regierungsparteien geschaffen. In ihren Gedächtnislücken lagert Dynamit. Auch hier kommen besonnene Stimmen zu Wort. Gesittet fordert Piringer ein faires Verfahren:

Man wird endlich die unumstößliche Tatsache respektieren müssen, daß es in allen Parteien Vernünftige und Unvernünftige, Anständige und Unanständige und neben guten Demokraten eben auch Exponenten des Extremismus gegeben hat und auch heute noch gibt. (Piringer, S. 802)

Doch ein schlimmes Trauma durchkreuzt die symmetrische Verteilung und bewirkt, daß die Parteien alles andere als gleich belastet sind. Es ist noch immer die Hypothek der Vergangenheit. Wie reagiert ein »anständiger Mensch« auf das Faktum des staatlich exekutierten rassistischen Massenmordes?

Was er im Wirtshaus sagt, steht nicht im Jahrbuch. In diesem Punkt begnügen sich die Autoren mit vereinzelten Angriffen auf Überfremdung und Sozialschmarotzer. Die Eigenart des freiheitlichen Umgangs mit der Katastrophe wird im Eröffnungsartikel und — als Klammer — fast am Ende des Bandes manifestiert. An Konzentrationslagern ist aktuell, daß die bisher angenommenen Zahlen revisionsbedürftig sind:

Doch kommen aus dem Osten auch andere wesentliche Korrekturen bisher akzeptierter Daten. So liegt ›die Zahl der im nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Ermordeten ... nach jüngsten Untersuchungen polnischer Historiker wahrscheinlich zwischen einer Million und 1,5 Millionen Menschen‹ (FAZ v. 18. 7. 1990) und in Auschwitz ist die Tafel mit der Zahl von vier Millionen Opfern entfernt worden. Nun ändert auch die neue Zahl nichts an der Furchtbarkeit und Verwerflichkeit des Massenmordes, doch mag sie ein Hinweis darauf sein, daß auch hier noch vieles klärungsbedürftig ist. (Topitsch, S. 18)

Alfred Schickel zitiert dieselbe Meldung (S. 767). Auch er nimmt sie zum Anlaß, kursorisch auf das Faktum hinzuweisen und mit Nachdruck eine ausgeglichene Interpretation zu fordern:

Daß die Herrschaft des Nationalsozialismus Millionen Menschen das Leben kostete, ist bekannt; ebenso geläufig ist, daß man die Opfer teilweise mit Gas ermordet hat. Besonders der Versuch, das europäische Judentum auszulöschen, hat vielerorts die NS-Verbrechen als einmalig in ihrer Art erscheinen lassen und zugleich alle anderen Unmenschlichkeiten der Weltgeschichte in ein milderes Licht getaucht.

Man soll nicht sagen, daß die beiden unbelehrbar sind, sie sprechen auch nicht von der »Auschwitz-Lüge«. Aber sie wollen das Geschehene nicht übertrieben sehen. Das klingt vernünftig.

Zu den Spätfolgen der Nazi-Verbrechen gehört unter anderem, daß sie selbst der Erschütterung das rechte Maß nehmen. So wenig man Millionen Menschen vernichten kann, so wenig kann man sich darüber aufregen. Nun, da es doch geschah, ist das Fassungsvermögen aus der Balance. Wie könnte es anders sein?

Im Prinzip verständlich sind die Warnungen davor, den Bogen zu überspannen und Generationen von Deutschen und Österreichern als moralische Geiseln zu nehmen. Trauer kann nicht verordnet werden, schlimmer noch: Staatstrauer provoziert die Tabuverletzung. Die Aufklärung muß zur Kenntnis nehmen, daß der Mechanismus der libidinösen Übertretung des gesellschaftlichen Regelkanons linken wie rechten Randgruppen zur Verfügung steht. An Topitsch und Schickel ist abzulesen, wie das Tabu gewahrt und indirekt umgangen wird. Die Strategie ist keineswegs auf Volksgenossen beschränkt. Jesus Christus hat sich auch schon einiges gefallen lassen müssen. Ihn nehmen mehrere Beiträge des FPÖ-Jahrbuchs in Schutz. Für moralische Skrupel über die jüngere Vergangenheit ist kein Platz vorhanden. Es gibt irreparable Löcher. Wenn alles, was Du mir zur »Endlösung« zu sagen hast, darauf hinausläuft, daß es ein schreckliches Verbrechen war, das überschätzt wird, hört sich der Gleichmut auf. Alfred Schickel fordert, »sich in den Dienst der unvoreingenommenen Vergangenheitserhellung (zu) stellen und etwas unabänderlich Geschehenes nicht nachträglich »bewältigen zu wollen.« (Schickel, S. 778)

Was soll die »Unvoreingenommenheit« bewirken? Mehr Sympathie mit den Massenmördern, weil sich der Opferpegel gesenkt hat? In einer traurigen Verschubaktion holen sich die Herren ihr gutes Gewissen vom Zählerstand der Vernichtungsmaschine.

Am 20. April 1994 lese ich in der FAZ einen Artikel mit dem Untertitel: »Fünfzig Jahre nach Giovanni Gentiles Tod: Immer noch sind alle Fragen offen.« In diesem Feuilletonbeitrag findet sich folgender bemerkenswerte Satz:

Obwohl Gentile es war, der 1931 an den Universitäten den Treueeid auf das faschistische Regime einführte — nur zwanzig von zwölfhundert Professoren verweigerten ihn und wurden dafür entlassen — verfolgte er kulturpolitisch eine Linie der Toleranz. (S. N5)

Da scheinen wirklich ziemlich viele Fragen offen. Die stramme Antwort gibt Franz Ungler:

... wenn jene von Freiheit reden, so weisen ihre Metaphern z.B. ›offen‹ und ›geschlossen‹ darauf hin, daß sie statt Freiheit zu begreifen nur die Vorstellung vom leeren Raum dem Namen anhängen. (Ungler, S. 42)

Freiheit im Sinn der Kerngruppe der Freiheitlichen braucht eine starke Hand. Einstweilen herrschen beträchtliche Koordinationsschwierigkeiten zwischen Faust und Samthandschuh. An ihrer Beseitigung wird gearbeitet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1994
No. 485/486, Seite 29
Autor/inn/en:

Herbert Hrachovec:

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