FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 487-492
Peter Csulak

Canetti, Bier- und Peymann sowie die Wiener Zeitungskultur

Schließtage sind eben Schließtage

Es ist schon ein alter Hut, daß vor Premieren im Peymann-Imperium einige Schließtage die Gemüter des Rechnungshofes, der Oppositionsparteien — allen voran der FPÖ —, selbst des Koalitionspartners der SPÖ und der gesamten Tagespresse erhitzen. Großes Gezeter über den ungeliebten Theaterdirektor hebt an und immer tönt als Refrain der Ruf nach seinem und, wenn geht, in einem Aufwasch auch des Unterrichtsministers Rücktritt. Doch still und heimlich, da von den Printmedien kaum wahrgenommen, hat der Österreich/Wien haßliebende Peymann »verdeckte Schließtage« erfunden. An diesen Abenden werden Eintrittskarten verkauft (zum halben Preis) und Schauspieler des Hauses oder Gäste geben einen Lese- oder Vortragsabend — unversehens niedrige Kosten, gefüllte Häuser, zusätzliche Einnahmen!

Nur das Anecken kann der notorische Staatsfeind Nr. 1 aller Kultur-Reaktionäre offensichtlich nicht lassen, wählt er doch, meistens passend zu aktuellem Anlaß, seltsame oder gar anrüchige, aber zumindest nestbeschmutzende Autoren und Vortragende aus. Ein Insiderpublikum freut sich unterdessen über das Leben, welches die hehren Gemäuer des Akademie- und Burgtheaters durchdringt — nur die breite Öffentlichkeit wird über diese »offenen Schließtage« im Dunkel gelassen.

Elias Canetti schön totschweigen

25. Oktober 1994, Ort: Akademietheater,
Zeit: 20. 30 Uhr, Lesung: Elias Canetti,
›Die gerettete Zunge‹, Ausführende:
14 der erlesenen Burgschauspieler.
Ankündigung: in den üblichen Veranstaltungsprogrammen.
Theater: voll. Presse-Echo: null.

Nach seinem Ableben haben sie Elias Canetti noch als großen Österreicher, Nobelpreisträger und Schriftsteller gewürdigt, aber die Lesung aus ›Masse und Macht‹, ›Die gerettete Zunge‹, ›Die Blendung‹ etc. am Vorabend des Nationalfeiertages war den Kulturredaktionen keine Besprechung, nicht einmal eine Erwähnung wert.
Vielleicht hatten sie die deutschen Eigner der österreichischen Tagespresse durch den Chauvinismus bei der Würdigung Canettis als großen Österreicher verärgert? Vielleicht wollten sie, in vorauseilendem
Gehorsam, deutsche Gefühle oder gar Interessen nicht schon wieder durch Erwähnung Canettis in Zusammenhang mit dem österreichischen Nationalfeiertag verletzen?

Wie dem auch sei, der österreichische Steuerzahler hat durch die Innenpolitik- und Kulturredakteure der Tageszeitungen nicht einmal erfahren dürfen, daß das Akademietheater mit einem österreichischen Autor und österreichischen Schauspielern Einnahmen gemacht hat, geschweige denn, welchen geistigen Inhalt diese Veranstaltung hatte.

Wolf Biermann fein stören

3. November 1994, Ort: Burgtheater,
Zeit: 20. 30 Uhr, Wolf Biermann liest
(in seiner eigenen Übersetzung)
Jizchak Katzenelsons Poem
›Dos lied vunem ojsgehargetn jidischn volk‹*
Burgtheater: voll.

Nun ja, man muß wirklich zugeben, daß Herr Peymann bei dieser Veranstaltung weit über das Ziel geschossen hat.

  1. geht es hier um ein Thema, das in Österreich von den Leuten nicht allzugern in breiter Öffentlichkeit abgehandelt wird;
  2. ist der Übersetzer und Rezitator, wegen seiner Vergangenheit, Gegenwart und wahrscheinlich Zukunft, für die Masse der österreichischen Bevölkerung ein rotes Tuch — hat doch
  3. der deutsche Peymann das Werk eines polnischen Juden über die Shoa durch einen deutschen Antifaschisten auf die heiligen Bretter des Burgtheaters gebracht.

Der Geheimsender des ORF, Hörfunk Ö1, brachte am Vorabend des Burgschließtages ein langes Gespräch Peter Huemers mit Wolf Biermann. Die Stadtzeitung ›Falter‹ widmete Katzenelsons Poem und Biermann eine Doppelseite als Ankündigung. Ansonsten durfte man aus den Tagesprogrammen erfahren, daß das Burgtheater geöffnet hatte und wer was las.

Dabei hatte doch Peymann sein Haus als würdigen Rahmen zu den bevorstehenden ›Reichskristallnacht‹-Gedenkveranstaltungen, zum Beginn der jüdischen Kulturwochen, vor dem ersten offiziellen Besuch eines österreichischen Staatsoberhauptes in Israel (und das nach dem peinlichen Ausrutscher unseres dortigen Botschafters über die »erste Opferrolle Österreichs«, offiziell als Mißverständnis deklariert) für diese Veranstaltung zur Verfügung gestellt.

Schade, daß dieser Abend nur auf jene wirken konnte, die das Burgtheater füllten. Keinerlei Bericht, Auseinandersetzung, Kritik wurde in den stimmungs- und meinungsbildenden Printmedien gebracht. Es war, als wäre der ganze Abend gar nicht gewesen, hätte die Qualitätszeitung ›Standard‹ nicht wenigstens einen Redakteurssubstituten geschickt und als einzige Tageszeitung in Österreich (wenn auch falsch, siehe Faksimile) auf die Veranstaltung reagiert.

Aber man darf nicht ungerecht sein. Die deutsche Presse hatte ja anläßlich der ersten Präsentation dieses Abends in Hamburg schon ausführlich genug gegen Katzenelson und Biermanns Übersetzung und Darbietung des Poems polemisiert. Vermutlich wollten die deutschen Verlagsimperien keine Doubletten bringen — und vom völkischen Beobachter der »Meldungen des Oberkommandos der Wehrmacht«, Kurt Falk in ›täglich ALLES‹, als letztem Rest reinblütig österreichischer Tageszeitungen in Wien, durfte man ja kein Echo erwarten. Dafür werden’s subventioniert.

Bleibt zu wünschen, daß Peymann weiter an seinen »Schließtagen« offen aneckt und die Leser diese mittlerweile von deutschen Verlagen annektierten Blätter ins Eck hau’n.

Standard-Kultur, 5./6. November 1994
Er hat aber ohne Wiederholung weitergelesen. Red.

*) Jiddisch und deutsch mit komplettem Faksimile der Koffergriff-Handschrift bei Kiepenheuer und Witsch, Köln 1994, öS 380 / DM 44

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1994
No. 487-492, Seite 60
Autor/inn/en:

Peter Csulak: 1953 in Budapest geboren, lebt seit 1956 in Wien, arbeitet als Journalist, Schriftsteller und Ubersetzer, u.a. der Dramen István Csurkas vor dessen rassistischer Wende.

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