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Alexander Solschenizyn

Beiträge

Alexander Solschenizyn

Wir waren wie zwei Kurven

Memoiren
No. 262
Oktober
1975

Nach seiner gewaltsamen Exilierung am 13. Februar 1974 vollendete Solschenizyn die autobiographischen Aufzeichnungen, die seinen Kampf um Publikation in der Sowjetunion schildern. Sie erschienen noch 1974 russisch in einem Pariser Emigrantenverlag und kommen im Oktober 1975 auf deutsch heraus — (...)

Alexander Solschenizyn

Unterdrücktes

No. 193
Januar
1970

FORVM brachte Juni/Juli 1968 erstmals in deutscher Sprache aus Alexander Solschenizyns „Krebsstation“ ein Manuskript, das in der Sowjetunion nicht erscheinen durfte, unterdessen in allen Weltsprachen vorliegt. Wegen des Publikationsverbotes wandte sich S. mit einem heftigen Brief an den (...)

Alexander Solschenizyn

Abteilung Krebs

No. 174-175
Juni
1968

Alexander I. Solschenitsyn, Autor des Romans „Ein Tag im Leben des Iwan Denisowitsch“ (1962), schrieb einen neuen Roman „Abteilung Krebs“, welcher in der von Alexander Twardowskij herausgegebenen Moskauer Zeitschrift „Nowij Mir“ erscheinen sollte. Im letzten Augenblick wurde die Publikation verboten, (...)

Alexander Issajewitsch Solschenizyn bei Wikipedia

Solschenizyn (1974)
Solschenizyn (1998)

Alexander Issajewitsch Solschenizyn [səlʐɨˈnʲitsɨn] (russisch Александр Исаевич Солженицын, wiss. Transliteration Aleksandr Isaevič Solženicyn; * 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Oblast Terek; † 3. August 2008 in Moskau) war ein russischer Schriftsteller und Systemkritiker. Er wurde 1970 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Sein literarisches Hauptwerk Der Archipel Gulag beschreibt detailliert die Verbrechen des stalinistischen Regimes bei der Verbannung und systematischen Ermordung von Millionen Menschen im Gulag.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alexander Issajewitsch Solschenizyns Vater war ein Kosake, aber zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits verstorben. Da seine Mutter sehr krank war, wuchs er hauptsächlich bei den Großeltern auf. Bei ihnen wurde er mit dem Glauben sowie den russischen Sitten und Gebräuchen vertraut gemacht. Im Jahre 1924 zog seine Mutter nach Rostow am Don, wo er auch die Schule besuchte. Bereits mit neun Jahren hatte er den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Das Abitur legte er 1936 ab und nahm in der Folgezeit ein Studium in den Fachgebieten Mathematik und Physik in Rostow am Don auf. Eigentlich wollte er in Moskau Literatur studieren, aber dazu reichten die finanziellen Mittel nicht. In der Jugendzeit begeisterte er sich für die Anschauungen und politischen Orientierungen Wladimir Iljitsch Lenins. Daraus resultieren zahlreiche Ansätze und Wertungen seiner späteren Auseinandersetzung mit dem Stalinismus. Am 7. April 1940 heiratete er die Chemikerin Natalja Alexejewna Reschetowskaja.[1] Ein Jahr später wurde er zum Kriegsdienst in der Roten Armee eingezogen.

Während des Zweiten Weltkrieges kämpfte Solschenizyn als Batteriechef einer Artillerieeinheit in einer Schallmesstruppe. Er nahm in dieser Funktion an der Schlacht bei Kursk, der Operation Bagration sowie der Weichsel-Oder-Operation in Ostpreußen teil. Seine Erlebnisse als Offizier während der Eroberung Ostpreußens schrieb er in Gedichtform im Band Ostpreußische Nächte (Прусские ночи) und als Erzählung in Schwenkitten ’45 (Адлиг Швенкиттен) nieder. Für seine Verdienste wurde er als Hauptmann mit dem Orden des Großen Vaterländischen Krieges und dem Orden des Roten Sterns ausgezeichnet.

Überleben im Gulag und Verbannung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Wachturm im Projekt 503 der Stalineisenbahn von Workuta nach Igarka

In den letzten Kriegsmonaten im Februar 1945 wurde Alexander Solschenizyn überraschend an der Front durch die militärische Spionageabwehr verhaftet und in das Moskauer Lubjanka Gefängnis überstellt, weil er in Briefen an einen Freund Kritik an Stalin geübt hatte. Gemäß Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches wurde er daraufhin ohne ein Gerichtsurteil zu acht Jahren Haft verurteilt und verbrachte diese Zeit in Arbeitslagern des Gulag. Zunächst wurde er in einem Sonderlager für Wissenschaftler untergebracht, wo er den ebenfalls inhaftierten Lew Kopelew kennenlernte. Seine Erfahrungen mit diesem Sonderlager verarbeitete er 1968 in dem Roman Der erste Kreis der Hölle (В круге первом). Da er sich weigerte die Arbeitsauflage zu erfüllen, sich mit vorgegebenen wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen, wurde Solschenizyn später in den Lagerkomplex Ekibastus in Kasachstan für politische Häftlinge verlegt. In diesem Lager arbeitete er schließlich in einer Gießerei.

Sowohl im Sonderlager zu Beginn seiner Gefangenschaft als auch im späteren Lager Ekibastus erlebte er den Kampf der Lagerinsassen ums Überleben und durchlebte die ständige Bedrohung durch den Hunger, Aufstände und unerfüllbare Arbeitsnormen, die immer wieder auch in seiner Nähe zum Tod der Insassen führten. Solschenizyn, der ehemalige Atheist und Anhänger des Kommunismus, beschrieb aber auch die eigene geistige Entwicklung durch die Leiden und Erfahrungen in dieser Zeit. Später bekannte er sich nachdrücklich zum orthodoxen Christentum. Der Stalinismus brachte hier selbst einen harten, konsequenten und später zumindest im Westen hofierten Gegner des politischen Systems in Russland hervor.

1952, ein Jahr vor seiner Entlassung aus dem Gulag, ließ sich Solschenizyns Frau Natalja („Natascha“) von ihm scheiden. Dies geschah zunächst im gegenseitigen Einverständnis, um weiteren Repressalien durch den stalinistischen Machtapparat zu entgehen, da eine Ehe mit einem politischen Gefangenen zu Kündigungen oder Verfolgungen hätte führen können. Nach eigener Aussage blieb Natascha ihrem Mann während der ersten Jahre seiner Gefangenschaft von 1945 bis 1950 treu, und „ein Gefühl großer innerer Verbundenheit“ schien sich sogar noch zu vertiefen, obwohl beide sich in dieser Zeit oft nur wenige Male pro Jahr sehen konnten.[2] Schließlich jedoch wandte sich Natascha von ihm ab und ließ den neuen Assistenzprofessor ihres Institutes, Wsewolod Somow, der bereits einen Sohn hatte, bei sich einziehen. Solschenizyn erhielt im Lager von seiner Tante die Nachricht: „Natascha bat mich, Ihnen auszurichten, dass Sie Ihr Leben unabhängig von ihr einrichten können.“[3]

Im vorherigen Jahr war Solschenizyn an Krebs erkrankt. Dies war einer der Gründe, warum Natascha ihm diese Entwicklung erst später durch die Tante mitteilen ließ. Im Lagerkrankenhaus wurde das Krebsgeschwür operiert, und es bestand die Hoffnung, dass sich keine weiteren Metastasen gebildet hatten.

Im Februar 1953 wurde Solschenizyn aus der Lagerhaft entlassen, allerdings bis ans Lebensende verbannt. Als Verbannungsort wurde ihm die kleine Ortschaft Kok-Terek in der Steppe Kasachstans zugewiesen. Kurz nach seiner Ankunft erfuhr er hier vom Tod Stalins am 5. März 1953. Trotz seiner Freude hielt er sich aber bedeckt und begann lediglich die Suche nach einer besseren Unterkunft nach diesem „herrlichen Geschenk“, wie es Donald Thomas in seiner Biografie über Solschenizyn beschreibt.[4] Nachdem er anfangs als „Politischer“ (Kurzform für politischer Häftling) keine Anstellung finden konnte, erhielt er nun schließlich eine Anstellung als Dorfschullehrer mit den Fächern Mathematik, Physik und Astronomie.

„Ich – in einer Klasse, die Kreide in der Hand! Das war er, der Tag meiner Befreiung, meiner Wiedereinsetzung in die Staatsbürgerrechte. Alles, was sonst noch zur Verbannung gehörte, bemerkte ich nicht mehr.“[5]

Im Dezember des Jahres 1953 musste er sich aufgrund eines faustgroßen Tumors in der Bauchhöhle erneut einer medizinischen Behandlung unterziehen, dieses Mal in einem Taschkenter Krankenhaus, in dem er zuletzt im Jahr 1955 bestrahlt wurde. Die Überlebenschance lag dabei zunächst bei weniger als 30 %. Die Erfahrungen dieser Behandlung verarbeitete er später im Roman Krebsstation (Раковый корпус).[6] Dieses Werk gehört ebenfalls an den Platz seiner Auseinandersetzungen mit dem Stalinismus.

Leben in der Sowjetunion nach der Verbannung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1957 wurde Alexander Solschenizyn offiziell rehabilitiert, die Verbannung wurde aufgehoben. Man konnte angesichts seiner Krebserkrankung davon ausgehen, dass er bald sterben würde. Er lebte danach in Rjasan, wo er als Lehrer an der regionalen Oberschule arbeitete. Die Zeit war von der Wiederannäherung an Natascha, die er 1957 erneut heiratete,[7] und von großem Arbeitseifer geprägt. Er sah es als seine Aufgabe, den zum Schweigen Gebrachten seine Stimme zu leihen. Er zog sich oft in abgelegene Hütten abseits der Zivilisation zurück, um ungestört schreiben zu können. Natascha unterstützte ihn persönlich und finanziell und ermöglichte es ihm, seine Unterrichtsverpflichtungen zugunsten seiner literarischen Arbeit zu verringern.

1962 verfasste er eines seiner bekanntesten Werke, die Novelle Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (Один день Ивана Денисовича) über den grausamen Lageralltag eines Gefangenen in einem sowjetischen Arbeitslager und eine Auseinandersetzung mit dem stalinistischen System. In dieser Zeit begann er hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten. Im September 1962 dann waren mehrere Künstler auf Chruschtschows Datscha am Schwarzen Meer eingeladen. Chruschtschow lernte bei dieser Gelegenheit die Erzählung über Iwan Denissowitsch kennen und gestattete ein Jahr darauf die Veröffentlichung des Buches „August 14“. Das war der Beginn einer mehrbändigen Arbeit über die Geschichte Russlands während des Ersten Weltkrieges. Als Delegierter des 4. Schriftstellerkongresses 1967 startete er einen „Aufruf zur Abschaffung der Zensur“. In den Folgejahren arbeitete er am Thema des „Archipel GULAG“.

1972 ließen sich Solschenizyn und seine erste Frau Natalja zum zweiten Mal scheiden. 1973 heiratete er seine zweite Frau, Natalja Dmitrijewna Swetlowa (* 1939), eine Mathematikerin, die einen Sohn aus einer früheren Ehe mitbrachte.[8] Das Paar bekam drei Söhne: Jermolai (* 1970), Ignat (* 1972) und Stepan (* 1973).[9]

Noch vor der Veröffentlichung des Bandes I „Der Archipel GULAG“ hatte der KGB über eine Vertraute in seinem Arbeitsumfeld ein Exemplar des Manuskriptes an sich gebracht. In diesem monumentalen Hauptwerk Der Archipel Gulag (Архипелаг ГУЛАГ) beschrieb Solschenizyn das sowjetische Lagersystem (Gulag). Das historisch-literarische Werk wurde unter Zeitdruck im Tamisdat veröffentlicht. Kurz nach der Veröffentlichung wurde er selbst am 13. Februar 1974 verhaftet. Noch im Gefängnis wurde ihm die „Anklage nach Paragraph 64“ (Landesverrat)[10] vorgetragen, und bereits einen Tag darauf wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und umgehend nach Frankfurt am Main ausgeflogen. Die „Vertraute“ beging angesichts der Folgen ihres Handelns Selbstmord.

Exil und Heimkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Solschenizyn in Wladiwostok, 1994

Alexander Solschenizyn fand zunächst Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland bei Heinrich Böll, später lebte er in Sternenberg im Ferienhaus des Zürcher Stadtpräsidenten Sigmund Widmer in der Schweiz. In dieser Zeit wurde dann auch der Band II von „Archipel GULAG“ aufgelegt. Es folgten 1975 „Die Eiche und das Kalb“ sowie „Drei Reden an die Amerikaner“. Im Jahr darauf siedelte die Familie in die USA über. Hier erschienen dann 1976 der III. Band „Der Archipel GULAG“ und „Ostpreußische Nächte“. Zu dieser Zeit lebte er bereits im US-Bundesstaat Vermont in Cavendish. Immer deutlicher wurde jedoch während dieser Zeit, dass Alexander Solschenizyn nicht in die Zielstellungen passte, die die westlichen Länder mit ihm beabsichtigt hatten. Er selbst geriet dabei immer stärker in die Rolle einer Persona non grata. Weitere Bücher wie „Die tödliche Gefahr/Warnung des Kommunismus“ und „November sechzehn“ – der 2. Band von „Das rote Rad“ – erschienen dann 1980. Als es am Ende der 1980er Jahre während der Regierungszeit von Michael Gorbatschow zu Veränderungen im politischen Umgang mit Kunstschaffenden kam, wurde Alexander Solschenizyn 1989 wieder in den sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. Im gleichen Jahr erschien sein Buch „März siebzehn“ – der 3. Band von „Das rote Rad“.

Im Jahr 1990 wurde Solschenizyn rehabilitiert und bekam seine sowjetische Staatsbürgerschaft zurück. Es erschien sein Buch „Russlands Weg aus der Krise. Ein Manifest“. Als dann 1991 die noch schwebende Anklage gegen ihn aufgehoben wurde, kehrte er am 27. Mai 1994 nach Russland zurück.[11] Immer deutlicher wurde er nun zum Befürworter der aktuellen russischen Politik und zu einer Leitfigur der national denkenden Kräfte Russlands. Im gleichen Jahre erschienen von ihm „Fortschritt um jeden Preis“ und das Buch „Die russische Frage am Ende des 20. Jahrhunderts“. Um ihm bessere Möglichkeiten zu geben, sich in der Öffentlichkeit mit seinen Auffassungen zu äußern, wurde ihm im russischen Fernsehen ein eigenes Fernsehmagazin angeboten. Jedoch wurde die Sendung dann kurz vor den Wahlen 1995 und wegen schwindender Popularität wieder aus dem Programm genommen. Im gleichen Jahr hatte er die Gelegenheit, eine Rede vor dem russischen Parlament zu halten, und gab das Buch „Heldenleben. Zwei Erzählungen“ heraus. 1997 erfolgte seine Aufnahme in die Russische Akademie der Wissenschaften.[12]

Vierzig Jahre nach dem Erscheinen seiner ersten Novelle Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch positionierte sich Alexander Solschenizyn in seinem 2002 bis 2004 erschienenen Nationalepos Zweihundert Jahre zusammen (Двести лет вместе) mit einem Mal als erzkonservativer, intoleranter Geschichtsinterpret in der russisch-jüdischen Frage, der bereit ist, mit antisemitischen Feindbildern zu arbeiten. In diesem Spätwerk bot er deutlich Munition für den Missbrauch seiner humanistischen Positionen der früheren Schaffensjahre.[13]

Alexander Solschenizyn starb am 3. August 2008 um 23.45 Uhr Moskauer Zeit im Alter von 89 Jahren in seinem Moskauer Haus und im Kreis seiner Familie an den Folgen eines Schlaganfalls. Er hinterließ seine Witwe und die drei Söhne. Die Beisetzung fand am 6. August 2008 im Moskauer Donskoi-Kloster statt.

Politisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wladimir Putin bei Solschenizyn, 2000
Solschenizyn mit Wladimir Putin, 2007

Obwohl er im Ausland sehr willkommen war und seine Privatsphäre respektiert wurde, blieb Russland immer seine geistige Heimat. Sein Werk Zwischen zwei Mühlsteinen (Угодило зернышко промеж двух жерновов) legt Zeugnis ab, wie sehr er sich von „einigen Kreisen“ eingenommen fühlte (siehe dazu auch Nikolai Getman). Da er stets überzeugt war, eines Tages in sein Vaterland zurückzukehren, bemühte er sich beispielsweise nicht, die englische Sprache zu lernen und in den USA heimisch zu werden.

Nach seiner Rückkehr 1990 in die Sowjetunion war er von den Verhältnissen dort allerdings schon bald enttäuscht, da sein Heimatland in seinen Augen von einer „moralischen Erneuerung“, wie er sie sich erträumt hatte, weiter denn je entfernt war. 1999 übte er mehrfach Kritik am Einsatz der NATO in Jugoslawien: „Unter den Augen der Menschheit ist man dabei, ein großartiges europäisches Land zu zerstören, und die zivilisierten Regierungen applaudieren […] Nachdem sie die Vereinten Nationen auf den Müll geschmissen hat, proklamiert die NATO der Welt für das kommende Jahrhundert ein altes Gesetz – das des Dschungels: Der Stärkere hat immer recht.“[14] Boris Jelzin forderte er während des ersten Tschetschenienkrieges zum Rückzug aus Tschetschenien auf. Gegen den von Wladimir Putin begonnenen zweiten Tschetschenienkrieg hatte er allerdings nichts einzuwenden und forderte in diesem Zusammenhang sogar die Todesstrafe für „tschetschenische Terroristen“. Schließlich traf er sich sogar mit Putin zu einem Gespräch, bei dem sich beide über das Schicksal und die Größe Russlands unterhielten.

Solschenizyn lehnte die Entwicklungen in Russland besonders unter Jelzin ab, weshalb er auch die von ihnen angebotenen Staatspreise zurückwies. Gorbatschow schien ihm politisch naiv, unerfahren und verantwortungslos: „Das war keine Machtausübung, sondern ein sinnloser Verzicht auf Macht. Durch die Begeisterung des Westens fühlte er sich in dieser Verhaltensweise bestätigt.“ Boris Jelzin war seiner Meinung nach für den desolaten Zustand Russlands hauptverantwortlich, den er in seinem Buch Russland im Absturz dargestellt hatte. Die unter seinem Diktat durchgeführte Privatisierung führe zum „hemmungslosen Raub des russischen Reichtums“. Jelzin fördere außerdem separatistische Tendenzen und „ließ Beschlüsse verabschieden, die den russischen Staat in Stücke zerreißen sollten. Damit wurde Russland seiner wohlverdienten historischen Rolle und seiner Stellung auf dem internationalen Parkett beraubt. Was vom Westen mit lautstarkem Applaus quittiert wurde.“

Solschenizyn sah den Einfluss der USA als verhängnisvoll an und kritisierte ihren zynischen Pragmatismus, der zum Verlust des Vertrauens in die demokratischen Ideale beigetragen habe. Als besonderes, Russland nachhaltig prägendes Ereignis nennt er die Bombardierung Belgrads.[15]

Mit besonderer Sorge betrachtete er die Auflösung der Bindungen zwischen Russland, den Russen außerhalb der russischen Grenzen und der mit Russland früher verbundenen Länder, besonders der Ukraine. Er sah hier einen schädigenden Einfluss des Westens, der seine Wurzel in der mangelnden Bereitschaft und Fähigkeit hatte, den Unterschied zwischen Russland und der Sowjetunion wahrzunehmen. „Dazu kamen die Versuche der Nato, Teile der zerfallenen UdSSR in ihre Sphäre zu ziehen, vor allem – was besonders schmerzlich war – die Ukraine, ein mit uns eng verwandtes Land, mit dem wir durch Millionen familiärer Beziehungen verbunden sind. Diese könnten durch eine militärische Bündnisgrenze im Nu zerschnitten werden.“[15]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Rezeptionsgeschichte in der Bundesrepublik, in Großbritannien und in den USA wird in dem Buch Alexander Solzhenitsyn: Cold War Icon, Gulag Author, Russian Nationalist? A Study of the Western Reception of his Literary Writings, Historical Interpretations, and Political Ideas (Stuttgart, 2014) von der Komparatistin Elisa Kriza kritisch analysiert.

Seit 2006 gibt der Moskauer Verlag Wremja („Zeit“) an einer 30-bändigen Edition seines Gesamtwerks heraus.[16] Gegenwärtig (September 2012) sind 16 Bände dieser Edition fertiggestellt. Das Hauptwerk Archipel GULAG ist in den Bänden 4 bis 6 der Reihe erschienen.[17]

Für sein zweibändiges Spätwerk Zweihundert Jahre zusammen (Двести лет вместе), das die jüdisch-russische Geschichte von 1795 bis 1916 (Band 1) bzw. von 1917 bis 1972 (Band 2) aufzeichnen soll, erntete Solschenizyn im eigenen und auch im westlichen Ausland harsche Kritik, da es mehrere Ansätze enthält, die als antisemitisch ausgelegt werden können. Der Hauptgrund dafür war, dass er aus der historischen Entwicklung ableitet, dass Russen und Juden die Verantwortung für das Terrorregime in der Frühphase der Sowjetunion teilen müssten, weswegen er beide Seiten zur „Reue“ aufruft.[18] Anstoß wurde auch daran genommen, dass er der gängigen Darstellung widerspricht, wonach etwa die Pogrome von Kischinew von den russischen Behörden vorbereitet und in Gang gesetzt worden seien. Solschenizyn erklärt sie stattdessen mit Unfähigkeit und Ratlosigkeit auf Seiten der Polizei und beklagt die „flammenden Übertreibungen“, mit denen „der Zarismus“ in der westlichen liberalen Öffentlichkeit zum Hassobjekt und Schreckbild gemacht worden sei.[19] Auch bei einem Pogrom von 1882 spiele Solschenizyn entgegen den Forschungsergebnissen die Zahl der Opfer herunter. Zudem wurde seine selektive Zitierweise bemängelt sowie der Umstand, dass er kaum westliche Forschungsliteratur verwendet habe.[20][21]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bezüge zu Solschenizyn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Unter dem Eindruck von Solschenizyns Archipel Gulag analysierte der ehemalige Linksradikale André Glucksmann in seinem Buch Köchin und Menschenfresser – Über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager Marxismus-Leninismus und Stalinismus und rechnete schonungslos mit den Verbrechen der Sowjetunion ab. Dies hatte großen Einfluss auf die westeuropäische Linke (siehe auch Nouvelle Philosophie).
  • In seinem Roman Der Gaukler (1978) bezieht sich der DDR-Schriftsteller Harry Thürk deutlich auf Solschenizyn – auch wenn dessen Name nicht direkt genannt wird – und stellt ihn als moralisch verkommenen und in den Diensten westlicher Geheimdienste stehenden, konterrevolutionären sowjetischen Schriftsteller dar. Dadurch wurde die offizielle Sichtweise der DDR auf Solschenizyn bedient.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch Erscheinungsjahr 1962
  • Matrjonas Hof Erscheinungsjahr 1963
  • Der erste Kreis der Hölle Manuskript ins Ausland geschmuggelt und dort 1968 veröffentlicht
  • Krebsstation Erscheinungsjahr 1968
  • Nobelpreisrede 1970
  • Das rote Rad – erster Band 1971 / Erscheinungsjahr 1986 in geschlossener Form der ersten Bände
  • Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka, Erzählungen. dtv, München 1972 ISBN 3-423-00857-1.
  • Der Archipel Gulag
  • Lenin in Zürich (1975)
  • Stimmen aus dem Untergrund (Essays über die Vergangenheit und Zukunft Russlands) Erscheinungsjahr 1975
  • Die Eiche und das Kalb. Skizzen aus dem literarischen Leben Erscheinungsjahr 1975
  • Drei Reden an die Amerikaner Erscheinungsjahr 1975
  • Ostpreußische Nächte. Eine Dichtung in Versen, russisch-deutsch, übertragen von Nikolaus Ehlert, Luchterhand, Darmstadt und Neuwied Erscheinungsjahr 1976
  • Kerze im Wind Erscheinungsjahr 1977
  • Republik der Arbeit Erscheinungsjahr 1977
  • Die tödliche Gefahr/Warnung des Kommunismus Erscheinungsjahr 1980
  • Rußlands Weg aus der Krise. Ein Manifest Erscheinungsjahr 1990
  • Die russische Frage am Ende des 20.Jahrhunderts Erscheinungsjahr 1994
  • Fortschritt um jeden Preis Erscheinungsjahr 1994
  • Heldenleben – Zwei Erzählungen Erscheinungsjahr 1995
  • Rußland im Umbruch Erscheinungsjahr 1998
  • Nemow und das Flittchen (Theaterstück) ohne Erscheinungsjahr
  • Zweihundert Jahre zusammen (über das Zusammenleben von Juden und Russen in Russland und die Rolle der Juden in der jüngeren russischen Geschichte) Erscheinungsjahr 2002
    • Band 1 – Die russisch-jüdische Geschichte 1795–1917 – Erscheinungsjahr 2003
    • Band 2 – Die Juden in der Sowjetunion – Erscheinungsjahr 2004
  • Schwenkitten '45 Erscheinungsjahr 2004
  • Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil Erscheinungsjahr 2005
  • Was geschieht mit der Seele während der Nacht? Erscheinungsjahr 2006
  • Zum Nutzen der Sache Erscheinungsjahr 2007
  • Meine amerikanischen Jahre Erscheinungsjahr russisch 2004, deutsch 2007

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der kostenlosen Internet-Datenbank RussGUS werden über 800 Literaturnachweise zu Solschenizyn / Solzenicyn angeboten.

  • David Burg und George Feifer: Solshenizyn. Biographie. Kindler, München 1973, ISBN 3-463-00498-4.
  • Pierre Daix: Was ich über Solschenizyn weiß. List, München 1974, ISBN 3-471-66547-1.
  • John F. Dunn: „Ein Tag“ vom Standpunkt eines Lebens. Ideelle Konsequenz als Gestaltungsfaktor im erzählerischen Werk von Aleksandr Isaevic Solzenicyn. Sagner, München 1988, (= Slavistische Beiträge; 232) ISBN 3-87690-415-3.
  • Rudi Dutschke, Manfred Wilke (Hrsg.): Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975 (= rororo; 1875; aktuell), ISBN 3-499-11875-0.
  • Henning Falkenstein: Alexander Solschenizyn. Colloquium, Berlin 1975 (= Köpfe des 20. Jahrhunderts; 79), ISBN 3-7678-0377-1.
  • Elisa Kriza: Alexander Solzhenitsyn: Cold War Icon, Gulag Author, Russian Nationalist? A Study of the Western Reception of his Literary Writings, Historical Interpretations, and Political Ideas. ibidem Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-8382-0589-2.
  • Reinhold Neumann-Hoditz: Alexander Solschenizyn in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1974 (= Rowohlts Monographien; 210; rororo-Bildmonographien), ISBN 3-499-50210-0.
  • Andreas Korotkov (Hrsg.): Akte Solschenizyn. 1965–1977. Geheime Dokumente des Politbüros der KPdSU und des KGB. Mit einem Brief von Alexander Solschenizyn als Geleit. Ed. q., Berlin 1994, ISBN 3-86124-249-4.
  • Anatoly Livry, « Soljénitsyne et la République régicide », Les Lettres et Les Arts, Cahiers suisses de critique littéraire et artistiques, Association de la revue Les Lettres et les Arts, Suisse, Vicques, 2011, p. 70–72. http://anatoly-livry.e-monsite.com/medias/files/soljenitsine-livry-1.pdf
  • Elisabeth Markstein (Hrsg.): Über Solschenizyn. Aufsätze, Berichte, Materialien. Luchterhand, Darmstadt u. a. 1973, ISBN 3-472-86275-0.
  • Werner Martin (Hrsg.): Alexander Solschenizyn. Eine Bibliographie seiner Werke. Olms, Hildesheim u. a. 1977, ISBN 3-487-06429-4.
  • Roy Medwedew: Solschenizyn und die sowjetische Linke. Eine Auseinandersetzung mit dem Archipel GULag und weitere Schriften. Olle u. Wolter, Berlin 1976, ISBN 3-921241-25-1.
  • Michael Martens: Ein Rufer in vielen Wüsten (Alexander Solschenizyn wird heute 80 Jahre alt). In: Extra (Wochenend-Beilage zur Wiener Zeitung), 11./12. Dezember 1998, Seite 9.
  • Mahesh Motiramani: Die Funktion der literarischen Zitate und Anspielungen in Aleksandr Solzenicyns Prosa (1962–1968). Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 1983 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 16, Slawische Sprachen und Literaturen; 25), ISBN 3-8204-7812-4.
  • Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. Propyläen, Berlin 1998, ISBN 3-549-05611-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Aleksandr Solzhenitsyn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Artikel

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Victor Terras: Handbook of Russian Literature, Yale University Press, 1985, ISBN 0-300-04868-8, S. 436.
  2. Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. New York 1998, S. 260 ff.
  3. Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. New York 1998, S. 273.
  4. Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. New York 1998, S. 284 ff.
  5. Der Archipel Gulag, Schlußband, S. 430.
  6. Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. New York 1998, S. 293 ff.
  7. Michael Scammell: Solzhenitsyn. A Biography. London, Paladin 1986, ISBN 0-586-08538-6, S. 366.
  8. Bernard A. Cook: Europe Since 1945: An Encyclopedia. Taylor & Francis, 2001, ISBN 0-8153-4058-3, S. 1161.
  9. David Aikman: Great Souls. Six Who Changed a Century. Lexington Books, 2003, ISBN 0-7391-0438-1, S. 172 f.
  10. Vgl. Die Eiche und das Kalb, Luchterhand 1975, S. 513.
  11. Alexander Solschenizyn ist achtzig geworden. Eine Würdigung Das Kalb und die Eiche, Artikel vom 12. Dezember 1998 von Gerd Koenen auf Berliner Zeitung.de
  12. Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften seit 1724: Solschenizyn, Alexander Issajewitsch. Russische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 31. August 2019 (russisch).
  13. Martina Neubert, Die zwei Gesichter eines Schriftstellers, Berliner Morgenpost vom 17. August 2007
  14. Gesetz des Dschungels. In: taz.de. 12. April 1999, abgerufen am 8. Januar 2017.
  15. a b Christian Neef und Matthias Schepp: „Mit Blut geschrieben“. In: Der Spiegel. Nr. 30, 2007 (online).
  16. flf/AP: Russland: Schriftsteller Solschenizyn ist tot. In: Focus Online. 4. August 2008, abgerufen am 8. Januar 2017.
  17. Homepage des Verlags Wremja, (abgerufen am 20. September 2012)
  18. Zitat nach der Rezension von Arno Lustiger in der Berliner Zeitung vom 7. Oktober 2003
  19. Zitat nach der Rezension von Ernst Nolte in der Jungen Freiheit vom 22. November 2002
  20. Solschenizyn über das Verhältnis zwischen Russen und Juden: Schwierige Nachbarschaft. In: nzz.ch. 10. August 2001, abgerufen am 8. Januar 2017.
  21. Rezension von Elfie Siegl, www.dradio.de, 12. Mai 2003
  22. Honorary Members: Aleksandr I. Solzhenitsyn. American Academy of Arts and Letters, abgerufen am 23. März 2019.
  23. American Academy of Arts and Sciences. Book of Members (PDF). Abgerufen am 21. April 2016.

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